Wildberger über digitale Brieftasche: „Wir machen ein Super-Angebot“
KI-Stimme. InfoBundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) will den Deutschen das Leben erleichtern – mit einer digitalen Brieftasche. Am 2. Januar 2027 soll die deutsche Version der Europäischen Digitalen I...
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KI-Stimme. Info
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) will den Deutschen das Leben erleichtern – mit einer digitalen Brieftasche. Am 2. Januar 2027 soll die deutsche Version der Europäischen Digitalen Identitäts-Wallet (EUDI-Wallet) an den Start gehen. Sie trägt den Namen „d-you“. Die App soll zunächst unter anderem den Personalausweis aufs Smartphone bringen. Später sollen weitere Nachweise wie der Führerschein hinzukommen. Im Gespräch erklärt Wildberger, wie d‑you – sein Vorzeigeprojekt – genau funktioniert. Und was mit den Daten der Nutzer passiert, wenn sie mal ihr Handy verlieren.
Sie wollen das Leben leichter machen. Warum brauchen die Bürger dafür noch eine App?
Karsten Wildberger: D-you ist eine digitale Brieftasche, genannt Wallet. Sie enthält unter anderem den elektronischen Personalausweis, mit dem ich mich per Smartphone eindeutig identifiziere. Das ist bequem, wenn ich Anträge bei der Verwaltung stelle, eine Versicherung oder einen Mobilfunkvertrag abschließen möchte.
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Was macht die Wallet genau?
Sie hat drei Grundfunktionen. Erstens: Ich habe in der digitalen Wallet wie in der klassischen Brieftasche Dokumente gespeichert: Personalausweis, Versicherungskarten, Uniabschluss, Ausbildungszeugnis und so weiter. Zweitens: Es gibt eine Funktion zum gezielten Teilen bestimmter Informationen. Damit kann ich genau die Daten freigeben, die für eine Transaktion nötig sind. Wenn ich etwa im Supermarkt Alkohol kaufe, kann ich beim Bezahlen erklären, ob ich über 18 bin. Alle anderen Daten des Ausweises werden nicht weitergegeben. Wenn ich ein Paket abhole, weise ich mich digital am Scanner aus und bekomme das Paket. Drittens sehe ich über ein Cockpit, an wen ich wann welche Daten weitergegeben habe.
Wenn ich ein Girokonto eröffnen will, wie geht das?
Um ein Konto zu eröffnen, muss die Bank Sie identifizieren. Dafür existiert momentan kein Standardverfahren. Bei Videoident etwa müssen Sie den Ausweis vor der Kamera bewegen, das ist oft umständlich. Hier vereinfacht die digitale Brieftasche den Alltag. Auch für manche Bankgeschäfte ist eine Verifikation nötig. Wenn zum Beispiel meine Bank-App nach einer Freigabe für eine Transaktion fragt, kann ich schnell und einfach mit der Wallet bestätigen. Fertig. Bisher musste ich den Personalausweis hinten an das Smartphone halten und die PIN eingeben. Das entfällt.
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Ist das nicht sehr viel Aufwand für einen recht überschaubaren zusätzlichen Nutzen?
Der Nutzen ist sehr viel größer – und nicht zuletzt geht es um Sicherheit. Viele Menschen haben ein Foto ihres Ausweises dabei als Ersatz für den echten Ausweis. Das ist unsicher und anfällig für Fälschungen. Im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz, wenn sich Fotos ganz einfach manipulieren lassen, müssen wir uns barrierefrei, schnell und sicher per Knopfdruck ausweisen können. Zum anderen: Mittlerweile arbeiten bereits 300 Unternehmen in unserer Testumgebung mit, weil sie wissen, dass es Anwendungen gibt, die das Leben einfacher machen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Dadurch entsteht ein Mehrwert. Es geht weniger um die Wallet als um die Möglichkeiten, die sie eröffnet. Jetzt ist Kreativität gefragt. Ich hoffe, dass uns mindestens genauso viel einfällt wie anderen Ländern, die solch eine Wallet schon lange haben und zu Recht begeistert sind.
Geht es am 2. Januar 2027 wirklich los?
Der Termin steht.
Und was enthält d-you dann?
