Vor dem zweiten Lebensjahr: Eltern schaden unbewusst der Gehirnleistung ihrer Kinder

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Vor dem zweiten Lebensjahr: Eltern schaden unbewusst der Gehirnleistung ihrer Kinder

Stand: 02.08.2026, 07:16 Uhr

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Bei Kindern spielt die Ernährung eine zentrale Rolle – besonders in den ersten 1000 Lebenstagen, schon im Bauch der Mutter. Ein Kinderarzt spricht von einem „Wissensdefizit“.

Frankfurt – Babybrei mit Schokogeschmack, gesüßte Milchprodukte, Fruchtsaftgetränke: Was viele Eltern ihren Kindern geben, könnte Jahrzehnte später die Gehirnleistung beeinträchtigen. Eine im Juli 2026 im Fachmagazin Neurology veröffentlichte Studie der American Academy of Neurology (AAN) hat untersucht, wie sich der Zuckerkonsum in den ersten beiden Lebensjahren auf das Demenzrisiko im Alter auswirkt.

Die Forschenden verglichen dafür die Krankenakten von fast 65.000 Menschen, die in Großbritannien während und nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Der Zucker war im Vereinigten Königreich während des Krieges stark rationiert und erst ab 1953 wieder allgemein erhältlich. Davor standen der Bevölkerung durchschnittlich 40 Gramm pro Tag zu, was unterhalb der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Obergrenze von 50 Gramm pro Tag liegt.

Ein kleiner Junge im Kindergarten

Die richtige Ernährung eines Kindes ist in den ersten 1000 Tagen von großer Bedeutung, sagen Ernährungsmediziner. (Symbolfoto) © Dreamstime/Imago Images

Die untersuchten Personen wurden gruppiert, je nachdem, ob der Zuckerkonsum bis zum zweiten Lebensjahr beschränkt war (etwa 40.000 Personen) oder nicht. Ein Vergleich der Krankenakten beider Personengruppen zeigte: Menschen, die während der Zuckerrationierung geboren wurden und das zweite Lebensjahr erreichten, hatten ein um 21 bis 23 Prozent geringeres Demenzrisiko als Menschen, die später aufwuchsen. Außerdem erkrankten Demenzpatientinnen und -patienten aus der Zeit der Zuckerrationierung im Schnitt 2,6 Jahre später.

Ernährung in der Kindheit: Was die ersten 1000 Tage für Kinder bedeuten

„Besonders prägend sind die ersten 1000 Tage – also die Zeit von der Befruchtung der Eizelle bis etwa zum zweiten Geburtstag“, sagt Martin Smollich, Professor für Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. In dieser Phase entwickelten sich Gehirn, Stoffwechsel und viele biologische Systeme besonders schnell und grundlegend. Nährstoffmängel könnten hier langfristige Folgen haben.

„Man kann das mit einem Hausbau vergleichen: Wenn die Baustoffe fehlen, wird das ganze Haus wackelig und schief“, erklärt Smollich. Nährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Jod, Zink und bestimmte Vitamine seien essenziell für die Bildung von Nervenzellen, die Signalübertragung im Gehirn und die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Ernährung sei zwar nicht der einzige Einflussfaktor, aber besonders wichtig.

Die ausgewerteten Hirnscans der britischen Studie liefern Hinweise, welchen Einfluss Zucker auf die Gehirnentwicklung nimmt: Probandinnen und Probanden mit geringerem Zuckerkonsum in der frühen Kindheit hatten ein höheres Volumen an grauer Substanz und weniger Schädigungen der weißen Substanz.

Auch bei Kindern: Glas Wasser als Mittel gegen übermäßigen Zuckerkonsum

Der übermäßige Zuckerkonsum geschieht bei Kindern häufig unbewusst, erklärt Smollich: „Die kritischste Produktgruppe sind eindeutig zuckerhaltige Getränke“, sagt der Ernährungsmediziner. Dazu zählten nicht nur Limonaden und Energydrinks, sondern auch Fruchtsaftgetränke und Smoothies. Flüssige Kalorien sättigten kaum, würden aber erheblich zur Zuckeraufnahme beitragen. Neben dem Zusammenhang mit einer Demenzerkrankung zeigten zahlreiche Studien Zusammenhänge mit Übergewicht, Karies und ungünstigen Stoffwechselveränderungen. Viele Eltern unterschätzten zudem den Zuckergehalt von Frühstückscerealien und Trinkjoghurts.

Der Langener Kinderarzt Rüdiger Leinweber bestätigt gegenüber Ippen.Media: „Der Zuckergehalt von einem Glas Apfelsaft oder einem Glas Orangensaft ist nahezu identisch mit Limo oder Cola.“ Also sei Wasser das Getränk der Wahl. Auch vermeintlich gesunde Müslis seien oft versteckte Zuckerbomben. „Man kann diese Mischungen mit puren Haferflocken verlängern. Das ist immer noch lecker und gesünder“, sagt er.

Kinderarzt Leinweber rät Eltern bereits in den U5-Untersuchungen, wenn Babys ein halbes Jahr alt sind, keinen gezuckerten Brei zu kaufen. Kinder in diesem Alter sollten auch keine Schokolade bekommen. „Ich kann in der Vorsorge kaum noch auffangen, was an Wissensdefizit vorhanden ist“, sagt er.

Gesunde Ernährung bei Kindern muss nicht komplett auf Süßigkeiten verzichten

Die Studie der AAN beweist keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Demenz. Das heißt, es ist nicht bewiesen, dass eine geringere Zuckerzufuhr Demenz direkt verhindert, die Daten zeigen lediglich einen Zusammenhang auf. Studienautorin Jiazhen Zheng von der Hong Kong University of Science and Technology betont dennoch: „Die Begrenzung von zugesetztem Zucker während der Schwangerschaft und im Säuglingsalter könnte ein sinnvoller Schritt sein.“

Das Wichtigste sei, gesunde Ernährung in der Familie vorzuleben, sagt Leinweber. Er spricht sich dabei keinesfalls für ein komplettes Süßigkeitenverbot aus. „Eine Kinderhand voll am Tag zu festen Naschzeiten ist erlaubt. Am besten, wenn die Kinder schon satt sind, nach dem Mittagessen“, rät der Mediziner. Und nie sollte man Süßigkeiten als Belohnung oder Strafe einsetzen. (Quelle: eigene Recherche, AAN)