Wie konservativ ist Österreichs Familienpolitik?
Kinderbetreuung sei keine Arbeit: Diese Worte brachten den Kanzler in den Geruch hoffnungsloser Rückständigkeit. Die konkrete Politik lässt Wille zum Wandel erkennen – mitunter mehr, als die Gesellschaft mitträgt
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Debatte um Gleichberechtigung
Kinderbetreuung sei keine Arbeit: Diese Worte brachten den Kanzler in den Geruch hoffnungsloser Rückständigkeit. Die konkrete Politik lässt Wille zum Wandel erkennen – mitunter mehr, als die Gesellschaft mitträgt
15. August 2026, 13:59
Empörung war, wie es in einem Demoaufruf hieß, ausdrücklich erwünscht. Anfang der Woche schrien am Wiener Ballhausplatz Hunderte ihren Ärger über einen Satz des Bundeskanzlers heraus, den sie als Offenbarungseid verstanden. Dass Christian Stocker Kinderbetreuung nicht als Arbeit einstufen wollte, sei Beleg für ewiggestrige Politik: Frauen sollten sich mit der Rolle der liebenden Mutter begnügen und erst gar nicht zu rechnen beginnen.
Die Kritikerinnen taten das schon. 39 Jahre ÖVP in der Regierung = minus 20 Prozent Lohn und 40 Prozent Pension für Frauen, war auf einem Plakat zu lesen. Ein gerechter Vorwurf an die aktuelle Kanzlerpartei, die auch die längste Zeit das Familienministerium geführt hat? Ist Österreichs Kurs wirklich verbohrt konservativ?
Nimmt man die im Land gängige Rollenverteilung als Maßstab, drängt sich ein eindeutiges Ja auf. Während Mütter nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 416 Tage bezahlte Elternkarenz in Anspruch nehmen, bleiben Väter nur neun Tage zu Hause, zeigte eine Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Laut Statistik Austria waren Ende 2024 nicht einmal vier Prozent der Bezieher von Kinderbetreuungsgeld männlich, was Österreich in der westlichen Welt zum Nachzügler macht. In den nordischen Ländern liegt die Quote bei 45 Prozent.
Die Betreuungsarbeit bleibt an den Müttern über die Babyzeit hinaus hängen. In Reinkultur ist das Male-Bread-Winner-Modell – sie schupft den Haushalt, er bringt das Geld heim – zwar längst nicht mehr der Standard, wie die recht hohe Frauenerwerbsquote zeigt. Doch die Hälfte aller weiblichen Beschäftigten arbeitet Teilzeit, während bei den Männern die Quote nur 14 Prozent beträgt. Die dementsprechend niedrigeren Arbeitseinkommen und Pensionen münden in Abhängigkeit – und im Fall einer Trennung vom Partner womöglich in Armut.
Alte Muster gestützt
Margit Schratzenstaller sieht darin eine Konsequenz der Prioritäten, nach denen das insgesamt spendable Österreich über Jahrzehnte Geld für Familien ausgeschüttet hat. Unter progressiv versteht die Expertin des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) den Ansatz, ein möglichst großes und qualitativ hochwertiges Angebot an günstigen oder kostenlosen Kindergärten und Krippen zu schaffen. Können Mütter (wieder) voll in die Arbeitswelt einsteigen, biete sich nicht nur die beste soziale Absicherung samt Chance auf berufliche Entfaltung. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels profitiere auch der Staat insgesamt, wenn das Potenzial gut ausgebildeter Frauen nicht versande.
Doch hierzulande fallen die Ausgaben für derartige "Sachleistungen" im Vergleich mit anderen Industriestaaten unterdurchschnittlich aus. Top liegt Österreich hingegen bei den direkten Zahlungen, wie der Familienbeihilfe, sowie den Steuerermäßigungen. Der Staat kompensiere also relativ großzügig Einkommensverluste, wenn ein Partner ganz oder teilweise daheim bleibt, sagt Schratzenstaller. Das stütze die alten Rollenmuster – konservative Politik im eigentlichen Wortsinn.
Wolfgang Mazal machen Rückschlüsse wie diese unrund. "Ich halte für fortschrittlich, den Menschen Freiheit zur Entscheidung zu lassen", sagt der Direktor des Instituts für Familienforschung an der Uni Wien: "Der Mainstream hingegen will die jungen Leute in eine bestimmte Richtung zwingen." Warum könne man nicht akzeptieren, dass sich Frauen und Männer auch mit anderen Lebensentwürfen wohlfühlten? "Für mich bedeutet partnerschaftlich, wenn sich Partner das auf Augenhöhe ausmachen – und nicht Halbe-Halbe nach Vorschrift. One size fits all: Das kann es doch nicht sein."
Mazal ist kein ÖVP-Mitglied, doch eine gewisse Nähe bestreitet er nicht. Vom Kinderbetreuungsgeld bis zum Pensionssplitting steht er der Partei seit langer Zeit mit Rat und Konzepten zur Seite: "In Fragen der Familienpolitik gibt es momentan viel Übereinstimmung."
