Politiker verpassen Aargauer Schule ein Noten-Diktat

Nach zehn Jahren ohne Schulnoten muss die Primarschule Rütihof in Baden AG ab August benoten. Schulleiterin Annette Rüetschi ist enttäuscht und kritisiert den politischen Entscheid.

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Politiker verpassen Aargauer Schule ein Noten-Diktat

«Viele Kinder werden frustriert sein»

Politiker verpassen Aargauer Schule ein Noten-Diktat

Nach zehn Jahren ohne Schulnoten muss die Primarschule Rütihof in Baden AG ab August benoten. Schulleiterin Annette Rüetschi ist enttäuscht und kritisiert den politischen Entscheid.

Publiziert: 13:35 Uhr

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Aktualisiert: 14:07 Uhr

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Ab 2026 Prüfungsnoten für Drittklässler an Schule Rütihof in Baden AG
  • Schulleiterin kritisiert politische Entscheidung, sieht Nachteile für Lernfortschritte
  • System ohne Noten seit über 10 Jahren erfolgreich, laut Schulleitung
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Tobias BruggmannRedaktor Politik

Wenn die frischgebackenen Drittklässler nach den Sommerferien in die Schule Rütihof in Baden AG zurückkehren, erwartet sie etwas Neues: Prüfungsnoten.

An vielen Schulen in der Schweiz ist das üblich. Doch an der Primarschule Rütihof gab es bislang auch für die älteren Schülerinnen und Schüler nur am Ende des Semesters die Zeugnisnoten. Dazwischen wurden die Lernfortschritte mit Kompetenzrastern, Lernlandkarten oder anderen Beurteilungsinstrumenten festgehalten.

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Das System läuft seit mehr als zehn Jahren. Erfolgreich, wie Schulleiterin Annette Rüetschi gegenüber Blick sagt. «Die Eltern und die Kinder haben dem System vertraut. Die Übertrittsgespräche in die Oberstufe liefen problemlos.» 

Doch jetzt muss die Schule gegen ihren Willen Prüfungsnoten einführen. Das hat das Parlament beschlossen. «Unsere Lehrpersonen und ich sind enttäuscht und frustriert über den politischen Entscheid, der von Leuten getroffen wurde, die keine pädagogischen Fachpersonen sind und sich offensichtlich nicht für Forschungsergebnisse interessieren», sagt Rüetschi.

«Viele Kinder werden frustriert sein»

Noten seien nicht förderlich für das Lernen der Kinder, so die Schulleiterin. «Menschen sind grundsätzlich nur dann zufrieden, wenn sie zu den Besten gehören. Pro Klasse sind das aber nur sehr wenige. Viele Kinder werden also frustriert sein, wenn sie nur genügend sind.»

Auch über den Lernfortschritt sagen die Noten wenig aus. «Wofür sollen sich Schüler anstrengen, wenn sie zwar viel geübt und grosse Fortschritte gemacht haben, aber trotzdem nur eine 3 bekommen?» Rüetschi nennt als Beispiel den Tennisunterricht: «Wenn mir der Coach sagt, ich hätte eine 3, bin ich frustriert und es bringt mir das nichts. Hingegen Bestätigung für das Gelernte und konkrete Tipps für die Verbesserung meines Spiels schon.»

Noten würden zudem eine Genauigkeit vorgaukeln, die es nicht gibt. «Zum Beispiel beeinflusst die Klassenstärke oder die Erwartungshaltung der Lehrperson die Benotung.»

Für die Lehrpersonen sei eine Bewertung ohne Noten arbeitsintensiver. «Taugliche Instrumente mussten im Team aufwendig erarbeitet werden. Diese immense Entwicklungsarbeit wird nun zunichtegemacht.» 

«Es herrscht absoluter Wildwuchs»

Hinter dem Vorstoss, der die Noten ab der dritten Klasse festschreibt, steckt EDU-Grossrat Martin Bossert. Ihn ärgern die unterschiedlichen Beurteilungsarten. «Es herrscht absoluter Wildwuchs in den Schulen. Mal werden Sternchen verteilt, mal Smileys und manchmal Noten», sagt Bossert. «Es verunsichert die Eltern und Schülerinnen und Schüler, dass an gefühlt jeder Schule die Leistungen auf eine andere Art beurteilt werden.» Mehrere Eltern hätten ihn angesprochen, worauf er den Vorstoss schrieb. 

Ob Noten aus pädagogischer Sicht richtig sind, lässt auch Bossert offen. «Hätte man den Lehrplan 21 konsequent umgesetzt, müsste man wohl tatsächlich über andere Bewertungssysteme nachdenken. Die Schulnoten sind aber breit anerkannt.» 

Bossert räumt ein, dass Noten subjektiv sind. «Doch welche Bewertungsform ist das nicht?» Das Problem liege tiefer. «Es ist erwiesen, dass Kinder aus Akademikerfamilien besser bewertet werden als andere. Das ist traurig und das eigentliche Problem.» Er wehrt sich gegen den Vorwurf, nicht über das Thema Bescheid zu wissen. «Ich habe mich mit mehreren Lehrern und Schulleitern ausgetauscht, war in der Erwachsenenbildung tätig und habe als Schulpfleger das System genau erlebt.» 

Nun muss auch die Schule Rütihof die neuen Regeln umsetzen. Wie das genau passiert, wolle man an einem Elternabend diskutieren.