Pferdegrab unter Parkplatz in Darmstadt entdeckt: Archäologen stehen vor historischem Rätsel
Unter einem ehemaligen Parkplatz haben Archäologen ein ungewöhnliches Pferdegrab freigelegt. Was hinter der rätselhaften Bestattung am Darmstädter Marienplatz steckt, sollen die kommenden Untersuchungen enthüllen.
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Archäologischer Fund auf Großbaustelle Sechs Pferdeskelette geben Forschern Rätsel auf
Unter einem ehemaligen Parkplatz haben Archäologen ein ungewöhnliches Pferdegrab freigelegt. Was hinter der rätselhaften Bestattung am Darmstädter Marienplatz steckt, sollen die kommenden Untersuchungen enthüllen.
Archäologen arbeiten vorsichtig an den freigelegten Pferdeskeletten in Darmstadt. Bild © Petra Demant, hr
Schädel, Wirbelsäulen und lange Beinknochen zeichnen sich deutlich in der Erde ab. Während nur wenige Meter weiter schwere Baumaschinen über den Marienplatz rollen, legen Mitarbeitende der Grabungsfirma Archäoplan mit deutlich kleinerem Werkzeug mindestens sechs Pferdeskelette frei. Einige liegen nebeneinander, andere übereinander.
Dass bei den Bauarbeiten Überreste der früheren Dragonerkaserne auftauchen würden, war für die Archäologen keine Überraschung: Historische Pläne zeigen, wo die Gebäude einst standen.
"Neben den bekannten Mauern sind im Kasernenhof auch Strukturen aufgetaucht, die auf historischen Plänen nicht verzeichnet sind", sagt Thomas Becker, Bezirksarchäologe beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Dazu gehören kleinere Gebäudereste, ein Brunnen - und nun die Grube mit den Pferden.
Ende des Videobeitrags Tote Pferde gehören nicht in eine Pferdekaserne
Pferde gehörten zum Alltag der Kaserne: In den Erdgeschossen der Gebäude waren die Tiere der Soldaten untergebracht. Darüber lebten die Dragoner, also die Soldaten der berittenen Infanterie. Der Fund der Skelette passt deshalb zunächst zum Ort, allerdings nur auf den ersten Blick. "Eigentlich haben tote Pferde in einer Pferdekaserne nichts zu suchen", sagt Becker.
Manche Pferdeskelette liegen übereinander, sorgfältig abgelegt. Bild © Petra Demant, hr
Auch die Lage der Tiere wirft Fragen auf. Fünf der bisher sichtbaren Pferde liegen übereinander, allerdings offenbar nicht wahllos: "Die wurden nicht einfach reingeworfen. Die fünf Pferde liegen übereinander und sind sorgfältig abgelegt", sagt Linda Sagl, Geschäftsführerin der mit der Ausgrabung beauftragten Firma Archäoplan. Die Archäologen gehen inzwischen davon aus, dass mindestens sechs Tiere in der Grube liegen. Möglicherweise sind es sogar noch mehr.
Wo einst Darmstadts Dragoner lebten
Die Geschichte des Geländes als Militärstandort reicht rund 200 Jahre zurück. Die Dragonerkaserne am heutigen Marienplatz wurde nach Angaben der Stadt zwischen 1825 und 1827 nach Plänen des Architekten Franz Heger errichtet. Dragoner waren ursprünglich Infanteristen, die auf Pferden zum Einsatzort ritten und dort zu Fuß kämpften. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sie sich zu Kavallerieeinheiten.
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03:59 Min.|Petra Demant
Bild © Petra Demant/hr| zur Audio-Einzelseite
Am Marienplatz war zuletzt das 1. Großherzoglich Hessische Garde-Dragoner-Regiment Nr. 23 untergebracht. Zu der Anlage gehörten große Stallungen und ein Kasernenhof. Historische Quellen zeigen, dass dort noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg Hunderte Soldaten und Pferde stationiert waren.
Nach dem Ende des Kaiserreichs verlor die Kaserne jedoch ihre ursprüngliche Funktion. Während der NS-Zeit wurde das Gelände erneut militärisch genutzt. Bei der Darmstädter Brandnacht im September 1944 wurde die Anlage letztendlich weitgehend zerstört.
