Lachen mit Hrabal: über die Würde und die Freiheit der tschechischen Literatur
Das tschechische Literaturschaffen glänzte im Ausland vor dem Krieg mit Jaroslav Hašek und Karel Čapek. Durch die Tragik des Prager Frühlings wurden Milan Kundera, Ivan Klíma, Bohumil Hrabal und Josef Škvorecký populär. Indes gibt es weit mehr als diese Koryphäen.
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Wenn man auf der Strasse laut brüllendes Lachen hörte, konnte das nur wegen Hrabal sein – Blick auf die tschechische Literatur nach 1948
Das tschechische Literaturschaffen glänzte im Ausland vor dem Krieg mit Jaroslav Hašek und Karel Čapek. Durch die Tragik des Prager Frühlings wurden Milan Kundera, Ivan Klíma, Bohumil Hrabal und Josef Škvorecký populär. Indes gibt es weit mehr als diese Koryphäen.
Jan Faktor03.10.2026, 05.30 Uhr
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Bohumil Hrabal (rechts) erhält 1993 in Prag den Jaroslav-Seifert-Preis, Präsident Václav Havel gratuliert. Nach 1989 hatte Hrabal offen über seine Ängste und seine Kontakte zur Staatssicherheit geschrieben.
Imago
Als vor Jahren eine öffentliche Rede von mir in der «FAZ» abgedruckt wurde, fühlte ich mich wegen der schockierend wahren Überschrift leider wie ertappt. Die Überschrift lautete «Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes» – und ich fand die Betitelung übergriffig, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass der Satz von mir stammte.
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Unsere grossen Komponisten kennt die ganze Welt, unsere Theater- und Filmleute – der Kürze wegen nenne ich hier nur Václav Havel und Miloš Forman – natürlich auch. Und unsere modernen Maler bildeten zwischen den Kriegen eine eigenständige Parallelwelt im engen Kontakt mit der französischen Moderne.
Was aber sicher nicht allgemein bekannt ist: Auch in den fürchterlichen Zeiten der sogenannten «Normalisierung» nach dem sowjetischen Einmarsch von 1968 bewegten sich unsere Bildhauer auf Weltniveau; und zwar auch diejenigen, die im Land geblieben waren und die ihnen gewährten Freiheiten mutig zu nutzen wussten.
Aber welche Stellung errang in diesem Kontext die Gegenwartsliteratur? Wir haben zum Glück nicht nur Jaroslav Hašek und Karel Čapek (den ersten tschechischen Literaturnobelpreis hat dann allerdings erst 1984 der Dichter Jaroslav Seifert bekommen), und ein angemessener Rang wird sicher auch unserem kommunistischen Staatsdichter Vítězslav Nezval erhalten bleiben. Er war nicht nur gottbegabt und hatte den wichtigsten Teil seines Werks bereits vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben; auch er musste in den fünfziger Jahren um sein eigenes Leben fürchten. Was hätte man mit ihm angestellt, wenn sein Monumentalgedicht «Stalin» von 1949 seitens der Machthaber als missraten befunden worden wäre?
Verstossen und erstickt
Hier aber noch eine kleine Zäsur: Wo waren in den Jahren der Okkupation die vielen virtuosen bürgerlichen, katholischen, anarchischen Literaten aus der Zwischenkriegszeit abgeblieben? Konsequenterweise im tschechoslowakischen Gulag, in der Emigration oder im Schweigen. Hier nur ein Name, genannt in Trauer: Jan Zahradníček.
Die grosse Frage bleibt nun – wer schrieb weiter und bekam trotz dem Würgegriff der Diktatur die Chance, unsterblich zu bleiben? Im Grunde konnten sich nach 1948 bei uns nur die parteitreuen oder -nahen Schriftsteller ungestört entfalten. Unser kleines Land hatte zum Glück aber so viel an grossen Begabungen hervorgebracht, dass wir heutzutage tatsächlich viel, viel stolzer auftreten könnten.
Schon in den fünfziger Jahren war nämlich so etwas wie ein künstlerischer Underground entstanden, und es müsste vollkommen reichen, hier nur einen einzigen Namen zu nennen: Bohumil Hrabal. Kurioserweise war diese Parallelwelt auch noch – völlig unabhängig – zeitgleich mit der amerikanischen Beat-Generation aufgekommen.
Hrabals Pech, schon seit der Jugend in der Nazizeit und auch gleich danach nicht publizieren zu können, war ein spätes Glück für unsere Literatur. Als in den sechziger Jahren seine frühen Erzählungen (Hrabal war mittlerweile über fünfzig) endlich erscheinen durften, waren es reife Meisterwerke. Sie waren schockierend anders als alles, was es sonst zu lesen gab. Hrabal hat das Tschechische gereinigt und bereichert, keine Übersetzung in eine Fremdsprache wird diese Qualitäten widerspiegeln können. Wenn man damals auf der Strasse junge Leute – solche wie mich – vor Lachen laut brüllen hörte, konnte man sicher sein, dass sie sich gerade über die neu erschienenen Hrabal-Geschichten ausgetauscht hatten.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1968 ging es mit allen Freiheiten bekanntlich wieder schnell zu Ende. Unsere Literaturwelt hatte aber wieder ein Wunder vollbracht: Alle wirklich wichtigen Autoren, alle unsere Grossen haben sich nicht angepasst – oder sie emigrierten wie Josef Škvorecký und Milan Kundera. Nur drei der damals viel gelesenen und bekannten Schriftsteller sind umgefallen und durften publizieren: Ladislav Fuchs, Jiří Šotola und Vladimír Páral.
