Volleyball-Kapitänin Nesimović: "Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt"
Volleyball Volleyball-Kapitänin Nesimović: "Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt" Vor der ersten österreichischen EM-Teilnahme seit 55 Jahren erzählt Nina Nesimović von Jobangeboten via Instagram...
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Volleyball-Kapitänin Nesimović: "Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt"
Vor der ersten österreichischen EM-Teilnahme seit 55 Jahren erzählt Nina Nesimović von Jobangeboten via Instagram und Momenten, in denen selbst eine Profiathletin Angst bekommt
Interview
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Lukas Zahrer
Wenn Nina Nesimović ab Freitag bei der Europameisterschaft aufschlägt, hat sie Volleyball als solches durchgespielt. In ihrer Karriere spielte sie in sieben Ländern, erlebte fanatische Fans und verzwickte Arbeitsbedingungen. Die 1,88 Meter große Mittelblockerin ist Österreichs Kapitänin, das anstehende Turnier in Brno ist ihr erstes Großereignis mit dem Nationalteam.
STANDARD: Wie wird man Volleyball-Profi?
Nina Nesimović: Durch den Weg ins Ausland. Bei Klubs, wo man Geld verdienen kann. Das war früher noch schwieriger, weil man keine sozialen Medien hatte. Heute schreiben dir Klubs oder Spieleragenten über Instagram.
STANDARD: Sie bekamen Jobangebote via Instagram?
Nesimović: Ja, so habe ich meinen Agenten gefunden. Auch Trainer haben mir geschrieben, ob ich für die nächste Saison frei wäre. Da kann schon ein Bewerbungsgespräch entstehen. Instagram wird zu deinem Lebenslauf, dort werden Videos von deinen Spielszenen geteilt. Es ist heute so einfach wie nie, auf eine Spielerin aufmerksam zu werden. Als ich früher mit Graz im Europacup gespielt habe, hatte ich das Gefühl: Egal wie gut ich spiele, es bekommt keiner mit. Wer beobachtet schon die österreichische Liga?
STANDARD: Wie haben Sie auf sich aufmerksam gemacht?
Nesimović: Im Nationalteam kannst du dich zeigen, diese Matches werden mehr verfolgt. Deshalb ist die EM für unsere jungen Spielerinnen so eine große Bühne. Dort sind viele Spielervermittler. Ich werde von ihnen schon jetzt über unsere jungen Spielerinnen befragt. Gleichzeitig fragen mich Spielerinnen, wie ich es ins Ausland geschafft habe. Ich finde das sehr aufregend. Mich freut das fast mehr als für mich selbst, wenn Kolleginnen vor dem Absprung stehen. Ich fiebere mit, weil ich weiß, wie hart es ist, Profi zu werden.
STANDARD: Kommen über Social Media nicht auch dubiose Anfragen?
Nesimović: Das lässt sich nicht wegdenken. Als ich jünger war, wollte ich eigentlich kein Instagram haben, aber ich habe gemerkt, dass es im Volleyball hilfreich sein kann. Es ist wie Google, du wirst dort gesucht und gefunden. Wenn dir ein Agent schreibt, kannst du in einer Datenbank nachschauen, ob diese Person tatsächlich eine Lizenz des Weltverbands besitzt. Die Szene ist überschaubar, man kennt sich. Es ist wichtig, sich ein Netzwerk aufzubauen.
STANDARD: Wie wichtig ist für Sie als Profi die Selbstvermarktung?
Nesimović: Man darf sich nicht kleinmachen. Gleichzeitig ist Selbstvermarktung nicht unbedingt etwas, das mir leichtfällt. Man muss sich selbst gut verkaufen. Man redet nicht immer gerne über eigene Erfolge, aber eigentlich sollte man das normalisieren. Da können wir in Österreich etwas drauflegen, was die Mentalität betrifft.
STANDARD: Warum spielen Sie Volleyball?
Nesimović: Weil ich es liebe. Am Court vergesse ich alles um mich herum. Ich habe in der Kindheit angefangen. Mein Vater war Fußballer, eigentlich wollte ich es ihm nachmachen, aber es gab keine Mädchenteams. Außerdem war mir eine Sportart ohne Körperkontakt lieber. Ich war in einer Hip-Hop-Tanzgruppe, damit ich trotz meiner Körpergröße beweglicher werde. Aber ich brauchte den Wettkampf.
