Vier Tage Festival in Dresden: Wie ein Land lernt, Ausfälle auszuhalten
Vier Tage lang wird Dresden zur Hauptstadt der Informatik: Vom 22. bis 25. September lädt die Gesellschaft für Informatik (GI) zu ihrem Jahrestreffen an die TU Dresden. Rund tausend Teilnehmer werden erwartet, über fünfzig Workshops finden statt. Das Motto lautet diesmal "Digitale Resilienz" – ein Zustand, den man erst richtig spürt, wenn er fehlt. Drei Fachleute, die in Dresden dabei sind, erklären, was dahintersteckt und warum digitale Resilienz bei weitem nicht nur Informatiker, sondern uns a
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AUDIO: Digitale Resilienz: Vier Tage Festival in Dresden (6 Min)
Digitale Resilienz
Stand: 21.09.2026 13:24 Uhr
Vier Tage lang wird Dresden zur Hauptstadt der Informatik: Vom 22. bis 25. September lädt die Gesellschaft für Informatik (GI) zu ihrem Jahrestreffen an die TU Dresden. Rund tausend Teilnehmer werden erwartet, über fünfzig Workshops finden statt. Das Motto lautet diesmal "Digitale Resilienz" – ein Zustand, den man erst richtig spürt, wenn er fehlt. Drei Fachleute, die in Dresden dabei sind, erklären, was dahintersteckt und warum digitale Resilienz bei weitem nicht nur Informatiker, sondern uns alle angeht.
von Robert Rönsch, MDR WISSEN
"Wir können eigentlich feiern, dass es die Informatik gibt", sagt Martin Wolf, seit Anfang des Jahres Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) und Professor an der Fachhochschule Aachen. Und das tut die GI dann auch bei ihren jährlichen Tagungen, die sie Festivals nennt, diesmal an der TU Dresden. "Informatik ist und bleibt ein Grundbaustein der modernen Gesellschaft", sagt Wolf.
Das diesjährige Festivalmotto hat die GI bewusst gewählt: Digitale Resilienz, was so viel wie Widerstandsfähigkeit bedeutet – ein Thema, das nach Wolfs Überzeugung "in der Gesellschaft mehr Beachtung braucht". Man muss dafür kein Informatiker sein, sagt Ina Schieferdecker, Softwareforscherin und Mitglied im GI-Vorstand: Wirklich jeder sollte ein Grundverständnis von Informatik haben, und das Informatikfestival sei "ein Ort, wo man damit anfangen kann".
Manches bemerkt man erst, wenn es fehlt
Prof. Dr. Martin R. Wolf
Was digitale Resilienz ist, erklärt Wolf mit einem Vergleich aus der Medizin. "Nur im Falle einer Grippewelle merkt man, ob man ein resilientes Immunsystem hat oder nicht. Und das ist das Perfide daran." Genau so sei es im Digitalen, das unser heutiges Leben mehr oder weniger bestimmt. Solange alles läuft, spürt niemand, ob ein Land, eine Behörde oder ein Unternehmen einen Ausfall wegstecken könnte. "Sollte man aber angegriffen werden, sollte es zu Ausfällen kommen, dann merkt man sehr, sehr stark, ob die Auswirkungen besonders groß oder weniger groß sind. Und da muss man vorbauen und vordenken."
Ina Schieferdecker stimmt zu. Der Bürger bemerke Resilienz im Idealfall nie. Aber manchmal eben doch, nämlich dann, wenn sie fehlt oder überwunden wird. Wie jüngst beim Angriff auf die Berliner Verwaltung, bei dem sensible Daten von Bürgern im Darknet landeten.
Zu große Abhängigkeit
Prof. Dr. Ina Schieferdecker
Ein wichtiger Baustein für digitale Widerstandsfähigkeit ist die Technik, die man benutzt. Hardware und Software. Das Weltwirtschaftsforum schätzt, dass im kommenden Jahrzehnt mehr als zwei Drittel der neuen Wertschöpfung von digitalen Plattformen abhängen werden. Über 80 Prozent der deutschen Unternehmen wiederum fühlen sich von Software- und KI-Plattformen außerhalb Europas abhängig, hat die GI in einem Positionspapier festgehalten, an dem Schieferdecker mitgeschrieben hat. "Wir haben unsere digitale Infrastruktur teilweise ausgelagert. Und das merken wir erst im Krisenfall, im Notfall, wie abhängig wir sind", sagt sie. "IT ist eine Infrastruktur so wichtig wie die Stromversorgung und die Wasserversorgung."
