Romandie will Parmelins Sitz im Bundesrat sichern

Westschweizer SVP-Chefs beanspruchen Parmelins Sitz im BundesratBundesrat Guy Parmelin soll von einem Romand ersetzt werden, fordern die Präsidenten der Kantonalparteien einhellig. Aber das ist alles andere als...

  • 5 min read
Romandie will Parmelins Sitz im Bundesrat sichern

Westschweizer SVP-Chefs beanspruchen Parmelins Sitz im Bundesrat

Bundesrat Guy Parmelin soll von einem Romand ersetzt werden, fordern die Präsidenten der Kantonalparteien einhellig. Aber das ist alles andere als sicher.

03.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Der Neo-Bundesrat Guy Parmelin 2016 beim Abendessen an seiner Wahlfeier mit «Madame Parmelin» (links) und der Parteikollegin und Wahlhelferin Céline Amaudruz.

Der Neo-Bundesrat Guy Parmelin 2016 beim Abendessen an seiner Wahlfeier mit «Madame Parmelin» (links) und der Parteikollegin und Wahlhelferin Céline Amaudruz.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Guy Parmelin tritt zurück. Das hat der Wirtschaftsminister und amtierende Bundespräsident an einer Medienkonferenz vom Freitagmorgen mitgeteilt. An seinem Rücken liege es nicht, sagte Parmelin und bezog sich dabei auf das offenste Geheimnis Bundesberns. Eher verspüre er eine gewisse Amtsmüdigkeit, das «feu sacré», die Begeisterung, habe spürbar nachgelassen.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Mit Parmelin verlässt nun ein Romand den Bundesrat. Das Gremium erfüllt die von der Verfassung vorgesehene angemessene Vertretung der Sprachregionen derzeit: Mit Parmelin, Elisabeth Baume-Schneider aus dem Kanton Jura und dem Tessiner Ignazio Cassis ist die lateinische Schweiz durchaus gut vertreten.

Die Geschichte von SVP-Bundesräten aus der Westschweiz ist rasch auserzählt: Guy Parmelin war der bisher erste. 2015 setzte er sich – mehr oder minder überraschend – gegen Norman Gobbi von der Tessiner Lega und den Zuger Nationalrat Thomas Aeschi durch. Muss nun also ein Romand auf Parmelin folgen?

«Zwei, besser drei Bundesräte aus der lateinischen Schweiz»

Der Staatsrechtler Felix Uhlmann verwies einst auf den relevanten Kommentar zur Bundesverfassung, wonach «mindestens zwei, besser aber drei Bundesräte aus der lateinischen Schweiz stammen sollen». Das sagte er nach der Wahl Baume-Schneiders im Jahr 2022 gegenüber SRF.

Und Guy Parmelin? Der verwies an der Medienkonferenz auf die Verantwortung der Partei und der Bundesversammlung. Er sagte aber auch: «Derzeit haben wir auf Ebene des Bundesrats eine – in Anführungszeichen – nahezu perfekte Zusammensetzung.» Heisst: In Parmelins Augen ist der Idealzustand des Bundesrats eine hauchdünne Mehrheit von Deutschschweizern mit zwei Romands und einem Tessiner. Dann allerdings sagte er gleich wieder beschwichtigend: «Vielleicht finden meine Deutschschweizer Freunde, dass das nicht stimmt, weil drei ‹Lateiner› vielleicht doch ein bisschen zu viel sind.»

Für die Westschweizer Kantonalparteien der SVP indes ist die Sache klar. «Wir wollen, dass eine welsche Persönlichkeit auf Guy Parmelin folgt», sagt Kevin Grangier, der SVP-Koordinator für die Romandie. «Das ist der einstimmige Wunsch der welschen Bundesparlamentarier.»

Das bestätigen auch alle kantonalen Präsidenten der SVP in der Romandie – mit unterschiedlichen Akzenten. «Eine Westschweizer Nachfolge ist nicht wichtig, sondern absolut fundamental», sagt etwa Lionel Dugerdil, der Präsident der Genfer Kantonalpartei.

Der Pragmatiker Jean-Pierre Brechbühler aus Neuenburg hingegen sagt: «Ich bin mir nicht sicher, ob das angesichts der Mehrheitsverhältnisse klappen wird.» Die dominante Deutschschweizer SVP dürfte nämlich ihre eigenen Kandidaten bevorzugen.