Neben dem Personalausweis wird zum Start auch der Führerschein verfügbar sein. Nach und nach werden weitere Dokumente hinzukommen. Das Ökosystem wird kontinuierlich wachsen. Ein digitales Produkt ist nie fertig. Es lebt in dauerhafter Veränderung. Das ist kein Makel, sondern ein kontinuierlicher Innovationsprozess.
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Die Länder und Gemeinden sollen ebenfalls mitmachen. Was ist, wenn sie nicht wollen?
D-you ist ein Angebot, kein Zwang. Sicherlich kann die eine oder andere Stadtverwaltung nicht sofort mitwirken. Aber Widerstand erkenne ich nicht. Im Gegenteil: Ich erlebe großen Zuspruch, weil die Wallet ein Baustein ist, damit die Bürgerinnen und Bürger bald alle Verwaltungsleistungen digital in Anspruch nehmen können. Je mehr Identifikationsnachweise wir darüber bereitstellen, desto mehr Genehmigungs- und Antragsverfahren können Gemeinden digitalisieren. d-you hilft ihnen, Kosten zu sparen.
Bisher nutzt nur ungefähr ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger den digitalen Personalausweis. Wie wollen Sie da die Leute überzeugen, die neue App zu verwenden?
Ein Produkt findet nur dann breite Akzeptanz, wenn es wirklich gut ist, einfach und bequem in der Anwendung ist und einen echten Nutzen bietet. Wir arbeiten daran, ein Super-Angebot zu machen. Ob sie es annehmen, können nur die Bürgerinnen und Bürger selbst entscheiden.
Wildberger über KI: „Wir sind der Situation nicht hilflos ausgeliefert“
Vermutlich sind viele Leute misstrauisch.
Deshalb nehmen wir die Sorgen der Menschen ernst. d-you ist so sicher, dass kein Unbefugter bei den Identifikationsprozessen mitliest, schon gar nicht der Staat. Ihre Daten gehören den Bürgern. Wir leben in einem freiheitlichen System, und so soll es bleiben.
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Wie lautet das entscheidende Argument, dass es sich nicht um eine Datenkrake handelt?
Wenn die persönliche Identifizierung über d-you läuft, liegen die Daten auf dem Smartphone und werden nicht zentral gespeichert. Sollten Sie Ihr Handy verlieren, können Sie vom Laptop auf das Portal der Wallet zugreifen und den Inhalt löschen.
Definiert die digitale Brieftasche Ihre Ministertätigkeit?
Die Identitätslösung ist sicherlich ein wesentlicher Baustein – in einem größeren Kontext. Als Basis haben wir eine souveräne Cloud-Infrastruktur. Darauf soll bald auch die Deutschland-App laufen, in der wir staatliche Dienstleistungen bündeln wollen, um sie den Bürgerinnen und Bürgern an einem Ort zur Verfügung zu stellen.
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Wie schätzen Sie die Gefahren der Künstlichen Intelligenz (KI) ein – zumal jetzt die Entwickler auch selbst warnen?
Die Risiken sind längst bekannt – und werden auch schon länger diskutiert. Wichtig ist mir: Wir sind als Menschheit absolut in der Lage, das Problem zu lösen. Wir sind weder der KI noch der Situation hilflos ausgeliefert. Allerdings steht das Zeitfenster, in dem das kontrollierbar bleibt, nicht mehr lange offen – wir müssen jetzt handeln.
Ein KI-Entwickler sagte sogar, das Risiko, dass KI die Menschheit auslöscht, liege bei zehn Prozent.
Ich bin überrascht, dass Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung eine solche Zahl nennen. Ich glaube nicht, dass man das Risiko so genau beziffern kann.
Welche Risiken gibt es?
Drei sind besonders groß. Erstens der Missbrauch der Technologie durch Menschen mit schlechten Absichten, sei es eine kriminelle Organisation oder ein Staat. Das Risiko ist real und schwerwiegend – das lässt sich nur global lösen, nicht national. Zweitens: Stimmt die Maschine mit unseren Wertvorstellungen überein? Oder entwickelt sie ein Eigenverhalten, das sie nicht zeigen sollte?
Sie meinen, dass sich KI-Programme selbstständig machen und Hackerangriffe starten?
Solche Ausbrüche aus geschützten Testumgebungen ins offene Internet dürften nicht stattfinden.
