(+) Tore, Triumphe, Tragödien: Hamburgs Sport in den 1920ern
Fußball wird in den 1920er Jahren zum Massenspektakel, neue Stadien und Sportanlagen entstehen, Hamburger Athleten feiern nationale und internationale Erfolge. Die Sportwelt spiegelt aber auch die gesellschaftl...
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Fußball wird in den 1920er Jahren zum Massenspektakel, neue Stadien und Sportanlagen entstehen, Hamburger Athleten feiern nationale und internationale Erfolge. Die Sportwelt spiegelt aber auch die gesellschaftlichen Brüche der Zeit wider: Arbeitersport und bürgerliche Vereine existieren nebeneinander, ab 1933 werden jüdische Sportler ausgegrenzt und Vereine zerschlagen. Die Lebenswege der HSV-Stars Tull Harder und Asbjørn Halvorsen zeigen schließlich, wie radikal sich diese Epoche zuspitzt.
Zehntausende Menschen drängen sich an diesem 29. Juli 1928 im Altonaer Stadion. Sie stehen dicht an dicht auf den Rängen, schreien, jubeln, pfeifen. Unten auf dem Rasen läuft der Hamburger SV gegen Hertha BSC auf. Es geht um nichts weniger als die Deutsche Meisterschaft.
Nach sieben Minuten trifft Otto „Tull“ Harder zum 1:0. Zehn Minuten später fällt das zweite Tor, nach 20 Minuten steht es schon 3:0. Am Ende gewinnt der HSV 5:2. Hamburg ist Deutscher Meister – zum zweiten Mal.
Was hier geschieht, ist mehr als ein Fußballspiel. Es zeigt, wie sehr sich das Leben in wenigen Jahren verändert hat. Sport – früher Freizeitvergnügen kleiner gesellschaftlicher Gruppen – ist zum Spektakel für Zehntausende geworden. Es gibt Stars, Fanmassen, Großstadien und Schlagzeilen. Der moderne Massensport ist da.
1920er Jahre: Der HSV wird zur Fußballmacht
Berlin war nicht das einzige Babylon
Am 10. September startete die fünfte und letzte Staffel von „Babylon Berlin“ in der ARD-Mediathek. Dann sind alle acht neuen Folgen auf einmal verfügbar. Im Ersten laufen die Filme anschließend in zwei Blöcken am 19. September (20.15 Uhr) und am 25. September (22.20 Uhr). Für die MOPO ist die Ausstrahlung Anlass, zurückzublicken auf das Hamburg der Goldenen Zwanziger: auf Rausch und Revolution, neue Freiheiten und radikale Kunst, Tempo, Technik – und den Absturz einer Epoche.
Der Weg zu diesem Triumph beginnt Jahre zuvor. 1922 erreicht der HSV erstmals das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Gegen den 1. FC Nürnberg steht es nach 90 Minuten 2:2 – und weil es damals noch keine zeitliche Begrenzung der Verlängerung gibt, wird weitergespielt, bis der Schiedsrichter nach insgesamt 189 Minuten wegen Dunkelheit abbricht.
Auch das Wiederholungsspiel sieben Wochen später endet ohne Sieger: Nürnberg hat nach Platzverweisen und einer Verletzung nicht mehr genügend Spieler auf dem Feld. Der DFB erklärt den HSV zunächst zum Meister, doch die Hamburger verzichten auf den Titel.
Ein Jahr später gibt es keinen Zweifel mehr. Im Berliner Deutschen Stadion schlägt der HSV Union Oberschöneweide mit 3:0 und holt 1923 die erste unumstrittene Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Der Titel macht den HSV endgültig zu einer der großen Adressen des deutschen Fußballs.
1928 bestätigt der Verein diesen Aufstieg eindrucksvoll. Innerhalb weniger Jahre ist aus dem erfolgreichen Hamburger Klub eine der prägenden Mannschaften des deutschen Fußballs geworden.
„Wenn spielt der Harder Tull, dann wird es drei zu null“
Zwei Männer prägen diese Mannschaft besonders: Tull Harder und der Norweger Asbjørn Halvorsen. Harder ist der Torjäger, Halvorsen der Stratege.
Halvorsen kommt 1921 mit 22 Jahren nach Hamburg, eigentlich um bei der Reederei Rob. M. Sloman eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann zu beginnen. Fußballerisch hat er zu diesem Zeitpunkt längst einen Namen. Schon als Jugendlicher spielt er in Norwegens erster Liga, 1920 gehört er zu jener norwegischen Mannschaft, die bei den Olympischen Spielen überraschend die favorisierten Briten schlägt. Beim HSV bildet er mit Harder die Mittelachse. Halvorsen verteilt die Bälle, Harder schießt die Tore. Gemeinsam feiern sie die Meisterschaften von 1923 und 1928.
