Wie Kinder die Bildung bekommen, die sie brauchen

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Wie Kinder die Bildung bekommen, die sie brauchen

Deutschland steckt in der Bildungskrise. Seit Jahren landen die Schülerinnen und Schüler bei internationalen Bildungsstudien höchstens im unteren Mittelfeld. An Schulen herrschen Lehrermangel und Reformstau, mehr als 64 000 Jugendliche haben sie 2025 ohne Abschluss verlassen. Zwar liegt die Hauptverantwortung für Bildungspolitik bei den Ländern, doch auch die Bundesregierung kann Einfluss nehmen. Was kann und möchte sie bewirken, während öffentlich vor allem um jeden Euro für Rente, Gesundheit und Pflege gestritten wird?

Die Welt verändert sich. Wie kann Schule Kinder darauf vorbereiten?

Schulen schaffen es immer weniger, allen Kindern und Jugendlichen die grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln, die man nicht nur für einen Schulabschluss, sondern auch für ein erfolgreiches Leben als Erwachsener benötigt. Dazu gehören Lesen und das Verstehen von Texten, die Grundrechenarten und ein Verständnis von Zahlen und Räumen, aber auch logisches Denken. Ziel ist es eigentlich, dass Schülerinnen und Schüler bestimmte Mindeststandards erreichen – als Basis, von der aus sie sich weitere Inhalte in verschiedenen Fächern aneignen und diese flexibel einsetzen können, um Probleme zu lösen.

Aber reicht das auch künftig aus? Junge Menschen wachsen heute in einer Welt voller Krisen auf, künstliche Intelligenz verändert auch ihren Alltag grundlegend. Und niemand kann sagen, welche Herausforderungen die kommenden Jahrzehnte bringen. Sicher ist, dass die jungen Menschen von heute es sein werden, die die Klimakrise und die Sicherheitsprobleme dieses Landes in den Griff bekommen müssen, sagt der Soziologe Sebastian Kurtenbach. „Sie müssen die Infrastruktur auf Vordermann bringen und die Demokratie sichern. Das sind immense Zukunftsaufgaben.“ Bildungsforscher sprechen deswegen gerne von „future skills“, auf die es ankommen wird: kreatives Problemlösen, Teamfähigkeit, routinierter Umgang mit Technologie, aber auch Resilienz bei Veränderungen.

Warum sind jetzt Reformen nötig?

Seit Jahren offenbart jede Studie – ob national oder international – aufs Neue, wie schlecht es um den Bildungsstandort Deutschland bereits bei den Grundkompetenzen steht: Jeder vierte Viertklässler scheitert an einfachen Texten, die in diesem Alter als Mindeststandard gelten, zeigte die internationale Lesestudie Iglu. Bei der letzten Pisa-Studie mit Schwerpunkt Mathematik schnitten Schülerinnen und Schüler aus Deutschland so schlecht ab wie noch nie zuvor.

Außerdem gibt es nicht nur viel mehr Kinder und Jugendliche, die besorgniserregend wenig können. Auch ist die leistungsstarke Spitze an Schülerinnen und Schüler im Vergleich sehr klein. Das hat der nationale Bildungsbericht 2026 gezeigt.

Bildungspolitiker aus Bund und Ländern reagieren auf die schlechten Ergebnisse in der Regel betroffen – und das war es dann meist schon. Manchmal erhöht ein Bundesland die Stundenzahl an Grundschulen, mal streicht ein anderes den Kunst- und Musikunterricht zusammen. Doch größere Reformvorhaben wie nach dem Pisa-Schock im Jahr 2001, als Deutschland im ersten großen internationalen Vergleich überraschend schlecht abschnitt, gibt es bisher nicht. Das mag auch daran liegen, dass manche Bundesländer regelmäßig deutlich besser abschneiden als andere. Grund dafür ist nicht zwingend ein besseres Schulsystem, es kann auch an unterschiedlichen Voraussetzungen und der verschieden heterogenen Schülerschaft liegen.

