Thüringen saniert DDR-Kleinspeicher als Löschwasser- und Hochwasserschutz
Immer wieder haben Kommunen und Kreise mit dem Land gestritten: Keiner wollte sich um die kleinen Wasserspeicher der einstigen LPGs kümmern. Und schon gar nicht dafür bezahlen. Jetzt heißt es aus der Politik: Wir müssen sie dringend erhalten. Das Land baut die Mini-Stauseen nun in seine Wasser-Strategie ein.
- 6 min read
AUDIO: Thüringen saniert DDR-Kleinspeicher (2 Min)
Wasserressourcen der Zukunft
Heftig umstritten und unverzichtbar: Kleine Wasserspeicher werden erhalten
Stand: 07.09.2026 20:06 Uhr
Immer wieder haben Kommunen und Kreise mit dem Land gestritten: Keiner wollte sich um die kleinen Wasserspeicher der einstigen LPGs kümmern. Und schon gar nicht dafür bezahlen. Jetzt heißt es aus der Politik: Wir müssen sie dringend erhalten. Das Land baut die Mini-Stauseen nun in seine Wasser-Strategie ein.
von Loréne Gensel, MDR THÜRINGEN
- Thüringen integriert die früher umstrittenen Kleinspeicher in eine neue Wasserstrategie.
- Die Talsperre Elsterschänke wird teuer saniert und vor allem als Löschwasserreservoir genutzt.
- Das Umweltministerium prüft ausgewählte Speicher für Hochwasser Landwirtschaft und Naherholung.
Deutschland wird seit 2015 immer trockener. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung in Potsdam, der NASA und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt haben das erst vor wenigen Tagen mit neuen Daten der Satellitenmission GRACE Follow-On belegt: Die letzten zehn Jahre sind Schritt für Schritt immer trockener geworden als die 15 davor. Der Hitzesommer 2026 ist da noch nicht eingerechnet.
DDR hatte Wasserspeicher für LPGs gebaut
Doch auch ohne diese Daten wissen wir: Wir brauchen jeden Wassertropfen, den wir irgendwo zurückhalten können. Jetzt und in Zukunft. Deshalb ist das Thüringer Umweltministerium froh über mehr als 60 Streitobjekte der letzten Jahrzehnte: Die sogenannten Kleinspeicher. Diese überall im Land verteilten Mini-Talsperren hat die DDR gebaut. Damals wurde Beregnungswasser für die Äcker der LPGs gebraucht.
Der Zustand des Waldes auf der Hohen Schrecke nach dem Sommer 2026.
Jahrelang waren keine Eigentümer da
Nach der Wiedervereinigung wollten die neu gegründeten Agrarbetriebe diese Speicher nicht übernehmen. Zu teuer. Und als das Vermögen der ehemaligen DDR neuen Besitzern zugeordnet wurde, übersah man diese künstlichen Seen. Über viele Jahre war niemand dafür zuständig.
Abgesehen von einigen wenigen Kommunen, die sich freiwillig um diese Erholungsorte und Angelparadiese ihrer Einwohner kümmerten. Wasser für Felder wurde und wird bis heute nur aus wenigen der rund 60 Anlagen entnommen.
Talsperren-Betreiberin TFW hat übernommen
2009 überarbeitete der Freistaat Thüringen sein Wassergesetz. Mit der Verabschiedung durch den Landtag übernahm das Land die Verantwortung für diese Wasserspeicher. Zehn Jahre später wurde gesetzlich geregelt, dass die Thüringer Fernwasserversorgung TFW sich darum kümmert.
Als Betreiberin aller Thüringer Talsperren, die dem Land gehören, hat die Anstalt öffentlichen Rechts das nötige Fachpersonal für das Management der Anlagen. Seitdem tut sich etwas an manchen dieser Staubecken.
Video: Neue Perspektiven für DDR-Staubecken auf der Saalfelder Höhe (3 Min)
Stadt Saalfeld entschied sich für Sanierung
Das aktuell beste Beispiel ist die Talsperre Elsterschänke bei Arnsgereuth. Dieser Ortsteil der Stadt Saalfeld liegt auf der trockenen Saalfelder Höhe. Schon 2010 hatte das Thüringer Umweltministerium die Stadt gefragt: Abreißen oder erhalten - was soll mit dem See passieren?
Der Leiter des Tiefbauamtes der Stadt, Uwe Neumann sagt, in Saalfeld und den heutigen Ortsteilen sei man sich schnell einig gewesen: Ja zur Sanierung. Dafür musste die Stadt einen Teil der Kosten übernehmen. 2024 wurde die Anlage aus den 1970er-Jahren abgestaut und die Bauarbeiten starteten.
Alexandra König und Uwe Neumann vom Tiefbauamt Saalfeld auf dem Damm der Talsperre Elsterschänke.
