Will Putin mehr als die Ukraine? Was Russland gegen die Nato wirklich plant
Die Situation erinnert ein wenig an die Monate vor dem Kriegsausbruch. Damals regierte in den USA noch Joe Biden, es gab noch keine Spekulationen über seinen Rücktritt von einer erneuten Kandidatur, die US-Poli...
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Die Situation erinnert ein wenig an die Monate vor dem Kriegsausbruch. Damals regierte in den USA noch Joe Biden, es gab noch keine Spekulationen über seinen Rücktritt von einer erneuten Kandidatur, die US-Politik schien, zumindest aus europäischer Sicht, berechenbar. Und trotzdem nahm es zunächst kaum jemand ernst, als Biden begann, vor einem bevorstehenden russischen Angriff auf die Ukraine zu warnen.
Nicht einmal die ukrainische Regierung glaubte ihm. Dann versammelten amerikanische Geheimdienstler überall in Europa ihre Partner vor riesigen Bildschirmen und präsentierten ihnen die Satellitenaufklärung über das, was an der russischen und belarussischen Grenze zur Ukraine vorging: gewaltige Kriegsvorbereitungen mit mehreren hunderttausend Mann, mit Feldlazaretten, Versorgungslagern und Etappen bis tief nach Russland hinein.
Die Amerikaner kannten sogar den Angriffstermin: nach dem 20. Februar. Am frühen Morgen des 24. Februar rumpelten russische Panzer über die Grenze mit Belarus, russische Kampfflugzeuge beschossen Ziele bei Kiew, Luftlandetruppen versuchten, die Flughäfen und Landeplätze um Kiew zu besetzen.
Dieses Mal tritt kein amerikanischer Präsident vor die Fernsehkameras und warnt die Öffentlichkeit vor einem Angriff. Es ist auch fraglich, ob diese Donald Trump überhaupt Glauben schenken würde. Stattdessen leaken Geheimdienstler in Europa seit Wochen US-Geheimdienstinformationen über einen bestehenden Angriff Russlands auf ein Nato-Land, wahrscheinlich Polen, an die Presse.
Von Drohnenangriffen auf Rüstungsbetriebe und sogar von einer begrenzten Invasion in Nordostpolen an der sogenannten Suwałki-Lücke ist die Rede.
Viele fragen sich da: Sind die USA verrückt geworden oder ist Putin verrückt geworden? Russland, dem die Soldaten im Osten der Ukraine wegsterben wie die Fliegen, dem das Geld für Sold und Kopfprämien ausgeht, Russland, das angefangen hat, wegen Ölknappheit massiv Öl aus Indien zu importieren (wohin es vier Jahre lang Rohöl exportiert hat), will einen Krieg gegen die Nato anfangen? Das wäre doch Wahnsinn.
Ein russischer Angriff wäre Wahnsinn
Stimmt. Allerdings haben das viele (ich selbst eingeschlossen) auch vor dem 24. Februar 2022 gesagt. Russland kann die Ukraine nicht besetzen, eine Invasion würde Russland enorm schwächen, wäre ökonomisches Harakiri. Es ergibt Sinn, damit zu drohen, um Zugeständnisse zu erzwingen – aber nicht, es tatsächlich zu versuchen.
Wer das damals so begründete (und nicht einfach davon ausging, dass Putin „sowas nicht tut“), behielt in der Retrospektive sogar recht. Und er befand sich in guter Gesellschaft. Wie wir aus einer Reportage der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant wissen, dachten auch die damalige niederländische Regierung und ihre Geheimdienste so. Letztere glaubten nicht nur, Putin belle, beiße aber nicht, weil das für sie bequemer war, sondern auch, weil es ihnen durch eine hochrangige Quelle im Kreml bestätigt wurde.
Das Problem ist nur: Putin tat es trotzdem. Und spätestens seit in Washington Donald Trump regiert, ist auch klar: Politischem Handeln an sich und selbst der Entscheidung über Krieg oder Frieden müssen keine rationalen Motive zugrunde liegen. Gerade alte Männer mit sehr viel Macht, die die Folgen ihrer Entscheidungen selbst nicht ausbaden müssen, können irrational entscheiden: aus Trotz, aus Wut, aus Rache oder einfach, um ihre Gewaltfantasien umzusetzen.
