Werte, Wut und Wald
Drei Männer Anfang 20 müssen sich am Dienstag vor dem Landgericht Frankfurt verantworten. Sie sollen im November einen Mann niedergestochen haben, weil der Tanzstil seines Begleiters nicht ihren Wertevorstellungen entsprach.
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Stand: 21.08.2026, 14:21 Uhr
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Alle Gerichte auch zum Mitnehmen (29): Irgendwie habe ich mich an das Inselleben gewöhnt. Wenn man erst mal drauf ist, geht’s eigentlich. Zudem dürfen hier alle tanzen, wie sie lustig sind. Aber dann schallt aus dem Wald plötzlich und unerwartet der Notruf des Mutterlandes.
Seit der Sache mit der Sonne ist Pepe ziemlich handzahm geworden. Gut so. „Hola, vuesa merced, mándate a freír espárragos“, begrüßt mich mein zitronenverkaufender Freund katzbuckelnd – auf der Insel ein Zeichen höchsten Respekts. „Moinsen“, erwidere ich huldvoll den Gruß, „was gibt’s Neues aus der Heimat?“
„Drei Prozesse, allesamt am Dienstag, wären kommende Woche deines Interesses würdig, so du wieder in deiner Heimat weiltest, was du nicht tust.“ Spüre ich da einen Hauch von Kritik? Ich ersticke sie im Keim, indem ich herrisch „Der Erste!“ belle.
Tanz um Werte
„Um 9.30 Uhr stehen in Saal 10 E drei böse Buben, alle Anfang 20, vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts. Ihnen wird versuchter Totschlag sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Sie sollen im vergangenen November bei einer ,spontanen Tanzveranstaltung‘ auf der Zeil einen 27‑Jährigen niedergestochen haben, weil der Tanzstil seines Begleiters ,nicht mit ihren Wertevorstellungen übereinstimmte‘.“ „Schöne Scheißwerte werden das sein“, winke ich ab, denn nicht einmal der „Ententanz“ könnte solch ein Hassverbrechen rechtfertigen. „Der Zweite?“
Gender-Gap im Dschihad
„Eine Frau und zwei Männer im Alter von 19 bis 27 Jahren müssen sich um 9.30 Uhr in Saal 8 E wegen der Vorbereitung einer terroristischen Straftat verantworten. Sie hatten wohl zuvor in Pakistan und Afghanistan eine Ausbildung zum Märtyrer angefangen, aber noch vor der Gesellenprüfung abgebrochen.“
„Und in diesem Fall auch der Gesellinnenprüfung“, beckmessere ich erhobenen Zeigefingers und will gerade dazu anheben, die Gendergerechtigkeit der Gotteskriegerin und der Gotteskrieger zu loben. „Eher nicht“, macht Pepe mein Lob zuschanden, „die 19-Jährige soll sich hauptsächlich um Reisekosten und Hotelreservierungen gekümmert haben und ist darum auch nur wegen Beihilfe angeklagt.“ „Bedauerlich“, bedauere ich. „Und der Dritte?“
„Ein 39 Jahre alter Banker steht wegen gewerbsmäßiger Untreue um 9 Uhr in Saal 18 E vor der 28. Großen Strafkammer. Er soll die Konten ,sehr vermögender Kunden‘ um knapp eine halbe Million Euro geplündert haben.“ „Tadelloser Robin-Hood-Style“, sage ich „aber hat der Banker das Geld auch unter den Armen verteilt?“ „Ja“, antwortet Pepe, „unter seinen.“ „Na, dann ist doch gut“, lautet mein Urteil. „Gibt’s sonst noch was?“
Vom Sherwood Forest in den Schwarzwald
Pepe wirkt plötzlich sehr nachdenklich. „Ich muss dir leider mitteilen, dass gegenwärtig der Schwarzwald in deinem Heimatland von spanischen Touristenhorden überrannt wird. Sie saufen Tannenzäpfle aus Eimern, legen ihre Handtücher frühmorgens an die Gestade des Titisees, hören sehr laut schlechte Musik und tanzen dazu unzüchtig. In Freiburg gibt es überall nur noch Tapas, und viele Einheimische können sich die horrenden Mieten nicht mehr leisten.“
„Soll doch der Holländermichel die verfluchten Spanier alle fressen!“, brülle ich im Zorn, denn so geht’s nun wirklich nicht, auch wenn das Verhalten der Frauen und Mannen von der iberischen Halbinsel strafrechtlich leider nicht verfolgbar ist. „¡Al polvo con todos los enemigos de la Selva Negra!”, ruft Pepe in seinem sinnlosen Kauderwelsch. „Hispanes eunt domus!”, mache ich meinem Ärger Luft, denn Latein wird überall auf der Welt verstanden, außer von Pepe, der mich belehren will, dass das ganz anders hieße.
Aber ich höre gar nicht mehr zu. Ich muss irgendwie wieder zurück nach Hause gelangen. Mein Wald braucht mich!