„Trichter“ stoppt Fähre: Es ist nicht immer Putin – aber viel zu oft

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„Trichter“ stoppt Fähre: Es ist nicht immer Putin – aber viel zu oft

Stand: 13.10.2026, 07:09 Uhr

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Schon die Reise Richtung NATO-Ostflanke kann unerwartete Hürden bergen. Dann gibt es gute Gründe, Russland zu verdächtigen. Aber auch für kühlen Kopf auf der Fähre.

Tallinn – Ippen.Media-Autor Florian Naumann arbeitet, reist und recherchiert im Oktober und November in den drei baltischen Ländern. Die vergleichsweise jungen Staaten Estland, Lettland und Litauen teilen eine gemeinsame Erfahrung: Besetzung und Unterdrückung durch die Sowjetunion und auch Nazi-Deutschland. Heute gelten sie als gefestigte Demokratien und sogar Vorreiter bei moderner Verwaltung. Eindrücke abseits der großen Recherchen finden sich über die kommenden Wochen hier – im „baltischen Tagebuch“.

4.44 Uhr zeigte das Fähren-Infotainment-System, Wladimir Putin ins Bild montiert.

4.44 Uhr zeigte das Fähren-Infotainment-System bei Ankunft in Tallinn – Schuld war ein „trichterförmiger Gegenstand“, aber wohl nicht Wladimir Putin © Montage: Sergei Bobylev/picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/Florian Naumann/privat

Am Ableger der Viking-Line in Helsinki wimmelt es vor Menschen, fast noch mehr als etwa am Frankfurter Hauptbahnhof – die Fähre nach Tallinn ist ein echtes Massenverkehrsmittel. Es drängeln sich Schulklassen, russisch sprechende Menschen mit voluminöser Shopping-Beute in Plastiktaschen, Junggesellenausflüge. Die große Hoffnung auf dem Weg zur ersten Station der Reise: Das Schiff wird auch pünktlicher sein als die Deutsche Bahn. Um 20.30 Uhr soll es ablegen. Doch als sich alle auf die Sitzlandschaften und Gastrotische verteilt haben, passiert – nichts.

Putins Trichter im finnischen Meerbusen? Stay calm, drink beer (and support Ukraine)

Vor den Fenstern des bordeigenen Bistros verschwindet langsam die Skyline der finnischen Hauptstadt in der Dunkelheit. Und dabei bleibt es auch fürs Erste. Um 20.45 meldet sich das Personal zum ersten Mal per Durchsage: Der Schifffahrtskanal sei von den Behörden bis auf Weiteres gesperrt. Eine nebulöse Mitteilung, gerade angesichts des freundlichen Frühherbst-Wetters; kaum ein Lüftchen regt sich. Eine weitere Stunde später weiß die finnische Boulevardzeitung Ilta Sanomat mehr: Ein unbekannter „trichterförmiger Gegenstand“ wurde an den Inselchen vor Helsinki gefunden. Anlass für Spekulationen, natürlich.

Das Gros der Reisenden nimmt es aber mit einem Seufzen – und Pragmatismus. Im Bord-Pub singen Teenager Karaoke, im Kinderparadies dient das Bällebad als Reservoir für Wurfgeschosse, im Bistro schichten junge Leute Sixpacks von „Birra Moretti“ und der finnischen Dosenalternative vor sich auf. Und die gesamte flüssige Verpflegung wird noch wegkommen. „Wir könnten womöglich um 2 Uhr ablegen“ knarzt es gegen 22 Uhr aus den Lautsprechern, „das ist aber nicht sicher“, fügt die Frauenstimme zur Sicherheit hinzu. Eine Untersuchung sei im Gange, Sicherheitskräfte vor Ort. Die große Frage: Hat die russische Schattenflotte ausgerechnet jetzt und hier Putins trichterförmige Geheimwaffe abgelegt?

Rückblende ins Frühjahr: Über Wochen war der Luftverkehr in Litauen von einfliegenden Schmugglerballons aus Belarus geplagt – unangenehm oft kam der Flugverkehr zum Erliegen. Nun, auf Rückreise von der „German-Baltic Defence Industry Conference“ wieder ein Stopp, fünf Minuten vor dem Boarding in Vilnius. „Lukaschenko“ murmelte man sich vor dem Gate zu, während draußen der Schneefall zunahm. Und tatsächlich gibt es da eine Parallele. Wenn auch nicht die zu erwartende.

In Vilnius hob an diesem Abend kein Flug nach München mehr ab. Das Problem waren aber nicht „Lukas“ Schmuggler. Sondern eine polnische LOT-Maschine, die bei der Landung im Schnee ein paar Meter über das Ziel (und die Landebahn) hinausschlitterte. Auch in Helsinki hatte (mutmaßlich) der Kreml die Finger nicht im Spiel. Irgendwann nach Mitternacht wissen die finnischen Medien: Gefunden und identifiziert wurde ein „schwerer Gegenstand“. Womöglich der Druckluftbehälter eines U‑Boots aus Weltkriegszeiten, mutmaßte der Experte Juha Flinkman bei Helsingin Sanomat.

4.44 Uhr statt 23.10 Uhr – Bilanz einer Fährfahrt von Helsinki nach Tallinn.

4.44 Uhr statt 23.10 Uhr – Bilanz einer Fährfahrt von Helsinki nach Tallinn. © Florian Naumann

Als die Viking XPRS „pünktlich“ um 2 Uhr ablegt, hat ein Teil der Passagiere die Fähre schon wieder verlassen. Der andere hat großteils genug Bier getankt, um sich die Kapuzen überzuziehen und auf dem Teppich unter den festverschraubten Tischen zu schlafen. Um 4.44 Uhr ist schließlich Land in Sicht, sechs Stunden nach dem Zeitplan.

Die erste Lehre der Reise: Es ist nicht immer Putin. Aber Russlands hybrider Krieg ist im Reporterkopf. Und nicht nur dort, denn er ist und bleibt in der Region real. Im August wurde in der Ostsee der Funk des polnischen Militärschiffes ORP Albatros gestört. Estlands Regierung bestätigte Ende September: Ein Brandanschlag auf das Rüstungsunternehmen Milrem Robotics, war Sabotage in russischem Auftrag. Lettlands Regierung war im Mai gar über ein Problem mit unerkannt einfliegenden Drohnen zerbrochen.

Die Lösung, in leichter Abwandlung einer britischen Weisheit: „Stay calm and drink beer.“ Das beherrschen die Fährpassagiere schon recht gut. Und die Balten auch: Zunächst mal müsse man die „unterwürfige Spekulationslawine rund um die Zeile ‚Hilfe, die Russen kommen!‘ stoppen“, schrieb der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im estnischen Parlament, Marko Mihkelson, erst Ende September für den Sender ERR. Er forderte als Antwort mehr Hilfe für die Ukraine und wirtschaftlichen Druck auf Russland. Ein guter Rat mit ernstem Nachsatz: „Sonst werden wir mehr russischen Terror in Europa erwarten müssen“, warnte er. Ähnlich sieht es der finnische Ex-General Pekka Toveri. (Florian Naumann)