„Überfordert“: Gymnasiallehrerin warnt, dass Fünftklässler wichtige Fähigkeit verlieren
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„Überfordert“: Mathelehrerin am Gymnasium warnt, dass Kinder wichtige Fähigkeit verlieren
Stand: 10.10.2026, 21:55 Uhr
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Deutsche Schüler schneiden bei PISA so schlecht ab wie nie. Eine Lehrerin erlebt die Defizite auch im Gymnasialzweig. Die Ursachen sieht sie aber nicht nur im Unterricht.
Hamburg – Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben in der PISA-Studie so schlecht wie nie zuvor abgeschnitten. Bei den getesteten 15-Jährigen wurden in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA‑Erhebungen erzielt“, heißt es in der Studie. Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) spricht von „alarmierenden“ Ergebnissen.

Eine Gymnasiallehrerin* aus Hessen, die Kinder und Jugendliche in Deutsch und Mathematik unterrichtet, hat mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media über ihre Erfahrungen gesprochen. Gerade in der 5. Klasse erlebe sie, „dass Schülerinnen und Schüler von Jahr zu Jahr leistungsschwächer werden“.
Lehrerin sieht vor allem Kopfrechnen als großes Problem
In Mathe müsse sie „den Stoff jedes Jahr weiter abstecken und reduzieren. Die Kinder sind sehr schnell überfordert und es fehlen einfach Grundkompetenzen.“ Ein großes Problem: Kopfrechnen. „Kopfrechnen ist in meiner jetzigen sechsten Klasse eine absolute Katastrophe. Selbst einfache Rechnungen im Zahlenraum bis 100 sind für ein gutes Viertel der Klasse eine riesige Herausforderung“, wird die Lehrerin deutlich. Auch andere Lehrkräfte sorgen sich um die mathematischen Grundkompetenzen der Schülerinnen und Schüler.
Nicht nur beim Rechnen zeigen sich Lücken. Mangelnde Konzentration und eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne seien ebenfalls herausfordernd. „Selbst einfache Dinge wie das Abschreiben dauern ewig.“ Das Problem trete aber schon deutlich früher auf. „Ich habe das Gefühl, dass die Kinder mit einem niedrigeren Kompetenzstand zu uns kommen, als sie eigentlich haben müssten. Und ich weiß auch aus den Grundschulen, dass die Kinder schon in der ersten Klasse mit Kompetenzlücken starten“, sagt die Lehrerin. Ein Pädagoge bestätigt, dass die Ursachen sogar schon in der Kita beginnen. Auch Schulabsentismus kann zu schlechteren Leistungen führen.
Ähnlich deutlich fällt die Bilanz im Deutschunterricht aus. Hier beobachtet die Lehrerin eine Veränderung bei der Leseleistung: „Wir haben Leseförderprogramme, aber viele Kinder lesen einfach nicht mehr.“ Stattdessen lesen sie eher extrem verkürzte Inhalte in den sozialen Medien. „Das klassische Buch spielt für viele keine Rolle mehr.“
„Kinder bleiben auf der Strecke“
Mit dem Lehrplan muss sie aber trotzdem durchkommen. Gerade mit Blick aufs Abitur müsse ein Mindestmaß erreicht werden. „Dementsprechend bleiben dann auch teilweise Kinder auf der Strecke, weil ich nicht die Zeit habe, alle mitzunehmen. Klar, ich stelle natürlich verschiedenes Material zur Verfügung. Aber auch das ersetzt nicht die Betreuung oder die Hilfe und Unterstützung, die sie eigentlich bräuchten“, sagt die Lehrerin. Individuelle Betreuung sei auch mit Blick auf die Klassengröße von 25 bis 30 Kindern kaum möglich.
Für die PISA-Ergebnisse macht die Lehrerin auch fehlende Ressourcen im Bildungssektor verantwortlich. „Wenn wir die nötigen finanziellen Mittel hätten, um zum Beispiel mit zwei Lehrkräften gleichzeitig in der Klasse zu arbeiten, könnte man viel individueller arbeiten“, sagt sie. Das sogenannte Teamteaching wird in Deutschland bislang nur vereinzelt praktiziert, zum Beispiel in herausfordernden Klassen in Thüringen. Zudem könnten Lehrkräfte Krisen wie die Corona-Pandemie kaum auffangen. „Das wirkt sich letztlich auch auf den Bildungserfolg der Kinder aus.“ Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zeigt: 56 Prozent der 2.161 befragten Wahlberechtigten sehen den Personalmangel an deutschen Schulen als Ursache für die schwachen PISA‑Ergebnisse.
Neben den Bedingungen in der Schule spielt auch das Umfeld eine Rolle. „Nicht jedes Kind hat zu Hause ein Elternhaus, in dem sich die Eltern rund um die Uhr mit hinsetzen können. Oft müssen beide Eltern arbeiten“, sagt die Lehrerin. Der Bildungserfolg und die Noten von Kindern in Deutschland hängen laut einer Studie bereits ab dem Alter von drei Jahren maßgeblich von der sozialen Herkunft ab.
Hessen reagiert mit ersten Maßnahmen auf PISA-Erhebung
Hessen reagiert mit einer weiteren Deutschstunde in der ersten Klasse, Lesezeiten und Matheförderstunden auf die PISA‑Ergebnisse. Zudem soll das Fach „KI und Digitale Welt“ die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler stärken. Kultusminister Schwarz verwies auch auf die Einführung des Handyverbots im vergangenen Schuljahr in Hessen. So soll im Unterricht wieder konzentrierter gelernt werden. (Quellen: dpa, eigene Recherche)
*Die Lehrerin möchte anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.