Wie der Fussball zum Milliardenbusiness wurde – und warum es nicht die Fifa war, die den Boom auslöste
Die Fifa als Faktor der Weltpolitik, irre Transfersummen, weltweite Abdeckung: Der Fussball ist seit den 1990er Jahren spektakulär gewachsen. Was am Anfang des Booms stand, warum die besten Spieler so viel verdienen – und weshalb ein Ende nicht absehbar ist.
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Die Fifa als Faktor der Weltpolitik, irre Transfersummen, weltweite Abdeckung: Der Fussball ist seit den 1990er Jahren spektakulär gewachsen. Was am Anfang des Booms stand, warum die besten Spieler so viel verdienen – und weshalb ein Ende nicht absehbar ist.
03.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten
Viel haben Elon Musk und Real Madrid auf den ersten Blick nicht gemeinsam. Aber eines verbindet den amerikanischen Tech-Milliardär und den spanischen Fussballklub: Beide können von sich behaupten, dass sie die Reichsten seien.
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Musk ist der reichste Mann der Welt. Und Real Madrid ist der umsatzstärkste und damit, etwas zugespitzt, reichste Fussballklub der Welt. Über 1,2 Milliarden Euro Umsatz haben die Spanier jüngst erzielt. Das ist eine bemerkenswerte Zahl, wenn man bedenkt, von wem sie im Kern erwirtschaftet wird. Nämlich von ein paar Männern, die einem Ball nachjagen und versuchen, ihn in ein Tor zu schiessen.
Einst galt der Fussball als Arbeitersport. Jetzt ist er zu einem Milliardengeschäft geworden. Beispielhaft zeigt sich das an Real Madrid. Noch zur Jahrtausendwende, in der Saison 1999/00, erzielte der Klub einen Umsatz von 118 Millionen Euro. Ein Vierteljahrhundert später ist es zehnmal so viel.
Hinter dem rasanten Wachstum steht eine Reihe von Entwicklungen. Sie verstärken sich gegenseitig. Und haben weitgehende Folgen.
Die Fernsehrevolution

Anfang der 1990er Jahre wird in England die Premier League gegründet. Die grössten Klubs des Landes erreichen damit, was sie schon lange anstreben: eine eigene Liga, die ihre TV-Rechte selbst vermarktet. Und die Einnahmen nicht mehr mit dem Rest der englischen Fussballpyramide teilen muss.
Um die TV-Rechte der neuen Liga entbrennt ein Bieterkrieg. Diesen entscheidet Bskyb, das Unternehmen des Medienmoguls Rupert Murdoch, das heute schlicht Sky heisst, für sich. Murdoch hat damals ein Problem, weil seine Firma hohe Verluste schreibt. Er braucht exklusive Inhalte, um Kunden anzulocken. Und setzt auf die Premier League, die im Sommer 1992 den Betrieb aufnimmt.
Dahinter steckt eine neue Vision vom Fussballgeschäft. Bis dahin lebte dieses vor allem von den lokalen Unterstützern, die jede Woche für ihr Team ins Stadion pilgerten. Nun soll aber ein professioneller Fernsehauftritt für neue Kunden sorgen, für Fans aus aller Welt, die ihr Lieblingsteam vom Fernsehapparat aus verfolgen. Eine Gesamtabdeckung von Live-Spielen, wie Sky sie damals für die Premier League verspricht, hat es zuvor noch nie gegeben. Der Fussball wird zum Fernsehspektakel.
Im gleichen Sommer geht die Champions League erstmals an den Start. Auch sie ist das Ergebnis von Reformdruck, in diesem Fall der grössten Klubs des ganzen Kontinents. Der alte Meistercup wird ab der ersten Runde im K.-o.-Modus ausgespielt. Das bringt für die Klubs Unsicherheiten mit sich, weil der Wettbewerb für sie schnell vorbei sein kann. Der Modus der neuen Champions League, die von der Uefa zentral vermarktet wird, garantiert sechs Gruppenspiele. Und auch die Champions League profitiert vom Aufkommen des Privatfernsehens. Die Sender sind auf Inhalte angewiesen, um sich im Markt zu etablieren. Die Live-Übertragung von Fussballspielen soll dabei helfen.
Was damals passiert, gilt heute als Urknall des modernen Fussballs. Mit der Fernsehrevolution beginnt eine neue Zeitrechnung. Weil sie vieles in Gang setzt und immer mehr Geld ins Fussballsystem fliessen lässt. Das schlägt sich auch in den Umsätzen der Klubs in den fünf grossen Ligen Europas nieder. Sie steigen in den kommenden Jahrzehnten stark an.
