"Am Ende wird es vier Billionen Euro kosten und mindestens dreißig Jahre dauern"
Michael ist in den Sog geraten, in die Faszination von Kyjiw. Der Kanadier verdrängt die ewigen Luftalarme. Natalija Yefimkina erzählt er im Kriegstagebuch über seine Arbeit für die Nachkriegszeit, improvisierten Alltag und echtes Glück.
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Tagebuch (30): Ukraine im Krieg
“Am Ende wird es vier Billionen Euro kosten und mindestens dreißig Jahre dauern”
Von
Natalija Yefimkina
Natalija Yefimkina: Vor einem Monat bin ich mal wieder nach Kyjiw gereist und war dort in einer ehemaligen Wodkafabrik. Meine ukrainische Freundin Zhanna Kadyrova hat da ein Atelier. Nebenan ist der sehr angesagte Club Brukxt - mit tollen Setups, Tischtennis und Sommerterrasse.
Ein Café am Eingang fungiert als moderner Co-Working-Space, nebendran ein japanischer Schnellimbiss. Als ich zu Zhanna um die Ecke bog, war gerade in einem Gebäude ein riesiger Pop-Up-Markt für Designer Secondhand geöffnet.
Ich war erstaunt, das alles vorzufinden. Zhanna holte für uns in einem schicken Weinladen gleich neben der Fabrik eine gute Flasche Prosecco und spanische Tapas und wir setzten uns auf eine Bank. Bald waren wir nicht mehr alleine, Zhanna kennt jeden und jeder kennt Zhanna.
Ein Kanadier setzte sich zu uns, ein eloquenter Mann, der offensichtlich schon länger in Kyjiw lebte. Er hieß Michael und wir kamen schnell ins Gespräch. Irgendwann verabredeten wir uns für den nächsten Morgen im Hotel Bursa auf einen Cappuccino.
Später gingen wir noch in den Club, ich spielte Tischtennis, trank einen Cocktail und beeilte mich dann, noch vor der Sperrstunde nachhause zu kommen. Ich hatte mir in der Nähe des Maidan eine alte Wohnung in einem obersten Stock gemietet mit Blick über Kyjiw.
Ich telefonierte gerade mit einem Freund in Berlin, der wegen seines russischen Passes nicht mehr nach Kyjiw reisen kann, als die Sirenen losgingen. Raketen flogen auf die Stadt zu. Da ich keine Warn-App benutze, wusste ich nur, dass in der Nähe eine Metrostation und ein Bunker waren.
Der Freund meinte, die Angriffe hörten sich übers Telefon gar nicht so schlimm an. Ich ging auf den Balkon, eine Welle von Einschlägen drückte mich weg. Dann schlugen ballistische Raketen ein. Das alte Haus zitterte. Unten am Postamt brannte es, rauszugehen war keine Option mehr.
Mich riefen sämtliche Freunde an, schrieben SMS. Irgendwann legte ich mich schlafen.
Zur Person
Natalija Yefimkina lebt in Berlin. Sie ist in Kiew aufgewachsen. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zog die Familie zunächst nach Sibirien, in den 1990er-Jahren dann nach Deutschland. Yefimkina arbeitet als Filmemacherin.
Am nächsten Morgen, noch wie benommen von der Nacht, fuhr ich ins Hotel Bursa, um Michael zu treffen. Es war die bis dahin schwerste Angriffsnacht, die Kyjiw erlebt hatte. Viele noch heftigere sollten in den folgenden Wochen kommen.
Michael, stell dich einfach kurz vor, ja?
Also, mein Name ist Michael, Michael Holod. In der Ukraine heiße ich Mykhailo Holod.
Mein Vater wurde in der Ukraine geboren, in einem kleinen Dorf bei Lwiw. Er wanderte während der zweiten großen Auswanderungswelle von Ukrainern nach Kanada aus.
