Union-Fraktionschef Thorsten Frei: „Wahr ist: Das ist ungünstig gelaufen“

Seit gut einer Woche ist er neuer Fraktionschef der Union: CDU-Mann Thorsten Frei. Wie er auf die Autorität des Kanzlers blickt, wie er zu seinem neuen Amt steht – und warum sich Frei im Rentenstreit auf keine Kompromisse einlassen will.

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Union-Fraktionschef Thorsten Frei: „Wahr ist: Das ist ungünstig gelaufen“

Union-Fraktionschef Thorsten Frei „Wahr ist: Das ist ungünstig gelaufen“

06.08.2026 · 06:09 Uhr

 Thorsten Frei (CDU) ist seit gut einer Woche neuer Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.

Thorsten Frei (CDU) ist seit gut einer Woche neuer Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.

Foto: Michael Kappeler

Interview | Berlin · Seit gut einer Woche ist er neuer Fraktionschef der Union: CDU-Mann Thorsten Frei. Wie er auf die Autorität des Kanzlers blickt, wie er zu seinem neuen Amt steht – und warum sich Frei im Rentenstreit auf keine Kompromisse einlassen will.

Herr Frei, sind Sie in Ihrem Traumjob angekommen?

Frei Ja. Diese Tage sind zwar nicht beispielhaft für die Arbeit unter dem Jahr – wir befinden uns in der parlamentarischen Sommerpause. Die sitzungsfreie Zeit bietet aber die Chance, vieles auszuloten, Gespräche zu führen und somit für den politischen Herbst vorzubereiten.

Es hieß, Sie hätten mit dem Amt des Kanzleramtschefs gefremdelt. Warum?

Frei Das stimmt nicht. Ich habe das Amt von Anfang an als große Ehre und Freude empfunden. Meine Aufgaben dort waren ausgesprochen anspruchsvoll und lehrreich. Ich konnte viel bewirken. Im Bundestag habe ich aber wieder deutlich mehr mit Menschen zu tun. Und bei den Debatten dort reden zu dürfen, habe ich in den vergangenen 15 Monaten vermisst.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger Jens Spahn?

Frei Ich bin nicht angetreten, um alles anders zu machen. Jeder Fraktionsvorsitzende setzt gemäß seiner Persönlichkeit eigene Schwerpunkte. Die Fraktion ist für die Aufgaben, die sie zu bewältigen hat, sehr gut aufgestellt. Wo Anpassungen nötig sind, werde ich sie Schritt für Schritt vornehmen.

Können Sie sich ein Comeback von Spahn vorstellen?

Frei Grundsätzlich ja. Entscheidend ist, ob Jens Spahn das möchte.

Wissen Sie mehr?

Frei Nein.

Als Kanzleramtschef haben Sie Friedrich Merz den Rücken freigehalten. Sehen Sie das auch als Ihre Aufgabe als Fraktionschef?

Frei Die Aufgabe ist schon eine andere. Union und SPD müssen die Verabredungen aus dem Koalitionsvertrag in Gesetze übersetzen und dafür Mehrheiten organisieren. Ausgangspunkt sind für mich dabei die Positionen der CDU/CSU-Fraktion. Ich will ihre Wünsche und ihren Willen einbringen und der Koalitionspolitik eine klare Unionsprägung geben.

Mitunter auch gegen den Kanzler?

Frei Auch der Kanzler weiß: Die Fraktion ist nicht der Vollstrecker der Bundesregierung, sondern Auftraggeber und Impulsgeber – auch mit eigenen Initiativen.

Frei Ich würde dringend davon abraten. Die Rentenreform ist ein gewaltiges Vorhaben. Über Jahrzehnte wurde das Rentenniveau schrittweise gesenkt. Wir brauchen unbedingt die Trendwende. Die Kapitalrente wird den entscheidenden Beitrag leisten, das Gesamtversorgungsniveau deutlich zu erhöhen.

Aber die Beiträge werden zunächst weiter steigen.

Frei Das stimmt. Aber wir schaffen eine maßgebliche Verbesserung: Ab den 2040er-Jahren können wir wieder dauerhaft auf ein Versorgungsniveau von mehr als 50 Prozent kommen.

Ihre ostdeutschen Ministerpräsidenten, aber auch andere stellen die Reform jedoch infrage und wollen die Rente mit 63 beibehalten.

Frei Die Reform, so wie die Rentenkommission sie vorgeschlagen hat, ist ein Gesamtkunstwerk. Wer einen der Bausteine herausbricht, muss mit weiteren Änderungswünschen rechnen – und bringt am Ende das ganze Gebäude zum Einsturz. Davor kann ich nur warnen. Zum Reformkonzept gehört, dass die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abgeschafft wird. Dadurch vermeiden wir Ausgaben im Milliardenbereich. Ich habe noch keinen Vorschlag gehört, wie die Summe kompensiert werden könnte.