Die Fernsehrevolution verändert die Zusammensetzung dieser Umsätze. Noch in der Saison 1991/92 funktionieren die Klubs der obersten englischen Liga so, wie sie viele Jahrzehnte lang funktioniert haben: Ihre wichtigste Geldquelle sind die Einnahmen, die sie am Spieltag erzielen, namentlich mit dem Verkauf von Eintrittskarten.
Fast die Hälfte ihres Ertrags erzielen die Klubs damals auf diese Art. Doch das verändert sich in den Jahren darauf, weil immer mehr Fans zuschauen wollen, wie sich die besten Spieler der Welt in der Premier League und der Champions League messen. Das lässt die Erträge aus den TV-Rechten sprudeln. Diese wiederum fliessen über Preisgelder und andere Verteilmechanismen an die Klubs zurück.
1991/92 spülen die Premier-League-Übertragungsrechte den englischen Klubs 15 Millionen Pfund in die Kassen. In der vergangenen Saison 2025/26 sind es 3776 Millionen. Die Premier League profitiert dabei auch davon, dass sie mit dem Verkauf ihrer Auslandsrechte viel höhere Erträge als die Konkurrenz erzielt. Keiner Liga gelingt es besser, weltweit Fernsehzuschauer anzulocken.
Heute beträgt der Anteil der Spieltagseinnahmen der englischen Klubs nur noch rund 15 Prozent. Dafür machen jene aus den TV-Rechten die Hälfte aus. In anderen Ligen ist die Entwicklung ähnlich, wenn auch nicht im selben Ausmass.
Je sichtbarer der Fussball wird, desto attraktiver macht ihn das auch als Werbeplattform. Das wiederum beschert Klubs und Verbänden lukrative Sponsorendeals und lässt die kommerziellen Einnahmen in die Höhe schiessen. Real Madrid etwa generierte über sie zuletzt fast 600 Millionen Euro. Zwanzig Jahre zuvor waren es noch 124 Millionen gewesen.
Der Transferboom
Für einen Verein ist sportlicher Erfolg der beste Weg, um möglichst viele Zuschauer für sich zu begeistern. Und dieser lässt sich dann erreichen, wenn der Verein eines hat: gute Spieler. Dafür geben die Vereine fast ihr ganzes Geld aus. Das spiegelt sich auch in den Transferausgaben. Sie kennen im langjährigen Vergleich nur eine Richtung: nach oben. Das gilt generell. Und vor allem für die Premier League. Seit vielen Jahren dominiert sie die Ausgabestatistiken schon, und der Trend hat sich in letzter Zeit noch akzentuiert. In der laufenden Saison hat sie mehr Geld in neue Spieler investiert als alle anderen grossen europäischen Ligen zusammen.
Die Entwicklung lässt sich auch anhand der Rekordtransfers illustrieren. 1997 wechselte der brasilianische Ronaldo von Barcelona zu Inter Mailand, für 26,5 Millionen Euro. Das war damals Rekord. Zwanzig Jahre später verliess Ronaldos Landsmann Neymar den FC Barcelona. Er schloss sich Paris Saint-Germain an, für 222 Millionen Euro.
Bis heute ist kein Fussballer für mehr Geld transferiert worden. Doch gesamthaft werden auf dem Transfermarkt heute viel grössere Summen bewegt als damals. 2025 waren es laut einem Fifa-Bericht weltweit rund 13 Milliarden Dollar – Rekord. Das waren 50 Prozent mehr als im Vorjahr. 36 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2023. Und doppelt so viel wie 2017, im Jahr des Rekordtransfers von Neymar.
Die Klubs lassen sich ihre Spieler viel kosten. Und sie entlöhnen sie auch überaus üppig. Weil die besten Spieler sich sonst einen anderen Verein suchen, der sie besser bezahlt. Folglich liegt die Marktmacht bei den Fussballern; hier wirkt das Bosman-Urteil von 1995 noch immer nach. Damals entschied der Europäische Gerichtshof, dass Profifussballer nach dem Ablauf ihres Vertrags ablösefrei wechseln dürfen. Der Entscheid stärkte die Position der Spieler. Und liess ihre Gehälter rasant ansteigen.
