Was ein Skandal um einen Bordellbetreiber 1985 über den Fall Ferat Koçak lehrt
Ein Chat mit Firas Remmo bringt Linken-Abgeordneten Ferat Koçak in Bedrängnis. Doch West-Berlin kannte schon vor 40 Jahren eine viel engere Verbindung von Unterwelt, Geschäft und Politik – mit der CDU. Gibt es Parallelen zum aktuellen Fall?
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Der Mann hieß tatsächlich Otto Schwanz. Anfang der Achtzigerjahre betrieb er Bordelle in West-Berlin und war langjähriges Mitglied der CDU Wilmersdorf. Als eines seiner Geschäfte nicht mehr lief, wollte er etwas Solideres. Im Europa-Center am Breitscheidplatz bot sich eine Gelegenheit: das Café Europa.
50.000 Mark wechselten den Besitzer. Empfänger war Wolfgang Antes, CDU-Kreisvorsitzender und Baustadtrat von Charlottenburg. Offiziell bewarb sich nicht Schwanz um den Pachtvertrag, sondern ein Strohmann. Der bekam den Zuschlag. Als die Sache aufflog, wurden beide verurteilt.
Bei Ferat Koçak geht es um Instagram-DMs, nicht um Geldflüsse
Vierzig Jahre später erscheint Issa Remmo am Abend der Abgeordnetenhauswahl auf der Wahlparty der Neuköllner Linken. Die Partei hat nach vorläufigem Ergebnis gerade mit 25,7 Prozent die Wahl gewonnen und ist erstmals stärkste Kraft in Berlin. Nach ihrer Darstellung war Remmo nicht eingeladen und wurde hinausbegleitet. Für sich genommen ist das kaum eine Geschichte. Eine öffentlich zugängliche Wahlfeier ist noch keine politische Beziehung.
Brisanter ist ein älterer Kontakt, den Remmos Sohn Firas nach der Wahl öffentlich macht. Er stellt einen Chat mit dem Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak auf Instagram. Ein Teil stammt vom 17. Februar: Man redet sich als „Bruder“ an, verabredet ein Treffen im Büro. Koçak schreibt „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater“ und bittet Firas, eine Bundestagsrede weiterzuverbreiten. Nach dem Wahlsieg versieht Firas die Veröffentlichung mit Sätzen wie: „Wir sind Sieger. Wir sind Macher. Wir sind ein Team.“
Neukölln? Wilmersdorf! Der schwarze Filz in West-Berlin
Koçak bestätigt den Kontakt. Er habe zunächst nicht gewusst, mit wem er schreibe, und erst kurz darauf erfahren, wer Firas Remmo sei. Den Kontakt brach er danach nicht ab: Später schickte er ihm seine Bundestagsrede und bat ihn, auch sein Umfeld zur Verbreitung zu bewegen. Genau das bezeichnet Koçak heute als Fehler.
Damit ist die eigentliche Frage gestellt: Wann wird aus einem Kontakt ein Verhältnis, in dem beide Seiten etwas anzubieten haben?
Wolfgang Antes war kein Hinterbänkler. Als Baustadtrat in Wilmersdorf konnte er über Grundstücke und Genehmigungen mitentscheiden, als CDU-Kreisvorsitzender verfügte er zugleich über innerparteiliche Macht. 1985 nahm ihn die Polizei fest. Auf seine Spur führte ein Brief, in dem ein Bauunternehmer den „lieben Wolfgang“ an gezahlte 200.000 Mark erinnerte und den versprochenen Erbbaurechtsvertrag samt Baugenehmigungen anmahnte.
Der „Berliner Sumpf“ reichte weit über Antes und Schwanz hinaus
Antes gestand später, mindestens 300.000 Mark von Geschäftsleuten angenommen zu haben. Ein Teil floss direkt in die Partei: Antes bezahlte ohne deren Wissen Beiträge von CDU‑Karteileichen. Deren Stimmen verschafften ihm zusätzliche Delegierte und halfen ihm, seine Stellung im Kreisverband abzusichern.
