Verpflichtende Tests vor der Einschulung? Experte warnt vor folgenschwerer „Etikettierung“

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Verpflichtende Tests vor der Einschulung? Experte warnt vor folgenschwerer „Etikettierung“

Verpflichtende Tests für Kinder vor der Einschulung? Experte warnt vor CDU-Vorstoß

Stand: 15.09.2026, 13:37 Uhr

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Vor der Einschulung verbindliche Tests für alle Kinder im Alter von viereinhalb Jahren: Ein Vorstoß der rheinland-pfälzischen CDU sorgt für Diskussionen.

Frankfurt/Mainz – „Wenn Kinder in die Grundschule kommen, müssen sie Deutsch sprechen können und bestimmte Fähigkeiten beherrschen“, forderte Gordon Schnieder, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, zuletzt in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Mit dieser Kernbotschaft hat der CDU-Politiker eine bundesweite Debatte über verpflichtende Tests zur „Grundschulreife“ angestoßen. 

Unterricht in einer Grundschule.

Gordon Schnieder (CDU), Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, hat verpflichtende Tests für Kinder vor der Einschulung angekündigt. (Symbolbild) © Bernd Weißbrod/dpa

Auslöser sind anhaltend schlechte Ergebnisse deutscher Schüler in internationalen Vergleichsstudien wie PISA. „Im Moment sind sehr viele Kinder bei der Einschulung gar nicht grundschulreif“, beklagte Schnieder. Sein Plan sieht vor, Kinder bereits im Alter von viereinhalb Jahren verbindlich auf ihre Schulreife zu überprüfen. Dazu gehören Deutsch- und Motoriktests, unter anderem das Stifthalten, Schuhebinden und Schneiden mit einer Schere. Doch aus der pädagogischen Fachwelt kommt deutlicher Widerspruch. Der Vorstoß setze an den falschen Hebeln an und berge erhebliche Risiken für die kindliche Entwicklung, warnt ein Bildungsexperte auf Anfrage unserer Redaktion.

Verpflichtende Tests für Kinder vor der Einschulung? Experte warnt vor CDU-Vorstoß

Schon die Grundannahme des Vorhabens steht in der Kritik: „Die Rede von der ‚Grundschulreife‘ ist aus fachlicher Sicht problematisch und weitgehend überholt“, erklärt Niels Espenhorst gegenüber FR.de von Ippen.Media. Er ist Mitglied des erweiterten Vorstands der BAG-BEK (Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e. V.). Der Begriff vermittele fälschlicherweise das Bild, Kinder müssten zu einem starren Stichtag festgelegte Kriterien erfüllen, um überhaupt schultauglich zu sein. Der Übergang in die Schule hänge jedoch maßgeblich von den Rahmenbedingungen in Familie, Kita und Schule ab – nicht allein von den individuellen Fähigkeiten des Kindes.

Wird ein Kind bereits mit viereinhalb Jahren offiziell als „nicht grundschulreif“ eingestuft, drohe eine folgenschwere „Etikettierung“. Kinder könnten früh das Gefühl entwickeln, nicht zu genügen. Bei Eltern löse dies Verunsicherung und Leistungsdruck aus, so der Experte. „Die zentrale Frage sollte daher nicht sein, ob das Kind für die Schule bereit ist, sondern ob Schule und Bildungssystem darauf vorbereitet sind, die unterschiedlichen Voraussetzungen und Entwicklungsgeschwindigkeiten von Kindern aufzugreifen und zu fördern“, sagt Espenhorst.

Einmalige Stichtagstests sorgen für Bedenken: Begleitung über mehrere Jahre „deutlich differenzierter“

Besonders die Methode eines standardisierten, einmaligen Stichtagstests stößt beim Experten auf Bedenken. Ein solcher Test liefere lediglich eine Momentaufnahme und erlaube kaum verlässliche Prognosen darüber, wie sich ein Kind in den folgenden anderthalb Jahren bis zum tatsächlichen Schulstart entwickeln werde. Fachkräfte in Kindertagesstätten begleiteten Kinder dagegen über mehrere Jahre hinweg im Alltag.