Nicht Schweden
Persönlich sei es für ihn keine Frage, dass Väter mehr Familienarbeit übernehmen sollten, erläutert der Sozialrechtsprofessor – schon deshalb, weil diesen sonst Unschätzbares entgehe. Aber Österreichs Gesellschaft sei nun einmal nicht jene von Schweden, die zwei Generationen früher in die Gleichstellungsdebatte eingestiegen ist. Auf Basis des Status quo Entwicklungen moderat anzustoßen: Das verstehe er unter glücklicher Politik, und die zeige hierzulande auch Wirkung. "Heute entscheiden sich wahrscheinlich zwei Drittel der jungen Frauen anders, als es dem Lebensmodell ihrer Mütter entspricht."
Etliche heimische Errungenschaften qualifiziert Mazal dabei als fortschrittlich. Gehe es um die Absicherung von Frauen gegen Armut, verdiene etwa die Anrechnung der Kindererziehungszeiten für die Pension das Prädikat einzigartig; und auch durch das Kinderbetreuungsgeld werde Betreuungsarbeit entgegen Behauptungen in der Stockerdebatte ("allein gelassene Frauen") teilweise abgegolten. Gleichzeitig sei der Ausbau der Kinderbetreuung in den vergangenen 15 Jahren nichts anderes als "sensationell".
Moderne Züge
Zu einem derart enthusiastischen Vokabel greift seine Forscherkollegin Schratzenstaller nicht, zumal gerade der Anteil der betreuten Kleinkinder nach wie vor deutlich unter dem EU-Schnitt liegt. Einen Aufholprozess konstatiert sie aber ebenfalls.
Österreich setzt zwar nach wie vor stark auf die monetäre Unterstützung der Familien – man denke an den von der ÖVP abgefeierten Familienbonus, einen Steuerabsetzbetrag von bis zu 2000 Euro pro Kind und Jahr. Doch insgesamt nehmen die Investitionen in Kinderbetreuung laut den Wifo-Zahlen nun einen größeren Anteil der Leistungen ein (siehe Grafik). Treibende Kräfte waren gewiss oftmals die Koalitionspartner, etwa die SPÖ. Gleichwohl sind beherzte Plädoyers für mehr Kindergärten auch schon aus der ÖVP ertönt.
Auf Väter zugeschnittene Anreize gibt es mittlerweile ebenso. Nicht zuletzt dank einer EU-Richtlinie können Paare die volle Karenzzeit von zwei Jahren nur dann in Anspruch nehmen, wenn beide zumindest zwei Monate absolvieren. Die einkommensabhängige Variante des Kinderbetreuungsgeldes garantiert 80 Prozent der Letzteinkünfte bis zu maximal 2400 Euro netto im Monat – damit sich Familien möglichst auch den Einkommensausfall des oft besser verdienenden Mannes leisten können. Ein Partnerschaftsbonus bringt zusätzlich 500 Euro pro Elternteil, wenn die Betreuungszeit zu annähernd gleichen Teilen – der Unterschied darf maximal 60:40 betragen – aufgeteilt wird.
Prügel in den Weg
Warum Frauen hierzulande dann trotzdem dermaßen auf Kind und Haushalt abonniert bleiben? Bei den Anreizen für eine fairere Aufteilung sei sicher noch mehr möglich, sagt Schratzenstaller – etwa, indem der zweite, meist männliche, Elternteil zu mehr Monaten als nur zwei verpflichtet wird, um die volle Karenzdauer ausschöpfen zu dürfen. Und die Öffnungszeiten der Kindergärten und -krippen ließen gerade am Land nach wie vor zu wünschen übrig.
"Doch der Familienpolitik sind auch Grenzen gesetzt", ergänzt die Forscherin: "Offenbar herrscht in der Gesellschaft immer noch ein relativ konservatives Familienbild vor." Selbst von Frauen sei immer wieder zu hören, dass kleine Kinder hauptsächlich von den Müttern betreut werden sollten. Und bis heute gebe es offenbar Arbeitgeber, die möglichst viele Prügel in den Weg legten, wenn männliche Angestellte in Karenz gehen wollen.
Solange Vorgesetzte Bedienstete mit Karenzwunsch fragten, ob diese ihre Ehefrauen nicht im Griff hätten, würden vom Staat ausgeschriebene Anreize verpuffen, sagt Mazal. Die Familienpolitik habe im Wesentlichen das ihre für die Vereinbarkeit von Kind und Beruf getan, nun liege es an der Akzeptanz in der Arbeitswelt, ob das längst mögliche auch stattfindet. Verheerend sei etwa die von Zuschlägen befeuerte Unkultur der Überstunden, die vor allem Männer bis in die Nacht an den Job fessle: "In Skandinavien hält man die Arbeitszeiten ein und geht ohne schlechtes Gewissen auf Urlaub. Wichtige Meetings nach 15 Uhr sind ein No-Go."
Einen gewissen Einfluss sollte die ÖVP auch auf dieser Ebene haben. Schließlich versteht sich die traditionell mit dem Unternehmertum verbundene Partei nicht nur als Anwältin der Familien – sondern auch der Wirtschaft. (Gerald John, 15.8.2026)