Damit wurde aus gewöhnlicher Bestechung ein Kreislauf. Politische Macht eröffnete wirtschaftliche Vorteile; Geld aus diesen Beziehungen stabilisierte wiederum die politische Macht desjenigen, der darüber entscheiden konnte. Der „Berliner Sumpf“ reichte weit über Antes und Schwanz hinaus.
Hier liegt der erste große Unterschied zur Gegenwart. Schwanz suchte nicht von außen Anschluss an die Partei; er gehörte ihr seit Jahren an. Antes wiederum konnte als Baustadtrat etwas sehr Konkretes liefern: Pachtverträge, Genehmigungen, Entscheidungen. Geld und Gegenleistung ließen sich nachweisen.
Münz-Diebstahl aus dem Bode-Museum, Einbruch ins Grüne Gewölbe
Der heutige Remmo-Komplex liegt anders. Einzelne Angehörige der Großfamilie sind wegen schwerer Straftaten rechtskräftig verurteilt worden, unter anderem im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum und dem Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe. Polizei und Justiz beschäftigen daneben seit Jahren die Frage, ob Erlöse aus Straftaten in Immobilien geflossen sind.
In einem Einziehungsverfahren um 58 Immobilien kam das Landgericht 2025 zu der Überzeugung, die Objekte seien mit Straftaterträgen finanziert worden; Frauen und Gesellschaften hätten als Strohleute gedient. Rechtskräftig ist das nicht. Das Kammergericht hob die Entscheidung wegen eines Verfahrensfehlers Anfang 2026 auf, seit Juni wird neu verhandelt.
Immobilienbesitz und Unterwelt
Der konkrete Vorwurf ist also offen. Allgemein lässt sich der Mechanismus klar beschreiben: Geldwäsche kann Beute in Vermögen überführen, das sich wie normales Kapital verwenden lässt. Aus illegal erzieltem Einkommen wird etwa eine Immobilie, die Miete bringt, beliehen, verkauft oder vererbt werden können. Geld aus einer Straftat wird akkumulationsfähig.
Und Eigentum verändert gesellschaftliche Stellung. Wer Immobilien besitzt, Unternehmen betreibt, Anwälte bezahlt und über belastbare persönliche Netzwerke verfügt, ist nicht mehr nur Akteur einer Unterwelt. Er besitzt, beschäftigt, schließt Verträge ab und verhandelt mit Behörden. Ökonomisches Gewicht kann gesellschaftliches Gewicht erzeugen.
Die Kontaktsuche der Remmos zu CDU und SPD in Berlin
Dazu passen die wiederkehrenden Begegnungen von Mitgliedern der Remmo-Familie mit Politikern. 2021 suchte Issa Remmo den damaligen CDU-Spitzenkandidaten Kai Wegner an einem Wahlkampfstand auf. 2023 veröffentlichte Firas Remmo ein Selfie mit Michael Müller (SPD); der frühere Regierende Bürgermeister erklärte, er kenne ihn nicht. Später ließ sich Issa Remmo bei einer Begegnung mit Ex-Innensenator Andreas Geisel (SPD) filmen. Anfang 2025 kam er mit einer Besuchergruppe ins Abgeordnetenhaus; der CDU-Abgeordnete Christian Zander erklärte anschließend, von Remmos Teilnahme nichts gewusst zu haben. Firas Remmo widersprach.
Aus keinem dieser Vorgänge lässt sich eine politische Beziehung ableiten. Auffällig ist vielmehr, wie konsequent solche Begegnungen öffentlich gemacht werden. Das Bild selbst produziert etwas: Nähe zu institutioneller Macht. Der unmittelbare Gewinn ist zunächst keine Gefälligkeit, sondern Anerkennung und Status.
Was kann Ferat Koçak anbieten?
Damit wird auch der Chat mit Ferat Koçak aufschlussreicher. Nicht, weil beide „Bruder“ schreiben, und auch nicht, weil ein Bundestagsabgeordneter mit Firas Remmo kommuniziert. Entscheidend ist, worüber.