Der Bildungsforscher Kai Maaz kritisiert, dass die Bildungsministerien der Länder dieses Problem nicht systematisch genug angingen. In den vergangenen zwei Jahren habe es zwar etwa 347 Maßnahmen der Länder gegeben, um soziale Ungleichheit zu reduzieren. Diese seien aber eher Ausdruck einer „ausgeprägten Förderlogik“, sagt er. „Das heißt: Es gibt ein Problem, das wird identifiziert, und es wird mit einem Programm oder einer Maßnahme reagiert.“ Das passiere dann sechzehnmal, also in jedem Bundesland, sagt Maaz, wenig davon sei abgestimmt und nachhaltig.

Dabei macht die finanzielle Lage gezieltes Vorgehen nötig. Denn Personal-, Energie- und Baukosten sind in den vergangenen Jahrzehnten zwar gestiegen. Die Ungleichheiten wurden deutlicher und die Anforderungen durch die Digitalisierung noch höher. Doch die öffentlichen Bildungsausgaben anteilig am Gesamthaushalt waren rückläufig.

Was wird politisch entschieden?

Weil Bildungspolitik Sache der Länder ist, bietet der Bund meist finanzielle Unterstützung an und knüpft diese Förderung in der Regel an bestimmte Ziele. Anfang 2026 startete so der Digitalpakt Schule 2.0: Bund und Länder stellen jeweils 2,5 Milliarden Euro für digitale Geräte, Lernsoftware und technischen Support zur Verfügung. Anders als beim ersten Digitalpakt fließt auch Geld in die Forschung, um innovative und praxisnahe Ansätze für den digitalen Unterricht zu entwickeln und Lehrkräfte besser zu schulen. Kinder sollen mit KI-Materialien und -Tools individuell gefördert werden, und es soll ihnen möglich sein, selbstorganisiert zu lernen.

Um Schülerinnen und Schülern nicht nur Wissen, sondern auch die Fähigkeit zu Teamarbeit und kreativem Problemlösen zu vermitteln, müsste sich aber auch die Lern- und Prüfungskultur an Schulen deutlich ändern. Das passiert bisher punktuell an einzelnen Schulen, auf politischer Ebene aber kaum.

Im Fokus steht die Verringerung der Bildungsungleichheit. Mit dem Startchancen-Programm fördern Bund und Länder seit 2024 Schulen in sozialen Brennpunkten – mit je zehn Milliarden Euro über zehn Jahre. Schulen können damit etwa Lehrkräfte und Sozialpädagogen einstellen oder ihre Infrastruktur verbessern. Die Zahl der Kinder an den geförderten Schulen, die die Mindeststandards in Mathematik und Deutsch verfehlen, soll damit halbiert werden. Wegen des bürokratischen Aufwands für die Schulträger ist das Programm nur schleppend angelaufen. Trotzdem wird es überwiegend gelobt, weil es Fördergelder nicht mit der Gießkanne verteilt, sondern nach Bedarf priorisiert.

Der Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung sieht daher auch vor, das Startchancen-Programm „bürokratiearm“ auf Kitas auszuweiten. In den ersten Lebensjahren wird das Fundament für sprachliche und soziale Kompetenz gelegt – und den Schulen gelingt es bisher kaum, in der Anfangszeit benachteiligte Kinder in den folgenden Jahren stärker zu fördern. Für Kitas in ärmeren Gegenden soll es dann mehr Geld geben, insbesondere für die Sprachförderung und um den Übergang zur Grundschule zu verbessern. Das Gesetz soll im Januar 2027 in Kraft treten, allerdings haben sich bisher weder Kabinett noch Bundestag damit befasst.

Für alle Erstklässler gilt seit 1. August außerdem ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsbetreuungsplatz, was bis 2029 auf alle Grundschulkinder ausgeweitet wird – eine Maßnahme, die bereits unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beschlossen wurde. Auch hier beteiligt sich der Bund an den Kosten. Der Gedanke: In einer guten Nachmittagsbetreuung können Kinder gefördert werden, deren Eltern keine Zeit dafür haben. Die Nachfrage nach den Plätzen stieg in den vergangenen Jahren. Da oft beide Eltern arbeiten müssen, haben Schulen heute zum Teil Aufgaben zu erfüllen, die früher Familien wahrgenommen haben. Der Ganztag dürfe daher „keine Verwahrung sein, sondern muss ein Bildungsort werden“, sagt der Soziologe Sebastian Kurtenbach. „Manche Angebote sind dafür bereits sehr gut aufgestellt, andere aber nicht.“

Abgesehen von der finanziellen Unterstützung kann der Bund die Länder außerdem bei der Zusammenarbeit unterstützen. Im März dieses Jahres vereinbarten die 16 Kultusministerinnen und -minister und Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eine „Roadmap“ für bessere Bildung. Es geht dabei neben den Leistungen in Kernfächern aber explizit auch um Maßnahmen, um sozial-emotionale Kompetenzen zu fördern, Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung.