Ich bin im Zentrum Kanadas aufgewachsen, in Regina, im Bundesstaat Saskatchewan. Dort habe ich meinen Bachelor in Geschichte und Psychologie gemacht und bin dann 1989 nach Vancouver gezogen - der einzige Ort im Land, an dem es im Winter nicht schneit.
Ich begann im Vertrieb zu arbeiten, später im Bereich Unternehmensfinanzierung und dann habe ich meinen MBA gemacht, also meinen Master of Business Administration.
Hat dein Vater mit dir Ukrainisch gesprochen?
Nein, hat er nicht. Meine Mutter ist keine Ukrainerin, deshalb haben wir zu Hause einfach Englisch gesprochen.
Ende 2021 leitete ich ein Softwareunternehmen, das ich selbst gegründet hatte. Wir beschäftigten uns mit sogenannter selbst bestätigter digitaler Identität. Also mit Profilen, wo man alles über sich speichern kann, was man will, aber nur das weitergibt, was man weitergeben will.
Damals arbeitete eine Studentin für uns. Ihr Name war Sadaf. Sie hatte zuvor bei einer Organisation gearbeitet, die sich mit dem Bereich HLP - Housing, Land and Property - beschäftigte. Dabei geht es darum, Menschen, die durch Krieg, Klimawandel oder andere Ursachen zwischenzeitlich aus ihren Häusern vertrieben wurden, möglichst schnell wieder dahin zurückzubringen. Die Vereinten Nationen suchten dafür nach einer digitalen Lösung.
Wer in einem Flüchtlingslager ankommt und keinen Pass oder keine Eigentumsurkunde für das eigene Haus hat, braucht mitunter Jahre, bis er seine Identität wieder vollständig nachweisen kann. Man muss zu Behörden gehen, Schlange stehen, Gespräche führen, Formulare auf Papier ausfüllen.
Sadaf, unsere Studentin, überzeugte uns damals von der Notwendigkeit einer solchen Software, die an das anschließt, was wir ohnehin machten, und so begannen wir, auf diesem Gebiet zu arbeiten.
Dann kam der Krieg. Ich sagte: Das ist es. Wir entwickeln das für die Ukraine. Zwar war damals noch Syrien das Land mit der größten Vertreibung von Menschen auf diesem Planeten. Dort waren innerhalb von acht Jahren bis zu 13,8 Millionen Syrerinnen und Syrer aus dem Land beziehungsweise ihren Häusern vertrieben worden. Doch in der Ukraine dauerte es nur drei Monate, bis 14 Millionen Menschen vertrieben waren.
Wie weist man nach, wo man gelebt hat? Wie weist man die Schäden am eigenen Haus nach? Kann man sein Haus überhaupt zurückbekommen?
Viele Dinge lassen sich nachweisen. Zum Beispiel über den Verlauf von Uber- oder Taxifahrten. Wenn ich in den letzten fünf Jahren jedes Mal von irgendeinem abgelegenen Restaurant immer wieder zu derselben Adresse gefahren bin, dann ist das ein Beleg dafür, dass ich dort gewohnt habe.
Oder man hat eine Kopie seiner Stromrechnung. Solche Dinge legt man dann in seine digitale Identität. Dann ermöglichen die HLP-Regelungen und die sogenannte Transitional Justice, solche Unterlagen als Beweismittel anzuerkennen und Menschen schneller zurückzubringen.
Wie ging es dann weiter?
Ich traf einen Professor der McGill-University in Montreal, der seit Jahren an Restitutionsprogrammen in Jugoslawien, Syrien, Myanmar und ähnlichen Ländern arbeitet. Und der wiederum stellte mich seinem Freund Igor vor, der die Einsätze der IOM leitet, der Internationalen Organisation für Migration der Vereinten Nationen.