Wären Sie bei einem Kompensationsvorschlag gesprächsbereit?

Frei Das würde dann gelten, wenn er einigungsfähig ist und die Kosten kompensiert werden. Allerdings haben wir nicht umsonst eine Kommission aus Expertinnen und Experten sowie hochqualifizierten Abgeordneten damit befasst.

SPD-Chefin und Sozialministerin Bärbel Bas sympathisiert mit den Regierungschefs. Was erwarten Sie von ihr?

Frei Was wir brauchen ist Tempo, denn die Zeit drängt. Wenn die Reform noch in diesem Jahr durch den Bundestag soll, muss Frau Bas im Herbst einen Referentenentwurf vorlegen. Und dieser muss dem Kommissionsvorschlag entsprechen – einschließlich der Abschaffung der Rente mit 63. Das hat die Sozialministerin bei Vorlage des Berichts selbst zugesagt.

Im Herbst stehen auch entscheidende Haushaltswochen an. Der Etat 2027 sieht rund 200 Milliarden Euro neue Schulden vor. Gibt es noch Sparpotenzial?

Frei In einem so großen Haushalt gibt es immer Sparpotenzial. Die hohe Neuverschuldung hängt allerdings wesentlich mit den stark gestiegenen Verteidigungsausgaben zusammen. Auch diese werden wir nicht dauerhaft auf Pump finanzieren können. Insofern müssen wir unsere Sparanstrengungen nochmals verstärken.

Wo könnte konkret gespart werden?

Frei Der Rasenmäher ist immer dann ein Mittel, wenn man nichts Besseres weiß. Das meine ich gar nicht abwertend. Wir müssen bei freiwilligen, nicht gesetzlich gebundenen Leistungen ansetzen – also bei Finanzhilfen und Steuervergünstigungen. Um Einsparpotenziale zu heben, brauchen wir einen intelligenten Rasenmäher, also einen mit variabler Schnitthöhe.

Viele in Ihrer Fraktion halten auf der anderen Seite die geplante Steuerreform von zehn Milliarden Euro für zu klein. Geht noch mehr?

Frei Kurzfristig sehe ich dafür keinen Spielraum. Zusätzliche Entlastungen müssten gegenfinanziert werden – möglicherweise mit Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigen. Das wollen wir nicht. Außerdem tritt unsere Wirtschaft seit sieben Jahren auf der Stelle. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, fließen die Steuern nicht üppig und der Staat hat nichts zu verteilen.

Kommen wir zum Kanzler. Sie haben gesagt, Friedrich Merz habe bei der Personalrochade Pech gehabt. Andere sprechen von handwerklichen Fehlern.

Frei Wir hören jetzt viele kluge Ratschläge. Man muss sich aber vor Augen führen, dass der Kanzler mit dem überraschenden Rücktritt von Jens Spahn umgehen musste. Gemeinsam mit Markus Söder sprach er daraufhin eine Empfehlung an die Fraktion für die Nachfolge aus. Diese wiederum führte zu Veränderungen im Kabinett. Der Kanzler musste unter erheblichem Zeitdruck die offenen Positionen nachbesetzen.

Darum geht es nicht. Friedrich Merz hat mehrere CDU-Landesverbände gegen sich aufgebracht – nicht zuletzt durch den Umgang mit Verkehrsminister Patrick Schnieder.

Frei Wahr ist: Das ist ungünstig gelaufen, auch wegen des kurzfristigen Rückzugs des designierten Nachfolgers. Patrick Schnieder verdient selbstverständlich die bestmögliche Behandlung und den größtmöglichen Respekt.

Sehen Sie keinen Autoritätsverlust des Kanzlers?

Frei Nein. Die Personalrochade hat zwar Fragen aufgeworfen. Sie wurden aber in der letzten Fraktionssitzung beantwortet. Nach der Sommerpause werden wir uns wieder den Sachthemen widmen.

Wie wichtig sind die Landtagswahlen im September für die Kanzlerschaft von Friedrich Merz?

Frei Die Wahlergebnisse würde ich nicht auf die Kanzlerschaft von Friedrich Merz beziehen. Gleichwohl sind die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin von großer Bedeutung. Wir brauchen in den Bundesländern eine starke politische Mitte. Alles andere wirkt sich auf die Stabilität unseres Landes aus. Davon hängt ab, mit welcher Kraft wir die anstehenden Reformen angehen können.

Ein Unionsfraktionschef gilt durchaus als möglicher Kanzlernachfolger. Trauen Sie sich das Amt zu?

Frei Diese Frage stellt sich nicht. Die Fraktion hat mich mit großer Mehrheit in ein Amt gewählt, das ich persönlich als Traumjob bezeichne. Auf den Erfolg der Koalition möchte ich mich konzentrieren – auch, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.

Sie sehen sich nicht als potenzieller Kanzler?

Frei Ich sehe mich als Fraktionsvorsitzender.

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