„Kinderbetreuung keine unbezahlte Arbeit“: Stocker rudert nach Kritik an Aussage zurück

Seit Mitte Juli ist Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) im Rahmen seiner „Sommertour“ durch Österreich unterwegs. Am Donnerstag war Salzburg-Stadt an der Reihe, Stocker stellte sich dabei Fragen von 200 ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Eine Antwort auf eine Frage schlägt nun am Freitag hohe Wellen: Gefragt zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie sagte er, dass Kinderbetreuung „keine unbezahlte Arbeit“ sei. Kritik kam darauf von vielen Seiten – nun versucht Stocker zurückzurudern.

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„Kinderbetreuung keine unbezahlte Arbeit“: Stocker rudert nach Kritik an Aussage zurück

„Kinderbetreuung keine unbezahlte Arbeit“

Seit Mitte Juli ist Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) im Rahmen seiner „Sommertour“ durch Österreich unterwegs. Am Donnerstag war Salzburg-Stadt an der Reihe, Stocker stellte sich dabei Fragen von 200 ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Eine Antwort auf eine Frage schlägt nun am Freitag hohe Wellen: Gefragt zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie sagte er, dass Kinderbetreuung „keine unbezahlte Arbeit“ sei. Kritik kam darauf von vielen Seiten – nun versucht Stocker zurückzurudern.

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(Update: 14.33 Uhr)

„Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch. Bei all jenen, die sich durch meine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich in aller Deutlichkeit. Kinderbetreuung ist Arbeit. Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges“, wurde Stocker in einer Aussendung zitiert.

Am Vortag hatte Stocker seine Worte noch ganz anders gewählt: Eine Frau im Publikum fragte Stocker, wie er Frauen und Kinder im Alltag unterstützen wolle – auf der einen Seite werde mehr Erwerbsarbeit gefordert, auf der anderen Seite die unbezahlte Arbeit von Frauen aber nicht gesehen. Darauf sagte der Kanzler: „Also Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung für mich … Ich würde das nicht als Arbeit sehen. Ich sag’s ganz ehrlich.“

„Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen“

Im Saal sorgte das für Diskussionen, die Fragestellerin verwies darauf, dass Frauen im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit leisten. Darauf erwiderte Stocker wiederum: „Schauen Sie, wir müssen nicht einer Meinung sein, ich will Ihnen nur mitgeben: Aus meiner Sicht ist eine Familie nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen.“

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) auf Österreich-Tour in Salzburg
Ein Veranstaltungssaal eines Salzburger Hotels war Schauplatz von Stockers heftig kritisierten Aussagen

„Ich sag’s dazu, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe. Familie ist Verantwortung füreinander, Familie ist, Ja zueinander zu sagen, und Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel, was kriege ich dafür“, so Stocker.

Familie „nun mal kein Business Case“

In der Aussendung am Freitag führte Stocker dann aus, dass Familie „kein Unternehmen und kein Job“ sei, „wo man nach getaner Arbeit das Büro verlässt. Der Lohn ist nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und in unzähligen gemeinsamen Momenten.“ Auch er selbst wisse, wie „sehr einen diese Aufgabe fordert“, dennoch sei Familie „nun mal kein Business Case“, so der Kanzler.

Stocker entschuldigt sich für Aussage zu Kinderbetreuung

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat seine Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, als falsch bezeichnet und sich entschuldigt. An seiner Begründung, Familie sei kein Unternehmen und kein Job, hält er aber fest. Die Opposition kritisiert den Kanzler scharf.

Kritik von Regierungspartnern

Anders verstanden ihn die übrigen Parteien. NEOS-Chefin und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger fand es „gut, dass der Bundeskanzler die Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, richtiggestellt hat“. Für sie als Mutter von drei Kindern sei klar, dass es besonders herausfordernd sei, Kinder groß zu ziehen und erwerbstätig zu sein.

NEOS-Familiensprecherin Gertraud Auinger-Oberzaucher widersprach Stockers Aussage und betonte, dass Kinderbetreuung natürlich Arbeit sei, wenn auch eine verantwortungsvolle und oft auch harte Arbeit. Es sei laut Auinger-Oberzaucher Aufgabe der Politik, die richtigen Rahmenbedingungen für die Kindererziehung und -betreuung zu schaffen.

