UN-Generalsekretär Guterres: "Supermächte sollten die Grenzen ihrer Macht erkennen"
Der Portugiese führt die Vereinten Nationen durch eine der schwersten Krisen der Diplomatie seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem STANDARD spricht er über Trump, Putin, rechte Kräfte und die Gefahr durch KI
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Vor UN-Generalversammlung
UN-Generalsekretär Guterres: "Supermächte sollten die Grenzen ihrer Macht erkennen"
Der Portugiese führt die Vereinten Nationen durch eine der schwersten Krisen der Diplomatie seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem STANDARD spricht er über Trump, Putin, rechte Kräfte und die Gefahr durch KI
Interview
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Benno Schwinghammer
Das ikonische Hochhaus der Vereinten Nationen am East River, ganz oben, 38. Stock. Der Konferenzraum des Generalsekretärs ist dunkel getäfelt, an der Wand prangt das UN-Emblem: die Weltkarte mit dem Nordpol im Zentrum.
António Guterres tritt ein, leicht gebückt geht der 77-Jährige zum Kopfende der Tafel. Er setzt sich auf das für ihn drapierte Kissen, das seinen unteren Rücken entlasten soll, und gibt noch einige Tipps gegen Schmerzen. Am 31. Dezember endet nach zehn Jahren Guterres' Amtszeit, am Dienstag startet in New York die letzte UN-Generalversammlung für den Portugiesen. Vorab teilt er mit dem STANDARD seine Einschätzungen zur Lage der Welt.
STANDARD: Laut Experten gibt es heute so viele bewaffnete Konflikte wie nie, seit Beginn der Zählung 1946. Die Zahl der Vertriebenen und der Menschen, die akut hungern, hat sich während Ihrer Amtszeit in den vergangenen zehn Jahren in etwa verdoppelt. Außerdem ist für die Ukraine, den Iran und den Nahostkonflikt keine diplomatische Lösung in Sicht. Wie viel von alledem geht auch auf Ihre Kappe?
Guterres: Wir leben in einer Situation, die von einer tiefen geopolitischen Spaltung geprägt ist, in der zwei Supermächte unmittelbar in Konflikte verwickelt sind. Diese Spaltung schafft ein Klima der Straflosigkeit, weil der UN-Sicherheitsrat nicht in der Lage ist, entschlossen zu handeln, um Frieden und Sicherheit zu wahren. Und nach dem Vorbild der Supermächte glauben auch Mittelmächte, sie könnten tun und lassen, was sie wollen. Wir erleben, wie sich Konflikte vervielfachen, und wir erleben völlige Straflosigkeit: Es gibt in der internationalen Gemeinschaft kein Instrument, das diejenigen bestrafen könnte, die sich danebenbenehmen.
STANDARD: Wozu führt das?
Guterres: Weil Konflikte wie in der Ukraine oder im Nahen Osten so tief reichen, trifft das die Weltwirtschaft mit voller Wucht – und ganz besonders die verwundbarsten Länder. Wir sehen steigende Lebensmittelpreise, steigende Energiepreise, steigende Zinsen. Das schafft ein Umfeld, in dem Entwicklung schwieriger wird. Vor allem die verwundbarsten Länder zahlen einen hohen Preis, weil sie in Schulden ertrinken, während die Zinsen steigen. Aber selbst in entwickelten Gesellschaften begünstigen die wachsende Inflation und die Tatsache, dass die Menschen für viele ihrer Probleme keine Lösung sehen, den Aufstieg populistischer Kräfte und gefährden das normale Funktionieren demokratischer Gesellschaften.
STANDARD: Sie sagen es selbst: Die Großmächte handeln nach dem Recht des Stärkeren. Als UN-Chef haben Sie zwar keine Armee, aber großes moralisches Gewicht. Haben Sie in den vergangenen zehn Jahren laut genug protestiert – gegen Putin, Netanjahu und auch gegen Trump?
Guterres: Wenn Sie sich ansehen, wie sie mich angegriffen haben, werden Sie vermutlich feststellen, dass mir das durchaus gelungen ist. Es geht nicht darum, Menschen um der Kritik willen zu kritisieren. Es geht darum, darauf zu pochen, dass grundlegende Werte geachtet werden – die Charta, das humanitäre Völkerrecht. Und es geht darum, diejenigen anzuprangern, die diese Grundprinzipien verletzen und sich dabei in Kriege verstricken, in denen die Zivilbevölkerung unermesslich leidet und in denen vielfach die Existenz ganzer Bevölkerungen auf dem Spiel steht.