Das Sorgenkind gleicht sich an

Die SVP war in der Westschweiz lange schwach verankert. Erfolge liessen auf sich warten. Ab den 1990er Jahren gelang der Durchbruch durch die Abkehr vom reinen Agrarprofil hin zu einem rechtskonservativen, europakritischen Kurs. Also ab jenem Moment, als sich die UDC sukzessive dem Zürcher Flügel der SVP anglich. Durch gezielten Parteiaufbau und die Fokussierung auf Migrations- und Sicherheitsfragen etablierte sich die SVP über die Jahre auch in der Romandie als feste, wählbare Kraft neben den traditionellen Parteien.

Bei den letzten nationalen Wahlen 2023 konnte die SVP im Wallis ihre zwei Sitze verteidigen – der Status quo war noch das schlechteste Resultat. In den Kantonen Freiburg und Neuenburg eroberte sie ihren 2019 verlorenen Sitz zurück. Im Jura warf die SVP die Mitte aus dem Nationalrat. Im Kanton Waadt gewann sie ebenfalls einen Sitz hinzu und kam damit auf vier Nationalratssitze. Auch in Genf gelang ein Sitzgewinn.

Für Kevin Grangier wäre es angesichts dieser Dynamik widersinnig, Parmelins Sitz nun wieder an die Deutschschweiz abzugeben. «Das grösste Wachstumspotenzial der SVP liegt weiterhin in der Romandie.» Auch dafür brauche es ein Zugpferd im Bundesrat.

Aber wer soll es nun werden? Der Präsident der Genfer Kantonalpartei Lionel Dugerdil wünscht sich (wenig überraschend) eine Person, die «Genf nahesteht oder aus Genf ist». Kurz: Nationalrätin Céline Amaudruz. Schliesslich sei der Kanton Genf – ein Wirtschaftsmotor der Schweiz mit der zweitgrössten Stadt des Landes – seit Micheline Calmy-Reys Rücktritt Ende 2011 nicht mehr im Bundesrat vertreten gewesen.

Zudem liege Céline Amaudruz in allen Grundsatzfragen auf Parteilinie, «sei es bei der Neutralität, der Souveränität oder Sicherheit». Dass Amaudruz gerade bei gesellschaftspolitischen Fragen nicht immer klassische SVP-Positionen vertritt, verkauft Dugerdil als Stärke: «Sie ist bei bestimmten Themen konsensfähig, und ich glaube, im Bundesrat brauchen wir so jemanden.»

An Amaudruz kommt in der Westschweiz wohl niemand vorbei

Auch ausserhalb der Genfer Kantonsgrenzen lautet die Antwort nach der welschen Wunschkandidatur oft Amaudruz. Sie sei erfahren, habe sich im Parlament wie in der Partei bewiesen. Ausserdem spricht sie Deutsch, was man nicht von allen Romands sagen kann.

An Amaudruz scheint in der Westschweiz also kaum ein Weg vorbeizuführen. Ein Insider sieht in ihrer Kandidatur gar die einzige Chance für die Romandie, Parmelins Sitz zu verteidigen. Er sagt: Sollte ein Mann kandidieren, würden die Deutschschweizer Parteikollegen wohl eine Deutschschweizer Frau aufs Ticket hieven – und diese hätte dann am meisten Chancen in der Bundesversammlung. Es wäre die erste Bundesrätin der SVP.

Céline Amaudruz selbst schreibt auf Anfrage, sie begrüsse die Arbeit von Guy Parmelin. Was ihre eigene Zukunft angeht, will sie sich nicht konkreter äussern. Sie wolle in Ruhe darüber nachdenken und dies mit ihrem Umfeld besprechen.

Die Kantonalparteien haben nun drei Wochen Zeit. Bis am 23. Oktober mittags müssen sie ihre Kandidatinnen und Kandidaten melden. Ein erstes Schaulaufen vor Ort dürfte eine Woche zuvor an der Delegiertenversammlung im freiburgischen Bulle stattfinden.

Der Genfer Parteichef Dugerdil sagt, er lasse seiner Favoritin Amaudruz nun das Wochenende, um mit ihrem Mann und den beiden Kindern zu überlegen, ob sie für den Bundesrat kandidieren wolle. Nächste Woche wolle er sie dann zum Gespräch bitten.

Passend zum Artikel

In der SVP positionieren sich die aussichtsreichsten Papabili. Das Kandidatenkarussell.

Er war der freundlichste Bundesrat der Welt. Als Wirtschaftsminister betrieb er eine Politik der kleinen, aber steten Schritte. Als Bundespräsident war er gross. Nun tritt er zurück.

Erst wurde er als wunderlicher Winzer belächelt, dann wurde er ein geachteter Bundesrat – Über die Wandlungen eines aussergewöhnlichen Politikers.