„Pädagogische Fachkräfte beobachten Kinder in unterschiedlichen Situationen und können individuelle Stärken sowie Unterstützungsbedarfe deutlich differenzierter einschätzen als ein einmaliges Testverfahren“, betont Espenhorst. Anstatt auf isolierte Testzeitpunkte zu setzen, brauche es kontinuierliche, entwicklungsbegleitende Beobachtungsverfahren. Die moderne Pädagogik arbeite ressourcen- und stärkenorientiert: Im Fokus müsse stehen, welche Potenziale ein Kind mitbringt – nicht, was es noch nicht kann.

Deutsch-Tests vor der Einschulung? Experte sieht Risiko für mehrsprachig aufwachsende Kinder

Kritisch bewertet der Experte auch die von der Politik ins Spiel gebrachten Kriterien wie Schnürsenkelbinden, Stifthaltung oder den Umgang mit einer Schere. Zwar spiegeln diese Fähigkeiten Teilbereiche der Motorik wider, über den späteren Schulerfolg sagen sie jedoch nur wenig aus. Für einen gelingenden Schulstart seien Faktoren wie Neugier, Lernmotivation, soziale Kompetenzen, Konzentrationsfähigkeit und Selbstvertrauen weitaus entscheidender. Motorische Fertigkeiten entwickelten sich zudem höchst individuell. „Wer ‚Grundschulreife‘ an einzelnen praktischen Fähigkeiten festmacht, läuft Gefahr, komplexe Entwicklungsprozesse auf eine Checkliste zu reduzieren“, warnt Espenhorst.

Besondere Risiken sieht der Fachmann für Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Konzentriert sich ein Testverfahren ausschließlich auf deutsche Sprachkenntnisse, droht ihmzufolge eine massive Fehlbeurteilung: „Wenn ein Test ausschließlich die Deutschkenntnisse erfasst, kann leicht der Eindruck entstehen, ein Kind habe insgesamt sprachliche Defizite, obwohl es in seiner Familiensprache oder über beide Sprachen hinweg über einen großen Wortschatz und gute Kommunikationsfähigkeiten verfügt“, mahnt Espenhorst. Mehrsprachigkeit dürfe im Bildungssystem nicht als Defizit, sondern müsse als Stärke gewertet werden. Andernfalls würden sprachliche Potenziale übersehen und Kinder vorschnell als leistungsschwach abgestempelt.

Tests vor Schul-Start: Experte kritisiert fehlende Berücksichtigung von sozialen Faktoren

Hinter den Testergebnissen stecken zudem handfeste soziale Faktoren. Wie ein Kind bei Tests abschneidet, hänge stark von der sozialen Herkunft, dem Bildungsstand des Elternhauses und der bisherigen Verweildauer in einer Kindertagesstätte ab, erklärt der Experte weiter. Wer früh Zugang zu frühkindlicher Bildung hatte, starte mit völlig anderen Voraussetzungen als Kinder, die erst spät oder aufgrund von Betreuungsengpässen gar keinen Kita-Platz erhalten haben.

„Wenn diese unterschiedlichen Voraussetzungen nicht ausreichend berücksichtigt werden, besteht die Gefahr, dass soziale Ungleichheiten oder ungleiche Zugänge zum Bildungssystem als individuelle Defizite von Kindern interpretiert werden“, fürchtet Espenhorst. Förderbedarf, so das Fazit des Experten, dürfe daher niemals defizitorientiert vermittelt werden – sondern müsse als Anlass verstanden werden, allen Kindern „zusätzliche Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen“. (Quellen: Anfrage an BAG-BEK, Welt, Redaktionsnetzwerk Deutschland) (ph)