Sonst stieg unsere gesamte Literatur in den siebziger Jahren in den Untergrund ab – und man publizierte nur dort. Auch viele junge Leute, also die zukünftigen (Doch-auch-gerne-)Literaten wie ich, hatten nur diese eine Perspektive vor sich.
In dem Zusammenhang muss man unbedingt noch einen anderen bedeutenden Namen nennen: Ludvík Vaculík, den Autor des Manifests «2000 Worte» vom Frühjahr 1968. Vaculík hat nicht nur einige grossartige Romane geschrieben – den ersten, «Das Beil», noch als Mitglied des Schriftstellerverbandes und als Kommunist, weitere dann als einer der mutigsten Literaten dieser Zeit. Er ist auch der Begründer der ersten und bekanntesten Samisdat-Edition «Petlice». Deren gab es in den folgenden zwei Jahrzehnten dann viele, und die Gesamtheit dieser Samisdat-Bewegung bewahrte für die Zukunft alle Schätze unserer authentischen Literatur.
Über seine Verhöre bei der Staatssicherheit schrieb Vaculík feingliedrig genaue und unterschwellig sogar witzige Feuilletons, und er wurde auch noch Mitbegründer der Charta 77. Ins Gefängnis musste er nicht. Viele jüngere Samisdat-Herausgeber, Mitglieder des musikalischen Undergrounds und andere mutige Akteure wurden dagegen für lange Jahre inhaftiert, sie wurden misshandelt, dauerhaft bedroht, zur Emigration gezwungen.
Hrabal übt Selbstkritik

Der Schriftsteller Ivan Klíma kehrte nach dem Prager Frühling aus dem amerikanischen Exil in die Tschechoslowakei zurück. Bild: Adelaide, 1992.
Quentin Jones / Fairfax Media / Getty
Ivan Klíma – auch noch einer unserer Grossen – hatte und behielt in mehrerer Hinsicht eine Ausnahmestellung. Er war schon in den sechziger Jahren ein bekannter Autor und Journalist, im politischen Reformprozess exponierte er sich von Anfang an ausgesprochen mutig – schon ab 1967. Und obwohl er sich ein Jahr nach dem 68er Einmarsch als Gastprofessor in den USA aufhielt und in der Tschechoslowakei als verbotener Autor galt, kam er trotzdem zurück.
Und so wurde er einer der bekanntesten literarischen Chronisten des Landes; und dies während etlicher entscheidender Jahrzehnte unserer Nachkriegsgeschichte. Dank seiner Ausnahmestellung blieben ihm, auch weil er die Charta 77 nicht unterschrieb, die schlimmsten Schikanen des Regimes erspart. Und durch seine im Ausland verlegten Bücher – und er war sehr produktiv – blieb er auch als oppositioneller Autor existenziell recht unabhängig.
1975 geschah leider etwas Unvorstellbares: Bohumil Hrabal, der gesundheitlich angeschlagen war und noch einen Lebensabschnitt ausserhalb der Legalität nicht ertragen konnte, übte eine offiziell geforderte Selbstkritik – und begann wieder zu publizieren; und er liess sich auch zensieren.
Ich habe diese seine neuen Bücher nicht lesen wollen, trotzdem konnte ich ihn nicht ganz verdammen wie andere. Dass ich Schriftsteller werden wollte, hing nun einmal mit der frühen Schocklektüre seiner Erzählungen zusammen. Ich habe 1971 meine unerträgliche Universität verlassen und bin in die slowakischen Berge gezogen.
Dank Hrabal wusste damals jeder, wie wahr, witzig und lebendig es in egal welchen Enklaven der einfachen Leute, in unscheinbaren Kneipen oder in schmuddeligen Quartieren vieler Randgestalten zuging. Hrabal hat sich zum Glück später in den achtziger Jahren überwunden und seine neuen Meisterwerke, die die Zensur niemals zugelassen hätte – zum Beispiel seine autobiografische Trilogie –, dann wieder im Samisdat veröffentlicht.
Was ich all die Jahre nicht geahnt habe: Hrabal war seit der Kindheit ein extrem ängstlicher Mensch. In der Nazizeit wurde er beinahe erschossen, in den fünfziger Jahren hätte er – aufgrund eines im Umfeld operierenden Denunzianten – wegen der Beteiligung an einer illegalen (Samisdat-)Edition im Gefängnis oder im Arbeitslager landen können. Und obwohl er als Schriftsteller nach 1975 wieder «zugelassen» war, wurde er von der Staatsmacht trotzdem weiter unter Druck gesetzt, er wurde erniedrigt und belästigt, zu Zugeständnissen gezwungen.
