„Entscheidung im Herbst“: Warsteiner am Limit – Kult-Brauerei in finanziellen Nöten
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Warsteiner unter Druck: Prestigepartner weg, Relaunch gestoppt – Inhaberin zahlt schon privat drauf
Stand: 14.09.2026, 22:23 Uhr
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Zwei Brauereien dicht, Motel One als Partner weg, Markenrelaunch gestoppt: Warsteiner spart sich radikal durch die Krise. Sind Lösungen in Sicht?
Warstein – Nach Bierlaune ist aktuell wohl kaum jemand in Warstein. Zu schwerwiegend ist die Krise, in die sich die Brauerei in der jüngeren Vergangenheit hineinmanövriert hat. Die Einschnitte werden immer tiefer und betreffen inzwischen auch prestigeträchtige Gastropartner und womöglich einen umfassenden Markenrelaunch.

Einen Fragenkatalog der WirtschaftsWoche dazu beantwortete die Warsteiner-Brauerei nicht. Stattdessen teilte eine Sprecherin der Haus-Cramer-Gruppe mit: „Zu Gerüchten und Spekulationen äußern wir uns nicht. Dies gilt auch für den Branchenflurfunk.“ Stellt sich die Frage: Quo vadis, Warsteiner?
Einst größte deutsche Brauerei, heute Verluste
Seit einigen Jahren soll die übergeordnete Haus-Cramer-Gruppe rote Zahlen schreiben. Der Gruppenumsatz sank von 535 Millionen Euro (2006) auf geschätzt 350 Millionen Euro – genaue Zahlen veröffentlicht das Unternehmen schon länger nicht mehr. Firmeninhaberin Catharina Cramer, die vor 20 Jahren von ihrem Vater Albert Cramer in die Geschäftsführung berufen wurde, soll bereits mehrfach privates Geld überwiesen haben, um Verluste auszugleichen oder abzudämpfen, wie etwa dpn online schreibt. 2024 gab sie laut Konzernlagebericht zudem eine Patronats- und Rangrücktrittserklärung gegenüber der Haus Cramer Holding ab.
Die Patronatserklärung soll die Kreditwürdigkeit erhöhen – ein im Sanierungsfall übliches Instrument. Mit der Rangrücktrittserklärung erhöht Cramer ihr persönliches Risiko: Im Insolvenzfall würden zunächst die Forderungen anderer Gläubiger bedient, etwaige Ansprüche von Cramer selbst nur nachrangig – sofern dann überhaupt noch Geld zu verteilen wäre.
Auf dem Höhepunkt in den 1990er-Jahren war Warsteiner mit rund 6,3 Millionen Hektolitern Deutschlands größte Brauerei. Diese Zeiten sind lange vorbei: Zuletzt sollen es nur noch 1,8 Millionen Hektoliter gewesen sein. Zwar trägt auch der seit Jahrzehnten schrumpfende Biermarkt zu dieser Entwicklung bei, doch benachbarte Großbrauereien wie Veltins und Krombacher zeigen, dass man auch in einem rückläufigen Markt stabil bleiben oder sogar wachsen kann.
Kapazitäten um 30 Prozent gekürzt – Entscheidung über Paderborn im Herbst
Anfang Mai gab die Haus Cramer Gruppe bekannt, sich von zwei Brauereien in Ostwestfalen-Lippe zu trennen: Die Herforder Brauerei, seit 2007 Teil der Gruppe, wurde Ende Juli geschlossen und wird derzeit nach Warstein verlagert – die Produktionsverlagerung laufe planmäßig. Die Paderborner Brauerei, die Warsteiner 1990 übernahm, soll bis Jahresende verkauft werden; scheitert das, droht auch dort die Schließung.
Laut der Haus Cramer Gruppe wird „eine Entscheidung […] im Herbst 2026 erwartet“. Mit der Trennung von beiden Standorten kürzt der Familienkonzern seine Kapazitäten um 30 Prozent. Die Biermarken Herforder und Paderborner sollen aber erhalten bleiben und künftig in Warstein produziert werden – dort, wo die Bierproduktion der Gruppe innerhalb von Nordrhein-Westfalen künftig konzentriert werden soll, ebenso wie die Lohnproduktion für externe Kunden.
Für die Beschäftigten an den betroffenen Standorten gibt es einen Sozialtarifvertrag: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte Ende Juli dessen Abschluss für 220 Beschäftigte in Herford und Paderborn bekanntgegeben, der unter anderem Abfindungen vorsieht. In Warstein sollen 50 Arbeitsplätze angeboten werden. Für die Herforder Brauerei waren frühestens im September Kündigungen zu erwarten, sollte der Verkauf der Paderborner Brauerei scheitern, frühestens im November.
Neuer CEO soll Restrukturierung vorantreiben
Ebenfalls im Mai startete der nächste Sanierer bei Warsteiner: Bodo-Joachim Wendenburg von Executive Interim Partners, den Cramer mit Wirkung zum 23. Juli 2026 offiziell zum neuen Chefmanager der Haus Cramer Gruppe machte. Er war zuvor bereits mehrere Monate beratend für die Gruppe tätig und ist als erfahrener Restrukturierungsexperte zuletzt in verschiedenen Unternehmen der Konsumgüterindustrie aktiv gewesen. Cramer sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Ich freue mich, ihn für diese Aufgabe gewonnen zu haben. Er hat mein volles Vertrauen.“ Wendenburg werde insbesondere die Restrukturierung des Unternehmens im Kontext der anhaltend herausfordernden Marktbedingungen verantworten.
