Wie sich die Energiewende durch Bayern gräbt

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Wie sich die Energiewende durch Bayern gräbt

Stand: 07.08.2026, 13:24 Uhr

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Das sanfthügelige Mainfranken bei Büchold: von der Natur- zur Kulturlandschaft – und jetzt wird es auch noch Infrastrukturlandschaft.

Das sanfthügelige Mainfranken bei Büchold: von der Natur- zur Kulturlandschaft – und jetzt wird es auch noch Infrastrukturlandschaft. © Jakob Maurer

Süd-Link soll Windstrom vom Norden in den Süden Deutschlands bringen. In Unterfranken zeigt sich, was ein solches Milliardenprojekt für eine Region bedeutet. Eine Reportage.

Ein braunes Band frisst sich durch Unterfranken. Wie ein riesiger Wurm wühlt sich eine der größten Baustellen Deutschlands durch Wiesen und Felder, unter Straßen, dem Main, Biotopen, Wasserleitungen und den Weinbergen hindurch, von Nord nach Süd. Hier wird die Energiewende Realität, trifft in der welligen Landschaft auf Flurstücke, Ackerrechte und Lokalpolitik.

Auf Satellitenfotos im Netz sind die Grabarbeiten bereits zu sehen. Die rund 700 Kilometer lange Stromtrasse Süd-Link entsteht seit dem Frühjahr 2025. Die Bauverantwortlichen sprechen vom „Rückgrat“ und dem „größten Infrastrukturvorhaben der Energiewende“. Durch die dicken Erdkabel soll von Ende 2028 an der Windkraftstrom aus dem Norden zu den Haushalten und der Industrie im Süden fließen.

Rote Rohre schlängeln sich im Sommer 2026 auf der Baustelle nahe dem Örtchen Büchold nördlich von Würzburg – und verschwinden vor einer Landstraße im Erdreich. Projektsprecher Julian Ermann stapft zwischen den Erdhügeln am Rand mit Schutzhelm auf dem Kopf, gelber Warnweste und Sicherheitsschuhen über den aufgerissenen, braunen Boden: „Das ist das letzte, was hier noch fehlt“ – alles sei bereit dafür, dass das Herzstück Einzug hält: zwei Erdkabel aus Kupfer mit einem Durchmesser von je rund 15 Zentimetern sollen dann in den Leerrohren verlaufen – und 525 Kilovolt Gleichstrom leiten. Ein Plus- und ein Minuspol. Umhüllt von isolierendem Material. Das ergibt eine zweispurige Strom-Autobahn, etwa eineinhalb Meter unter der Erde.

Durch kilometerlange Leerrohre werden 525 Kilovolt Gleichstrom fließen.

Durch kilometerlange Leerrohre werden 525 Kilovolt Gleichstrom fließen. © Jakob Maurer

Gerade ist Ruhe hier, aber bald werden Schwerlastgefährte auf großen Trommeln die Kabel herankarren, „so nah wie möglich zur Baustelle“, wie Ermann sagt. Damit kommt die nächste Belastungsprobe für die Fahrtwege und Baustraßen, aber auch für die Anwohnerinnen und Anwohner. „Es ist nicht wie etwa bei der Elbphilharmonie, ein Großprojekt an Ort und Stelle“, sagt Ermann, sondern eines mit zahlreichen Einzelstandorten. In der Region fühlt man sich wie im Märchen von Hase und Igel: Egal wo man hinkommt, der Bauzaun wartet schon.

So war es auch im Spätsommer 2025 in Büchold, als hier Hochbetrieb war. Wie an zahlreichen Stellen sind auch hier tiefere Bohrungen notwendig. Eine gewaltige Maschine jagt Bohrstangen unter die Erde, wie beim Glasfaser- oder Brunnenbau. 20 bis 30 Meter tief geht es, bei Büchold wird eine Strecke von 600 Metern unterlaufen: der Krebsbach und bewaldete Hänge. „Gerade Flächen sind Mangelware“, scherzt Ermann. Hinter dem Hang tritt die Bohrung wieder zutage und die „offene Bauweise“ im oberflächennahen Graben geht weiter. Die Maximallänge solcher Tief-Abschnitte beträgt zwei Kilometer. „Geschlossene Querung“ wird die unterirdische Verlegetechnik auch genannt.