Harder selbst ist einer der ersten großen Fußballstars Deutschlands. Er ist wuchtig, schnell und vor dem Tor gefürchtet. Seine Popularität reicht weit über Hamburg hinaus. Eine Zigarettenmarke trägt seinen Namen, seine Vita dient als Vorlage für den Ufa-Film „Der König der Mittelstürmer“. Im Stadion singen die Zuschauer: „Wenn spielt der Harder Tull, dann wird es drei zu null.“
Für diese neue Massenbegeisterung braucht die Stadt neue Orte. Im Altonaer Volkspark entsteht in den 20er Jahren ein gewaltiges Sportareal mit Stadion, Spielflächen, Festwiese, Licht- und Luftbad und Schwimmanlagen. Das Altonaer Stadion bietet Zehntausenden Platz, 1928 wird dort das Meisterschaftsfinale zwischen HSV und Hertha ausgetragen.
Doch der Volkspark ist nicht nur für Zuschauer gedacht. Menschen sollen dort selbst aktiv werden: laufen, turnen, schwimmen, paddeln, sich in Sonne und frischer Luft bewegen. 1927 öffnet ein großes Schwimmbad mit einem 100 Meter langen Becken und einem Zehn-Meter-Sprungturm. Gesundheit, Körperpflege und Bewegung werden zu Bestandteilen eines modernen Lebensstils.
Fußball zwischen Bürgertum und Arbeitersport
Hamburgs Fußballwelt ist keineswegs eine homogene Gemeinschaft. Neben dem DFB-Fußball existiert der organisierte Arbeitersport mit eigenen Vereinen, Verbänden und Meisterschaften. Eine seiner Hamburger Hochburgen ist Rothenburgsort. Dort spielt der SC Lorbeer 06 im Arbeiter-Turn- und Sportbund, kurz ATSB. Sport soll hier nicht nur Wettkampf sein, sondern Gemeinschaft schaffen, Arbeiter stärken und gesellschaftliche Bildung fördern. Zugleich gehört Lorbeer sportlich zur Spitze: 1929 wird der Verein Bundesmeister des Arbeitersports, 1931 erneut.
Einer der herausragenden Spieler ist Erwin Seeler, Hafenarbeiter aus Rothenburgsort und später Vater von Uwe Seeler. Noch bevor sein Sohn zur Hamburger Fußballlegende wird, gehört der Vater zu den Stars des Arbeitersports.
Lorbeer und der HSV stehen für getrennte Verbandswelten und unterschiedliche soziale Milieus. Fußball ist längst mehr als Freizeit. Er ist auch Ausdruck gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Hamburg misst sich mit der Welt
Aber Hamburgs Sportbegeisterung reicht weit über den Fußball hinaus. Bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam gewinnt Richard Krebs, in Hamburg geboren und für den HSV startend, mit der deutschen 4-mal-400-Meter-Staffel Silber. Anni Holdmann vom Hamburger Turnerbund 1862 holt Bronze mit der deutschen 4-mal-100-Meter-Staffel der Frauen. Kurz vor Olympia hat das Quartett sogar einen Weltrekord aufgestellt.
Auch Tennis entwickelt sich zum Zuschauersport. Seit 1924 werden die Internationalen Deutschen Meisterschaften dauerhaft am Rothenbaum ausgetragen. Otto Froitzheim gewinnt dort 1925 bereits zum siebten Mal. 1927 siegt die junge Cilly Aussem, die wenige Jahre später als erste Deutsche Wimbledon gewinnen wird. 1929 erlebt Hamburg am Rothenbaum zudem ein deutsches Davis-Cup-Heimspiel gegen Italien.
Und dann ist da die vielleicht typischste Sportart für ein Jahrzehnt, das vom Tempo besessen ist: der Motorsport. 1924 wird der Hamburger Motorrad-Club gegründet. Schon im Mai veranstaltet er den „Großen Hansa-Preis“. Die Motorräder rasen über eine mehr als 200 Kilometer lange Strecke von Hamburg über Lübeck, Eutin, Plön und Neumünster zurück.