Aus Gründen, die nicht so einfach nachvollziehbar sind, gehen ausgerechnet viele derjenigen, die Politikern grundsätzlich misstrauen und Politik für ein „schmutziges Spiel“ halten, gleichzeitig aber davon aus, dass Politiker sagen, was sie machen, und machen, was sie sagen. Bürger, die mit dem BSW und der AfD sympathisieren, gehen oft davon aus, dass „die da oben“ ja nur lügen (mit Ausnahme des BSW und der AfD, die sie eher „unten“ verorten), dass Politiker wie Wladimir Putin und Xi Jinping das aber nicht tun – obwohl man sie beim Lügen viel schwerer ertappt, weil es in ihren Ländern ja keine freien Medien gibt.
Zerstörung nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Kunstinstallation am Leninplatz in Donezk.
© IMAGO/Dmitry Yagodkin
Das ergibt dann eine etwas seltsame Logik, nach der Friedrich Merz, wenn er über seine Absichten redet, lügt, aber Putin, wenn er über seine Absichten redet, die Wahrheit sagt. Wenn also beispielsweise der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und der Nato-Generalsekretär Mark Rutte vor einem bevorstehenden russischen Angriff auf ein Nato-Land warnen und die Presse dann Geheimdienstler zitiert, die das Gleiche tun – dann lügen sie.
Wenn Kremlsprecher Dmitri Peskow das dann als „Horrorgeschichten“ dementiert, sagt er die Wahrheit. Russland will die Nato nicht angreifen. Auch damit gibt’s ein Problem. Am 18. Februar 2022 bezeichnete der russische Außenminister Sergei Lawrow im Auslandssender RT die Berichte über eine angeblich bevorstehende russische Invasion der Ukraine als „Propaganda, Fakes und Erfindungen“. Vier Tage später griff Russland die Ukraine an.
So richtig Verlass ist auf russische Politiker also auch nicht. Peinlich für alle, die sich ihre Kriegsangst selbst ausreden wollen, indem sie die russische Regierung als vertrauenswürdige, wahrheitsliebende Friedenstaube darstellen. Es waren ja die Amerikaner, die damals Recht behielten. Trotzdem, finde ich, ist die Frage berechtigt, was Putin eigentlich will. Und ob dazu ein Angriff auf ein Nato-Land (also nicht unbedingt einer auf die gesamte Nato) passen würde.
Die Frage kann man beantworten. Putin hat in den letzten Jahren selbst genug dazu gesagt und geschrieben. Sehen wir es uns also an, um herauszufinden: Will er mehr als nur die Ukraine? Auch für alle diejenigen, die Putin für einen Lügner und Propagandisten halten, ist das eine nützliche Übung. Sie zeigt nämlich erstens, dass er manchmal gar nicht lügt, sondern sagt, was er meint, zweitens, dass er manchmal sogar recht hat, und drittens, wie sehr sich die offizielle russische Begründung für den Krieg gegen die Ukraine inzwischen verändert hat.
Was vier Jahre eine „militärische Spezialoperation“ (also kein Krieg) war und heruntergespielt wurde, wird nämlich seit einiger Zeit ganz offiziell zum Krieg gegen die Nato erklärt: „Es läuft ein Krieg, ein echter Krieg – begonnen hat alles als militärische Spezialoperation, fortgesetzt wird es als Krieg, weil hinter Kiew Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und Washington stehen, die per Satelliteninfrastruktur beim Zielen auf russische Ziele helfen“, sagte Peskow in einem Interview für russische Medien, das danach von Tass und Ria Nowosti und anderen offiziellen Organen verbreitet wurde.
Das kann heißen, dass der Kreml angesichts der enormen Verluste und rückläufiger Freiwilligenmeldungen an der Front nun offiziell der Ukraine den Krieg erklärt und die Öffentlichkeit auf eine Generalmobilmachung vorbereitet, oder dass er einen Angriff auf ein Nato-Land plant und diesem zuvor die Schuld an der Eskalation zuschreibt. Norwegen, die Niederlande, die USA, Frankreich und die Bundesrepublik erwähnt Peskow ja direkt. Es ist nicht die einzige Veränderung in der Kreml-Rhetorik.