STANDARD: Also ging es zum Volleyball?
Nesimović: Weil ich groß war, wurde ich in der Schule von einem Trainer einmal gefragt, ob ich nicht ins Training kommen möchte. Heute werde ich dafür bezahlt, Volleyball zu spielen. Das ist noch immer krass, wenn ich daran denke. Für mich gab es nichts, das mich vom Volleyball abgehalten hätte. Keine Geburtstagsfeier, gar nichts. Für mich ist es kein Problem, jeden Morgen aufzustehen und in die Arbeit zu gehen. Ich habe meine besten Freunde und viele Kulturen durch den Sport kennengelernt.
STANDARD: Können Sie gut davon leben?
Nesimović: Es ist üblich, dass der Verein neben einer Gage eine Wohnung oder zumindest eine WG mit Kolleginnen zur Verfügung stellt. Müsste ich selbst die Wohnung bezahlen, bliebe mir kein Geld. Meistens gibt es auch ein Auto. Optional ist Verpflegung inkludiert, oder du verhandelst mehr Geld und kochst für dich selbst. In der Regel bekommst du Flugtickets, um in spielfreien Zeiten Familie besuchen zu können. Ich sage meinem Agenten meine Anforderungen, er verhandelt dann mit dem Klub. Man kann gut davon leben. Von Jahr zu Jahr mehr, denn durch Einsätze im Nationalteam steigert sich dein Marktwert. Ich bin happy, dass solch ein Leben im Frauensport möglich ist.
STANDARD: Was denken Sie während eines Matches?
Nesimović: Manchmal bist du komplett fokussiert, manchmal abgelenkt. Wenn es nicht läuft, versuchst du, an nichts mehr zu denken. Aber wie soll das gehen, an nichts denken? Du versuchst, die Atmosphäre in der Halle zu spüren, um Motivation zu bekommen. Ich denke an unseren nächsten Spielzug, an meine Priorität und Aufgabe. Ich muss das Spiel antizipieren. Vor Heimpublikum fühle ich mich sicherer, das fühlt sich wie Rückenwind an vor eigenen Fans. Das ist jahrelange Übung, Emotionen zu kontrollieren, nichts zu erzwingen.
STANDARD: Sie haben in der Schweiz, der Türkei, Rumänien, Griechenland, Frankreich und Polen gespielt. Wo hat es am meisten Spaß gemacht?
Nesimović: Jedes Kapitel für sich war schön. Frankreich war meine Lieblingsdestination, bei Quimper. Die Mentalität war anders, die Liga war medial präsent, wir hatten einen guten Betreuerstab, ein cooles Team – und sportlichen Erfolg. Wenn du dich an einem Ort wohlfühlst, spielst du auch besser. Auch Griechenland war schön. Ich spielte in Thessaloniki, in einem beliebten Urlaubsziel. Mir hat es dort an nichts gefehlt. Aber am Strand war ich nie! Dafür blieb keine Zeit.
STANDARD: Ein Highlight-Video von Ihren Spielen auf Youtube zeigt Sie in Polen, als Sie direkt neben einer Luftburg spielten.
Nesimović: Die gab es für Zuschauer, die ihre Kinder zum Spiel mitnehmen. Das hat mich selbst überrascht, aber das sind riesige Sportkomplexe. Es ist vielleicht komisch, beim Service auf eine Luftburg zu schauen. Aber sie versuchen den Matchbesuch so gemütlich wie möglich zu gestalten. Das Interesse am Sport ist in Polen groß, das Niveau der Liga unglaublich. Ich spielte gegen Spielerinnen, die ich früher nur aus dem Fernsehen kannte.