Im August 2022 sagte dieser Igor zu mir: "Ich habe ein Budget für eine zweiwöchige Reise nach Kyjiw. Willst du nicht mitkommen?" Und so fuhren wir nach Kyjiw, ohne zu wissen, was uns erwartet. Ob es überall Panzersperren geben würde, Bunker, Soldaten auf den Straßen und all diese Dinge. Dann kamen wir im wunderschönen Hotel Bursa an, wo John und ich uns einquartierten.
Wir waren nach Kyjiw gekommen, um die ukrainische Regierung dabei zu beraten, wie die Rückkehr und Wiederansiedlung ukrainischer Geflüchteter beschleunigt werden kann. In der HLP-Gemeinschaft herrschte damals große Aufregung, weil die Ukraine ein Gesetz verabschiedet hatte über die Schäden, die ukrainischen Zivilisten durch die Russische Föderation entstanden waren. Es schuf einen rechtlichen Rahmen, damit Menschen Ansprüche gegen Russland geltend machen konnten – etwa um ihre Häuser reparieren oder zerstörte Fenster ersetzen zu lassen. Die Idee war, dass das Geld aus irgendeinem Restitutionsfonds kommen sollte.
Die anderen reisten wieder ab. Ich beschloss, noch drei Tage länger in Kyjiw zu bleiben, weil die Stadt großartig ist. Am Tag vor meiner Abreise rief mich Igor an. Er sagte: "Ich veranstalte am 6. Oktober eine Konferenz in Kyjiw. Ich habe Budget und möchte, dass du dort sprichst." Dann begann ich zu rechnen, mir wurde klar: Es ist billiger, einfach da zu bleiben. Und so blieb ich viele weitere Wochen.
Auf der Konferenz traf ich Kollegen, die sich ebenfalls für den Wiederaufbau interessierten. Da wurde mir klar: Ich versuche zwar, Menschen möglichst schnell wieder zurückzubringen. Aber man kann niemanden zurückbringen, dessen Haus nicht mehr existiert, schwer beschädigt ist oder um das Minenfelder und Blindgänger liegen.
Mir wurde klar, dass Wiederaufbau wie eine Zwiebel ist. Man zieht Schicht für Schicht ab. Bevor man Häuser bauen kann, muss man Minen räumen. Bevor man Minen räumen kann, stellt sich die Frage, wie man das alles bezahlt. Also gründete ich schließlich eine NGO, die Peace Coalition. Sie bringt Minenräumer, Architekten, Ingenieure, Juristen und viele andere zusammen, damit wir gemeinsam an Lösungen arbeiten können.
Ich begann, Dörfer im Kyjiwer Umland zu besuchen – dort, wo die Russen bis auf etwa zwanzig Kilometer an die Hauptstadt herangekommen waren. Das waren Orte wie Borodjanka und Hostomel.
Ich besuchte dort einen dieser großen sowjetischen Plattenbauten – diese quadratischen Gebäude mit neun Stockwerken, in denen wahrscheinlich dreihundert Menschen leben. Als wir ankamen, sahen wir, dass die Russen zu Beginn der Invasion Bomben genau in die Mitte des Gebäudes geworfen hatten. Der gesamte Mittelteil war eingestürzt. Im Luftschutzkeller darunter hatten sich fünfzig Menschen befunden, sie waren alle ums Leben gekommen.
Da kamen zwei Männer auf uns zu, die in diesem Gebäude gewohnt hatten. Zu diesem Zeitpunkt war das Haus bereits seit sechs Monaten zerstört, und in all dieser Zeit war nichts passiert. Die beiden Männer beschwerten sich darüber, dass überhaupt kein Wiederaufbau stattfand.
Sie versuchten sogar, von den örtlichen Behörden die Genehmigung zu bekommen, das Gebäude abzureißen und neu aufzubauen. Aber sie bekamen keine Genehmigung, weil sie sich das Bestechungsgeld nicht leisten konnten. Da beginnt man zu verstehen, was Wiederaufbau in der Praxis eigentlich bedeutet.
Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar. In den ersten Kriegstagen schossen die Ukrainer einen russischen Hubschrauber ab, der direkt auf das Haus des Ehepaars stürzte. Sie lebten anschließend in einem kleinen Gartenschuppen. Das Wasser kam aus einem Rohr und war braun. Schließlich tauschten ukrainische Soldaten die Wrackteile des Hubschraubers gegen drei Wellblechplatten ein. So bekamen sie wenigstens wieder ein Dach über dem Kopf.
Das Beste, was ich bisher gesehen habe, ist, dass manche NGOs mit einem Lastwagen in die Dörfer kommen, auf dem Fenster und Türen geladen sind. Sie laden alles ab und sagen: "Viel Glück." Den Einbau müssen die Leute dann selbst übernehmen.
Die ukrainische Regierung hat sich bislang sehr zurückgehalten, öffentlich dazu aufzurufen, dass Privatpersonen Entschädigungsansprüche anmelden sollen, obwohl es dafür bereits dieses Gesetz gibt. Sie zögert, dieses Programm vollständig zu öffnen, weil sie das Geld für die Entschädigungen schlicht nicht hat. Deshalb wird viel über das internationale Schadensregister gesprochen, das in Den Haag eingerichtet wurde. Es existiert inzwischen seit ungefähr zwei Jahren und nimmt Ansprüche entgegen. Diese Ansprüche beziehen sich allerdings ausschließlich auf Infrastruktur und nur auf die international anerkannten Gebiete der Ukraine.
Wir wissen bis heute nicht, was der Wiederaufbau des Landes kosten wird. Die Schätzung der Weltbank, die derzeit als die verlässlichste gilt, liegt inzwischen bei 588 Milliarden US-Dollar. Aber diese Zahl beruht ausschließlich auf Schäden an Brücken, Stromversorgung, Eisenbahn, Staudämmen, Straßen und anderer Infrastruktur. Wohnhäuser sind darin überhaupt nicht enthalten.
Also beginnt man darüber nachzudenken, wie man den Wiederaufbau praktisch beschleunigen kann. Es gibt in der Ukraine Fabriken, die Modulhäuser herstellen können. Wir brachten deshalb einige Architekten zusammen, darunter auch den ehemaligen Chefarchitekten von Kyjiw.
So begannen wir, den Wiederaufbau zu planen. Und irgendwann konnte man das Ganze auch beziffern. Man konnte sagen: Dieses Dorf mit vielleicht zwölfhundert Einwohnern könnten wir komplett wieder aufbauen. Und wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir dieses ganze Dorf für 25 Millionen wiederaufbauen könnten.
Sofort stellt sich die nächste Frage: Woher kommen diese 25 Millionen? Die ukrainische Regierung hat dafür kein Geld. Und selbst wenn sie welches hätte, würde sie es für den Krieg ausgeben, weil das im Moment Priorität Nummer eins ist.
Ich habe viele Vertreter westlicher Unternehmen kennengelernt aus den Bereichen Bauwirtschaft, Architektur, Ingenieurwesen, Zementindustrie, Schwertechnik und so weiter. Alle brennen darauf, in die Ukraine zu kommen und beim Wiederaufbau zu helfen. Aber sie stehen außerhalb der Grenze und warten. Denn ihre Unternehmen haben kein Interesse daran, 25 Millionen Dollar oder Euro in den Wiederaufbau eines Dorfes zwanzig Kilometer von Kyjiw entfernt zu investieren, wenn niemand garantieren kann, dass es nicht erneut zerstört wird.
Sie wollen Versicherungen. Aber niemand versichert das. Wenn also niemand bereit ist, westliche Arbeiter, Maschinen oder Investitionen in der Ukraine zu versichern, wird dort auch niemand investieren.
Aber der Krieg wird ja irgendwann einmal enden.
