Was gutes Banknoten-Design ausmacht: Urteil über die neue Euro-Entwürfe

Design Was gutes Banknoten-Design ausmacht: Urteil über die neue Euro-Entwürfe Noch bis 21. September kann man über die Neugestaltung der Euroscheine abstimmen. Grafikdesigner Erwin Bauer erklärt, welc...

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Was gutes Banknoten-Design ausmacht: Urteil über die neue Euro-Entwürfe

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Was gutes Banknoten-Design ausmacht: Urteil über die neue Euro-Entwürfe

Noch bis 21. September kann man über die Neugestaltung der Euroscheine abstimmen. Grafikdesigner Erwin Bauer erklärt, welche Entwürfe besonders gelungen sind

Interview

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Michael Steingruber

Die Euroscheine bekommen ein neues Design. Wie sie aussehen werden? Das ist noch unklar. Bis 21. September hat die EU-Bevölkerung noch die Möglichkeit, mitzubestimmen. Zehn Entwürfe stehen zur Auswahl. Geschmäcker sind verschieden, klar. Aber was sagt ein Fachmann zu den gestalterischen Vorschlägen? Wir haben mit Grafikdesigner Erwin Bauer darüber gesprochen, was gutes Banknoten-Design ausmacht.

Gut gestaltet: Der Entwurf von Isabelle Daëron
Gut gestaltet: Der Entwurf von Isabelle Daëron

STANDARD: Herr Bauer, haben Sie schon an der Umfrage zur Umgestaltung der Euroscheine teilgenommen?

Bauer: Nein, habe ich noch nicht. Werde das aber wohl noch machen.

STANDARD: Wie relevant ist denn gedrucktes Papiergeld heute noch?

Bauer: Auch wenn immer mehr digital bezahlt wird, zeigt sich an den 30 Milliarden Stück Euro-Banknoten, die aktuell im Umlauf sind, welche Präsenz Geldscheine im Alltag haben. Ihre Gestaltung leistet einen wichtigen ästhetischen Beitrag für die visuelle Kultur.

STANDARD: Welchen Beitrag leisten die aktuellen Euro-Banknoten, die von Reinhold Gerstetter gestaltet wurden und auf den Entwürfen der ersten Serie des österreichischen Grafikdesigners Robert Kalina basieren?

Bauer: Keinen allzu großen. Zuerst fällt ihre farbliche Blässe auf. Gestalterisch versuchen sie, an die Kupferstichtradition bei Banknoten anzuknüpfen, ohne sie zu transformieren. Das Design ist zu diffus in Symbolik und Aussagekraft. Die Entscheidung für Brücken und Fenster als Zeichen der Verbindung ist inhaltlich zu allgemein und auch formal nicht mutig umgesetzt. Mir fehlt die Prägnanz und eine gestalterische Handschrift. Eine Neugestaltung
ist also begrüßenswert (lacht).

Sehr deutsch: Der Entwurf von Neue Gestaltung GmbH
Sehr deutsch: Der Entwurf von Neue Gestaltung GmbH

STANDARD: Zehn Entwürfe stehen zur Auswahl. Die Motive wurden den Kreativen vorgegeben: Beim Thema "Europäische Kultur" geht es um gemeinsame Kulturstätten und herausragende Europäerinnen und Europäer. "Flüsse und Vögel" befasst sich mit der Widerstandskraft und Vielfalt der Natur.

Bauer: Jedes Porträt funktioniert als visuelle Attraktion natürlich sehr gut. Bei einem Gesicht müssen wir einfach hinschauen. Aber auch das Naturthema hat angesichts der Lage unseres Planeten einen starken emotionalen Impact. Man kann mit diesen Motiven arbeiten. Ich finde die Shortlist der Designs durchaus gelungen – manche mehr, manche weniger. Ich erkenne in den Entwürfen gestalterische Stärke
in der Komposition und im Umgang mit Bildelementen wie Farbigkeit. Im Vergleich zu den aktuellen Scheinen gibt es einen absoluten ästhetischen Mehrwert. Und auch die inklusive Benutzung für alle ist deutlich besser.

STANDARD: Welche Entwürfe gehören zu Ihren Highlights?