STANDARD: 2023 spielten Sie für einen Verein aus Istanbul, als die Türkei von einer Erdbebenkatastrophe mit Zehntausenden Opfern erschüttert wurde. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Nesimović: Zum Zeitpunkt des Bebens waren wir für ein Auswärtsspiel nahe der betroffenen Region. Es war mitten in der Nacht, meine Zimmerkollegin riss mich aus dem Schlaf, alle Hotelgäste mussten sich vor dem Eingang versammeln. Das Beben war deutlich spürbar. Lange war nicht klar, ob wir am nächsten Tag zurückfliegen können, noch am Flughafen spürten wir ein Nachbeben. Schließlich bekamen wir grünes Licht. Ich kannte einige Spielerinnen, deren Eltern in den betroffenen Orten lebten. Eine Spielerin aus einem anderen Verein der Liga war unter den Opfern. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich war direkt im Geschehen und hatte selbst Angst.
STANDARD: Wie ging es weiter?
Nesimović: Die Liga wurde einen Monat lang ausgesetzt. Istanbul liegt ja direkt an der Grenze zweier großer tektonischer Platten. Es gab Warnungen, dass auch Istanbul betroffen sein könnte. Wir haben zwar trainiert, aber es hat alle mitgenommen. Wir haben versucht zu helfen, wo es ging. Der Verein stellte unsere Trainingshalle zur Verfügung, um Sachspenden zu sammeln, organisierte Hilfsgüter für Betroffene. Ein anderer Verein hatte plötzlich keine Halle mehr.
STANDARD: War überhaupt noch an Spitzensport zu denken?
Nesimović: Das war eine schwierige Zeit. Ich lebte mit Mitspielerinnen in einem Apartment-Komplex, wir haben zusammengehalten. Man wollte eigentlich gerade gar kein Volleyball spielen, weil es um das Leben anderer Menschen ging. Als die Liga wieder startete, gab es Schweigeminuten. Im Rahmen der Matches wurde keine Musik mehr gespielt. Man hat versucht, den Betroffenen nahezustehen, irgendwie zu helfen. Und an das Gute zu glauben. Am Feld hatte ich das Gefühl, für die Leute zu spielen. Du versuchst, ihnen dadurch etwas zu geben. Ich bin bis heute mit einer Betroffenen in Kontakt, ihre Stadt wurde komplett zerstört. Der Aufbau dauert bis heute an.
STANDARD: Später spielten Sie in Rumänien, wo sie kaum zum Einsatz kamen, weil die Liga stets zwei heimische Spielerinnen vorschrieb. Wie gingen Sie damit um?
Nesimović: CSO Voluntari ist mehrfacher Meister, ein Klub mit hohen Ambitionen. Als ich dort war, habe ich unter der Teamdynamik gelitten. Ich spielte im Europacup, weil dort keine Beschränkungen galten, war Topscorer des Teams – und durfte beim nächsten Ligamatch nicht spielen. Zu Weihnachten sagte ich, dass ich gehen will. Aber das war nicht so einfach.
STANDARD: Weil Sie an den Vertrag gebunden waren?
Nesimović: Genau. Es ging um Finanzielles, wobei mir das Geld egal war. Ich wollte nur weg. Meine Agentur hat einen Klub in Griechenland gefunden, der nach einer Mittelblockerin suchte. Es dauerte noch zwei Wochen, weil der rumänische Verein einen Ersatz für mich suchte. Meine Agentur hat eine passende Spielerin gefunden. Sie sind danach mit ihr Meister geworden. Und ich habe in Griechenland in jedem Match durchgespielt. Alle waren happy.
STANDARD: In Griechenland gibt es fanatische Fans, im Fußball wie im Basketball. Auch im Volleyball?
Nesimović: Wir hatten ein Spiel in Athen, bei dem Security uns zur Kabine begleitete. Das war für mich neu. Es hieß: "Es kann sein, dass ein paar Fans kommen und es unangenehm wird."
STANDARD: Wurde es unangenehm?
Nesimović: In der Halle herrschte eine komische Stimmung. Ich war mir unsicher, ob ich einen Punktgewinn abfeiern oder besser neutral bleiben sollte. Als Volleyballerin ist man das nicht gewohnt. Da bekommt man schon ein bisschen Angst. Nach dem Spiel wurden wir mit Flaschen beworfen, weil wir das Match 3:2 gewonnen hatten. Ich weiß noch, dass ich in der Halle ein Theraband vergessen habe. In jeder anderen Halle wäre ich nochmal rein und hätte es geholt. Dort habe ich mich nicht getraut.