Ja, natürlich. Aber genau darin liegt das Problem. Angenommen, der Krieg endet heute. Wie viele ukrainische Flüchtlinge leben deiner Meinung nach inzwischen in Deutschland? Unglaublich viele. Wahrscheinlich mindestens eine Million.
Je länger dieser Krieg dauert, desto mehr von ihnen werden nicht zurückkehren. Aus zwei Gründen. Erstens: Sie leben inzwischen seit drei Jahren in München oder irgendwo anders. Sie haben Arbeit gefunden. Vielleicht haben sie jemanden kennengelernt. Sie haben sich dort ein neues Leben aufgebaut.
Und zweitens: Stell dir vor, du kommst aus genau diesem Dorf, von dem ich gesprochen habe. Dein Haus existiert nicht mehr. Der Krieg endet heute. Wann beginnt dann der Wiederaufbau? Und an welcher Stelle auf der Prioritätenliste steht gerade dein Dorf?
Nach meiner Erfahrung identifizieren sich die Ukrainer sehr stark mit ihrer jeweiligen Region. So wie jemand aus Bayern zuerst Bayer ist und erst danach Deutscher. Stell dir vor, Bayern müsste aufgegeben werden, um den Rest Deutschlands zu erhalten. Was würde es dann überhaupt noch bedeuten, Bayer zu sein?
Viele Menschen werden gar nicht mehr an ihre ursprünglichen Orte zurückkehren können. Und selbst wenn man Unternehmen dazu bewegen könnte, all das wieder aufzubauen, bleibt dieselbe Frage: Woher soll das Geld kommen?
Damit kommt man zwangsläufig zu der Frage nach einem Reparationsprogramm. Ich bin sicher, dass viele Deutsche dabei sofort an den Versailler Vertrag denken. Aber diese Zeiten sind vorbei – vor allem, wenn es sich um eine Atommacht handelt. Man wird niemals einen Staat, der über Atomwaffen verfügt, dazu zwingen können, Reparationen für die Schäden seiner Aggression zu zahlen. Niemals.
Deshalb haben die westlichen Staaten die Vermögenswerte russischer Privatpersonen und staatlicher Einrichtungen eingefroren, von denen wir ausgehen, dass sie an dieser Aggression beteiligt waren oder sie unterstützt haben.
Weltweit wurden zwischen 600 und 800 Milliarden an russischen Vermögenswerten eingefroren. Das bekannteste Beispiel sind die rund 200 Milliarden Euro bei Euroclear in Belgien, einer Plattform für den Handel mit Staatsanleihen.
Dafür gibt es nicht nur ein moralisches Argument. Im Völkerrecht existiert tatsächlich ein Instrument, das sich "Countermeasures", also Gegenmaßnahmen nennt. Im Grunde besagt es, dass alle Staaten, die die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet haben – also praktisch alle außer Nordkorea oder wem auch immer – verpflichtet sind, gemeinsam solche Maßnahmen gegen einen Staat zu ergreifen, der die territoriale Souveränität eines friedlichen Nachbarstaates verletzt.
Sollte die Ukraine eines Tages ihre vollständige territoriale Integrität einschließlich der Krim wiedererlangen, glaube ich, dass der Wiederaufbau eher vier Billionen Euro kosten wird. Das größte Wiederaufbauprojekt der modernen Geschichte war die deutsche Wiedervereinigung. Allein der Aufbau Ost hat zwei Billionen gekostet - und dort lagen keine Blindgänger rum! Es gab keine Minenfelder, keine tausende Kilometer Glasfaserkabel, keine zerstörten Fischereihäfen und keine völlig verwüstete Infrastruktur.
Am Ende wird es vier Billionen Euro kosten und mindestens dreißig Jahre dauern. Allein die Minenräumung wird vermutlich zwanzig Jahre in Anspruch nehmen. In Kambodscha räumt man noch heute Minen, obwohl dort seit den siebziger Jahren geräumt wird.