Koçaks Rede vom 29. Januar richtete sich gegen einen AfD-Antrag zur „Clankriminalität“. Er kritisierte, Menschen würden allein aufgrund ihres Nachnamens verdächtigt, sprach von Stigmatisierung und einer „hysterischen Dauerdebatte“. Genau diese Rede schickte er an Firas Remmo mit der Bitte, bei der Verbreitung zu helfen.
Das muss kein Geschäft sein. Koçak hat als Oppositionsabgeordneter keine Baugenehmigung zu vergeben. Aber zwei mögliche Ressourcen werden sichtbar: Koçak kann eine politische Sprache anbieten, die ein als „Clan“ etikettiertes Milieu gegen pauschale Kriminalisierung verteidigt. Firas Remmo verfügt über ein soziales Umfeld und Reichweite, in dem diese Botschaft zirkulieren kann.
Dass Firas den alten Austausch ausgerechnet nach dem Wahlsieg veröffentlicht und mit „Wir sind ein Team“ kommentiert, gehört deshalb zur Geschichte. Er reklamiert öffentlich politische Nähe. Ob Koçak diese Deutung teilt, ist eine andere Frage.
Ferat Koçak zieht sich aus dem Bundestag-Innenausschuss zurück
Bislang gibt es keinen Beleg dafür, dass das Remmo-Netzwerk systematisch Stimmen für die Linke organisiert hätte. Es gibt keinen belegten Geldfluss an Partei oder Kandidaten, keine nachgewiesene Gegenleistung und keine bekannte Intervention zugunsten wirtschaftlicher oder strafrechtlicher Interessen der Familie. Koçak zieht sich vorerst aus dem Innenausschuss und aus öffentlichen Auftritten zurück.
Der historische Vergleich zeigt nicht, dass sich der Antes-Skandal wiederholt. Er zeigt, wie ein ausgebildetes Austauschsystem aussieht – und was im heutigen Fall fehlt.
Beim Antes-Komplex saß das Netzwerk bereits in Partei und Verwaltung. Ein Bordellunternehmer war langjähriges CDU-Mitglied, ein Baustadtrat konnte Verwaltungsentscheidungen liefern, Geschäftsleute zahlten Geld, und ein Teil davon sicherte wiederum innerparteiliche Macht. Beim Remmo-Komplex sehen wir bislang etwas anderes: den Versuch, gesellschaftlichen Status durch demonstrative politische Nähe zu gewinnen – und im Fall Koçak möglicherweise den Ansatz eines anderen Tauschs, Reichweite gegen Anerkennung und politische Repräsentation.
Verflechtungen, die mit dem Begriff „Clan“ gemeint sind, entstehen auch ganz ohne migrantische Großfamilien
Und hier verwirrt der Begriff „Clan“ mehr, als er erhellt: Er kann den Eindruck erzeugen, die Verbindung von Unterwelt, Geschäft und Politik sei ein neues, aus einer fremden Kultur importiertes Problem. Der Antes-Skandal zeigt vielmehr, dass solche Verflechtungen auch ganz ohne migrantische Großfamilie entstehen konnten: mit Bordellbetreibern, Bauunternehmern, Parteibüchern und einem Bezirksamt.
Ob aus den strategischen Bemühungen der Remmos um demonstrative Nähe zu Politikern verschiedener Parteien – von CDU und SPD bis zur Linken – irgendwo ein belastbares Austauschverhältnis entstanden ist, bleibt bislang offen. Darauf sollte man schauen. Kann ein Netzwerk politische Unterstützung mobilisieren? Verschafft ihm das besonderen Zugang? Entstehen Erwartungen? Werden Interessen vertreten? Gibt es irgendwann wirtschaftliche oder administrative Gegenleistungen?
Im Fall Wolfgang Antes kennen wir die Antworten. Beim Remmo-Fall kennen wir sie nicht. Das ist kein Grund, die Fragen nicht zu stellen. Es ist ein Grund, Antworten nicht vorwegzunehmen.