Vorarlberger Autorin Monika Helfer verstorben

1947 - 2026 Vorarlberger Autorin Monika Helfer verstorben Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin starb nach einem Sturz. Sie wurde 78 Jahre alt Ronald Pohl ...

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Vorarlberger Autorin Monika Helfer verstorben

1947 - 2026

Vorarlberger Autorin Monika Helfer verstorben

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin starb nach einem Sturz. Sie wurde 78 Jahre alt

Ronald Pohl

Eine Person in einem schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte steht vor einer orangefarbenen Holzwand mit verschränkten Armen. Das Gesicht der Person ist unkenntlich gemacht.
Monika Helfer verarbeitete die eigene Familiengeschichte zu literarischem Stoff.

Ihre Sprache ungeschönt zu nennen, hieße noch allzu dick aufzutragen. Monika Helfers Erzählkunst gebot über die dünnst mögliche Linienführung. Ihre Sätze waren schmucklos, dabei von einer Widerspenstigkeit, wie sie nur solche zu Papier bringen, die sich von Autoritäten von vornherein nicht verbiegen lassen. Über die unverkennbar autobiografische Grundierung ihres Schreibens ist viel Aufhebens gemacht worden: Als 2023 Helfers kleiner Roman Die Jungfrau erschien (eigentlich eine Novelle), bittet die Hauptfigur ihre Antipodin, die Erzählerin, ausdrücklich um die Gunst, dass diese ihr Leben niederschreiben möge.

In der Tat wird man als Lesender Zeuge einer Zerr- oder Hohlspiegelung. Gloria, die anfangs so wild und selbstbestimmt auftretende Freundin, bleibt mit Fortdauer ihres und ihrer Gegenspielerin Leben hinter allen Zukunftsentwürfen zurück. Es geht in "Monikas" Aufzeichnungen um Hochzeiten, um das Verglühen hochgespannter Erwartungen – im alemannischen Lebensbezirk, den man getrost als Probierzone für jede Bewährung in der großen, weiten Welt ansehen darf. Und am Schluss, am sogenannten Ende aller Tage, "bleibt" diejenige übrig, die ihren Eintrag gefunden hat im dürren Kommuniqué des Daseins. Das wiederum die andere zur Urheberin hat.

Allerlei Spiegelungen

Bereits vorher war klar gewesen: Die eminente Sparsamkeit von Monika Helfers Prosakunst verdankte sich traumsicherer Kalkulation. Der Roman Die Bagage (2020) über die Wechselfälle der Vorarlberger Familie Moosbrugger – es fällt schwer, dabei nicht den Namen Moosbrugger aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften mitzuhören – erzählt mit größter, hellhöriger Selbstverständlichkeit vom Schicksal einer Frau. Die, schön und selbstbewusst, mit dem Kind eines anderen schwanger geht. Prompt wird sie zum Gegenstand sexualhygienischer Erwägungen in der Dorfgemeinschaft. Sie legt indes, als Großmutter der Autorin, ein Saatkorn für die künftige Emanzipationsgeschichte jener, die hinter dem Arlberg leben, um irgendwann in die Moderne aufzubrechen, in ein Zeitalter von angstbefreiter Selbstbestimmung.

Erfahrungen und Verwerfungen sind dazu gemacht, um über mehrere Generationen hinweg weitergegeben zu werden. Es mag Helfer nicht immer leicht angekommen sein, lediglich als die "Frau" des großen, über Zeitalter und Stilbrüche hinwegmodulierenden Geschichtenerzählers Michael Köhlmeier angesehen zu werden. Unwillkürlich muss man an die Mutterfigur aus Die Bagage denken – an eine, die eben nicht ohne weiters ihren Platz im Leben fand.

Autofiktionen

Mit ihrem Bestseller-Roman wurde Helfer noch mit Anfang 70 zum Stern am Österreichischen Literaturhimmel. Auf Die Bagage folgten die beiden Folge-Werke Vati (2021) und Löwenherz (2022), wiederum Autofiktionen mit hoher Dringlichkeit und eminentem Wahrheitsgehalt. An Helfers Schreibkunst ließ sich trefflich studieren, wie man gegenüber der Wirklichkeit im Wortsinne recht behält: zugunsten der Wahrheit. Am Sonntag ist Monika Helfer mit 78 Jahren nach einem am Vortag erlittenen Sturz gestorben.

"Wenige konnten das einfache Leben mit so viel Eleganz und Würde wiedergeben wie Monika Helfer. Ihre einfühlsame Stimme hat die österreichische Literatur mit jedem Buch mehr bereichert", würdigte Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Autorin auf Social Media. Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) schrieb auf Social Media, dass er Helfer erst kürzlich bei den Bregenzer Festspielen "als außergewöhnlichen Menschen" kennengelernt habe: "Ihre Bücher haben viele Menschen bewegt und werden durch ihre sprachliche Kraft und Menschlichkeit in Erinnerung bleiben." Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) würdigte Helfer via Aussendung als eine der prägenden Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur.

Monika Helfer wurde am 18. Oktober 1947 in Au im Bregenzerwald geboren. Sie wuchs in einem Kriegsversehrtenheim bei Bludenz auf, wo ihr Vater Verwalter war. Als Kind schon "lesesüchtig", begann sie mit elf Jahren zu schreiben, damals starb ihre Mutter. Zugleich verlor sie ihr Zuhause, die Kinder wurden in der Verwandtschaft aufgeteilt, und sie kam mit ihren Schwestern zu einer Tante nach Bregenz. Im Alter von 30 Jahren veröffentlichte sie ihren Erstling Eigentlich bin ich im Schnee geboren (1977). Bei den "Randspielen", einem Gegenfestival zu den Bregenzer Festspielen, lernte sie Autor Michael Köhlmeier kennen, den sie 1981 heiratete. Die beiden bekamen zwei Kinder: Lorenz Helfer wurde Maler, Tochter Paula Köhlmeier verunglückte 2003 bei einer Wanderung tödlich. Ein entsetzlicher Verlust, den Helfer 2010 in Bevor ich schlafen kann aufarbeitete.

Der große Durchbruch gelang ihr spät. Wochenlang stand 2020 Die Bagage auf den Bestenlisten. Der über 100.000 Mal verkaufte Titel wurde für den Österreichischen Buchpreis nominiert und erhielt beim Bayerischen Buchpreis den Publikumspreis. Das Rezept, die eigene Familie als literarischen Stoff zu verwenden, behielt Helfer bei, mit den Folge-Romanen Vati (2021), mit dem sie ihrem bücherliebenden Vater ein Denkmal setzte, und Löwenherz (2022) über ihren lebenskünstlerischen Bruder Richard.

Die Autorin Monika Helfer bei der Präsentation ihres Buches „Löwenherz“ am 3. Februar 2022 in Wien. Sie lächelt und hält das Buch in den Händen.
Monika Helfer 2022 bei der Präsentation ihres Buches "Löwenherz".

1999 las Helfer beim Bachmann Preis-Wettbewerb. 2022 stand sie mit ihrem Erzählband Bettgeschichten und andere neuerlich auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises. Auch mit Wie die Welt weiterging (2024) war sie im Finale um den Österreichischen Buchpreis. Zusammen mit ihrem Mann Michael Köhlmeier – er betonte, ihr stets kritischer, erster Leser zu sein – entstanden gemeinsame Werke, so schufen sie gemeinsam Das Leben der Krawatten (2022). Sie illustrierte zudem Köhlmeiers Erzählung Lange Nacht heim (2022). 2016 erhielt sie gemeinsam mit ihrem Mann das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. (Ronald Pohl, APA, 2.8.2026)

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