Wenn wir die Ukrainer wirklich unterstützen wollen – und sei es nur, damit die ukrainischen Flüchtlinge irgendwann nach Hause zurückkehren können –, dann müssen wir zuerst ihre Heimat wieder aufbauen.
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Die Sirenen gehen los, du bestellst dir einfach ein Bolt, einen Uklon oder ein Uber, fährst ins Zentrum, setzt dich mit deinen Freunden draußen vor ein Café und trinkst einen Kaffee. Wenn ihr über Resilienz sprechen wollt und was es heißt zu leben – genau das ist es.
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Michael Holod
Und wenn es auf diesem Planeten jemanden gibt, der die Ukraine unterstützen sollte, dann sind das die Europäer. Denn wenn jemand glaubt, Putin würde nach einer Eroberung der Ukraine nicht auch nach Litauen, Lettland oder Polen schauen, dann macht er sich etwas vor.
Ich komme aus Kanada, einem Land, das seit vielen Jahrzehnten in Frieden lebt. Deshalb haben wir unsere Streitkräfte vernachlässigt. Zu wenige Soldaten, nicht genug moderne Ausrüstung. Wir brauchen im Moment die schlagkräftigste Armee Europas – und das ist die ukrainische Armee. Sie zählt etwa eine Million Soldaten. Sie muss Europa so lange schützen, bis wir selbst wieder in der Lage sind, unsere Verteidigung aufzubauen.
Aber auch das kostet Geld, das irgendwoher kommen muss. Ein Anfang wäre, dass die Russen dafür bezahlen müssen. Warum nehmen wir nicht einfach die 200 Milliarden Dollar, die auf einem Bankkonto liegen? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.
Warum bist du so lange in Kyjiw geblieben, Michael? Du bist doch nur für zwei Wochen hierhergekommen.
Ich mache immer den Witz, dass jeder, der nach Kyjiw kommt und zwei Wochen hier verbringt, nie wieder weg will. Es ist wirklich eine wunderbare Stadt. Die Menschen sind unglaublich – wegen ihrer, wie heißt dieses schicke Wort noch, Resilienz.
Erst gestern wurde ein Gebäude getroffen, ganz in der Nähe. Podil hatten sie vorher nie angegriffen, das ist etwa hundert Meter von hier entfernt, wo wir jetzt sitzen. In einem Umkreis von ungefähr einem Häuserblock gibt es Wohnungen und Gebäude ohne Fenster, überall liegt Glas. Und trotzdem – das war gestern, Sonntag, der letzte Luftalarm endete gegen acht Uhr morgens. Ich war gegen Mittag dort, und da waren mindestens hundert Leute. Überall standen Zelte und große Maschinen, und die Menschen räumten einfach das Glas von den Gehwegen. Die Cafés, deren Fenster komplett zerstört waren, machten trotzdem Cappuccino für die Leute. Deshalb bin ich hier geblieben.
Jeder, den ich kenne, arbeitet zwölf Stunden am Tag. Das ist die normale Schicht. In diesem Café, in diesem Hotel – zwölf Stunden. Man arbeitet von acht bis acht. Danach muss man noch aufräumen. Und dann muss man vor halb elf in die Metro kommen, weil die Ausgangssperre um Mitternacht beginnt.
Und irgendwo dazwischen schaffen es all diese Menschen auch noch, DJ zu sein oder Dichter oder Modedesigner. Wirklich jeder, der das hier liest, muss nach Kyjiw kommen. Ihr müsst das erleben, dann werdet ihr verstehen. Dann müsst ihr nicht einmal mehr an Menschenrechte oder all diese anderen Dinge glauben. Ihr wollt einfach nur irgendein Stock nehmen und an die Front gehen, denn diese Menschen haben das verdient.
Ich möchte glauben und hoffen, dass wir genauso wären, wenn – Gott bewahre – Kanada jemals angegriffen würde. Dass wir uns genauso zusammenschließen würden. Dass wir genauso durchhalten würden.