Putins Kriegsziele – über die Ukraine hinaus
Am 17. Dezember 2021, als der Truppenaufmarsch in Belarus und Russland an der ukrainischen Grenze in vollem Gang war, legte Außenminister Lawrow den USA und den europäischen Nato-Mitgliedern zwei Vertragsentwürfe vor. Diese seien als Paket zu behandeln, so Lawrow damals, man dürfe daraus nicht einzelne Stücke herauslösen. Und sein Stellvertreter Sergei Rjabkow setzte noch eins drauf: Am Ende muss ein Stopp jeder weiteren Nato-Erweiterung herauskommen.
T-72B3-Panzer des Westlichen Militärbezirks Russlands bei einer Schießübung auf dem Truppenübungsplatz Kadamowski in der Region Rostow.
© Erik Romanenko via www.imago-images.de
Beide Vertragsentwürfe ähneln sich sehr stark. Der erste, an die USA gerichtete, sah die Verpflichtung der USA vor, jede weitere Nato-Erweiterung zu verhindern. Die Regierung Biden und jede auf sie folgende wäre danach verpflichtet gewesen, gegen eine Nato-Erweiterung ein Veto einzulegen, keine bilaterale militärische Zusammenarbeit mit Nicht-Nato-Staaten der ehemaligen Sowjetunion einzugehen und ohne Russlands Zustimmung keine Waffensysteme (und erst recht keine Atomwaffen) in anderen Ländern zu stationieren.
Der entsprechende Artikel 4 enthielt allerdings eine Falle; er war nämlich so formuliert, dass er für beide Seiten gelten würde. Jede der beiden Mächte brauchte die Zustimmung der anderen Seite für solche Maßnahmen, außer sie wollte solche Waffensysteme auf ihrem eigenen Hoheitsgebiet stationieren. Mit anderen Worten: Die USA hätten ihre Atomwaffen aus Europa abziehen müssen, Russland dagegen hätte seine behalten können, in Kaliningrad, an der Grenze zu Polen, Litauen, Finnland, Norwegen und der Türkei. Denn im Gegensatz zu den USA liegt Russland ja teilweise in Europa.
Der Vertragsentwurf für die europäischen Nato-Partner war spiegelgleich. Hätten sie ihn unterschrieben, wären auch sie verpflichtet gewesen, jede weitere Expansion der Nato auf ein Ex-Mitglied der UdSSR zu blockieren, und sie hätten ohne russische Zustimmung keine Waffensysteme außerhalb ihrer Länder stationieren dürfen.
Dazu muss man wissen, dass damals nur kleine, rotierende US-Kontingente in den baltischen Staaten waren, aber keinerlei permanent stationierte Waffensysteme. Es gab US-Waffenlieferungen an die baltischen Staaten und die Ukraine, aber die wurden von keinem Vertragsentwurf erfasst. Es gab auch dauerhafte US-Raketenabfangeinrichtungen in Rumänien und Polen, aber die wurden von den Vertragsentwürfen auch nicht erfasst, denn weder Polen noch Rumänien waren je Sowjetrepubliken.
Ein Patriot-Flugabwehrsystem des polnischen Bodengebundenen Luftverteidigungskommandos auf einem Flugplatz in Südostpolen.
© IMAGO/Ramon van Flymen
Lawrows Offensive zielte auf die baltischen Staaten. Die wären – zusammen mit Georgien, Moldawien und der Ukraine – in einer sicherheitspolitischen Grauzone gelandet. Letztere drei wären zwischen den Militärblöcken gelandet, die baltischen Staaten wären nominal Nato-Mitglieder geblieben, aber ohne dass die Nato ihnen im Fall eines Angriffs hätte helfen können, denn jeder solche Versuch hätte die Zustimmung des Kremls gebraucht.
Die Regierung Biden und ihre europäischen Verbündeten lehnten das ab. Sie hätten sonst Russland ein Vetorecht über Nato-Entscheidungen geben müssen, und zwar nicht nur (wie das damals so dargestellt wurde) über künftige Erweiterungen, sondern auch darüber, welches Land welche Truppen und welches Gerät in ein anderes Nato-Land im Ernstfall verlegen kann. Ganz nebenbei: Ich benutze den Ausdruck „Nato-Erweiterung“ nur aus intellektueller Faulheit.
