Urlaub auf dem Vierfelderhof in Gatow: Die Berliner Oase, die kaum jemand kennt

Gatow ist einer jener Orte, von denen viele Berliner schon einmal gehört haben – die aber kaum jemand wirklich kennt. Ein Zipfel Stadt im Südwesten, dort, wo sich die Bebauung allmählich verliert und die Havel ...

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Urlaub auf dem Vierfelderhof in Gatow: Die Berliner Oase, die kaum jemand kennt

Gatow ist einer jener Orte, von denen viele Berliner schon einmal gehört haben – die aber kaum jemand wirklich kennt. Ein Zipfel Stadt im Südwesten, dort, wo sich die Bebauung allmählich verliert und die Havel weit wird. Die Ufer wirken offener, die Wege länger. Es gibt Spaziergänger, Radfahrer, vereinzelt Ausflügler – aber keine Spur jenes Massentourismus, der andere Wasserlagen der Stadt längst überformt hat.

Eher Dorf als Stadtteil

In Gatow leben knapp 3500 Menschen. Es ist ein Ort, der eher ein Dorf als ein Stadtteil ist, mit einer eigenen Identität. Wer hier lebt, hat sich bewusst dafür entschieden, Abstand zu halten, ohne Berlin ganz zu verlassen. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: dass Gatow zur Stadt gehört und sich zugleich wie ein kleines eigenes Dorf anfühlt.

Wer diesen Teil der Stadt besucht, landet früher oder später auf dem Vierfelderhof. Eine lokale Institution, ein traditioneller Bauernhof am Rand des Ortsteils, der für viele längst eher ein Herzensort ist als nur ein landwirtschaftlicher Betrieb.

Von Kreuzberg aus braucht man etwa eine Stunde hierher. Spätestens wenn man die Havel überquert, stellt sich das Gefühl ein, weit draußen zu sein – obwohl man noch immer in Berlin ist. Es ist kein abrupter Übergang, keine klare Grenze – die Stadt verliert langsam an Dichte, das Grün gewinnt an Raum. Und genau dann, wenn man nur noch Wald und Wiesen sieht, trifft man auf den Vierfelderhof.

Schweine stehen im Matsch, Hühner scharren über den Boden, ein Wind zieht über das Gelände, in der Hofküche klappert Geschirr. Claudia Lotz hat den Bauernhof in diesem Jahr übernommen und ihn wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Am Wochenende kommen Familien, Paare, Kinder: Sie probieren die Hofküche, toben auf dem Spielplatz und lernen die Tiere kennen. Warum hat sich Lotz auf dieses Wagnis eingelassen?

Der Tisch für das gemeinsame Essen ist gedeckt: bei diesem Wetter natürlich unter freiem Himmel.

Der Tisch für das gemeinsame Essen ist gedeckt: bei diesem Wetter natürlich unter freiem Himmel.

© Vierfelderhof

Wir treffen Claudia Lotz, die eigentlich Kita-Unternehmerin ist, an einem sonnigen Vormittag auf dem Vierfelderhof. Sie steht am Rand des Geländes, der Blick geht zu den Feldern – prüfend, ob alles seinen Gang geht. Gleich wird sie noch darauf achten, dass die Eier aus dem Hühnerstall eingesammelt werden. Eine Idylle, zumindest auf den ersten Blick. „Wir betreiben hier einen ganz normalen Bauernhof“, sagt Lotz. „Ein Betrieb mit Nutztieren und Land – wir öffnen am Wochenende einfach unsere Türen.“

Dass sie heute hier steht, ist kein geradliniger Schritt. Ihre Karriere begann mitten in der Stadt, in der Berliner Kita-Landschaft. Organisation und Personalführung sind ihr beruflicher Hintergrund. 2013 gründete sie ihre erste Einrichtung in Tempelhof, gegenüber dem Sankt-Joseph-Krankenhaus.