Ein Kernvorhaben der Roadmap ist es, Schulen und Unterricht datengestützt weiterzuentwickeln. Jedes Kind soll eine individuelle Schüler-ID erhalten, in der unter anderem Testergebnisse und Abschlüsse eines Kindes dokumentiert werden. Die anonymisierten Daten aller Kinder könnten dann gesammelt aufzeigen, wo das System als Ganzes verbessert werden muss: An welchen Schulen und in welchen Klassen sind die Kinder gerade besonders gut? Tun sich Kinder aus armen Familien an bestimmten Schulen oder in einem bestimmten Alter besonders schwer? In anderen Ländern wie Kanada wird bereits konsequent – und äußert erfolgreich – mit solchen Daten gearbeitet.

Was können die Reformen bewirken?

Fest steht: Es braucht Zeit, bis Reformen im Bildungssystem Wirkung zeigen. Im Idealfall schaffen sie es allerdings, dass Schulen so ausgestattet werden, dass sie die unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen der Kinder besser ausgleichen können. Weil genug Personal vorhanden ist und moderner Unterricht mit konkreten, messbaren Zielen gemacht wird.

Weil weniger auf Einzelfallförderung gesetzt wird und stattdessen eher Regelstrukturen und Einrichtungen in schwierigeren Nachbarschaften gestärkt werden, könnte das sogar mit gleichbleibenden finanziellen Mitteln funktionieren. Zentral wird sein, wie sich Bund und Länder im Rahmen ihrer Roadmap und der gemeinsam finanzierten Initiativen absprechen, um gleichzeitig die Unterrichtsqualität zu verbessern, Lehrer besser auf diversere Klassen vorzubereiten und moderne, digitale Methoden einzuführen.

Neben Lehrkräften müssen dafür auch andere Berufsgruppen wie Sozialpädagogen oder Schulpsychologen langfristig in den Schulalltag integriert werden. Denn solche Fachkräfte können nicht nur Lehrkräfte entlasten, sondern auch Kinder ganz aktiv im Alltag begleiten und ihnen bei Konflikten oder wichtigen Entscheidungen individuell helfen. Best-Practice-Beispiele und gute Modelle können aus dem Startchancen-Programm abgeleitet und strukturell verankert werden. Im Nationalen Bildungsbericht 2026 wird das so zusammengefasst: „Wo qualifiziertes Personal nicht im erforderlichen Umfang vorhanden ist, stoßen Förder- und Ausbauprogramme sowie Infrastrukturmodernisierung an ihre Grenzen.“

Wer profitiert?

Wie gut ein Kind durch die Schule kommt und welchen Abschluss es am Ende in den Händen hält, hängt in Deutschland insgesamt immer noch sehr stark davon ab, in welcher Familie es aufwächst. Je gebildeter und reicher die Eltern sind, umso besser stehen seine Chancen. Das hat sich kaum geändert, seitdem die erste Pisa-Studie 2001 diesen Zusammenhang erstmals offenbart hat.

Es profitieren also insbesondere jene Kinder von besseren Strukturen im Bildungssystem, die privat keine oder kaum Unterstützung bekommen. Alle anderen gewinnen allerdings auch, wenn Bund und Länder besser zusammenarbeiten und große Zukunftsthemen in der Bildung aktiver gestalten. Für Deutschland insgesamt steht dabei auch einiges auf dem Spiel. Das Land befindet sich im demografischen Wandel und steckt in einer Wirtschaftskrise. Es kann sich auch volkswirtschaftlich nicht mehr leisten, dass so viele Kinder wie aktuell die Schule ohne Abschluss verlassen oder hinter ihr Potenzial zurückfallen. „Gute Bildungspolitik bleibt eine Schicksalsfrage für unser Land“, sagte Bundesbildungsministerin Prien im Juni. Für sie: eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.