Der bestbezahlte Spieler der Welt ist heute Cristiano Ronaldo, dem der saudische Klub al-Nassr rund 240 Millionen Dollar pro Jahr zahlen soll. Lionel Messi, der argentinische Superstar, erhält von Inter Miami pro Jahr zwischen 70 und 80 Millionen Dollar. Wobei diese Gehälter nicht den sportlichen Wert der beiden bisher wichtigsten Spieler dieses Jahrtausends spiegeln. Sondern ihre Rolle als global bekannte Figuren, die helfen, Sponsoringverträge, TV-Abonnements und Merchandising-Artikel zu verkaufen.
In Europa geben die Premier-League-Klubs am meisten für Gehälter aus, mit grossem Abstand; in der Saison 2024/25 waren es über 5,2 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie in Spanien (2,5), Deutschland (2,3) oder Italien (2).
Auch hier ist ein Vergleich mit der Vergangenheit vielsagend. Noch in der Saison 1996/97 gaben die fünf grossen Ligen Europas 1,3 Milliarden für Löhne aus. 2024/25 waren es 13,7 Milliarden.

Die Verbände profitieren – und suchen Expansionsmöglichkeiten
Die strukturellen Entwicklungen im Profigeschäft wirken sich auch auf die Verbände aus. Der Fussball-Weltverband Fifa steht im Fokus, gerade wenn es um die Gier geht, die der Branche medial oft nachgesagt wird. Das gilt erst recht, seit ihr Präsident Gianni Infantino mit seinen Investorenplänen scheiterte und damit einen Machtkampf auslöste.
Die Fifa rechnet ihre Erträge in Vierjahreszyklen ab, die jeweils im Jahr einer WM enden. Für den Zyklus der WM von 2010 in Südafrika löste der Verband insgesamt 4,2 Milliarden Dollar. Für den gegenwärtigen Zyklus stehen die definitiven Zahlen noch nicht fest. Doch Infantino sagte nach der WM im Sommer, dass die Fifa mit rund 15 Milliarden rechne.
Das wäre mehr als je zuvor. Doch ein anderer Kontinentalverband generiert noch eine deutlich höhere Summe: die Uefa. Sie funktioniert nicht wie die Fifa in Vierjahreszyklen. Doch wenn man ihre Einnahmen ebenfalls in diese Form bringt, dürfte sie im gegenwärtigen Zyklus rund 21 Milliarden Euro einnehmen. Die Berechnungen basieren auf den Geschäftsberichten der letzten Jahre und einer Hochrechnung für die letzte relevante Saison, 2025/26.
Nicht die Fifa ist die Geldmaschine des Weltfussballs, sondern die Uefa: Das mag auf den ersten Blick überraschen. Aber nur auf den ersten, weil die Uefa mit der Champions League über eine Einkommensquelle verfügt, die ihr alljährlich Milliarden einbringt. Und um die die Fifa sie beneidet. Das erklärt auch, wieso die Fifa mit der vor einem Jahr lancierten ausgebauten Klub-WM eine neue Einnahmequelle sucht.
Lange wuchsen die Uefa-Einnahmen stärker als jene der Fifa. Doch unter Infantino holt die Fifa auf. Im aktuellen Zyklus hat sie ihre Einnahmen gegenüber dem letzten beinahe verdoppelt dank den zusätzlichen Einnahmen über die Klub-WM und vor allem die WM im Sommer, die im Bereich Ticketing und Hospitality viel mehr Geld einbrachte. Das ist auch eine Folge der exorbitanten Eintrittspreise, die an der WM für Kritik sorgten.
Fest steht, dass der Verteilkampf zwischen den beiden Verbänden nicht so schnell enden wird. Und dass auch das derzeitige Tauziehen um die Zukunft von Gianni Infantino damit in Zusammenhang steht.
Strahlende Marken –
mit Potenzial für noch mehr?
Kaum eine Branche ist in den letzten Jahrzehnten so rasant gewachsen wie der Profifussball. Aber wenn man den Umsatz des reichsten Klubs der Welt mit anderen Unternehmen vergleicht, relativieren sich diese Zahlen. So macht selbst der Krösus Real Madrid nur rund halb so viel Umsatz wie Ems Chemie, das Unternehmen der Familie Blocher. Die Migros generiert jährlich rund das Dreissigfache an Einnahmen.
Aber vielleicht ändert sich das irgendwann. Früher, bevor all das Geld in den Fussball floss, gehörten die europäischen Fussballklubs meist lokalen oder regionalen Unternehmern. Heute tummeln sich Private-Equity-Firmen in der Branche, weil sie glauben, dass in den weltbekannten Marken noch viel mehr wirtschaftliches Potenzial stecke.

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