„Das geht jetzt erst mal so richtig los“

An der Baustelle richtet sich dafür eine Rampe mit Kettenbändern schräg über dem Erdboden auf. Unter Generatorenlärm werden nach und nach die Stangen gekoppelt und in stumpfem Winkel versenkt. Spülbohrung heißt das Verfahren. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser und Bentonit als Bohrschlamm genutzt. Es kühlt den Bohrkopf und kleidet den Tunnel aus, erklärt Ermann. 50 bis 60 Meter am Tag, sagt er, schaffen die Arbeiter hier etwa. Bei den offenen Grabungen kann es auch mal 200 Meter am Tag vorangehen.

In der Ortsmitte von Büchold informiert im Aushangkasten ein Schreiben von TransnetBW. Beschwichtigend heißt es: „Ziel ist es, den öffentlichen Verkehr und die Bevölkerung so wenig wie möglich zu behindern.“ Das Fachwerk-Örtchen gehört zur Gemeinde Arnstein nördlich von Würzburg. Karten zeigen: Hier biegt die Trasse Richtung Südwest ab, um die Mainmetropole zu umrunden. Allein bei Arnstein sind es gut 15 Kilometer Trassenlänge, berichtet Bürgermeister Franz-Josef Sauer, 200 Grundstücke seien betroffen. „Da können Sie sich vorstellen, wie hoch der Verwaltungsaufwand ist“, sagt er der Frankfurter Rundschau am Telefon. Mit Julian Ermann ist er „fast wöchentlich im Kontakt“. Immer wieder gibt es Abstimmungsbedarf. Geplant worden sei die Trasse an Schreibtischen, betont Sauer, „gebaut wird sie in der Natur.“

Durch dicke Erdkabel soll der Windkraftstrom aus dem Norden zu den Haushalten und der Industrie im Süden fließen.

Dicke Erdkupferkabel für den Windkraftstrom. © Jakob Maurer

Dafür wurden die Landwirtschaft, Jagdgenossenschaften und Grundeigentümer:innen eingebunden – mit Jahren Vorlauf. Die Kommunikation läuft weiter auf Hochtouren. Ein typischer Tag? „Morgens um 6 Uhr“, so Sauer, klingele in der Erntezeit auch mal das Handy: „Ich komme mit dem Mähdrescher gar nicht auf den Acker“, heiße es dann. Heerscharen von Subunternehmen seien unterwegs, da werde es schon mal eng auf den Straßen und Wirtschaftswegen. „Bis alles geklärt ist, ist es Nachmittag“, so Sauer. Und wenn nun die Kabel kommen? „Das geht jetzt erst mal so richtig los“, sagt er.

Rückblick: Im Juli 2013 hatten sich die Bundesländer darauf geeinigt, dass Leitungen für die Energiewende notwendig seien. Als sich Süd-Link ankündigte, waren Freileitungen mit großen Masten vorgesehen. Die Vorstellung von 70 Meter hohen Gitterkolossen vor den eigenen Fenstern löste in Bayern und Hessen einen beispiellosen Bürgerprotest aus. Plakate prangten an Scheunentoren, gelbe Kreuze mahnten auf den Feldern.

Wie aus Protest Zustimmung wurde

Bayerns damaliger Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) fand sich plötzlich in Menschenmengen mit Plakaten gegen „Monstertrassen“ wieder, ein „neues Wackersdorf“ drohte – überraschend stellte er sich 2014 hinter den Protest: „Es wird gegen Bayern und die ganzen Kommunen hier keine Stromtrassen gegen unseren Willen geben.“ Seine Wirtschaftsministerin Ilse Aigner plädierte für eine Alternative durch Baden-Württemberg. 2015 lenkte der Bund ein: Erdkabel – auch in Bayern – waren der Kompromiss.

Zehn Jahre später: Seehofer-Nachfolger Markus Söder feiert im Juli 2025 bei strahlendem Sonnenschein in Oerlenbach, rund 25 Trassenkilometer nördlich von Büchold, den symbolischen Baustart – plötzlich ist heile Welt: „In Bayern geht’s übrigens zum Teil deutlich schneller als woanders“, prahlt Söder, fast als wolle er gleich ein Erdkabel umarmen, „wir machen da Volldampf beim Thema Netzausbau.“

Zurück in der Gegenwart ist das „neue Wackersdorf“ ausgeblieben, doch der Frieden brüchig: Der Bauernverband teilt mit, dass ein Projekt dieser Größenordnung nicht „vollständig konfliktfrei“ umgesetzt werden könne und fordert: „Am Ende wird es essenziell sein, dass landwirtschaftliche Flächen wiederhergestellt werden.“ Bürgermeister Sauer hofft Selbiges: TransnetBW hat sich verpflichtet, die Wege zu reparieren. Von Menschen in der Region ist zu hören, man habe Süd-Link „geschluckt“. Eine Klage von Vollerwerbslandwirten wies das Bundesverwaltungsgericht Ende 2025 „als verspätet zurück“.