Tatsächlich hat es so etwas nie gegeben; die Nato hat nie ein Land gezwungen, beizutreten. Sie hat in Einzelfällen Beitrittsgesuche abgelehnt (2008 gegenüber Georgien und der Ukraine). In allen anderen Fällen führten Anträge zu langwierigen Beitrittsverhandlungen, deren Ergebnis dann in den Nato-Ländern und den Beitrittsländern von den Parlamenten ratifiziert werden musste. In Spanien, Ungarn, der Slowakei, Slowenien und Nordmazedonien gab es sogar Volksabstimmungen darüber.
In den meisten Fällen herrschte nach einem Beitrittsgesuch in der Nato erst einmal große Skepsis und in dem jeweiligen Beitrittsland großer Enthusiasmus. Statt von „Erweiterung“ oder „Expansion“ wäre es also besser, von „weiteren Beitritten“ zu reden. Egal, wie man es nennt – Putin gefiel es nicht, was spätestens durch seine berühmt-berüchtigte Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 klar wurde. Da bezeichnete er die gesamte „Nato-Erweiterung“ als Bruch von inoffiziell gemachten Versprechungen, die Nato nicht weiter „auszudehnen“.
Wladimir Putin bei einem Treffen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz 2007.
© Astrid Schmidhuber/imago
Das Wörtchen „inoffiziell“ ist wichtig, denn nicht einmal Lawrow hat bisher behauptet, es habe offizielle, völkerrechtlich bindende Abmachungen darüber gegeben. Die Rede ist meist von schwammigen Klauseln über „gemeinsame Sicherheit“, zum Beispiel in der Istanbul-Erklärung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Da steht in Punkt 8: „Jeder Teilnehmerstaat hat dasselbe Recht auf Sicherheit.“ Und das wird dann, nach russischer Auslegung, durch weitere Beitritte zur Nato verletzt.
Gleich danach steht aber noch etwas anderes im gleichen Punkt. „Wir bekräftigen das jedem Teilnehmerstaat innewohnende Recht, seine Sicherheitsvereinbarungen einschließlich von Bündnisverträgen frei zu wählen oder diese im Laufe ihrer Entwicklung zu verändern.“ Nebenbei: Das Ganze ist eine Deklaration, kein völkerrechtlich bindender Vertrag, und die Freiheit, Bündnisse einzugehen, ergibt sich aus dem (völkerrechtlich bindenden) Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge (zwischen Staaten). Ähnlich verhält es sich mit der OSZE-Erklärung von Astana, in der von einer „freien, demokratischen, gemeinsamen und unteilbaren euro-atlantischen und eurasischen Sicherheitsgemeinschaft“ die Rede ist. Nirgendwo wird die Nato auch nur erwähnt.
Fassen wir zusammen: Spätestens seit 2007 betrachtete Putin die Nato-Erweiterungen als Verrat. Aber heißt das, er will sie durch Krieg rückgängig machen?
Doch kein Krieg gegen die Nato
Gesagt hat er so etwas nicht. Am frühen Morgen des 24. Februar 2022 griffen russische Truppen die Ukraine an drei Fronten an und Putin hielt eine Rede. In der ging es, wie schon bei den Reden davor, vor allem um die Ukraine. Aber nicht nur. Er sagte auch: „Ein weiteres Vordringen der Infrastruktur der Nordatlantik-Allianz, die bereits begonnene militärische Aneignung des ukrainischen Staatsgebiets: Das ist für uns inakzeptabel.
US-Präsident Donald Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Bundeskanzler Friedrich Merz, Nato-Generalsekretär Mark Rutte und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 18. August im Weißen Haus in Washington.