Max Schmeling: Vom Hamburger Jungen zum Weltmeister
In Hamburg wächst ein Junge heran, der später zu einem der berühmtesten Sportler Deutschlands wird: Max Schmeling. Geboren wird er 1905 in der Uckermark, doch schon 1906 zieht seine Familie nach Hamburg. Schmeling lebt in St. Georg, Rothenburgsort und Eilbek, geht hier zur Schule und beginnt eine kaufmännische Lehre. 1921 sieht er einen Boxfilm und ist sofort fasziniert. Kurz darauf zieht es ihn ins Rheinland. 1924 wird er Berufsboxer, 1926 Deutscher Meister im Halbschwergewicht, 1927 Europameister. 1930 folgt der größte Triumph: Im Yankee Stadium in New York wird Schmeling Schwergewichts-Weltmeister.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verändert sich auch Hamburgs Sportwelt radikal.
1933 beginnt die Ausgrenzung jüdischer Sportler
Der organisierte Arbeitersport wird zerschlagen, Vereine wie der SC Lorbeer 06 werden verboten. Gleichzeitig beginnt die Ausgrenzung jüdischer Sportlerinnen und Sportler. Zahlreiche Vereine schließen jüdische Mitglieder aus oder nehmen keine neuen mehr auf. Beim HSV werden ab Oktober 1933 in Aufnahmeanträgen Angaben zur „arischen“ Herkunft verlangt; neue jüdische Mitglieder werden faktisch nicht mehr aufgenommen.
Viele jüdische Hamburger treiben nun in eigenen Vereinen wie Bar Kochba, „Schild“, Hakoah und später Blau-Weiß Sport. Ein Beispiel für die Verfolgung ist Selig Cahn, ein früherer Fußballer des Hamburg-St. Pauli Turnvereins, aus dem später der FC St. Pauli hervorgeht. Unter den Nationalsozialisten darf er schließlich nicht mehr für den Verein spielen. 1942 werden Cahn, seine Frau, seine beiden Kinder und sein Bruder nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Auch Max Schmeling gerät in das Spannungsfeld von Sport und Diktatur. Die Nationalsozialisten nutzen den international gefeierten Boxer als Aushängeschild ihrer Propaganda. Schmeling tritt nie in die NSDAP ein und hält an seinem jüdischen Manager Joe Jacobs fest. Zugleich tritt er weiterhin öffentlich in einem Rahmen auf, den das Regime für seine Zwecke nutzt. Besonders nach seinem Sieg über Joe Louis 1936 wird sein Erfolg propagandistisch ausgeschlachtet.
Völlig gegensätzlich entwickeln sich die Lebenswege der HSV-Stars Tull Harder und Asbjørn Halvorsen.
Harder sympathisiert früh mit nationalistischen und rassistischen Positionen. 1932 tritt er in die NSDAP ein, im Jahr darauf in die SS. Ab 1939 dient der einstige Fußballstar in Konzentrationslagern, unter anderem in Sachsenhausen und Neuengamme. Schließlich wird er Lagerführer im Neuengammer KZ-Außenlager Ahlem bei Hannover. 1947 verurteilt ihn ein britisches Militärgericht wegen Kriegsverbrechen zu 15 Jahren Gefängnis. Nach viereinhalb Jahren kommt er frei.
Harder und Halvorsen: KZ-Lagerführer und KZ-Häftling
Und Halvorsen? Als er Deutschland 1933 verlässt, ist er noch kein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Erst nach dem deutschen Überfall auf Norwegen 1940 wird er zum aktiven Widerstandskämpfer. Als führender Sportfunktionär beteiligt er sich an der „Sportfront“ gegen die Gleichschaltung und wirkt an illegalen Zeitungen mit.
1942 nimmt ihn die Gestapo fest. Halvorsen wird misshandelt und schließlich als sogenannter „Nacht-und-Nebel“-Gefangener in das KZ Natzweiler gebracht. Später kommt er über Neckarelz nach Vaihingen, erkrankt schwer an Fleckfieber und wiegt am Ende nur noch 48 Kilogramm. Im April 1945 wird er mit den „Weißen Bussen“ des schwedischen Roten Kreuzes gerettet. 1955 stirbt Halvorsen mit nur 56 Jahren an den Spätfolgen der KZ-Haft.
Auch nach dem Krieg zeigt sich, wie unterschiedlich mit den beiden früheren HSV-Stars umgegangen wird. Bei Harders Beerdigung 1956 stehen HSV-Jugendspieler Ehrenwache, sein Sarg ist mit der Vereinsfahne bedeckt. Noch Jahrzehnte später wird der frühere KZ-Lagerführer vor allem als Fußballheld erinnert. Erst seit den 2000er Jahren arbeitet der HSV diesen Teil seiner Geschichte intensiver auf – und erinnert heute auch an den verfolgten Asbjørn Halvorsen.