Übergriffe auf ukrainische Geflüchtete in Polen nehmen zu – „Ich weiß, wo du wohnst“

Die Ukraine zeigt sich zum 35. Jahrestag der Unabhängigkeit kämpferisch gegen Russlands. Die Anstrengungen der Ukraine werden durch weitere 6,1 Milliarden Rüstungshilfe durch die EU unterstützt.

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Übergriffe auf ukrainische Geflüchtete in Polen nehmen zu – „Ich weiß, wo du wohnst“

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Drei Schläger verprügeln auf offener Straße ein junges ukrainisches Paar. Eine Kamera hoch oben in einem Breslauer Wohnblock nimmt alles auf. Nestia und Maxim landen im Krankenhaus. Der Ukrainerin muss das gerissene Ohr genäht werden. Das verwackelte Video landet im Internet und später in den Hauptnachrichten im Fernsehen.

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„Du kleine Hure“, pöbelt ein stämmiger Pole ein 11‑jähriges ukrainisches Mädchen im südpolnischen Bielsko-Biała an. Er wolle nicht, dass sie mit polnischem Geld durchgefüttert werde, bis sie groß sei. „Verpiss dich!“, grölt er. Dann droht er: „Ich weiß, wo du wohnst!“ – und packt zu. Das Mädchen versucht, die Nerven zu behalten, schreit erst trotzig „Wo wohne ich denn?“ und dann voller Angst: „Lassen Sie mich los!“ Erst da greifen andere Passagiere ein, überwältigen den Mann und rufen die Polizei. Da das Mädchen alles mit der Handykamera aufgenommen hat, gibt es einen gerichtsverwertbaren Beweis gegen den Täter. Sein Arbeitgeber entließ ihn.

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Hassverbrechen gegen Ukrainer in Polen nehmen deutlich zu

Im oberschlesischen Gliwice (Gleiwitz) wiederum missfällt es einem Polen, dass im Stadtpark Polen und Ukrainer gemeinsam grillen. Die Gruppe lässt sich von den vulgären Beleidigungen nicht provozieren, und der Mann zieht sich zurück. Doch er kommt wieder – diesmal mit Sturmhaube und Baseballschläger. Bevor er überwältigt werden kann, verletzt er einen Ukrainer so schwer, dass dieser ärztlich versorgt werden muss. Die Polizei nimmt den Flüchtigen fest. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Das sind keine Einzelfälle. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres stellten ukrainische Geflüchtete, aber auch Angehörige der ukrainischen Minderheit in Polen 180 Strafanzeigen wegen „Hassverbrechen“ gegen sie. Das entspricht einer Steigerung von über 30 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr. Noch 2024 lag die Zahl bei 267 Strafanzeigen. 2025 war sie schon auf 275 gestiegen. Dabei würden sehr viele Straftaten gar nicht angezeigt, so die Chefin einer Breslauer pro-ukrainischen Hilfsorganisation gegenüber Radio Tok FM.

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Polen unterstützte Millionen ukrainische Geflüchtete mit Soforthilfe

Von der großen Solidarität und Gastfreundschaft direkt nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 ist kaum etwas übrig geblieben. Damals erinnerten sich viele Polen an die Hilfe, die sie selbst einmal erhalten hatten, und nahmen ukrainische Mütter und ihre Kinder bei sich zu Hause auf. Überall im Land hingen ukrainische Flaggen als Zeichen der Solidarität.

Die große Flüchtlingswelle forderte von Polens Staat und Gesellschaft eine gewaltige Anstrengung, denn es kamen Millionen Geflüchtete, die zwar oft in andere Länder Europas weiterreisten, aber doch zumindest eine Erstversorgung in Polen bekommen mussten. Polens Regierung und Parlament beschlossen schnell ein Sondergesetz, das es den Geflüchteten ermöglichte, sofort eine legale Arbeit in Polen aufnehmen zu können und auch krankenversichert zu sein. Polnische Staatsbürger wiederum, die Geflüchtete bei sich zu Hause aufnahmen, erhielten vom Staat ein Tagegeld von umgerechnet 10 bis 12 Euro pro Person.