STANDARD: Fällt es Ihnen leicht, sich in einer neuen Stadt schnell zurechtzufinden?
Nesimović: Für mich ist das normal. Meine Eltern flüchteten vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Österreich. Ich bin hier geboren, aber mit zwei Kulturen aufgewachsen. Das Schöne am Sport ist, dass Herkunft keine Rolle spielt. Ich mag Herausforderungen. Ein Leben lang in Österreich zu spielen, wäre für mich nicht zufriedenstellend gewesen. Ich möchte meinen Horizont erweitern.
STANDARD: Mit dem Nationalteam haben Sie sich im vergangenen Sommer erstmals für eine Europameisterschaft qualifiziert. Wie ist diese Teilnahme einzuordnen?
Nesimović: Das war von uns allen ein jahrelanger Traum. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt wie in diesem Moment, als die Teilnahme fix war. Das ist ein Meilenstein. Und ich gönne es uns einfach – vor allem den jungen Spielerinnen. Sie bekommen Hoffnung, dass so etwas tatsächlich möglich ist. Wir leben noch immer ein bisschen in den Wolken.
STANDARD: Sie sind Kapitänin des Nationalteams. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?
Nesimović: Als Coach Roland Schwab mir die Rolle gegeben hat, war ich überwältigt. Das gab mir enorm viel Selbstbewusstsein. Gleichzeitig wusste ich, dass einiges auf mich zukommt. Es geht nicht nur darum, den Streifen am Arm zu tragen. Aber ich weiß nicht, ob ich jemals in einem Team gespielt habe, in dem es so wenige Probleme gibt. Es ist mir eine Ehre, eine Vorbildfunktion für die Mädels einzunehmen. Und bei der EM mit der serbischen Kapitänin einen Handschlag zu machen, ist ein Kindheitstraum. Jetzt muss ich nicht mehr den Fernseher einschalten, um sie spielen zu sehen. Solche Träume werden wahr – und dann denkt man sich: Hoffentlich muss ich nie aufhören.
STANDARD: Sehen Sie sich als Vorbild für die Balkan-Community?
Nesimović: Ich bin natürlich eng mit der bosnischen und kroatischen Community verbunden. Wir haben auch Nachwuchsspielerinnen, die Wurzeln auf dem Balkan haben. Ihnen versuche ich etwas weiterzugeben. Aber für mich spielt die Herkunft keine Rolle. Wenn ich in der Türkei gespielt habe, haben mir auch vereinzelt junge türkische Spielerinnen geschrieben. Mir ist wichtig, dass wir in Österreich einen Schritt weiterkommen und ich die Mädels durch meine Offenheit unterstützen kann.
STANDARD: Im Eishockey protestiert das Frauen-Nationalteam gegen respektlosen Umgang und verheerende Rahmenbedingungen. Wie geht es den Volleyballerinnen?
Nesimović: Wir haben das erst kürzlich beim Frühstück diskutiert, weil wir gar nicht wissen, wie es in anderen Verbänden läuft. Wir können uns glücklich schätzen, denn bei uns läuft alles rund. Uns fehlt es an nichts. Wir werden genauso wie die Männer behandelt. Unser Verband macht sich Gedanken, dass es keinen Klassenunterschied gibt – im Gegenteil, dass Frauen und Männer auf derselben Ebene agieren. Man kennt das nicht aus allen Sportarten. Deshalb finde ich es krass, wenn eine Frauenmannschaft sich erstmals für eine WM qualifiziert und Österreich repräsentiert, aber nicht dieselben Ressourcen bekommt. Ich unterstütze ihren Boykott und hoffe, dass es besser wird.
STANDARD: Was glauben die Leute über Volleyball, das nicht stimmt?
Nesimović: Dass man unbedingt groß sein muss, um gut zu sein. Und viele unterschätzen das Krafttraining. Ich muss viel in der Kraftkammer machen, damit ich höher springe und meine Reichweite verbessere, wenn ich auf höchstem Niveau mithalten will.
Nina Nesimović (29), geboren in Gmunden, aufgewachsen in Graz, führt die 14 besten Volleyballerinnen Österreichs als Kapitänin in die EM 2026.
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