Vom Hauptschulabschluss zum Uni-Bachelor: „Wollte mir beweisen, dass ich es kann"

Stefanie Chaves aus Bad Karlshafen verließ die Schule mit dem Hauptschulabschluss – zehn Jahre später hält sie ihre Bachelorarbeit in den Händen. Ihre Lehrerin hatte ihr einst prophezeit, dass es nicht mal für das Fachabitur reichen würde.

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Vom Hauptschulabschluss zum Uni-Bachelor: „Wollte mir beweisen, dass ich es kann"

Stand: 10.10.2026, 12:00 Uhr

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Sie hat es geschafft: Nach ihrem Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Fachabitur hat Stefanie Chaves aus Bad Karlshafen Wirtschaftspädagogik an der Uni in Göttingen studiert. Jetzt hält die 25-Jährige ihren bestandenen Bachelorabschluss in den Händen.

Sie hat es geschafft: Nach ihrem Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Fachabitur hat Stefanie Chaves aus Bad Karlshafen Wirtschaftspädagogik an der Uni in Göttingen studiert. Jetzt hält die 25-Jährige ihren bestandenen Bachelorabschluss in den Händen. © Privat

Stefanie Chaves aus Bad Karlshafen verließ die Schule mit dem Hauptschulabschluss – zehn Jahre später hält sie ihre Bachelorarbeit in den Händen. Ihre Lehrerin hatte ihr einst prophezeit, dass es nicht mal für das Fachabitur reichen würde.

Bad Karlshafen – „Mit deinen Englischkenntnissen wirst du dein Fachabi nicht schaffen.“ Diesen Satz ihrer damaligen Englischlehrerin hat Stefanie Chaves bis heute nicht vergessen. Im Gegenteil: Er hallt immer noch nach und hat etwas in ihr ausgelöst. Er hat die heute 25-Jährige nur noch mehr angespornt: „Ich wollte mir danach erst recht beweisen, dass ich es kann“, sagt sie. Zehn Jahre später hält sie ihre bestandene Bachelorarbeit in den Händen.

Dass sie es einmal so weit schaffen würde, war damals nicht abzusehen. Denn Chaves Bildungsweg war zunächst eher ungewöhnlich. Nach der neunten Klasse verließ sie die Marie-Durand-Schule in Bad Karlshafen mit einem Hauptschulabschluss. „Ich hatte damals keine Lust auf die Schule“, sagt sie rückblickend. Die Pubertät habe dabei eine Rolle gespielt. Für den Realschulabschluss reichten ihre Noten damals nicht aus.

Doch der Hauptschulabschluss sollte nicht das Ende ihrer Schullaufbahn sein. Chaves wechselte an die Herwig-Blankertz-Schule in Hofgeismar. Die Berufsschule besuchte sie zwei Jahre lang und holte ihren Realschulabschluss nach. „Der Abschluss an dieser Berufsschule ist gleichgesetzt mit der Mittleren Reife“, erklärt sie. 2018 hatte sie ihn in der Tasche.

Ihre Mitschüler brachen alle ab, sie zog durch

Dann stand für die Bad Karlshafenerin das Fachabitur auf dem Plan. „In meiner Klasse waren um die 25 Schüler. Ich bin die Einzige, die es bis zum Ende durchgezogen hat“, sagt sie und wirkt noch immer stolz. Mathematik, Deutsch, Wirtschaft und Verwaltung sowie Englisch standen damals auf ihrem Prüfungsplan. Englisch – ausgerechnet die Sprache, bei der ihr einst von ihrer damaligen Lehrerin prophezeit worden war, dass es für das Fachabitur nicht reichen würde.

Doch es sollte reichen. 2020 legte Chaves ihre Prüfungen ab. Es war das Jahr, in dem die Corona-Pandemie den Schulalltag auf den Kopf stellte. Trotzdem bestand sie. Und plötzlich war da dieser Moment, auf den sie jahrelang hingearbeitet hatte.

„Ich wäre am liebsten zu meiner damaligen Lehrerin gegangen, um ihr zu zeigen, dass ich es geschafft habe“, sagt Chaves heute. Ein Triumph, der für sie vor allem eines bedeutete: Sie hatte sich selbst bewiesen, dass sie es schaffen konnte.

Obwohl die Bad Karlshafenerin immer das Ziel hatte, irgendwann an einer Universität zu studieren, entschied sie sich zunächst für eine Ausbildung zur Industriekauffrau. „Ich wollte erst einmal etwas Sicheres in der Tasche haben“, sagt sie. Denn immer wieder waren da die Worte ihrer Englischlehrerin, die sie zweifeln ließen.

Sie schaffte ihren Bachelor fast in Regelstudienzeit

Auch an ihrer Ausbildung blieb sie dran. „Ich hatte gute bis sehr gute Noten“, sagt sie. „Deshalb habe ich meine Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzt“, ergänzt Chaves. Der Gedanke an ein Studium ließ sie nicht los.

Im April 2023 war es schließlich so weit: Gemeinsam mit einem Freund, den sie noch aus der Berufsschule und Ausbildung kannte, begann Chaves an der Georg-August-Universität in Göttingen Wirtschaftspädagogik mit dem Zweitfach Deutsch zu studieren. Der Start ins Studium war für die junge Frau nicht einfach.

Nicht die Fächer selbst waren das Problem, sondern vielmehr die Organisation des Studiums. Sich selbst organisieren, Fristen im Blick behalten – all das war für sie Neuland. „Das fing schon mit dem Erstellen des Stundenplans an“, sagt sie. Ab dem dritten Semester lief es dann besser.

Es lief so gut, dass sie ihr Studium in sieben Semestern schaffte – fast in Regelstudienzeit. „Ich hatte mir vorher schon vorgenommen, mir ein Jahr Zeit für die Bachelorarbeit zu nehmen“, sagt sie. Seit knapp zwei Wochen hält sie ihre bestandene Bachelorarbeit mit dem Thema „Individuelle Determinanten von Ausbildungsabbrüchen – Ein systematisches Literaturinterview“ in den Händen. Ein Thema, das sie selbst gesetzt hatte.

„Ich bin stolz und glücklich, dass ich es geschafft habe“, sagt sie. In ihrer Bachelorarbeits-Widmung schreibt sie: „Mein eigener Bildungsweg war nicht immer gradlinig. Gerade deshalb bedeutet diese Arbeit für mich mehr als einen formalen Studienabschluss. Sie steht für Entwicklung, Durchhaltevermögen und dafür, nicht aufzugeben, auch wenn der eigene Weg länger oder schwieriger ist als der anderer Menschen.“ Mit ihrem eher ungewöhnlichen Bildungsweg will sie anderen Mut machen und zeigen, dass ein Hauptschulabschluss nicht das Ende sein muss.

Am 1. November geht es für Chaves weiter. Dann tritt sie eine Stelle im öffentlichen Dienst an.

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