Eine Kita führte zur nächsten, Strukturen entstanden, Teams wuchsen. Heute betreibt Lotz 14 Kitas. Der Hof kam zunächst als pädagogische Erweiterung dazu. „Ich habe für meine Kitas einen Hof gesucht, um den Kindern naturnahe Erfahrungen zu ermöglichen“, sagt sie. „Fremdsprachen lernen die später – aber viel wichtiger sind Handwerk, Landwirtschaft, Langeweile und Matschepampe.“

Keine Büchse in den Busch

Seit etwa 2014 kommen ihre Kita-Gruppen regelmäßig hierher. Anfangs gab es nur einen Bauwagen auf einer gepachteten Fläche. Ein provisorischer Ausgangspunkt. „Die Kinder kommen hier an und sind den ganzen Tag draußen“, sagt Lotz. „Die kennen jedes Huhn mit Namen. Die wissen, was die Schweine fressen. Manchmal wissen sie mehr über die Natur als ihre Eltern.“

Was die Kinder hier lernen, lässt sich schwer in Lehrpläne fassen. Kartoffeln pflanzen, Tiere füttern, Wolle verarbeiten. „Kinder lernen am erlebbaren Vorbild“, sagt Lotz. „Wenn die sehen, wie viel Arbeit das alles macht, bekommen sie ein anderes Verhältnis zur Natur.“ Dann fügt sie hinzu: „Wenn die das einmal verstanden haben, werfen die keine Büchse in den Busch.“ Der Hof wird so zu einem erweiterten Lernraum. Für Lotz ist der Bauernhof ein zentraler Bestandteil ihres pädagogischen Konzepts. Im Sommer organisiert sie sogar Camps für Kinder, die für alle offen stehen.

Der Vierfelderhof selbst hat eine lange Geschichte. Für viele in Gatow gehört er zur lokalen Erinnerung. Lange betrieb Bauer Warte den Hof – klassisch, eingebunden in die Strukturen der Region. Irgendwann geriet der Betrieb ins Wanken. Der Hof wurde verkauft, eine Stiftung übernahm. Ziel war es, Landwirtschaft und Bildung zu verbinden.

Landleben für Großstädter erlebbar machen: auf dem Vierfelderhof

Landleben für Großstädter erlebbar machen: auf dem Vierfelderhof

© Vierfelderhof

Alte Tierrassen, eigene Produkte, ein Kindergarten – das Konzept funktionierte zunächst. Doch ein Hof dieser Größe braucht mehr als eine Idee. „Was so ein Betrieb abverlangt, ist Präsenz“, sagt Lotz. „Und Liebe zum Detail. Jeden Tag.“ Die fehlte zunehmend. Die Betreiber wurden älter, waren kaum vor Ort. Dann kam Corona. „Da wurde hier alles zugemacht“, sagt Lotz. „Alle Tiere verkauft. Es ging gar nichts mehr.“ Ein stillgelegter Hof verfällt schnell: Leitungen platzen, Flächen verwildern, Strukturen brechen zusammen. „Das hat dem Hof überhaupt nicht gutgetan.“

Vierfelderhof für Kids – ein Erlebnis!

Vierfelderhof für Kids – ein Erlebnis!

© Vierfelderhof

Nach der Pandemie übernahmen neue Pächter – und gaben nach wenigen Monaten auf. „Das Ding ist einfach gigantisch“, sagt Lotz. Als ihre Familie erneut vor der Entscheidung stand, den Hof zu übernehmen, zögerte sie zunächst. „Ich hatte den Hof schon einmal im Visier“, erzählt sie. „Aber da dachte ich, das schaffe ich nicht.“ Dann kam erneut eine Chance. „Und dann habe ich gesagt: Okay, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Ich mache das jetzt.“