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg: Nawrocki spricht immer wieder von „Völkermord“ an Polen

Doch der Krieg dauert viel länger als zunächst angenommen. Längst überschwemmt Russland das polnische Internet mit täglich mehreren Millionen antiukrainischen Fake News und Hass-Botschaften, die insbesondere von rechten Parteien und Politikern gerne aufgenommen und weiterverbreitet werden. Linksliberale Publizisten warnen immer öfter vor einer antiukrainischen Pogromstimmung. Manch betroffene Stadt reagierte mit regionalen Beschlüssen – Breslau etwa verabschiedete eine offizielle Resolution, die Angriffe aufgrund von Herkunft oder Sprache verurteilt und polizeiliche Sonderermittlungen bei Nationalitätenkonflikten zusichert.

Tonangebend unter den Politikern ist Polens rechtsnationaler Staatspräsident Karol Nawrocki, der bei jeder Gelegenheit vom „Völkermord“ der Ukrainer an den Polen 1943 in Wolhynien spricht. Er greift dabei gerne auf den Sprachgebrauch der russischen Propaganda von den sogenannten „ukrainischen Bandera-Faschisten“ und den angeblichen „bestialischen Verbrechen der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA)“ zurück. Der namensgebende Stepan Bandera war als junger Mann Anführer einer der beiden Organisationen Ukrainischer Nationalisten geworden, saß aber bereits in einem deutschen KZ, als die Massaker an polnischen Dorfbewohnern begannen.

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Tusk bemüht sich um einen anderen Ton

Obwohl Nawrocki schon über ein Jahr im Amt ist, hat er es noch nicht über sich gebracht, dem vom Krieg überzogenen Nachbarland seinen Antrittsbesuch abzustatten. Zudem hat er den historischen Konflikt eskaliert und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den höchsten polnischen Orden, den „Weißen Adler“, aberkannt.

Regierungschef Donald Tusk bemüht sich um einen anderen Ton. Beim alljährlichen Gedenken an den deutschen Überfall auf Polen 1939 mahnte er am Dienstag die Solidarität des Westens mit der Ukraine an. „Heute rufen wir laut von Westerplatte aus der gesamten freien Welt zu: Seid solidarisch, wir müssen der Ukraine helfen, zu überleben!“, sagte er am Kriegerdenkmal Westerplatte in Danzig. Die kommenden Monate, der bevorstehende Herbst und Winter, könnten entscheidend sein für die Unabhängigkeit der Ukraine, das Schicksal Polens und der freien Welt. Und, vielleicht noch wichtiger: Tusk warnte auch vor dem Wiederaufleben einer „braunen Welle der Aggression und Verachtung“ in Europa und den USA. 

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Mehrheit der Polen ist gegen EU-Beitritt der Ukraine

Andere Politiker wie Przemysław Czarnek, der 2027 als Premierminister-Kandidat für die rechtsnationale Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) antreten soll, wollen jegliche Ukraine-Hilfe stoppen und den EU-Beitrittsprozess der Ukraine so lange blockieren, bis die Ukraine die vom polnischen Sejm 2023 zum „Völkermord“ erklärten Massaker von Wolhynien an 60.000 bis 200.000 Polen als Genozid anerkenne.

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IBRiS zeigt, dass über die Hälfte der der befragten Polen den ukrainischen Präsidenten Selenskyj für die Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen verantwortlich macht und gegen einen EU-Beitritt der Ukraine ist. Einer Umfrage im Auftrag der Zeitschrift „Polityka“ zufolge würden 44 Prozent die militärische Hilfe für die Ukraine einstellen. Zudem sind 65 Prozent der befragten Polen dagegen, dass sich polnische Soldaten nach Kriegsende an einer internationalen Friedensmission in der Ukraine beteiligen.

Indes lassen die Übergriffe nicht nach. In Gdynia wurde eine 40‑jährige Ukrainerin mit einem Spazierstock so stark auf den Kopf geschlagen, dass sie im Krankenhaus behandelt werden musste. Der Täter, ein Pole, ist flüchtig. Polens katholische Bischöfe verurteilten „zunehmende Aggressionen zwischen Ukrainern und Polen“. All diese Vorfälle widersprächen grundlegend dem Handeln der Kirche, erklärte der Ständige Rat der Bischofskonferenz in Czestochowa. Das gelte unabhängig davon, ob sie einen nationalen Hintergrund hätten.