SPÖ: „Blendet Lebensrealität vieler Frauen aus“

Vizekanzler Andreas Babler beließ es bei indirekter Kritik. „Kinderbetreuung ist Arbeit“, schrieb er auf Bluesky. Millionen Eltern – vor allem Frauen – leisteten diese Arbeit jeden Tag: „Das dürfen wir weder kleinreden noch unsichtbar machen.“

SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz hatte bereits davor reagiert: „Wer so spricht, blendet die Lebensrealität vieler Frauen aus. Kinderbetreuung ist keine Nebensache, sondern harte Arbeit. Und zwar unbezahlt mit Folgen für Einkommen, Karriere und Pension.“ Unbezahlte Arbeit sei sichtbar zu machen, statt kleinzureden.

FPÖ: „Völlig empathielos“

Auch die Opposition übte Kritik an den Aussagen Stockers in Salzburg: „Diese ÖVP ist völlig empathielos, familienfeindlich und Lichtjahre von der Lebensrealität der eigenen Bevölkerung entfernt“, wurde FPÖ-Chef Herbert Kickl in einer Aussendung am Freitag zitiert. „Wer die aufopferungsvolle Leistung von Müttern als reine Privatsache abtut, der hat jeden Bezug zum Volk verloren!“, so Kickl.

Grüne forderten Entschuldigung

Grünen-Chefin Leonore Gewessler reagierte bereits am Donnerstag. Mütter verdienten keine Verhöhnung, sondern eine Entschuldigung, teilte sie via Bluesky mit. Ebenso sah es die grüne Frauensprecherin Meri Disoski, auch sie forderte eine Entschuldigung des Kanzlers. Auch die Koalitionspartner kritisiere sie: „Ich will von SPÖ und NEOS wissen: Ist das auch ihr Verständnis von Kinderbetreuung?“ Sie erwarte sich „einen klaren Widerspruch“.

Bauer: Kinder „kein Job im herkömmlichen Sinne“

Aus der ÖVP erhielt Stocker Rückendeckung: Familienministerin Claudia Bauer sagte, dass Kinder „selbstverständlich eine Arbeit“ seien. „Sie sind eine Heidenarbeit, aber es ist kein Job im herkömmlichen Sinne. Wenn wir die Arbeit mit Kindern in Geld aufwiegen, dann werden wir irgendwann zu dem Punkt kommen, dass wir uns Kinder schlichtweg nicht mehr leisten können“, so Bauer.

ÖVP-Frauenchefin Juliane Bogner-Strauß betonte in einer Aussendung die Klarstellung Stockers und meinte: „Unser Auftrag als Politik ist es, die Leistung der Mütter zu würdigen und Frauen bestmöglich zu unterstützen: mit einer guten Kinderbetreuung, echter Wahlfreiheit und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“

Davor war schon Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) Stocker zur Seite gesprungen: „Ich kenne unseren Kanzler so, dass er meint, dass unsere Kinder für uns Eltern bei aller Arbeit, aber vor allem noch viel mehr Freude bedeuten. Und so würde ich ihn auch verstehen.“

Khom „verwundert“

Die ÖVP-Landeshauptmann-Stellvertreterin der Steiermark, Manuela Khom, erklärte in einer Aussendung, dass sie „über die Aussagen des Bundeskanzlers verwundert“ sei. Sie würden der heutigen Lebensrealität nicht gerecht werden. Kinderbetreuung sei vor allem Verantwortung, Zeit und Arbeit, die nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet werde, so Khom. Diese Mehrfachbelastung dürfe man nicht romantisieren, sondern müsse sie stärker anerkennen.

ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende sieht Realitätsferne

Weniger Verständnis kam von der Bundesfrauenvorsitzenden des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Christa Hörmann: Stockers Aussagen offenbaren ein Familienbild, „das Frauen seit Jahrzehnten benachteiligt“. Kindererziehung sei Arbeit, alles andere wäre Realitätsverweigerung, so Hörmann. Sie betonte, dass diese Aussage wenige Tage vor dem Equal Pension Day die Leistung von Müttern derart kleinrede, dass es an Realitätsferne kaum zu überbieten sei, so Hörmann.