STANDARD: Was folgt daraus für die Supermächte?
Guterres: Wenn man sich die Konflikte ansieht – wie sie andauern und wie sie sich entwickelt haben –, dann müssen wir, glaube ich, festhalten: Supermächte sollten die Grenzen ihrer Macht erkennen. Denn die Wahrheit ist, dass abgesehen davon, dass man nicht hinnehmen darf, dass das Recht des Stärkeren über die Stärke des Rechts siegt, noch etwas anderes offensichtlich ist: Bei der Ausübung ihrer Macht zeigen sie, wie schwer es für sie ist, ihre Ziele zu erreichen.
STANDARD: Die Nachkriegsordnung gerät nicht nur von außen unter Druck, sondern auch von innen. Sie haben einst Portugals Sozialisten angeführt. Nun ist die extreme Rechte in Europa auf dem Vormarsch: Die AfD hat in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent geholt und führt bundesweit die Umfragen an. Die Vereinten Nationen wurden als Antwort auf den Faschismus gegründet. Was sagt es Ihnen, dass rechtes Gedankengut 80 Jahre später ausgerechnet in Deutschland so stark ist?
Guterres: Zum einen haben sich die demokratischen Kräfte oft schwergetan, sich an eine veränderte Welt anzupassen. Kommunikation funktioniert heute völlig anders als zu der Zeit, als ich Premierminister in Portugal war. Die traditionellen demokratischen Kräfte hatten Mühe, sich auf die neue Zeit einzustellen und die Menschen wirksam zu erreichen, wenn es um deren Sorgen geht. Und diese Sorgen haben sich zuletzt dramatisch verändert. Dadurch ist eine gewisse Leerstelle entstanden, in die mitunter die extreme Rechte vorstößt. Zum anderen stimmt es aber auch: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Sorgen um die Sicherheit, die Schwierigkeit, Migrationspolitik vernünftig zu gestalten – all das liefert mitunter Vorwände, die der extremen Rechten in die Hände spielen.
STANDARD: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat wegen der politischen Situation in der Heimat seine Reise zur UN-Generalversammlung abgesagt. Was können Länder tun, um ihre Demokratien zu verteidigen?
Guterres: Ich glaube, wir haben in jüngster Zeit erlebt, dass sich Politik und Zivilgesellschaft immer weiter auseinandergelebt haben. Und ich halte es für äußerst wichtig, die neuen Kommunikationsformen zu berücksichtigen und zu bedenken, wie tief die Technologie in unsere Gesellschaften eingedrungen ist. Die demokratischen Kräfte müssen sich, glaube ich, darum bemühen, den Austausch mit der Zivilgesellschaft wiederherzustellen und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen – und so den demagogischen Versuchen populistischer Kräfte etwas entgegenzusetzen.
STANDARD: Haben Sie Angst, dass Deutschland bald ein anderes Land ist?
Guterres: Ich vertraue den Deutschen. Und ich bin überzeugt, dass die Deutschen ihren großartigen Beitrag für Europa und für die Demokratie in Europa auch weiterhin leisten werden.
STANDARD: Wäre der junge und hier in New York beliebte Bürgermeister, der demokratische Sozialist Zohran Mamdani, eine geeignete Blaupause im Kampf um die Demokratie?
Guterres: Ich glaube, er zeigt, dass die Menschen es weitgehend satthaben, dass das System einfach so weitermacht wie bisher, obwohl sich die Gesellschaft rasant verändert. Wenn also eine Botschaft mit Kraft und mit dem klaren Ziel von Reformen daherkommt, neigen die Menschen dazu, ihr zu folgen. Die Frage ist nun, ob das auch angemessen umgesetzt wird.
STANDARD: Die Gesellschaft verändert sich rasant, auch durch Künstliche Intelligenz. Nutzen Sie selbst KI? Stand auf Ihren Sprechzetteln schon einmal etwas, das ein Chatbot geschrieben hat?
Guterres: Ich habe bei der Vorbereitung meiner Reden nie KI eingesetzt. Natürlich arbeite ich dabei immer mit meinem Team zusammen. Aber wir nutzen keine KI, um meine Reden vorzubereiten. Hier bei den Vereinten Nationen wird Künstliche Intelligenz für Übersetzungen und für viele Zwecke genutzt. Und in der Verwaltung der Organisation haben wir viele Chancen ergriffen, die KI eröffnet. Aber bei dem, was ich als Generalsekretär vermitteln will, soll der Mensch das Heft in der Hand behalten.
STANDARD: Wie lässt sich KI kontrollieren, bevor sie außer Kontrolle gerät? Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl: Welcher Weg ist der richtige?