Der Zustand des Hofs war schlecht. Die Infrastruktur war defekt, die Flächen waren vernachlässigt. „Wir sind eingestiegen mit rund 80.000 Euro Reparaturkosten“, berichtet Lotz. Seitdem arbeitet das Team nahezu ohne Pause. „Wir arbeiten seit Februar jeden Tag 14 Stunden. Samstag, Sonntag inklusive.“ Ein Hof, das wird hier schnell deutlich, ist kein Projekt, das man einmal aufsetzt. Er ist ein System, das täglich stabilisiert werden muss. Heute funktioniert der Vierfelderhof als offener Ort ohne starres Konzept. Landwirtschaft, Bildung, Gastronomie und Veranstaltungen greifen ineinander. „Wir müssen hier nichts künstlich schaffen“, sagt Lotz. „Die Dinge ergeben sich.“

Am Wochenende ist der Hof für Besucher geöffnet. Familien, Kinder und Anwohner können kommen, die Tiere beobachten und den großen Spielplatz nutzen. Der Eintritt kostet drei Euro und kommt vollständig dem Hof zugute. In der Hofküche gibt es einfache Gerichte; betrieben wird sie von den Machern des Berliner Restaurants Noms. Im Hofladen werden Produkte aus eigenem Anbau sowie Erzeugnisse von Partnerbetrieben angeboten – etwa Bio-Erdbeeren von einem befreundeten Hof oder eigener Rhabarber. Ein gelernter Koch ist regelmäßig vor Ort und stellt Marmeladen oder Pestos aus Kräutern vom Gelände her, die ebenfalls im Laden erhältlich sind. „Es ist kein Erlebnisbauernhof“, sagt Lotz. „Es ist einfach ein Ort, der sich öffnet.“

Rund um den Hof hat sich eine lose Gemeinschaft gebildet: Landwirte, Köche, kleine Betriebe, Besucher, die sich hier abends treffen und die Scheune und die Rasenflächen mieten. „Da sitzen auch die Landwirte mit am Tisch und hören zu“, schildert Lotz. Ein Beispiel dafür ist ein Kräutergärtner, der mehrere Hektar Fläche für den Hof bewirtschaftet. Er bietet regelmäßig Führungen an, zeigt, was hier wächst, erklärt, wie Wildkräuter verarbeitet werden. Es ist ein Ort ohne klar definierte Zielgruppe – eher ein Raum, in dem sich Verschiedenes überlagert. Und doch bleibt der Kern derselbe: Landwirtschaft.

Sichtbar glücklich

Sichtbar glücklich

© Vierfelderhof

90 Hektar müssen bewirtschaftet werden, Felder bestellt, Tiere versorgt. „Ohne Fördergelder geht es gar nicht“, sagt Lotz. „Und selbst mit ihnen ist es schwer. Wir schauen gerade, was funktioniert“, sagt sie und stellt die entscheidende Frage: „Lässt sich das langfristig tragen?“

Am Nachmittag wird es ruhiger. Kinder laufen noch über die Wiesen, ein paar Besucher sitzen im Schatten. Lotz steht ein Stück abseits. „Es wäre schön“, sagt sie, „wenn die Leute hier sitzen und einfach die Natur auf sich wirken lassen. Jetzt blüht der Mohn. Bald ist das Korn reif. Und dann gibt es Kartoffeln.“ Der Vierfelderhof gehört zu Berlin. Und wirkt doch wie ein Gegenraum. Ein Ort, der nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie schön die Natur sein kann. Als kleine Idylle in der Stadt.


Vierfelderhof: Bio-Landwirtschaftsbetrieb, Hofcafé, Familienbauernhof, Groß-Glienicker Weg 30, 14089 Berlin-Spandau. vierfelderhof.de

Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 11–19 Uhr oder solange das letzte Glas noch nicht leer ist. Eintritt: 3 Euro inklusive Nutzung des Spielplatzes. Der Hof organisiert Sommercamps und Geburtstage für Kinder. Außerdem kann man den Hof für Hochzeiten und Firmenevents buchen. instagram.com/vierfelderhof.gatow/

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