Die Bauherren, TransnetBW im Süden und Tennet nördlich von Bayern, erwarten, dass das Projekt nicht mehr gestoppt werden kann. Auf zehn Milliarden Euro werden die Kosten geschätzt – zum Vergleich: Das sind zwei Drittel der Prognose für „Stuttgart21“.

Zimmer für Monteure sind ausgebucht

Um all das zu vermitteln, ist Projektsprecher Julian Ermann fast dauerhaft unterwegs. Von Baustelle zu Baustelle, Rathaus zu Rathaus, Bürgerdialog zu Pressetermin. „Ich kenne hier alle Metzger und Bäcker“, sagt er, als er im Sommer 2026 die Schutzschuhe abstreift und das Auto von der Baustelle bei Büchold Richtung Süden steuert. Er führt wirtschaftliche Pluspunkte für die Region an: Die Handwerkerzimmer Mainfrankens seien über Monate ausgebucht, 532 Personen sind demnach tätig.

Doch er sieht auch die Bürde der Region, sinnbildlich für die Baustelle Deutschland. In Büchold lässt er neben Süd-Link die für den Glasfaser-Ausbau aufgerissene Ortsdurchfahrt hinter sich. Unter überirdischen Stromleitungen geht es weiter nach Arnstein. Hier soll künftig auch die Fulda-Main-Höchstspannungsleitung auf Dutzenden Masten vorbeiführen. Eine Straße ist für andere Arbeiten gesperrt, ein großes Banner weist auf die Umleitung. Auch der Ausbau der Bundesstraße B26n – ein Lückenschluss – kündigt sich an. Hase und Igel. Mainfranken wurde einst von der Natur- zur Kulturlandschaft – jetzt könnte man von einer Infrastrukturlandschaft sprechen.

Der BUND warnt: Durch die Planungsbeschleunigung im Bund verliefen Genehmigungen „schneller und mit kürzerer Beteiligung“ – man müsse aufpassen, „dass der Natur- und Umweltschutz nicht hinten runterfällt“, so ein Sprecher.

Ermann parkt das Auto weiter südlich über den Weinbergen von Thüngersheim. Auf dem steilen Wirtschaftsweg zwischen den Reben bricht ein Bagger den Asphalt auf. Darunter kommen die Leitungen, die im Tal den Main unterqueren. Die schwierigste Stelle. Am anderen Ufer sieht man das braune Band unter einer ICE-Brücke am Horizont verschwinden.

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Die Frankfurter Rundschau hat daher exemplarisch 15 Bundestagswahlkreise ausgewählt. Wir sehen uns vor Ort um und fragen die Menschen: Was bewegt sie, welche Probleme drängen am meisten? Und kommt die Berliner Politik bei ihnen an? Heute: Würzburg.

„Geradlinigkeit“ sei das Ziel, so Ermann, doch hier nicht möglich. Über die Jahre hat Süd-Link Kurven und Wendungen, Höhen und Tiefen genommen. Nun arbeitet man auf das Ende hin: Ziel ist der Konverter im baden-württembergischen Leingarten, der den Gleichstrom in Wechselstrom umwandeln und ins Netz einspeisen soll.

Bürgermeister Sauer appelliert, man solle Vorhaben wie Süd-Link „nicht Knüppel in die Beine werfen, sonst kriegen wir nichts mehr hin“. Die Energiewende sei für Deutschland eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, alles sei lös- und machbar.

Ist es seine größte Herausforderung? „Ach naja, das ist schon ein bisschen übertrieben“, wehrt Sauer ab und erinnert sich: Eine seiner schwersten Stunden im Amt habe er vielmehr erlebt, als 2024 Starkregen auf Arnstein niederging. Es kam zu Überflutungen und Millionenschäden. Jetzt trocknet Hitze die Böden aus, die Gegend ist laut Uni Würzburg „ein Hotspot des Klimawandels in Mitteleuropa“. „Wir erleben die Folgen“, mahnt Sauer, „da müssen wir sehen, dass wir auch von unten herauf mithelfen.“

Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Eine zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau.

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