Er ist bereits der fünfte Firmenchef in den vergangenen zehn Jahren. Sein Vorgänger Helmut Hörz hatte das Unternehmen Ende November 2024 „aufgrund unterschiedlicher Auffassungen der Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung verlassen“ müssen. Wendenburgs Mission ist klar: Er muss sparen – und geht dabei offenbar auch bei Personalentscheidungen nicht zimperlich vor. Rund eine Woche nach seiner Ernennung wurde Raphael Rauer freigestellt, der bis dahin in der Warsteiner-Geschäftsführung für Vertrieb, Handel und zuletzt auch Verwaltung und Finanzen verantwortlich war. Sein früherer Co-Chef, der technische Geschäftsführer Jens Hoffmann, hatte bereits im Mai angekündigt, zum Jahreswechsel zum Konkurrenten Bitburger zu wechseln.
Mitte August musste zudem Marco Schulze das Unternehmen verlassen, bis dahin Vertriebsdirektor Handel – laut Haus Cramer Gruppe im beiderseitigen Einvernehmen. Hintergrund sei die organisatorische Zusammenlegung der Geschäftsfelder Handelsvertrieb, Lohnbrau sowie Export. Die Verantwortung für den neu geschaffenen Bereich übernimmt demnach Adriano Leo, der bereits die Lohnbrautochter H. C. Drinks Solutions und das internationale Geschäft leitet.
Auch bekannte Gastropartner betroffen
Nach Informationen der WirtschaftsWoche hat Warsteiner die erst im Juli 2024 geschlossene Bierpartnerschaft mit der Hotelkette Motel One inzwischen wieder beendet – offenbar aus Kostengründen. In den mehr als 60 deutschen Hotels der Kette werden bislang Warsteiner und das zur Gruppe gehörende Oberbräu verkauft, doch das Geschäft wirft offenbar zu wenig ab. Motel One reagierte auf eine Anfrage dazu nicht.
Ein weiterer, empfindlicher Prestigeverlust droht mit dem wohl bevorstehenden Ende der Partnerschaft mit einem der größten Hotelbetriebe der Heimatregion: Im Hotel „Sauerland-Stern“ in Willingen, das mit seinen 524 Zimmern über die Region hinaus als Kongress- und Partyhotel bekannt ist und seit der Eröffnung 1974 Warsteiner ausschenkt, könnte künftig ausgerechnet Bier des Wettbewerbers Krombacher aus dem Zapfhahn laufen. Laut einem Krombacher-Sprecher ist der Bier-Etat des Hotels derzeit ausgeschrieben, das Unternehmen bewerbe sich zusammen mit anderen Wettbewerbern. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.
Wackelt der Warsteiner-Markenrelaunch?
Wendenburgs Sparmaßnahmen haben offenbar auch Auswirkungen auf ein Prestigeprojekt von Marketingchef Marcus Wendel und dem ehemaligen Geschäftsführer Raphael Rauer: Im April sollen beide auf einer Mitarbeiterversammlung einen großen Markenrelaunch vorgestellt haben. Pikantes Detail dabei: Der Zusatz „seit 1753“ im Warsteiner-Logo soll künftig entfallen. Ursprünglich sollte die Marke bereits in diesem Herbst in neuem Gewand erscheinen. Doch wie man sich in der Brauerei erzählt, soll Wendenburg das Projekt aus Spargründen vorerst gestoppt haben. Auch dazu beantwortete Warsteiner keine Fragen.
Für Branchenkenner wäre das nachvollziehbar: „So ein Markenrelaunch hat massive Folgekosten, die man leicht unterschätzt“, sagt jemand aus der Szene. Das betreffe nicht nur das Honorar der Agentur – auch Flaschenetiketten, Kronkorken, Bierdeckel und Biergartenschirme müssten ausgetauscht und Ausschankwagen umlackiert werden. Das kostet viel Geld, das der Brauereigruppe derzeit fehlt, zumal auch der Umzug der stillgelegten Herforder Brauerei nach Warstein finanziert werden muss.
Auch die mögliche stimulierende Wirkung eines Relaunches wird in der Belegschaft stark angezweifelt: „Tatsächlich glaubt niemand an einen absatzbeschleunigenden Erfolg des intern angekündigten Markenrelaunches“, sagt jemand aus dem Brauerei-Umfeld. Der im April von Raphael Rauer als großer Wurf angekündigte Relaunch gelte im Unternehmen längst als „eine im Haus allseits bekannte Durchhalteparole“.
Auch das größte Event der Gruppe steht infrage
Fraglich ist zudem, ob der Sparzwang auch das größte Event der Brauereigruppe gefährdet: die Warsteiner Internationale Montgolfiade (WIM), laut Eigenbeschreibung Europas größter Heißluftballon-Wettbewerb, der in Warstein mit einem mehrtägigen Volksfest begleitet wird. Der langjährige Inhaber Albert Cramer, ein leidenschaftlicher Ballonfahrer, hatte die Veranstaltung 1986 ins Leben gerufen; seit 1996 fand sie jedes Jahr im September statt.
Nach einer Corona-Zwangspause entschied man sich jedoch, die WIM nur noch alle zwei Jahre auszutragen – zuletzt 2025. Schon damals mutmaßten Beteiligte, dass hinter dieser Halbierung des Austragungsrhythmus finanzielle Gründe stecken könnten: Laut Kennern soll die Montgolfiade ein Minus im sechsstelligen Bereich verursachen. (Quelle: WirtschaftsWoche, Zeit Online, dpn online, dpa) (han)