Deutschland habe sich "aus Bequemlichkeit in viel zu große Abhängigkeiten begeben, die man aber auflösen kann". Sie verweist auf Japan und Südkorea, die über Jahrzehnte eigene Infrastrukturen aufgebaut haben, und stellt klar, was sie nicht meint: "Immer, wenn ich von souverän spreche, meine ich nie autark, sondern ein kluges Netzwerk von Abhängigkeiten, aber auch mit essenziellen, kritischen Komponenten, die wir selber in der Hand haben." Das Werkzeug ihrer Wahl wäre offene Software, also "Open Source", verbunden mit dem, was sie "Inner Source für Europa" nennt: kritische Bausteine innerhalb Europas teilen, ohne alles für die Welt zu öffnen.
Beim Festival in Dresden arbeitet die GI daran am Mittwoch, dem 23. September, in einer Session mit dem Titel "Software-defined Germany". Im Herbst soll daraus eine Initiative werden, ein "Weckruf Richtung Gesellschaft, Wirtschaft, Politik", wie Schieferdecker sagt. Software sei der Kern heutiger Wertschöpfung, meint auch sie, "und das gilt nicht nur fürs Auto, das gilt mittlerweile sogar für ein Gebäude".
Wenn das Amt nicht mehr arbeiten kann
Am härtesten trifft fehlende Resilienz dort, wo Bürger und Staat sich begegnen. Anfang Juli 2021 legte ein Erpressungsangriff die Verwaltung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld lahm. Als erste Kommune Deutschlands rief der Landkreis wegen eines Cyberangriffs den Katastrophenfall aus, monatelang liefen Sozialleistungen und Zulassungen nur im Notbetrieb. Seitdem haben Hunderte Kommunen Ähnliches erlebt, 2023 traf es über den Dienstleister Südwestfalen-IT mehr als 70 auf einen Schlag.
Manuel Atug
Manuel Atug, Sprecher der AG KRITIS, eines Zusammenschlusses unabhängiger Fachleute für kritische Infrastrukturen, erinnert daran, dass solche erfolgreichen Angriffe nicht nur die offensichtlichen Folgen für die betroffenen Behörden haben, sondern in der Konsequenz auch wirtschaftlich-existenzielle Auswirkungen: "Wenn man ein Kfz nicht an- oder abmelden kann, dann verkaufen Autohäuser genau keine Autos. Das können die mal eine Woche überbrücken oder auch zwei oder drei. Aber wir sprachen von Monaten." Und schuld daran seien ja nicht die Autohäuser gewesen: "Der Staat hat seine Kernfunktion nicht aufrechterhalten, weil er Datensicherheit und Datenschutz nicht umgesetzt hat. Das ist etwas, was jeden Bürger und jede Bürgerin treffen kann, völlig unverschuldet."
Für Atug geht es dabei um mehr als um Verwaltungstechnik: "Meine demokratische Basis ist, ich gehe zum Amt und bekomme das, was mir rechtlich zusteht. Wenn das defekt ist, weil die IT defekt ist, dann ist die Voraussetzung für die Prozesse einer Demokratie defekt."
"Machen ist wie dran denken, nur krasser."
Warum passiert das immer wieder? Meist nicht, weil die Technik schlecht wäre, sagt Ina Schieferdecker, sondern weil sie falsch benutzt wird. "Ein Software-System, das vom BSI den Stempel 'sicher' hat, kann ich immer noch falsch konfigurieren, und dann stehen doch alle Türen offen." Schieferdecker zieht einen Vergleich zur analogen Welt: "Ich kann mir einen Hochsicherheitstresor kaufen. Wenn ich dann den Standardcode verwende, der vom Hersteller eingestellt ist, dann ist das wie eine Pappwand, und ich trete einfach durch. Und das passiert großflächig mit IT-Systemen."
