Angelika Klüssendorfs neuer Roman „Trost“ über die Liebe in Zeiten der Weltkrise
Angelika Klüssendorfs Werk „Trost“ spielt in der brandenburgischen Provinz und erzählt von einer Patchwork-Familie, die sich im Lieben versucht – während 2022 die Welt kollabiert. Erzählerischen Seelenbeistand darf man dabei nicht erwarten
- 3 min read
Kultur :
„Trost“: Angelika Klüssendorfs Roman-Hauptfigur verstummt für immer nach einem Wespenstich
Angelika Klüssendorfs Werk „Trost“ spielt in der brandenburgischen Provinz und erzählt von einer Patchwork-Familie, die sich im Lieben versucht – während 2022 die Welt kollabiert. Erzählerischen Seelenbeistand darf man dabei nicht erwarten
Von
04.08.2026
Angelika Klüssendorf
Foto: dts Nachrichtenagentur
Wo auf der Welt lässt sich noch Trost finden? In der Liebe, ja, sie tröstet und hält. Aber die Liebe, sie ist ein seltsames Spiel. Mutterliebe, Vaterliebe, Seelenliebe. Und manche Menschen sind Analphabeten in der Liebe. So geht es in Angelika Klüssendorfs Roman Trost, in dem sich eine dysfunktionale Patchwork-Familie im Lieben übt.
Da ist Rita, eine Autorin, die mit ihren geliebten Tieren in einem Häuschen auf dem brandenburgischen Land wohnt, regelmäßig von Joachim besucht wird, mit dem sie seit nunmehr elf Jahren zusammen ist. Trennen will sie sich schon seit Längerem, vermutet bei sich eine Bindungsstörung, doch sie schafft den Absprung nicht.
Joachims siebzehnjährige Tochter Jane schaut zu Rita auf. Anders geht es auch nicht, denn die eigene Mutter, Renate, ist eine Abwesende, die sich in ihre Wohnung und in ihre TV-Sucht verkriecht. Auch Janes Halbbruder Eric scheint ein unglücklich Liebender. Er ist trockener Alkoholiker und klammert sich an die scheinbare Normalität, die ihm seine biedere Freundin Helene bietet. Aber dann wird alles ganz anders.
2022 ist das Katastrophenjahr. Gerade scheint die Corona-Pandemie überstanden, da entfesselt Russland in der Ukraine einen Krieg. Und alles kollabiert: Rita, Jane, Eric, Helene – sie alle fallen aus ihrer Welt. Wie soll man mit einem solchen Weltenkollaps umgehen?
Sex ist nur bedingt eine Lösung
Man kann sich an die Körper krallen, Liebe machen, so sagt man das ja. Profaner ausgedrückt: Sex haben, so wie Joachim, der sich an eine junge Geliebte klammert, ein Kind zeugt, und daran verzweifelt, dass er alt, wie er ist, das Aufwachsen dieses Kindes nicht miterleben wird. Wie lebt es sich in einem Leben mit begrenzter Zukunft?
Auch Jane spürt diese Zukunftsbegrenzung, obwohl sie so jung ist; doch überfordert sie die Welt mit ihren Multikrisen. Und dann verliert sie von einer Sekunde auf die andere die Ziehmutter Rita, die nach einem Wespenstich ins Koma fällt.
Scheitern aushalten: Trost ist die Sache der Autorin nicht
Angelika Klüssendorf, das darf man sagen, ist eine besondere Schreibende. Trost ist ihre Sache nicht, jedenfalls verweigert sie ihren Lesenden erzählerischen Seelenbeistand. Das muss man schon aushalten können: einer Gruppe von Menschen beim Scheitern zuzuschauen. Man merkt diesem Roman eine Grundtraurigkeit an, die jedoch mit Widerstand gepaart ist: dem Widerstand der Schreibenden, die sich der Welt stellen muss.
Klüssendorf selbst ist eine Widerständige. Die Autorin, die in Leipzig aufwuchs und 1985 nach Westdeutschland übersiedelte, verarbeitete in ihrer autofiktionalen Romantrilogie (Das Mädchen, April, Jahre später) traumatische Kindheits- und Jugenderfahrungen. Noch etwas radikaler, weil schonungsloser mit sich und den Lesenden, ist Klüssendorfs Geschichtensammlung Risse. Immer wieder wurde die Autorin für den Deutschen Buchpreis nominiert, zurecht, kaum eine deutsche Gegenwartsautorin erzählt eindringlicher.
Ausgerechnet die Autorin im Roman wird stumm gestellt
Verknappung ist dabei das entscheidende Mittel. Oft genügen wenige Worte, um eine Szene präzise zu setzen: „Als sie am nächsten Morgen erwacht, steigt ihr Unterbewusstsein in Blasen nach oben. Rita fragt sich: Kleine Hölle, große Hölle?“ Vielleicht lässt sich über den Fortgang einer unglücklichen Liebesbeziehung nicht mehr sagen.
Eine witzige Pointe aber bietet dieser Roman, dessen Protagonisten so häufig untröstlich erscheinen: Ausgerechnet die Figur der Autorin Rita wird im Text stumm gestellt, sie kann nichts mehr sagen über den Zustand dieser Welt. Noch dazu ist es eine winzige Wespe, die Ritas Leben nimmt. Ein Insekt trägt nun einmal keine Schuld, man kann mit ihm nicht ins Gericht gehen. Und doch kann es eine Kette unglücklicher Ereignisse in Gang setzen. Nein, Trost findet man nicht in diesem Roman.
Trost von Angelika Klüssendorf. Piper Verlag 2026, 208 S., 24 €