Forscher fördern die Hirndurchblutung und lindern so bei Mäusen Symptome von Autismus
Bisher galt, dass ausschliesslich Defekte in Nervenzellen Autismus auslösen. Eine neue Studie widerspricht dem nun. Und die Forscher liefern sogar eine mögliche Therapie – mit Augentropfen.
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Störungen in der Durchblutung des Gehirns könnten eine Ursache von Autismus sein
Bisher galt, dass ausschliesslich Defekte in Nervenzellen Autismus auslösen. Eine neue Studie widerspricht dem nun. Und die Forscher liefern sogar eine mögliche Therapie – mit Augentropfen.
03.10.2026, 05.30 Uhr
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Ein Kind mit Autismus arrangiert Bauklötze. Manche Betroffenen wiederholen dieselben Handgriffe stundenlang.
Olena Smyrnova / Getty
Die Zahl der Autismusdiagnosen nimmt seit Jahren zu. Doch was genau im Gehirn schiefläuft, das ist weitgehend unklar. Zwar ist bekannt, dass in mehr als 80 Prozent der Fälle defekte Gene eine wichtige Rolle spielen. Aber es ist unklar, welche Störungen im Gehirn sie verursachen. Zudem sind bei Autismuspatienten einige Bereiche schlechter durchblutet. Aber keiner weiss, ob das nun Ursache oder Folge der bei Autismus auftretenden Störungen ist. All die vielen Rätsel lassen dem Neurobiologen Baptiste Lacoste von der University of Ottawa schon seit bald zehn Jahren keine Ruhe. Nun präsentiert er eine Lösung.
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Der Spezialist für die Bildung von Blutgefässen im Gehirn vermutet, dass angeborene Durchblutungsstörungen das Gehirn erheblich schädigen und zumindest einige autistische Symptome verursachen. Denn: «Ohne Treibstoff fährt auch die tollste Luxuskarosse nicht, ohne die im Blut transportierten Nährstoffe funktionieren die Nerven nicht», sagt er.
Ein Stückchen Erbgut geht verloren
Lacoste nahm eine spezielle Erbgutveränderung ins Visier, die bei rund 2 Prozent der Menschen mit Autismus vorkommt. Experten gehen davon aus, dass dieser Defekt eine Ursache mancher Autismussymptome ist.
Den Betroffenen fehlt ein kleines Stück Erbgut mit mehreren Genen. Im Fachjargon wird das als Deletion bezeichnet. Die fragliche Deletion hat oftmals schwerwiegende Folgen. Autismus zeigt sich in vielen Ausprägungen. Die Patienten mit der Deletion haben vor allem Probleme mit der Bewegungskoordination oder dem Sprechen. Viele sind kognitiv beeinträchtigt. Zudem treten bei ihnen epileptische Anfälle auf.
Um zu verstehen, wie dieser Erbgutdefekt all diese verschiedenen Probleme verursacht, hat das Team in Ottawa im Erbgut von Mäusen genau das besagte Stückchen entfernt.
Die Versuchstiere zeigten als autistisch geltende Verhaltensweisen. Sie waren hyperaktiv und wiederholten gewisse Aktivitäten ohne Unterbruch. So vergruben sie ständig in den Käfig gelegte Murmeln in Strohnestern. Zudem interagierten sie weniger mit ihren Artgenossen. Die Deletion rufe also tatsächlich Symptome von Autismus hervor, betonen die Autoren.
Zellen in den Blutgefässen verpennen ihren Einsatz
Eine Besonderheit machte die Forscher stutzig: Bei den Mäusen mit dem Erbgutdefekt wurden manche Bereiche des Gehirns immer dann nicht genügend durchblutet, wenn sie eine bestimmte Aufgabe bewältigen sollten. Also wenn die Maus zum Beispiel auf die Laute der Artgenossen im Käfig reagieren oder neue Bewegungsabläufe lernen sollte. Auch bei Autisten tritt dieses Phänomen auf.
Das kanadische Team hat nun die Ursache für die mangelnde Durchblutung gefunden. «Es ist, als ob die Zellen in den Wänden der Blutgefässe schlafen», so beschreibt es Lacoste.
