Stolpersteine erzählen: Schüler machen Kunst zum Gedenken an Saarbrücker NS-Opfer
38 Schülerinnen und Schüler aus drei saarländischen Schulen haben eine Woche lang die Lebensgeschichten von NS-Verfolgten recherchiert. In Workshops entstanden daraus Kunstwerke. Die Ergebnisse sollen in der App „Orte der Erinnerung“ erscheinen.
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Stolpersteine erzählen Schüler machen Kunst zum Gedenken an Saarbrücker NS-Opfer
Saarbrücken · 38 Schülerinnen und Schüler aus drei saarländischen Schulen haben eine Woche lang die Lebensgeschichten von NS-Verfolgten recherchiert. In Workshops entstanden daraus Kunstwerke. Die Ergebnisse sollen in der App „Orte der Erinnerung“ erscheinen.
03.09.2026 , 08:00 Uhr
Das Pilotprojekt „Stolpersteine erzählen“ bringt Schülerinnen und Schüler dreier saarländischer Schulen zusammen.
Foto: Jason Malter
Es klingelt an der Haustür der Familie Kaempfer in der Mainzer Straße 35 in Saarbrücken. Im Sommer 1942 bedeutete das Geräusch das Ende der jüdischen Familie. Die Schutzstaffel (SS) der Nationalsozialisten holte sie ab und verschleppte sie zunächst nach Halle. Von dort aus deportierte die SS die Kaempfers am 1. Juni 1942 in das Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen. Der Zug erreichte das Lager am 3. Juni; noch am selben Tag wurde die Familie ermordet. Heute erinnern Stolpersteine vor dem Haus an die jüdische Familie.
Jasmina (13), Laila (13) und Luana (14) haben sich für das Pilot-Projekt „Stolpersteine erzählen“ der Arbeit und Kultur Saarland gGmbH mit dem Schicksal der Familie Kaempfer beschäftigt. Die Projektwoche fand Ende August an der Willi-Graf-Realschule in Saarbrücken statt. Die Schülerinnen beschreiben sie als emotional. „Wenn man sich vorstellt, dass die ganze Familie einfach so entführt wird. Das ist schlimm“, sagt Luana.
Biografien werden zu Kunstwerken
Projektleiterin Annika Pelzer brachte Schülerinnen und Schüler aus drei saarländischen Schulen zusammen: eine achte Klasse der Willi-Graf-Realschule Saarbrücken, zwei Schülerinnen der elften Klasse der Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle und sechs Schülerinnen der Klassenstufen neun und zehn der Montessori-Gemeinschaftsschule in Friedrichsthal.
Es gibt 85 Stolpersteine in Saarbrücken. Die Jugendlichen mussten sich einen der Steine aussuchen und die Lebensgeschichte der Personen dahinter recherchieren. Mit den Ergebnissen planten sie ihre Kunstwerke: Dafür standen die Werkstätten Schreiben, Musik und Film zur Verfügung. Jasmina, Laila und Luana kombinierten die drei Disziplinen. „Wir machen ein Video und sprechen einen Text drüber, ein Voiceover“, sagt Laila. Zusätzlich nahmen sie Geräusche und Klingeltöne auf.
In der Schreibwerkstatt von Autorin und Literaturwissenschaftlerin Melanie Streibelt entstand zunächst ein eigener Text aus der Recherche. Komponist und Musik-Produzent Sebastian Heinz half ihnen anschließend, mit Musik und Geräuschen zu arbeiten. Anschließend stand ihnen Designer und Fotograf Felix Noll bei Fragen zu Filmaufnahmen beiseite – die Beiträge sind auf eine Minute begrenzt.
Stolpersteine, Kunst und Erinnerungskultur
Stolpersteine erinnern im öffentlichen Raum an Menschen, die während der NS-Herrschaft verfolgt und ermordet wurden. Pelzer findet: „Gerade für die Schülerinnen und Schüler ist es wertvoll, sich mit Einzelschicksalen zu beschäftigen und ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet, wenn Menschen aus der Mitte der Gesellschaft entfernt werden.“ Viele Jugendliche kannten die Stolpersteine aus ihrem Alltag, nicht aber die Geschichten dahinter, sagt Pelzer.
Präsentation in der Schule
Am Ende der Projektwoche präsentierten die Jugendlichen ihre Ergebnisse an der Willi-Graf-Realschule. Neben den Workshopleitern und Projektleiterin Pelzer war auch Klassenlehrer Johannes Klassen vor Ort. „In der dritten oder vierten Ferienwoche kam die Anfrage von Annika Pelzer. Das Kollegium sagte schnell zu“, erzählt Klassen.
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Projektwoche "erzählende Steine" an der Willy-Graf-Realschule
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Als Geschichtslehrer erlebt er, dass fast jedes Kind bereits Vorwissen über den Nationalsozialismus mitbringt – auch aus sozialen Medien, in denen oft falsche Informationen gezeigt werden. Das Projekt bietet eine Möglichkeit, den falschen Darstellungen entgegenzuwirken, findet er.
Neben der Mädchengruppe zeigten beispielsweise die Jungs Joel (13), Jonas (13) und Ilyas (14) ihren Beitrag. Das Besondere: Jonas zeichnete die einzelnen Szenen ihres Films selbst auf seinem Tablet. Klara (14) und Johanna (13) von der Montessori-Gemeinschaftsschule in Friedrichsthal beschäftigten sich mit der Flucht und Verschleppung der Jüdin Emilie Kaiser. Ihr Film kommt mit wenigen Worten aus und setzt stattdessen auf Symbole. In der ersten Szene ist nur eine Gruppe von Beinen zu sehen, die eine einzelne Person aus der Gemeinschaft drängt – Emilie Kaiser.
Veröffentlichung in einer App
Die entstandenen Kunstwerke sollen in der App „Orte der Erinnerung“ der Firma Eurokey veröffentlicht werden. Auch im Rahmen des Projekts „Jüdisches Leben in der Großregion” (JüLiG) sollen die Inhalte verfügbar gemacht werden. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Bildung und Kultur und der VSE-Stiftung.
„Die App ‚Orte der Erinnerung‘ ist Teil der Entdeckerwelten-App, mit der sich digitale In- und Outdoor-Touren erstellen lassen“, sagt Susanne Roth, Produktmanagerin bei Eurokey. Nutzer können den jeweiligen Stolperstein über die App scannen. Auf einer Karte wird so sichtbar, welches Kunstwerk die Schülerinnen und Schüler dazu erstellt haben, erklärt Roth. Ab wann die Beiträge der Jugendlichen verfügbar sein werden, steht noch nicht fest – Roth hofft auf Ende September.
Das Projekt soll größer werden
Über die Ergebnisse der Projektwoche sagt Pelzer: „Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, die unsere drei Workshopleiterinnen und -leiter geleistet haben. Die Jugendlichen haben es geschafft, sehr individuelle Ergebnisse zu erzeugen.“ Nun möchte Pelzer das Projekt ausweiten und weitere Schulen dafür begeistern. Auch die Schülerinnen Jasmina, Laila und Luana waren zufrieden. „Was wir gelernt haben, werden wir so schnell nicht mehr vergessen“, sagt Luana. (lck)