Bauer: Isabelle Daëron beweist durch ihren Entwurf einen souveränen Umgang mit Komposition. Die Verschmelzung des Fluss- und Vogelthemas funktioniert hier extrem gut – sowohl inhaltlich als auch formal. Die Sonne bildet einen Blickfang, gleichzeitig wirken die Motive aufgeräumt. Auch der Entwurf von Neue Gestaltung GmbH ist gut gelungen – vor allem durch die Verbindung von Mustern und Figuren. Es ist in gewisser Weise ein sehr deutscher Entwurf: Streng gliedert er die Banknote in drei Flächen. Das wirkt aufgeräumt, besänftigt, mit einem Hauch Retro-Feeling.

STANDARD: Und welches Design gefällt ihnen weniger gut?

Bauer: Den Entwurf von Myrsini Vardopoulou finde ich weniger gelungen. Er weist Merkmale auf, die ich an dem aktuellen Design schon kritisiert habe: kaum zeitgenössisch und visuell nicht aussagekräftig. Da fehlt mir der Mut.

STANDARD: Der Entscheidungsprozess bezieht auch die Meinung der Bevölkerung ein. Eignen sich demokratische Abstimmungen für kreative Prozesse?

Bauer: Wie die Währungsunion hier vorgeht, muss man als Versuch, Sicherheit und Konsensfähigkeit zu erreichen, werten. Man will sich nichts vorwerfen lassen und deshalb bezieht man möglichst alle ein. Die gestalterisch beste Lösung erreicht man durch solche Verfahren aber nicht unbedingt. Meist ist das Ergebnis durchschnittlich. Gute Gestaltung ist ein Denkprozess, der das inhaltliche Arbeiten von Anfang an mit einbezieht. Man kann es nicht von der visuellen Gestaltung abkoppeln, so wie es hier gemacht wurde.

Fehlender Mut: Der Entwurf von Myrsini Vardopoulou
Fehlender Mut: Der Entwurf von Myrsini Vardopoulou

STANDARD: Was macht eine gut gestaltete Banknote aus?

Bauer: Bei der Gestaltung von Geldscheinen gilt es einige Widersprüche zu vereinen. Es braucht Balance zwischen einem traditionell-wertigen Erscheinungsbild und gestalterischer Frische. Sie sollen außerdem identitätsstiftend und verbindend sein, kulturelle Normen schaffen, ohne diese vorzugeben oder vorwegzunehmen. Und nicht zuletzt sollen Banknoten für Fälscher nicht reproduzierbar sein, aber für die jeweilige Institution sehr wohl reproduzierbar sein. Die komplexen Sicherheitsmerkmale beeinflussen den Gestaltungsprozess maßgeblich, man denke an: Raster, Wasserzeichen, Sicherheitsstreifen, das Material, UV-Licht-Sichtbarkeit, Mikro-Strukturen, Typografie, haptisch-sensorischer Farbauftrag, die Differenzierung durch das Format und vieles mehr.

STANDARD: Das klingt alles den kreativen Prozess ziemlich einschränkend …

Bauer: Man hat ein viel stärkeres Korsett als bei anderen Projekten, das stimmt. Aber die Beschränkung ist kein Widerspruch zur Designqualität. Gerade die Limitierung der Möglichkeiten fördert mutige Entscheidungen.

STANDARD: Und welche Geldscheine sind besonders gut gelungen?

Bauer: Das Paradebeispiel ist für mich die Schweiz. Ich würde sie als Design-Nation bezeichnen. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung. Außerdem haben sie den Entwicklungsprozess gezielt in die Hände von versierten Gestalterinnen und Gestaltern gelegt – nicht nur die visuelle Umsetzung, sondern auch den konzeptionellen Teil. Die aktuelle Serie setzt auf Handgesten, die sehr poetisch je eine typische Eigenschaft der Schweiz repräsentieren – das sind schöne Symbole für eine Nation.

(Michael Steingruber, 20.9.2026)

Erwin Bauer (61) lehrt seit 1993 an der Universität für angewandte Kunst in der Klasse für Grafikdesign sowie an der Donau-Universität Krems, leitet außerdem das
Erwin Bauer (61) lehrt seit 1993 an der Universität für angewandte Kunst in der Klasse für Grafikdesign sowie an der Donau-Universität Krems, leitet außerdem das "buero bauer" für interdisziplinäre Gestaltung und gilt als Vorreiter im Bereich der barrierefreien Gestaltung, dem sogenannten Inclusive Design. Seine Diplomarbeit hat er über die Gestaltung von Banknoten geschrieben.

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