© IMAGO/Aaron Schwartz - Pool via CNP
Natürlich geht es dabei nicht um die Nato an sich, als Organisation. Sie ist nur ein Instrument der amerikanischen Außenpolitik. Das Problem besteht darin, dass in Gebieten direkt an unseren Grenzen, Gebieten wohlgemerkt, die historisch zu uns gehören, ein uns feindlich gesinntes ‚Anti-Russland‘ geschaffen wird, das vollständig unter externer Kontrolle steht, in dem sich mehr und mehr Nato-Staaten festsetzen und das mit modernsten Waffen hochgerüstet wird.“
Das ist kriegerisch und geht ein wenig rustikal mit der Geschichtsschreibung um, aber nichts davon deutet darauf hin, dass Putin in diesem Moment Ziele hatte, die über die Unterwerfung der Ukraine hinausgingen. Im Gegenteil. Er sagte: „Russland hat die neuen geopolitischen Realitäten nach dem Zerfall der Sowjetunion akzeptiert. Wir respektieren alle neugegründeten Staaten im postsowjetischen Raum, und das wird auch so bleiben. Wir respektieren heute und in Zukunft ihre Souveränität.“ Danach sagt er vor allem hässliche Dinge über die Ukraine, die zum großen Teil in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den bekannten Fakten stehen, aber das ist hier ja nicht das Thema.
Es gibt ein anderes Thema, das mit der Ukraine nichts zu tun hat und immer wiederkehrt. Es klingt bereits in der Rede vom 24. Februar an: Die Nato selbst ist nicht gefährlich für Russland, gefährlich sind die USA dahinter. Am 14. Juni 2024 wird aus der Andeutung ein regelrechtes Stakkato.
Bei einer Rede im Außenministerium sagt Putin: „Die Gefahr für Europa geht nicht von Russland aus. Die Hauptbedrohung für die Europäer liegt in ihrer kritischen und stetig wachsenden, nahezu totalen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten: im militärischen, politischen, technologischen, ideologischen und informationellen Bereich. Europa wird zunehmend an den Rand der globalen wirtschaftlichen Entwicklung gedrängt, in das Chaos der Migration und anderer drängender Probleme gestürzt und seiner internationalen Handlungsfähigkeit sowie seiner kulturellen Identität beraubt. Wenn Europa sich als eines der unabhängigen Zentren der globalen Entwicklung und als kultureller und zivilisatorischer Pol auf dem Planeten behaupten will, muss es zweifellos gute, herzliche Beziehungen zu Russland pflegen – und wir sind, was am wichtigsten ist, dazu bereit.“
Das ist Putins Traum: nicht die Nato zu attackieren oder Nato-Länder zu annektieren, sondern die Nato zu spalten: erst die Balten und den Rest, dann die Europäer und die Amerikaner. Fast könnte man meinen, da hat jemand erfolgreich den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht – aber halt, das war ja Trump.
Nato spalten – braucht man dafür einen Krieg?
Das Treffen in Istanbul im März 2022 wurde heiß diskutiert, aber dabei ging es fast nur darum, ob es eine Chance für einen dauerhaften Frieden bot, die Boris Johnson danach angeblich zunichte machte. Dass es auch eine Zäsur in der russischen Rhetorik darstellt, merkte keiner, damals nicht und heute auch nicht. Es ging dabei nur um die Ukraine; Nato und EU kamen nur in diesem Kontext vor: Die Ukraine sollte der EU beitreten, aber der Nato nicht, es sollte gemeinsame Sicherheitsgarantien geben und die Ukraine sollte abrüsten (Russland aber nicht). Das Ganze musste scheitern, denn diejenigen, die das umsetzen sollten (Nato und EU), waren gar nicht beteiligt.
Seither hat man im Kreml aufgehört, von einem Stopp der Nato-Erweiterung oder gar einem Rückbau der Nato auf die Lage vor 1999 zu reden. Jedenfalls nicht öffentlich. Seither geht’s nur noch um die Ukraine, darum, die vier Regionen (Charkiw, Cherson, Luhansk und Donezk) vollständig zu bekommen, auch die Teile, die von der Ukraine kontrolliert werden, und, je nach Laune des Redners und Frontlage, um ihre „Entnazifizierung“, „Entmilitarisierung“ und die Verhinderung eines möglichen Nato-Beitritts der Ukraine.
Der Kreml droht mal (meist verklausuliert) mit Atomschlägen, falls westliche Länder der Ukraine Tomahawks und Taurus liefern, und (weniger verklausuliert) mit konventionellen Angriffen auf Rüstungsbetriebe, in denen Waffenlieferungen für die Ukraine in den baltischen Ländern und Deutschland produziert werden. Das alles ist im Lichte von Artikel 2 der Uno-Charta bereits ein Völkerrechtsverstoß.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfängt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu einem Arbeitsessen im Élysée-Palast in Paris.