Ich kann es wirklich nicht richtig beschreiben. Aber jede einzelne Person, die ich kennengelernt habe – und ich mag Menschen, ich lerne gern Menschen kennen –, ob Ausländer oder Ukrainer, ist sich in einem Punkt einig: Wir werden diesen Krieg gewinnen. Er wird vorbei sein. Wir werden wieder aufbauen. Vielleicht werden wir sogar besser sein als vorher.
Ich wusste vorher überhaupt nicht, was mich hier erwarten würde. Dachte ich, man würde hier nur Borschtsch und Kartoffeln bekommen? Nein. Ich habe hier einige der besten Mahlzeiten meines Lebens gegessen. Es gibt Musik und Clubs und den besten Techno-Club der Welt. Zwei meiner Freunde, die Resident-DJs im Berghain in Berlin waren, sind nach Kyjiw gezogen und zwei andere kommen alle sechs Wochen. Sie sagen, dass dieser Techno-Club K41 der beste reine Techno-Club der Welt ist.
Das hier ist Europa. Die Franzosen müssen sagen: "Verdammt, sie greifen Paris an." Die Deutschen müssen sagen: "Nein, verdammt, sie greifen Berlin an." Die Tschechen müssen sagen: "Nein, sie greifen Prag an". Denn genau das ist es.
Aber ist das nicht auch beängstigend hier?
Eigentlich nicht. Wie gesagt, ich bin seit August 2022 hier. Also seit dreieinhalb Jahren. In all dieser Zeit war ich genau einmal in einem Bunker – selbst in dieser Nacht von Samstag auf Sonntag, als es hier wirklich haarig war.
Eine Sache, die ich gelernt habe, ist das Leben mehr zu schätzen und zu verstehen, was es eigentlich wertvoll macht. Denn jeder von uns kann heute aus der Haustür gehen, über die Straße laufen und von einem Bus überfahren werden.
Vielleicht ist das etwas, das man hier lernt. Die Luftalarmsirenen gehen los – ich habe neulich nachgezählt - seit ich hier bin ungefähr dreitausendmal. Und trotzdem verändert sich in Kyjiw nichts. Die Sirenen gehen los, du bestellst dir einfach ein Bolt, einen Uklon oder ein Uber, fährst ins Zentrum, setzt dich mit deinen Freunden draußen vor ein Café und trinkst einen Kaffee. Wenn ihr über Resilienz sprechen wollt und was es heißt zu leben – genau das ist es.
Vielleicht wird das Leben erst dann wirklich wertvoll, wenn man es jeden Moment verlieren könnte und ständig daran erinnert wird. Die Menschen gehen ins Kino, in großartige Jazzclubs, Tanzclubs, Kunstausstellungen oder zu anderen kulturellen Veranstaltungen. Heute passiert sogar mehr Kultur als früher.
Vielleicht bringt erst die unmittelbare Nähe des Todes das Beste im Menschen hervor. Und seltsamerweise sieht man dann überall großartige Dinge. Man sieht, wie Menschen sich freier ausdrücken. Man sieht, wie sie mutiger werden, beinahe furchtlos gegenüber der Realität dieses Krieges. Und irgendwann denkt man sich: Ja, ich könnte davor weglaufen. Aber warum? Wohin sollte ich überhaupt laufen?
Ich bin 57 Jahre alt und seit fast vier Jahren hier, mitten in einem Krieg, mit dreitausend Luftalarmen. Ich gehe nicht in die Bunker. Und trotzdem sind das die besten vier Jahre meines Lebens – beruflich wie persönlich. Ich könnte heute Abend sterben. Ich könnte jetzt sofort sterben. Und ich wäre glücklich, weil ich das Gefühl hätte, mein Leben wirklich gelebt zu haben.
Sendung: rbb|24, 20.07.2026, 17:37 Uhr
Audio: rbb|24, 20.07.2026, Natalija Yefimkina im Gespräch mit Julian von Bülow
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