Das 1. Großherzoglich Hessische Garde-Dragoner-Regiment. Bild © Richard Knötel
Warum wurden die Pferde hier begraben?
Eine mögliche Erklärung für das Pferdegrab führt in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mit dem Ende des Kaiserreichs wurde die militärische Einheit 1918 aufgelöst. In den chaotischen Monaten der Entmilitarisierung könnte es an Geld oder Möglichkeiten gefehlt haben, die Tiere weiter zu versorgen.
"Vielleicht gab es sogar kein Geld mehr, um einen Abdecker zu rufen", sagt Geschäftsführerin Sagl. Gemeint ist damit die damalige Beseitigung toter Tiere. Sie betont allerdings, dass dies bislang nur eine Theorie sei.
Hinweise auf die Umstände könnten die Knochen selbst liefern. Die Fachleute wollen unter anderem Alter und Geschlecht der Tiere bestimmen und untersuchen, ob Verletzungen oder Krankheiten Hinweise auf ihre Todesursache geben. Nach einem ersten Blick vermutet Becker, dass es sich überwiegend um weibliche Tiere handeln könnte. Möglicherweise sei auch ein Wallach, ein kastriertes männliches Pferd, darunter.
Hufeisen und möglicherweise Reste von Sattelzeug
Interessant sind für die Archäologen auch Metallspuren an den Skeletten. Einige Knochen haben sich durch den Kontakt mit Metall grün verfärbt, zudem schlägt der Metalldetektor in der Erde weiterhin an. Sagl vermutet deshalb, dass neben Hufeisen auch Teile des damaligen Sattelzeugs erhalten geblieben sein könnten.
Die Skelette werden nun Schicht für Schicht freigelegt. Zunächst dokumentiert das Team die genaue Lage der obersten Tiere, dann werden die Knochen geborgen und die darunterliegenden Pferde freigelegt.
Verpackt werden sie so, dass ein Spezialist später möglichst schnell erkennen kann, welcher Knochen zu welchem Körperteil und welcher Seite des jeweiligen Tieres gehört.
Schon 2025 stießen Bauarbeiter auf die alte Kaserne
Dass unter dem Marienplatz noch Überreste der Anlage liegen, ist schon länger bekannt. Bereits im Frühjahr 2025 kamen bei Erdarbeiten für die neue Kita Mauerreste und ein Gewölbe zum Vorschein, das nach Angaben der Stadt vermutlich als Sickergrube genutzt worden war. Die Überreste wurden damals archäologisch dokumentiert, bevor die Bauarbeiten weitergingen.
Auch Überreste der alten Dragonerkaserne werden gefunden. Bild © Petra Demant, hr
Auf dem rund 1,4 Hektar großen, ehemaligen Parkplatz entsteht derzeit ein neues Quartier mit rund 320 Miet- und Eigentumswohnungen, Gewerbeflächen und einer öffentlichen Kita. Bevor dafür unter anderem die Tiefgarage gebaut werden kann, dokumentieren die Archäologen die Spuren der Vergangenheit, denn anschließend werden die Fundamente innerhalb des Baufeldes verschwinden.
Knochen sollen die Geschichte erzählen
Auch von dem Pferdegrab selbst wird am Marienplatz später nichts mehr zu sehen sein. Die Skelette werden fotografiert, vermessen und anschließend Stück für Stück aus der Erde geholt, bevor Fachleute sie genauer untersuchen. "Wir verpacken sie so, dass der Fachmann sie schnell auf einem Tisch auslegen kann und dann das Pferd komplett fertig da liegen hat", erklärt Sagl.
Erst danach dürfte sich zeigen, wann die Tiere starben, ob sie gleichzeitig begraben wurden und weshalb sie überhaupt mitten im Kasernenhof landeten.
Bis dahin bleibt unter dem früheren Darmstädter "Holperparkplatz" ein kleines archäologisches Rätsel zurück; eines, von dem jahrzehntelang niemand wusste, dass es dort überhaupt lag.