© IMAGO/Antonin Burat / Le Pictorium
Im Herbst 2022 gab es offenbar auch Pläne, taktische Atomwaffen in der Ukraine einzusetzen, die durch US-Interventionen verhindert wurden. Das zeugt jetzt nicht unbedingt vom Friedenswillen der russischen Führung, aber Forderungen oder neue Vertragsentwürfe, mit denen die baltischen Staaten von der Nato abgespalten werden sollen, hat es seit Istanbul nicht mehr gegeben. Wenn überhaupt, dann zitieren russische Außenpolitiker ihre eigenen Vorschläge von 2021, zuletzt bei den Verhandlungen in Riad, aber das klang plötzlich ganz anders als 2021: „Würde die Nato ihre Präsenz zurückfahren, würde die gesamte Sicherheit des Kontinents davon profitieren“, so der stellvertretende Außenminister Rjabkow gegenüber der Tass.
Dabei schien ihm entgangen zu sein, dass die Vertragsentwürfe von 2021, die der Kreml damals so kompromisslos als „Paket, das nicht aufgeschnürt werden kann“, präsentierte, ja eigentlich obsolet sind. Denn die Nato hat sich danach ja um Finnland und Norwegen erweitert. Hat sich Russland also, um Putin aus dem Jahr 2024 zu zitieren, mit dieser Erweiterung abgefunden? Und wenn ja, heißt das dann, Russland wird nach einer Beendigung des Krieges gegen die Ukraine dann Ruhe geben?
Wann gibt Russland Ruhe?
Dagegen gibt es zwei Einwände. Der erste lautet, wie der Volksmund sagt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Danach hat Russland seine Ambitionen einfach zurückgeschraubt, weil der Krieg zu viele Ressourcen verschlingt. Russland würde die Nato-Erweiterung schon gerne rückgängig machen, aber es kann eben momentan nicht. Wozu also – vor allem gegenüber der globalen und der eigenen Öffentlichkeit – Forderungen stellen, die ohnehin nicht durchsetzbar sind? Auf diese Logik stützen die politischen Eliten in den baltischen Ländern und Polen ihre Furcht, Russland werde eben doch weiter ausgreifen, wenn in der Ukraine irgendein Friede eingekehrt ist und Russland seine Armee und seine Waffendepots aufstocken kann. Um es wieder mit dem Volksmund zu sagen: Der Appetit kommt beim Essen. Er nimmt zu, wenn Russland wieder das Besteck dazu hat, ihn zu befriedigen.
Das zweite Argument gegen die Annahme, dass es „nur“ um die Ukraine geht und das nicht „unser Krieg“ ist, ergibt sich aus Putins eigenem Verhalten. Wenn man, wie im Frühjahr 2022, nicht davon ausgehen kann, dass ein Kriegsdementi ernst gemeint ist, weil der Truppenaufmarsch in vollem Gang ist und ein paar Tage später der Angriff beginnt, dann kann man auch nicht davon ausgehen, dass Putins und Lawrows Schweigen über die Nato-Erweiterung Zustimmung bedeutet oder dass sich beide einfach damit abgefunden haben.
Diese Logik funktioniert nicht einmal umgekehrt: Wenn die beiden mit etwas drohen, kann man nicht sicher davon ausgehen, dass sie es auch tun werden. Ein kleines, völlig übersehenes Beispiel, auf das zuletzt die ehemalige stellvertretende Nato-Generalsekretärin Rose Gottemoeller, die jetzt in Stanford lehrt, hingewiesen hat: Nach der russischen Nuklearwaffendoktrin führt selbst ein konventioneller Angriff auf Russlands strategische Atomwaffen zu einer atomaren Antwort. Aber im Juni 2025 zerstörte die Ukraine mit relativ billigen, auf Lastwagen angebrachten Drohnen ein Drittel der strategischen Bomberflotte Russlands und kein Atomschlag erfolgte.
Wahrscheinlich ist es sinnvoller, sich zu fragen, was Putin kann, statt zu versuchen, aus dem, was er sagt, darauf zu schließen, was er will.
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