Im Normalfall regulieren diese Wandzellen die Durchblutung und damit die Versorgung des Gewebes. Dafür produzieren sie einen speziellen Botenstoff. Immer wenn ein Hirnbereich Zuckerbedarf meldet, schlüpft dieser Botenstoff aus dem Zellinneren heraus und hängt sich an ein Protein in der Zellhülle der Nachbarzelle. Das ist der Weckruf. Sind alle Wandzellen wach, dehnen sich die Gefässe, und der Blutfluss erhöht sich.
Die Wandzellen in den Mäusen mit dem Erbgutdefekt dösen jedoch vor sich. Also klappt das alles nicht. Den Nerven fehlt dann der Treibstoff, sie arbeiten mangelhaft oder gar nicht.
Die Forscher haben ausprobiert, ob sie mithilfe von chemischen Substanzen den Weckruf auslösen können. Tatsächlich ist ihnen das mit einem Medikament, das in Japan und Südkorea gegen Augentrockenheit eingesetzt wird, gelungen. Nach der Injektion in den Bauchraum verbesserte sich bei den Mäusen die Durchblutung im Gehirn.
Augentropfen bessern in Mäusen Autismussymptome
Und es trat noch ein weiterer, auch für die Wissenschafter überraschender Effekt ein: Sogar manche der autistischen Symptome der Tiere besserten sich. So verbuddelten sie viel seltener Murmeln, sie konnten sich neue Bewegungsabläufe besser merken. Und sie verharrten kürzer in der Käfigecke, waren also weniger ängstlich.
«Wir haben nun gezeigt, dass Durchblutungsstörungen manche Symptome von Autismus auslösen», so ist der Neurobiologe Lacoste überzeugt. «Damit haben wir das Dogma widerlegt, dass ausschliesslich Defekte in Nerven die Ursache von autistischen Störungen sind.» Er ist überzeugt, dass dies nicht nur bei den Mäusen mit dem besagten Erbgutdefekt, sondern auch bei Menschen der Fall ist.
Als Nächstes will das kanadische Team zwei Dinge herausfinden. Es testet, ob die Injektion der Augentropfen bei ganz jungen Mäusen autistische Verhaltensweisen schon von Kindesbeinen an verbessert. Zudem untersuchen sie, ob auch andere bei Autisten vorkommende Erbgutdefekte zu Durchblutungsstörungen führen.
Und sie fordern, dass nun in klinischen Studien geklärt werde, ob das ausgetestete Medikament auch bei Menschen mit Autismus die Durchblutung im Gehirn fördert. Und welche Nebenwirkungen eine Therapie mit sich bringt, wenn das Mittel geschluckt wird. Bis anhin gibt es nur Erkenntnisse zur Anwendung im Auge.
Sind Durchblutungsprobleme die Hauptursache von Autismus?
Nils Brose vom Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften in Göttingen stimmt Lacoste insofern zu, als Durchblutungsstörungen eine Rolle bei der Entstehung von Autismus spielen können. «Vaskuläre Defekte können zweifellos die Entwicklung und Funktion von Nervenzellen beeinflussen», sagt der Biochemiker im Gespräch. Er erforscht seit vielen Jahren, wie Nerven Kontakte untereinander knüpfen und wie die entstandenen Netzwerke miteinander interagieren. Auch Gendefekte, die bei Autisten auftreten, haben Brose und sein Team analysiert.
«Ich glaube allerdings nicht, dass Probleme mit dem Blutfluss generell der Ausgangspunkt und somit die einzige Ursache von Autismus sind», betont er. Dagegen spreche ganz klar die Genetik.
Man kennt mittlerweile viele Gendefekte, die Autismus verursachen. Manche der betroffenen Gene sind für die Bildung der Kontakte von Nerven zuständig. Andere steuern die Kommunikation im Zellinneren, und wieder andere beeinflussen den Stoffwechsel der Neuronen. Diese Vielfalt zeige, dass die Verhaltensauffälligkeiten von Menschen mit Autismus mehrere unterschiedliche biologische Ursachen hätten, so Brose.
Deswegen könne es auch kein Wundermittel geben, das alle Patienten heile. Aber es sei sehr gut vorstellbar, dass manche von einer Stimulation der Hirndurchblutung profitierten. Daher findet auch Brose, dass die erwähnten Augentropfen nun in klinischen Studien ausgetestet werden sollten. Es wäre der lange ersehnte Hoffnungsschimmer – zumindest für manche Autisten.
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