Speicher wird dringend für Löschwasser gebraucht
Einige wenige Agrarbetriebe nutzen die von Einheimischen "Silbersee" genannte Talsperre noch und holen dort Wasser für ihre Tiere. Aber Tiefbauamtsleiter Neumann sagt: "Wir wollen diesen Speicher nicht vordergründig für die Landwirtschaft erhalten. Jetzt brauchen wir ihn vor allem als Löschwasser-Reserve. Wir sind hier oben im Schiefergebirge in einer ganz trockenen Gegend und haben keine öffentlichen Gewässer. Für die Löschwasserversorgung ist die Anlage ein Fortschritt."
Nach zwei Jahren ist die Sanierung der Talsperre Elsterschänke abgeschlossen.
Waldbrand von 2026 hat Bedarf gezeigt
Nur elf Fahrminuten von dem Stausee entfernt sind im letzten Sommer 300 Hektar Wald abgebrannt. Das Löschwasser dafür hatte man unter anderem aus den großen Saaletalsperren geholt. Die 45.000 Kubikmeter Wasser, die die Talsperre Elsterschänke speichern kann, hätten da sehr geholfen.
Aber damals war die Sanierung in vollem Gang. Die TFW bestätigt im Gespräch mit MDR THÜRINGEN: Immer mehr Thüringer Kommunen fragen nach Löschwasser aus diesen Speichern. Und verhandeln mit der TFW über Wege, sie zu sanieren.
Auf dem Gösselsberg bei Saalfeld waren im Juli 2025 bis zu rund 250 Hektar Wald von einem Brand betroffen, mehr als 80 Hektar wurden zerstört. Löschwasser heranzuholen war eine der größten Herausforderungen in der trockenen Gegend.
Sanierung der "Elsterschänke" kostet 1,9 Mio. Euro
Die Kosten dafür sind nicht unerheblich. Alexandra König, Bauleiterin im Tiefbauamt Saalfeld, sagt: "Die Stadt und das Land haben 1,9 Millionen Euro am Speicher Elsterschänke verbaut." Der Damm wurde auf beiden Seiten abgedichtet und stabilisiert, der Notüberlauf erneuert, Grundablass und Auslaufrinne erneuert.
"Jetzt beginnt das Probestau-Programm. Dafür wird die Anlage maximal befüllt und wir schauen auf jeder Dammseite, ob alles dicht ist. Und wenn wir in zwei Jahren feststellen, dass alles in Ordnung ist, gilt sie als Hochwasseranlage", so König.
Während der Sanierung wurde der Grundablass vor dem Damm erneuert und der Auslauf neu gefasst.
Hochwasserschutz wird immer wichtiger
Lokale Starkregen werden häufiger und heftiger. Deshalb schaut das Thüringer Umweltministerium auch auf das, was die Kleinspeicher für den Hochwasserschutz leisten. Es ist Teil des Gesamtpotentials dieser Gewässer für die Zukunft der Wasserversorgung. Prof. Martin Feustel leitet im Ministerium die Abteilung Wasserwirtschaft.
Im Gespräch mit MDR THÜRINGEN verweist er auf das Thüringer Landesprogramm Wasserressourcen, dass sein Haus gerade erarbeite. Und kündigt an, das Potential der mehr als 60 Kleinspeicher werde dort berücksichtigt.
Prof. Martin Feustel leitet die Abteilung Wasserwirtschaft im Thüringer Umweltministerium
Ausgewählte Speicher werden speziell geprüft
Worin kann dieses Potential liegen? Seit der Wiedervereinigung war das Interesse der Agrarbetriebe an Beregnungswasser aus diesen Anlagen gering. Viel habe sich daran nicht geändert, sagt Lars Teichmüller von der TFW.
Prof. Martin Feustel zieht in Betracht, dass sich das mit immer extremer werdenden Trockenjahren auch wieder ändern könnte. "18 ausgewählte Speicher werden von uns jetzt unter die Lupe genommen. Wir prüfen, wie, wo und zu welchen Kosten sie künftig weiter sinnvoll und wirtschaftlich genutzt werden können."
Der sanierte Speicher schützt das Tal bei Hochwasser. Noch ist das Staubecken leer, im Herbst beginnt der Probestau.
Lieblingsorte der Bürger sollen erhalten bleiben
Der Experte für Wasserwirtschaft weiß: Diese kleinen, künstlichen Seen haben sich zu schönen Orten in der Landschaft entwickelt. "Die örtliche Bevölkerung nutzt die Wasserflächen. Über Jahrzehnte haben sie sich daran gewöhnt. Dort wird geangelt, gebadet. Es ist nicht geplant, dass wir uns in großem Maße von diesen Speichern trennen, wir haben kein Rückbauprogramm geplant", sagt Feustel. Das Ministerium will diese Gewässer auch als ökologisch wertvolle Lebensräume erhalten. Wie viel Geld dafür ausgegeben werden kann, steht noch nicht fest.
MDR (log/cfr/gh)