Und das dritte Risiko?
Unsere Abhängigkeit in Europa von der Technologie anderer. Wenn wir selbst keinen Zugang dazu haben, sind wir angreifbar. Wenn wir sie aber selbst entwickeln, können wir auch Sicherheit von Anfang an mitdenken.
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Die Szenarien, die Sie beschreiben, treten bereits ein – wie will man sie beherrschen?
Ich sehe vor allem die Unternehmen selbst in der Pflicht. Sie tragen Verantwortung dafür, dass ihre Produkte nicht gefährlich werden, keine eigenständigen Hackerangriffe durchführen und Daten stehlen – das sind Straftaten. Dafür müssen die KI-Unternehmen auch haftbar gemacht werden.
Reicht das aus?
Risiken wie Cyberangriffe gefährden jegliches Gesellschaftssystem auf der Welt. Deshalb sehe ich gute Chancen für eine internationale Vereinbarung, etwa einen Sicherheitskatalog, der Technologieprodukte und KI-Programme nach neuestem Stand der Technik überprüft.
So wie die Internationale Atomenergiebehörde?
Genau. Wobei zu klären wäre, wie man das angesichts des schnellen Entwicklungsfortschritts organisiert.
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Wie lange hält die Bundesregierung noch?
Diese Frage stellt sich für mich nicht. Wir haben als CDU/CSU und SPD einen Regierungsauftrag, dem wir uns mit aller Kraft stellen.
Also ist die Stimmung im Kabinett gar nicht schlecht?
Mich sorgt eher die Stimmung im Land. Deshalb bin ich umso entschlossener, meinen Beitrag zu leisten. Ich verstehe, dass Menschen Angst haben und unzufrieden sind. Trotzdem: Die vermeintliche Lösung, der sich manche zuwenden, ist keine Lösung. Wir sagen oft, wir hätten kein Erkenntnis-, sondern nur ein Umsetzungsproblem – tatsächlich haben wir auch ein großes Erkenntnisproblem. Die Krise ist viel tiefer, als eine reine Schuldfrage nahelegt.
Worin besteht die Krise wirklich?
Es handelt sich um eine Gleichzeitigkeit mehrerer Verschiebungen. Wir sind eine Exportnation, aber der chinesische Markt, einst einer der größten Abnehmer, schrumpft rasant. Unser wichtigster Partner außerhalb Europas, die USA, ist schwerer berechenbar. Seit vier Jahren gibt es einen Krieg vor unserer Haustür, in dem wir die Ukraine unterstützen. Dazu kommen der Nahost- und der Iran-Konflikt. Manche über Jahre gewachsene Geschäftsmodelle geraten ins Wanken. Wir haben eine große Lücke bei neuen Grundlagentechnologien, wo enorme Wertschöpfung entsteht. Und strukturelle Probleme, die unsere Wettbewerbsfähigkeit bremsen, haben wir lange vor uns hergeschoben.
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Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer?
Wir haben möglicherweise einige anstrengende Jahre vor uns, um das Land in der sich neu ordnenden Welt innovativ aufzustellen. Ich bin mir aber sicher: Das kann eine gute Geschichte werden! Aber wir müssen die Menschen besser mitnehmen. Trotz aller gleichzeitigen Krisen bin ich zuversichtlich, dass dieses Land sehr viel mehr kann. Wir haben enormes Potenzial.
Karsten Wildberger ist ein Quereinsteiger in der Politik. Der 57-Jährige machte bis zu seiner Ernennung als Digitalminister Karriere in der Wirtschaft. Der promovierte Physiker war Unternehmensberater, arbeitete bei T-Mobile, Vodafone und Telstra in Führungspositionen. Fünf Jahre lang war der gebürtige Gießener Vorstand bei Eon, ehe er Chef der Media-Markt- und Saturn-Mutter Ceconomy wurde. Politisch trat er bis dahin selten in Erscheinung. Er war einmal Vorsitzender einer Fachkommission für Energiepolitik und im Wirtschaftsrat der CDU stellvertretender ehrenamtlicher Vorsitzender. CDU-Mitglied wurde er aber erst drei Tage, nachdem die Merz-Regierung offiziell im Amt war. Wildberger ist verheiratet und hat Kinder. Wie viele und in welchem Alter, verrät er aber nicht.