Warum unser Gehirn überall Gesichter, Tiere und Figuren erkennt | Kleine Zeitung
Unser Gehirn entdeckt selbst dort vertraute Figuren, wo eigentlich nur Felsen und Schatten sind. Der Psychologe Oliver Vitouch erklärt, was dahintersteckt. © Leser-Reporter Hans-Jörg SchettAuch am höchsten Berg...
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Unser Gehirn entdeckt selbst dort vertraute Figuren, wo eigentlich nur Felsen und Schatten sind. Der Psychologe Oliver Vitouch erklärt, was dahintersteckt.
© Leser-Reporter Hans-Jörg Schett
Wer einmal auf ein Gesicht in einer Felswand aufmerksam gemacht wurde, kann es kaum noch übersehen. Wo zuvor nur Kanten und Vertiefungen waren, erscheinen plötzlich Augen, Nase und Mund. Der Türkenkopf beim Mittagskogel ist dabei nur ein Beispiel von vielen.
Wie viele solcher Figuren sich in Kärnten, Osttirol und im Alpen-Adria-Raum verbergen, haben wir im Herbst 2024 gesehen. Nach einem Aufruf der Kleinen Zeitung schickten zahlreiche Leserinnen und Leser ihre Entdeckungen ein. Neben menschlichen Gesichtern wurden auch religiöse Motive, Tiere, Aliens und Monster erspäht.
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Das Gehirn macht „nur seinen Job“
Hinter dem Phänomen steht die sogenannte Pareidolie: Das Gehirn erkennt in zufälligen Strukturen vertraute Muster. „Unser Gehirn ist eine Assoziations- und Kausalitätsmaschine“, erklärt Oliver Vitouch, Professor an der Abteilung für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Klagenfurt. Es versuche, Muster, Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen und daraus Prognosen abzuleiten.
Dabei kann die Wahrnehmung überschießen. Im Sinne der Signalentdeckungstheorie sei es besser, einmal ein Muster zu erkennen, obwohl keines vorhanden ist, als ein tatsächlich vorhandenes zu übersehen. Das Gehirn mache damit „nur seinen Job“.
Evolutionär war diese Fähigkeit von großer Bedeutung: Unsere Vorfahren mussten einen getarnten Feind oder ein im Gebüsch lauerndes Tier ebenso erkennen wie reife Beeren zwischen Blättern und Zweigen.
Nicht nur Gesichter...
Menschen entdecken allerdings nicht nur Gesichter. Vitouch selbst erkennt in der Falkensteinwand am Wolfgangsee, an der er häufig vorbeirudert, „unübersehbar einen indischen Elefanten“. Auch Sternbilder beruhen darauf, dass Menschen einzelne Punkte gedanklich zu Figuren verbinden.
Auf Gesichter ist das Gehirn dennoch besonders spezialisiert. Dafür ist laut Vitouch die sogenannte Fusiform Face Area im Gyrus fusiformis an der Unterseite des Temporallappens zuständig. Die Unterscheidung von Gesichtern brauche aber Übung. In Trainingsstudien habe sich sogar gezeigt, dass Menschen lernen können, die Gesichter von Schimpansen zuverlässig auseinanderzuhalten.
Erwartungen beeinflussen, was wir sehen
Wahrnehmung entsteht Vitouch zufolge aus dem Zusammenspiel von eintreffenden Sinneseindrücken und unserem Vorwissen. Erfahrungen, Erwartungen, Assoziationen und der jeweilige Kontext beeinflussen daher, welches Motiv wir erkennen. „Verängstigt und im Zwielicht vermeinen wir eher den Erlkönig im Blätterrauschen zu erkennen als in aller Seelenruhe am hellichten Tag“, sagt Vitouch.
Sobald uns jemand auf ein Gesicht aufmerksam gemacht hat, springen bestimmte neuronale Ensembles und Detektoren an. Das Muster hebt sich als Figur von seinem Hintergrund ab. Vitouch vergleicht das mit Kippbildern: Wir sehen entweder die eine oder die andere Figur, aber nicht beide gleichzeitig.
© APA/Eva Manhart
Ob mehrere Menschen dasselbe Motiv erkennen, hängt davon ab, wie konkret es ist. Die abstrakten Tintenkleckse Hermann Rorschachs lassen großen persönlichen Deutungsspielraum. Deutlicher seien die Konturen der „Schlafenden Griechin“ am Mittagskogelmassiv und am Erlakogel. Fast unübersehbar sei der Smiley in einer dreipoligen Steckdose.
Fantasie allein ist kein Syndrom
Und wo liegt die Grenze zu einer psychologisch auffälligen Wahrnehmung? Sie werde über die Abweichung vom Üblichen oder über den Leidensdruck der Person beziehungsweise ihres Umfelds gezogen. „Eine blühende Fantasie allein ist aber noch kein psychisches Syndrom“, betont Vitouch. Bei psychotischen Störungen könne das Phänomen hingegen überhandnehmen und etwa mit Verfolgungsideen oder vermeintlichen geheimen Botschaften verbunden sein.
Übrigens kennt auch das Hören vergleichbare Musterbildungen: Menschen vermeinen etwa im Rauschen eines Flusses, Wasserfalls oder Ventilators Stimmen zu erkennen. Unser Gehirn, sagt Vitouch, sei ständig auf der Suche nach Mustern – und vervollständige sie kreativ.