Tag der Deutschen Einheit: Die Mauer fiel, ihr Leben änderte sich – Warum ein Paar an der Mosel sein Glück fand
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Tag der Deutschen Einheit Die Mauer fiel, ihr Leben änderte sich – Warum ein Paar an der Mosel sein Glück fand
Longkamp · Zwei Leben, eine Liebe – geprägt von der DDR und dem Mauerfall: Zum Tag der Deutschen Einheit erzählen wir die bewegte Geschichte von Konstanze und Riko Nickisch aus Longkamp.
06.10.2026 , 13:37 Uhr
Riko und Konstanze Nickisch haben den großen Schritt in den Westen gewagt und leben heute in Longkamp.
Foto: TV/Ursula Bartz
Unbeschreiblich. Nicht in Worte zu fassen. So vieles geht Konstanze Nickisch durch den Kopf, und noch immer bekommt sie Gänsehaut, wenn sie an den 9. November 1989 denkt. Sie konnte damals kaum glauben, dass die Mauer gefallen und ihr Weg in die Welt außerhalb der DDR endlich frei war.
„Wir dachten, in ein, zwei Wochen sind die Grenzen sicher wieder dicht.“ Überwältigt sei sie gewesen von den vielen Eindrücken, erinnert sie sich. Ein Tag, der ihr Leben für immer verändern sollte.
Nach der Wiedervereinigung: Wie ein Lehrer-Ehepaar an der Mosel ein neues Leben beginnt
Heute lebt die 55-Jährige mit ihrem Mann Riko (59) in Longkamp. Beide arbeiten als Lehrer, sie am Gymnasium in Bernkastel-Kues, er in Traben-Trarbach. Sie lernten sich kurz nach der Wende kennen, beim Studium in Potsdam.
Dank des Mauerfalls konnten sie sich an der Mosel eine Zukunft aufbauen, weit weg von ihrer Heimat. Doch es hätte nicht viel gefehlt, und ihr Leben wäre ganz anders verlaufen. Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober haben die beiden uns ihre Geschichte erzählt.
Sie wächst in Sachsen-Anhalt, er in Brandenburg auf. Ihre Eltern sind modern, weltoffen. Riko Nickischs Mutter, ein „Kind der Arbeiterklasse“, arbeitet sich bei den Stahlwerken nach oben, bis zur Ingenieurin. Nur dank ihrer guten Beziehungen ergattert ihr Sohn einen von drei Plätzen in der Klasse für Kinder, die eine Berufsausbildung mit Abitur machen dürfen. Streng reglementiert sei alles gewesen, nur die Allerbesten und jene mit dem richtigen Parteibuch hätten beruflich vorankommen können.
DDR-Regime legt Riko Nickisch immer wieder Steine in den Weg
Er macht eine Ausbildung in der Walzwerktechnik, muss fürs Abitur in ein Internat. Um später studieren zu können, verpflichtet er sich anschließend für drei Jahre für die Armee. Doch bis er seine Wunschkombination Sport und Erdkunde wählen kann, werden ihm noch viele Steine in den Weg gelegt – „reine Schikane“. Zu unangepasst sei seine Familie für das System gewesen.
Erst die Wende macht es möglich: Plötzlich nimmt Potsdam alle Studenten an. Just an dem Tag im Jahr 1990, als er aufbrechen will, um in Zwickau gezwungenermaßen Sport und Deutsch zu studieren, bekommt er die Zusage der Universität.
Zur Zeit der Wende lernten die beiden sich kennen, geprägt von der Kindheit und Jugend in der DDR.
Foto: Riko Nickisch
Konstanze Nickisch eifert derweil ihrem Vater nach, der als Leichtathletiktrainer für den Deutschen Turn- und Sportbund arbeitet. Sie ist ebenfalls Übungsleiterin, trainiert Siebenkampf, strebt den Leistungssport an. Doch das System blockt auch ihre Karriere. Schon wer Verwandtschaft im Westen hat, wie sie, oder auffällige Kleidung trägt, wie ihr Mann, fällt dem Regime negativ auf.
Lehramtsstudenten aus dem Osten seien nach der Wende benachteiligt worden
Das Studium ist, wie es in der DDR üblich gewesen sei, sehr praxisorientiert. Nicht das Einzige, das dort in der Tat besser gewesen sei als in der BRD, doch nach der Wiedervereinigung wegrationalisiert wurde. Auch seien ihre Zeugnisse in vielen neuen Bundesländern schlechter bewertet worden – wofür sie kein Verständnis haben.
Gleichzeitig gibt es im Osten für Lehrer kaum Chancen auf eine feste Anstellung oder gar Verbeamtung, erzählen sie. Deshalb absolviert Konstanze Nickisch ihr Referendariat in Westberlin, ihr Mann Riko in Potsdam. Sie arbeiten beide zudem als Fitnesstrainer und in der Krankenpflege, um sich beruflich breiter aufzustellen.