Obwohl er inzwischen ein weltbekannter Autor war, schaffte es Hrabal nicht, sich zur Wehr zu setzen. Er war mit der Staatssicherheit also «verstrickt» – als Opfer, versteht sich. Dass er dieses sein Leben nur mit viel Alkohol ertragen konnte, ist so gesehen kein Wunder.
Seine Tragik ist hiermit aber immer noch nicht zu Ende erzählt. Hrabal hat – gleich nach 1989 – über seine ängstliche Natur, über seine Schwächen und auch über die erniedrigende Behandlung durch die Staatssicherheit ausführlich Bericht abgelegt. Eines der Bücher heisst «Totale Ängste», er hat also alles Wesentliche über seine unrühmlichen «Kontakte» selbst publik gemacht.
Esterházys Missgriff

In seinem Buch «Verbesserte Ausgabe» von 2003 rechnet Péter Esterházy mit seinem Vater ab, einem Informanten der ungarischen Staatssicherheit, und nennt auch Bohumil Hrabal einen Zuträger. Bild: 2008.
Ulf Andersen / Getty
Auch diese Bekenntnisse wurden in andere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Ungarische. Und ausgerechnet in Ungarn, wo er als Autor besonders geschätzt wurde und immer noch wird, ist ausgehend von seinen eigenen Büchern das absurde Gerücht entstanden – und hat sich festgesetzt –, dass er im Geheimen ein Zuträger der Staatssicherheit gewesen sei. Und völlig ungeprüft hat dieses «Faktum» Péter Esterházy 2003 in seinem Buch «Verbesserte Ausgabe» festgeschrieben – wohlgemerkt in Zusammenhang mit der Verarbeitung seiner eigenen Tragik: Sein Vater, den er sehr bewunderte und der in seiner «Harmonia Caelestis» eine wichtige Rolle spielt, entpuppte sich nach seinem Tod tatsächlich als extrem agiler Denunziant.
Ich habe von diesem Missgriff Esterházys nur zufällig erfahren – und begann zu recherchieren. Aber seit Monaten ist es mir – trotz der aktiven Mithilfe von Terézia Mora – nicht gelungen, diesen absurden Irrtum aufzuklären. Aber fast noch skandalöser ist Folgendes: An Esterházys direkten oder indirekten Zuschreibungen hat sich jahrzehntelang niemand gestört. Nicht in Tschechien, wo die «Verbesserte Ausgabe» 2014 erschien, nicht 2018 im deutschen Sprachraum. Offenbar haben auch die jeweiligen Übersetzer keine Fragen gestellt, und in Prag will sich mit diesen alten «Boulevardlügen» heutzutage niemand beschäftigen. Da aus Ungarn, konkret von dem (Hrabal-Verehrer-)Verein Bohemia, seit Monaten keine Reaktion kommt, darf diese meine und Terézias Recherche als nicht abgeschlossen gelten.
Zum Glück haben wir Tschechen noch andere bedeutende Schriftsteller, die ihre wichtigsten Bücher in voller Freiheit verfassen konnten – nach dem Putsch der KPČ von 1948 beziehungsweise nach 1968. Neben dem schon erwähnten Josef Škvorecký, der in Toronto gemeinsam mit seiner Frau den wichtigsten Exilverlag 68 Publishers geleitet hat, muss man unbedingt unseren surrealistischen Ausnahmedichter Ivan Blatný nennen. Blatný war 1948 während einer offiziellen Reise in England geblieben, kam dort existenziell nicht klar, wurde vom verstaatlichten Gesundheitssystem dann aber gerettet. Er verbrachte die nächsten 38 Jahre freiwillig als ein (staatenloser!) Psychiatriepatient in verschiedenen Anstalten; dort schrieb er manchmal auch auf Toilettenpapier.
Ivan Blatný galt seit den dreissiger Jahren als die grösste neue Begabung nach Vítězslav Nezval. Und wir haben natürlich auch noch Milan Kundera, den grossen Intellektuellen und Repräsentanten der tschechischen Kultur im Ausland, der sich für mich aber gleichzeitig – jedenfalls in seinem Erfolgsroman «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» – als ein unerreichbar geschickter Untermischer falscher Gefühle darstellt. Milan Kundera ist heutzutage sicher der bekannteste von allen tschechischen Gegenwartsschriftstellern, der grösste freilich ist er nicht.

Milan Kundera 1982 in Paris, wohin er 1975 emigriert war. Mit «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» wurde er wenig später zum bekanntesten tschechischen Autor im Ausland.
Francois Lochon / Gamma-Rapho / Getty
Jan Faktor, geboren 1951 in Prag, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er schreibt auf Deutsch. Seine Werke wurden mit renommierten Preisen wie dem Alfred-Döblin-Preis, dem Italo-Svevo-Preis und dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet.
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