Wählen mit Behinderung – wo es in Rotenburg noch hakt

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Wählen mit Behinderung – wo es in Rotenburg noch hakt

Stand: 13.09.2026, 18:07 Uhr

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Werke-Bewohner Ingo Hartmann

Politisch interessiert: Für Werke-Bewohner Ingo Hartmann gehört der Gang ins Wahllokal dazu. Er wünscht sich aber weniger Hürden für Menschen mit Behinderung. © Lucia Gefken

Viele Menschen mit Behinderung wollen bei der Kommunalwahl mitreden. Doch oft sind sie auf Assistenz und verständliche Informationen angewiesen. Im Wahllokal zeigt sich, wo das zum Problem wird.

Rotenburg – Inklusion hört nicht beim Wahlrecht auf. Allein bei den Rotenburger Werken werden – verteilt auf acht Standorte – 1.300 Menschen mit Behinderung betreut. Einer davon ist Ingo Hartmann: Der 49-Jährige ist politisch interessiert und nutzt sein Wahlrecht mit Begeisterung. „Ich möchte mitreden dürfen. Und ich möchte es besser machen für diejenigen, die ihre Interessen nicht in Worte fassen können.“ Der Weg zum Wahllokal ist für ihn eine Selbstverständlichkeit.

Astrid Sparr (l.) und Wahlvorsteherin Ulrike Niewels

Im Wahllokal Aira achten Wahlhelferin Astrid Sparr (l.) und Wahlvorsteherin Ulrike Niewels auf die korrekte Zuordnung der Wahlzettel. © Lucia Gefken

Zielstrebig geht der schlanke Mann los, stets darauf bedacht, dass seine Gesprächspartnerin links läuft. „Auf der anderen Seite höre ich nicht so gut.“ Er wohnt seit dreieinhalb Jahren in einer Wohngruppe auf dem Kalandshof, arbeitet hier als Alltagshelfer, repariert und hilft, wo er kann. Aufgrund einer Lernbehinderung fällt ihm das Lesen und Schreiben schwer, er hat einen Betreuer, der ihn bei Bedarf unterstützt.

Im Vorfeld haben er und die anderen Werke-Bewohner mit ihren Betreuern über die Kommunalwahlen gesprochen. Ergänzend zu den Gesprächen gab es laut Henrik Pröhl, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Werke, Wahlhilfe-Broschüren in einfacher Sprache vom Sozialverband Deutschland. Hartmann habe das Angebot gern angenommen. Er diskutiert viel über Politik, informiert sich regelmäßig. Doch er sieht Verbesserungspotenzial, etwa bei der Wahlbenachrichtigung: „Wer nicht lesen kann, ist auf Hilfe angewiesen“, erklärt er mit Blick auf den kleinbedruckten Zettel in seiner Hand. „Vielleicht könnte man da technische Lösungen anbieten, die den Text vorlesen.“

Dass die Kommunalwahlen auch viele Menschen mit Behinderung beschäftigen, hat der Wahltalk der Werke vor etwa einer Woche gezeigt. Wohngruppen hatten im Vorfeld Fragenlisten ausgearbeitet, die sie an die drei Bürgermeisterkandidaten richteten. Unter anderem wollten die Bewohner wissen, ob Menschen mit Behinderung einen Job im Rathaus bekommen können. Auch der Klimawandel, Ampelzeiten und laute Raser in der Innenstadt beschäftigen die Bewohner.

Einen Job im Rathaus kann sich auch Hartmann vorstellen. „Ich würde gerne Bürgermeister werden“, verkündet er auf dem Weg zum Wahllokal. Dazu möchte er jedoch nicht unbedingt einer Partei beitreten. „Die sprechen mich alle nicht so an.“ Von den zukünftigen Kommunalpolitikern wünscht er sich in erster Linie verlässliche Fahrstühle am Bahnhof. Er selbst habe schon öfter mit der Bahn über das Problem gesprochen, doch seine Bemühungen hätten nichts gebracht. Als Mensch mit Beeinträchtigung möchte er ernst genommen werden, auch von der Politik. Bei seinen Mitbewohnern beobachtet er nur teilweise Interesse an der Wahl. „Es herrscht viel Unsicherheit“, meint Hartmann.

Ein Wahlbezirk, in dem die Werke stark vertreten sind, ist der Wahlbezirk 106, Veranstaltungszentrum „Aira“. Hier liegt die Wahlbeteiligung für die Bürgermeisterwahl bei 36,03 Prozent – für die Stadt Rotenburg liegt der Durchschnitt insgesamt bei über 50 Prozent. Diese geringe Wahlbeteiligung sei unter anderem auf die notwendige Betreuung einiger Bewohner zurückzuführen, meint Pröhl. „Die meisten sind auf Assistenz angewiesen, was Transport und Hilfestellung vor Ort betrifft. Aufgrund der personellen Situation ist das jedoch nicht gewährleistet.“

Ulrike Niewels, Wahlvorsteherin im „Aira“, blickt vormittags optimistisch auf die Wahlbeteiligung, während sich vor den Wahlkabinen eine Schlange bildet. „Für eine Kommunalwahl ist das schon in Ordnung.“ Gelegentlich würden hier auch Menschen wählen, die einen Betreuer dabei haben. „Die dürfen keinen Einfluss auf die Wahl nehmen“, betont Niewels. Auch ihr Team hilft bei Bedarf, liest zum Beispiel die Texte vor. Denn für Menschen mit Sehbehinderung gibt es keine barrierefreien Stimmzettel: „Die Wahlzettel müssen ja alle gleich sein, um das Wahlgeheimnis zu wahren.“ Die meiste Unterstützung würden die Wähler jedoch an der Urne benötigen – egal, ob eine Behinderung vorliegt –, denn bei der Farbzuordnung käme es schon mal zur Verwechslung. Und ist der Zettel erstmal in der falschen Urne, gilt er als ungültig.

Fußgängerampel

Längere Grünzeiten für Fußgänger wünschen sich Werke-Bewohner, damit auch Menschen mit Rollator sicher rüberkommen. © Lucia Gefken

Bei Hartmann scheint alles gut gelaufen zu sein. Er verlässt das Wahllokal trotzdem unzufrieden: Er musste lange warten. Wen er gewählt hat, bleibt natürlich geheim. Aber eine Partei schließt er klar aus: „Ich habe Angst, dass die AfD an die Macht kommt. Dann haben Menschen mit Behinderung verloren.“

Ob Hartmann in acht Jahren wirklich als Bürgermeister kandidieren will, gilt es abzuwarten. „Ich hoffe, dass die bessere Partei gewinnt“, verabschiedet er sich.