Die zweite Lebenswende: Zusage für Stelle am Gymnasium in Bernkastel-Kues
Auf ihre vielen Bewerbungen hin bekommt die heute 55-Jährige eine einzige Zusage: am Gymnasium in Bernkastel-Kues. Doch zwischenzeitlich ist sie Mutter geworden. Trotzdem wagt sie den großen Schritt – zusammen mit ihrer Großmutter, die vorübergehend bei ihnen lebt, um auf ihren Sohn aufzupassen, und natürlich Riko Nickisch, der zunächst in Elternzeit geht und sich dann mit Aushilfsstellen begnügen muss.
Vorurteilen seien sie hier nicht begegnet, erzählen sie. „Wir wurden herzlich aufgenommen und haben uns immer willkommen gefühlt“, erklärt er.
Erst nach zehn Jahren bekommt auch er eine feste Stelle. Die lange Wartezeit erschwert die Familienplanung, weshalb ihre Kinder vom Alter relativ weit auseinanderliegen: 18, 20 und 28 Jahre sind sie heute alt. Auch so eine Sache, die im Osten besser geregelt war, sagt Konstanze Nickisch: die Kinderbetreuung. Dort habe man Familien und vor allem Frauen viel mehr unterstützt, damit sie arbeiten konnten.
Seit 2009 leben sie in ihrem Haus in Longkamp, heute noch mit ihrer jüngsten Tochter. Die politische Entwicklung in Deutschland sehen sie mit Sorge, vor allem den zunehmenden Fremdenhass. Sie schäme sich dafür, dass manche Deutsche so denken, sagt die 55-Jährige.
Mauerfall: Jubel, Riesenfreude und Überforderung
Gerade die Wiedervereinigung hat gelehrt, wie wertvoll offene Grenzen sind. Konstanze Nickisch erinnert sich an den Novembertag, ein Onkel aus Westdeutschland sei zu Besuch gewesen, sie schauten keine Nachrichten. Erst am Morgen in der Schule hörte sie, was geschehen war, Mitschüler ließen die Sektkorken knallen. „Alles war in Aufruhr.“
Am Morgen des 11. Novembers seien sie nach Braunschweig gefahren, standen an der Grenze im Stau, erzählt sie. Das Gefühl sei so schwer zu beschreiben, sagt sie. Noch immer habe sie Gänsehaut bei dem Gedanken.
Gerade ihr Onkel aus dem Westen habe sich immer gewünscht, dass sie frei reisen dürften, für ihn sei all das besonders unglaublich gewesen. Die Menschen jenseits der Grenze hätten sie begrüßt, gejubelt und geweint – auch ihr kommen die Tränen. Einmal Paris, erinnert sie sich, einmal auf den Eiffelturm steigen, das sei schon als Kind ihr Traum gewesen. Und plötzlich war er in greifbarer Nähe. Eine Riesenfreude.
Zu viert eine Pizza in Westdeutschland geteilt – mit Ketchup
Von den Angeboten in den Geschäften seien sie total überfordert gewesen, „wir wussten gar nicht, was wir uns kaufen sollten“. Zu viert teilten sie sich eine Pizza, bestellten Ketchup dazu, den es in der DDR nicht gegeben habe.
Riko Nickisch erlebte den Tag ganz anders, er arbeitete Schicht, hielt die Nachricht eines Kollegen vom Mauerfall für einen Scherz. Wenige Tage darauf kündigte er seinen Job und zog für ein paar Monate zu einem Freund nach Oldenburg, bevor er sein Studium begann.
Doch fast wäre sein Leben anders verlaufen. 1983 trat Udo Lindenberg im Palast der Republik auf. Riko Nickisch fuhr mit einem guten Freund dorthin, sie hofften auf eine Chance, den Sänger zu sehen. Doch es kam zu Revolten, die Polizei und die Stasi kreisten sie ein. Immer wieder griffen sie Udo-Fans heraus, und um Haaresbreite hätte es auch ihn getroffen.
Konzert von Udo Lindenberg hätte sein Schicksal fast besiegelt
Stattdessen packten sie seinen Kumpel, nahmen ihn mit sich. Erst nach Tagen sei dieser wieder ins Internat gekommen, habe kein Wort über das Erlebte verloren. „Von diesem Tag an wussten wir, dass er erpresst wird und uns bespitzelte.“ Das bedeutete das Aus ihrer Freundschaft. Später habe sein Mitschüler sich für 25 Jahre Armeedienst verpflichtet. „Hätte es stattdessen mich getroffen, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Ich habe solches Glück gehabt“, sagt Riko Nickisch.
Ihre Stasiakte haben weder er noch seine Frau jemals eingesehen. Sie wollen nicht wissen, wer sie womöglich bespitzelt hat.
Manche Unterschiede zwischen Ost und West sieht das Paar heute mehr denn je. Umso mehr brauche es den Tag der Deutschen Einheit, um daran zu erinnern, dass es einmal zwei deutsche Staaten gegeben habe.
„Manchmal spüren wir etwas Wehmut, dass es den Staat, in dem wir groß geworden sind, nicht mehr gibt“, sagt Konstanze Nickisch. Doch den Schritt, an die Mosel zu kommen, hätten sie nie bereut. „Es war eine große Entscheidung, aber für uns war es die einzig richtige.“