„Romeo und Julia“ von Lena Brasch am Schauspiel Hannover: Gegen das Dreckssystem
Was, wenn nicht die Liebe das Problem ist, sondern die Welt der Erwachsenen? Lena Brasch macht aus Shakespeares Tragödie einen Generationenkonflikt und verbindet sie mit Hendrik Bolz, Popmusik und etwas zu viel Hipness
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16.09.2026
Warum müssen eigentlich Romeo und Julia sterben, fragt sich Regisseurin Lena Brasch, wenn es doch die Erwachsenen sind, die sich an einem längst überholten System festkrallen?
Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz
Dieses Verona ist aus Beton. Meterhohe Wände, gestützt von roten Metallstreben, dazwischen ein paar Sandhaufen. An einer Ecke steckt ein Boot fest. In die Mitte ist ein schmales Wasserbecken eingelassen, es leuchtet giftgrün. Weil die Katastrophe schon feststeht, schmeißen sich Romeo und Julia auch direkt ins Wasser.
Dann stehen sie wieder auf, legen ihre Köpfe gegenseitig auf den Schultern ab, bevor sie wieder umkippen. Nochmal schleppen sie ihre klitschnassen Körper aus dem Wasser, stehen Hand in Hand an der Kante, während helle Kinderstimmen Der Traum ist aus der Band Ton Steine Scherben covern. Fast schade, wenn das schönste Bild eines Theaterabends bereits das erste ist.
Die Jungen gegen die Alten
Regisseurin Lena Brasch fragt in ihrer Version, warum eigentlich Romeo und Julia sterben müssen, wenn doch die Erwachsenen sich an längst überholten Werten festkrallen und so ein System aufrechterhalten, das ein Entfalten der jungen Generation und somit der jungen Liebe unmöglich macht.
Brasch stellt dem Abend deshalb eine Publikumsbeschimpfung von Hendrik Bolz voran, die genau die Unfähigkeit der Elterngeneration adressiert, das selbstgebaute „Dreckssystem“ zu verändern, das „Kalte Haus, in dem wir wohnen“. Hier tritt ein Kind auf, dass einem vor den Latz knallt: „Ihr seid keine Allesversteher / Ihr seid keine Vorbilder / Ihr seid die wahren Asozialen!“.
Bolz bricht damit in gewohnt brutal-rhythmischen Sätzen herunter, worin der Konflikt in Shakespeares berühmtestem Text besteht und wieso es das heute zu erzählen gilt. Warum es eben gerade gut ist, wenn die Jungen wütend bleiben, widerständig, und sich nicht der Resignation ihrer Eltern anschließen.
Zu cool für Shakespeare
Man sitzt dann erst mal ein bisschen bedient da. Als der eigentliche Shakespeare-Text beginnt, hört er sich fast zu elaboriert an, nachdem man von Bolz so schön durchgeschüttelt wurde. Eine Romeo und Julia-Überschreibung, ganz aus der Feder Bolz’, das wäre es gewesen. Aber Brasch nimmt die Übersetzung ihres Onkels Thomas Brasch.
Damit ihr Abend anschlussfähig für die GenZ bleibt, hat sie ihn mit allerhand Witzchen angereichert. Benvolio kommt mit einem Fahrrad um die Ecke, Lady Capulet im Neonfummel schießt einen Fisch aus dem Bühnenhimmel und Mercutio kennt alle Codes aus dem Netz. Überhaupt ist Braschs Abend mit allen Wassern der Popkultur gewaschen.
Die Amme singt Joshua Idehens Mom Does the Washing, in dem virulente Ismen anhand des Wäschewaschens definiert werden. Das ist nice, ja, nur irgendwann werden die Albernheiten redundant. Jede Figur wird erst mal ironisch gebrochen und Braschs Übersetzung zunehmend von den hippen Attitüden erdrückt.
Sehnsucht in jeder Pore
Manchmal fährt nur für eine einzige Szene ein riesiges Karussell herein. Die Balkonszene lässt Brasch wiederum auf einer herkömmlichen Leiter spielen. Frida Langs Julia und Jonathan Stolzes Romeo sind trotz gefährdeter Liebe hinreißend leichtfüßig und kompromisslos unterwegs. Langs Julia rennt mit einem Diskokugelhelm über die Bühne, trotzig und kämpferisch, selbst als ihre Mutter sie als „Hure“ degradiert.
In Stolzes Romeo hat die Liebe eingeschlagen wie ein Blitz, so verhuscht er ist, darunter brennt ein rebellisches Herz. Wenn die Worte schweigen, singen die beiden: Lang rettet sich in ein schrammeliges Fuffifufzich-Gitarrensolo, Stolze klimpert so lange auf dem Klavier, bis er tief unten James Blake findet. Und dann singen sie den Scherben-Song im Duett, was wirklich ein sehr magischer Theatermoment ist, weil die Musik nicht nur untermalt, sondern erzählt.
Braschs Inszenierung zeigt das Liebespaar als Utopie in einer Welt, die von Beton zermalmt wird. Sie scheut dafür kein Pathos. Sehnsuchtsvoll will dieser Abend in jeder Pore sein. In all den großen Bildern geht nur gerade die Schärfe der generationalen Reibung vom Anfang zunehmend unter. Zum Glück kann Brasch auf die Musik von Wenzel Krah und Paul Eisenach setzen, die den Abend kittet, wo er sonst auseinanderzufallen droht.
Romeo und Julia Regie: Lena Brasch Schauspiel Hannover