Guterres: Entscheidend ist, dass es unter den Ländern mit dem größten KI-Potenzial einen ernsthaften Dialog gibt – und das sind nicht nur China und die Vereinigten Staaten, auch Europa gehört dazu. In diesem ernsthaften Dialog müssen wir begreifen, dass das Tempo der KI-Entwicklung angemessen gesteuert werden muss und es eine Reihe von Leitplanken braucht, an die sich alle halten. Die Frage ist nun: Werden wir das nötige Vertrauen aufbringen, um das Wirklichkeit werden zu lassen? Gerade erst gab es ein gutes Signal: Der US-Finanzminister (Scott Bessent, Anm.) hat erklärt, er sei bereit, mit China über KI-Sicherheit zu sprechen.
STANDARD: Trotzdem liefern sich die USA und China ein Rennen um die KI-Vorherrschaft.
Guterres: Eine Katastrophe wäre es, wenn Staaten – und vor allem Supermächte – glaubten, sie müssten so schnell wie möglich rennen, um die jeweils andere Supermacht zu besiegen. Erinnern wir uns: Im Kalten Krieg kam nach der Kubakrise und anderen Zwischenfällen ein Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zustande. Es wurden Regeln aufgestellt, und es gelang sogar, ernsthaft abzurüsten. Ich glaube, wir brauchen dieselbe Art von Vertrauen zwischen den entscheidenden Staaten. Denn die Hauptverantwortung dafür, die Sicherheit von KI zu gewährleisten, liegt bei den Regierungen – sie sind es, die das Leben und die Sicherheit ihrer Bürger schützen müssen.
STANDARD: Bleiben wir bei der Technologie: Österreich sitzt ab 1. Jänner im UN-Sicherheitsrat. Was erwarten Sie von dem Land, gerade mit Blick auf autonome Waffen und darauf, wie man sie eindämmen kann?
Guterres: Ich trete für ein Verbot autonomer Waffen ein, und ich halte das für den richtigen Weg. Im Kern geht es darum, dass der Mensch das Heft in der Hand behält, wenn es um die Entscheidung geht, Waffen einzusetzen, die leider Menschen töten. Das darf man nicht Maschinen überlassen. Killerroboter sind aus meiner Sicht inakzeptabel, und ich vertraue darauf, dass Österreich in diesem Kampf, in diesem Ringen, an vorderster Front stehen wird. Zugleich erwarten wir, glaube ich, von einem demokratischen Land im Sicherheitsrat, dass es mit klarer Stimme stets die Charta verteidigt, das Völkerrecht verteidigt, das humanitäre Völkerrecht verteidigt – und dass es Verstöße anprangert, auch wenn sie von anderen Mitgliedern des Rates ausgehen.
STANDARD: Ein paar kurze Fragen zum Schluss. Wer Ihre Nachfolge antritt, ist noch offen. Würden Sie sich freuen, wenn es endlich eine Frau wird?
Guterres: Ich darf mich in das Verfahren nicht einmischen, denn damit würde ich diese oder jene Kandidatur begünstigen. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich mich freuen würde, eine Frau in diesem Amt zu sehen, dann muss ich sagen: Ich würde mich sehr freuen.
STANDARD: Werden Ihre Enkel in einer Welt aufwachsen, in der die Werte der Vereinten Nationen noch zählen?
Guterres: Ich glaube, genau dafür sollten wir alle arbeiten. Und wenn man mich fragt, ob ich in dieser Hinsicht Optimist oder Pessimist bin, antworte ich immer mit einem Satz von Jean Monnet: nicht optimistisch, nicht pessimistisch, sondern entschlossen. Wir alle müssen fest entschlossen sein, die demokratischen Werte zu bewahren.
STANDARD: Was wird Ihnen an New York am meisten fehlen?
Guterres: Am meisten fehlen wird mir, das muss ich sagen, das großartige Kulturleben dieser Stadt. Wenn man zum Beispiel zeitgenössische Kunst mag: Hier kommen Menschen aus der ganzen Welt zusammen, in allen Bereichen. Das wird mir ungemein fehlen.
STANDARD: Und was nicht?
Guterres: Der Lärm, der Dreck in vielen Gegenden und die Aggressivität, die man manchmal zu spüren bekommt.
STANDARD: Und dann – Ruhestand?
Guterres: Ich habe keine Ahnung, was ich am 1. Jänner machen werde. Ich konzentriere mich voll und ganz auf die Zeit bis zum 31. Dezember. (Benno Schwinghammer aus New York, 20.9.2026)
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