Dazu kommen aus ihrer Sicht alte Anlagen in den Behörden und zu wenig Personal, "das die Systeme wartet und permanent härtet und immer wieder den Ausfall prüft und dafür probt". Das gilt nicht nur für Ämter. Martin Wolf sieht dieselbe Lücke im Mittelstand: "Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen ist das Problem, dass die nicht die richtigen Mitarbeiter finden, die sichere Systeme installieren, warten, betreiben und aufbauen können."
Atug hat verschiedenen Unternehmen deshalb ein einfaches Rezept vorgeschlagen: zwei Informatikstudenten einstellen, mitwachsen lassen, Übernahme zusagen. "Das haben dann manche gemacht und nach zwei, drei Jahren festgestellt: Das funktioniert. Aber ich muss halt weniger in Stuhlkreisen rumjammern und mehr einfach mal machen." Es folgt einer von Atugs Lieblingssätzen. "Machen ist wie dran denken, nur krasser."
Informatik ab der Grundschule
Dass die Leute fehlen, hat für alle drei Fachleute denselben Grund: Es wird zu spät angefangen. Informatik gehöre schon in die Grundschule, sagt Wolf. Für Schieferdecker, die das auch so sieht, ist Algorithmik "wie Lesen und Rechnen", und sie meint damit "nicht Powerpoint, sondern wirklich algorithmisches Arbeiten". Ihre Idealvorstellung für die Zukunft geht noch weiter: "Mindestens zwanzig Prozent IT-ler in alle Branchen, angefangen bei der öffentlichen Verwaltung und der Politik, damit wir die richtige Sprache sprechen und das richtige Verständnis haben."
Wer heute mit solchen Planungen anfängt, sieht die ersten Absolventen in zwölf bis 15 Jahren, sagt Manuel Atug. Warum das nicht passiert, ahnt er aus seinen vielen Gesprächen mit so manchem Bildungspolitiker. Was er auf derartige Ratschläge zu hören kriegt, seien Sätze nach dem Motto "Ja, aber da bin ich ja gar nicht mehr im Amt", das sei oft die Botschaft, sagt Atug.
Kann die KI helfen?
Die Künstliche Intelligenz, die manche als Ausweg aus dem Personalmangel sehen, macht den Bedarf an Fachkräften aus Ina Schieferdeckers Sicht größer, nicht kleiner. "Wir können mit den neuen Werkzeugen Software in ungeahnter Schnelligkeit kodieren. Wir können die Zeichen runterschreiben, die so ein Programm ausmachen. Es ist noch nicht das saubere Software-Engineering." KI setze die Zeichen, wie früher die Typografen sie gesetzt haben. Ob am Ende ein stabiles Haus daraus werde, also "dass die tragenden Wände stehen", müssten weiterhin Menschen prüfen. Und die brauchen eine Menge Sachverstand.
Manuel Atug warnt außerdem vor einer möglichen Nebenwirkung der neuen Werkzeuge: Wer eine Maschine vermenschlicht, bringe ihr Vertrauen entgegen, das sie nicht verdient. "Einem Menschen gegenüber habe ich Vertrauen, einer Maschine gegenüber bin ich skeptisch." Vermenschlichung der Maschine führe dazu, technologiehörig zu werden.
Anfangen, bevor es weh tut
Martin Wolf, der Präsident der Gesellschaft für Informatik, hat für den Anfang einen großen Wunsch: "in der breiten Bevölkerung ein gewisses Interesse für dieses Thema: wie wir als Gesellschaft mit Technik überhaupt leben können. Dieses Feuer zu entfachen, das ist etwas, was wir alle ein bisschen mehr bräuchten."
Genau dafür könnte das Dresdner Festival ein Zündfunke sein. Brennen muss das Feuer dann anderswo: in Rathäusern, Schulen und Ministerien, überall dort, wo digitale Resilienz bisher erst auffällt, wenn sie fehlt. "Prävention ist nicht sexy", betont Manuel Atug immer wieder. Aber: "Nichts ist unveränderbar. Wir können das ändern. Wir müssen nur wollen und loslegen."