«Die Spanier haben Angst»: Influencer heizen die Migrationskrise in Ceuta an
Mit Videos versuchen marokkanische Blogger, nationalistische und religiöse Überlegenheitsgefühle bei Migranten zu wecken. Sie tragen zum Bild einer feindlichen Invasion bei. Eine Reportage aus Ceuta.
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«Wir haben Ceuta in Besitz genommen» – wie Influencer die Migrationskrise anheizen
Mit Videos versuchen marokkanische Blogger, nationalistische und religiöse Überlegenheitsgefühle bei Migranten zu wecken. Sie tragen zum Bild einer feindlichen Invasion bei. Eine Reportage aus Ceuta.
Beat Stauffer, Ceuta14.09.2026, 06.29 Uhr
8 Leseminuten

«Sie schlafen inmitten von Ratten und Schlangen und betteln um Lebensmittel»: Migranten am Strand von El Trampolín, 7. September 2026.
Marcos Moreno / Imago
Ceuta, Playa del Trampolín, Ende August. Es ist gegen 21 Uhr. Unzählige Migranten haben in diesem Strandabschnitt improvisierte Zelte und Hütten errichtet. Schon von weitem ist eine riesige Menschenmenge am Strand und auf der Uferstrasse zu erkennen. Rund einhundert Polizisten stehen einer mehrfach grösseren Ansammlung von Migranten gegenüber.
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Am Boden liegt ein Mann, offensichtlich verletzt. Schreie, Polizeisirenen, eine Menge in Bewegung. Ein paar Kamerateams filmen die unübersichtliche, chaotische Szene. Der Taxifahrer will nicht anhalten, wir fahren etwas weiter, kehren wenig später zurück. Eine Gruppe junger Männer aus Ceuta, so erfahren wir, habe die Unterkünfte am Abend zuvor zerstört und in Brand gesetzt. Am Tag darauf haben die Migranten den Strand erneut in Beschlag genommen.
Sie verstecken sich in Wäldern, einige besetzen Häuser
Man kann in dieser «Besetzung» grosser Uferzonen und vieler Stadtteile in Ceuta eine verständliche Reaktion der Migranten und Flüchtlinge sehen, die seit Wochen nur notdürftig versorgt werden. Mit Ausnahme der Frauen und eines Teils der Minderjährigen mussten sie bis vor wenigen Tagen auf nacktem Boden schlafen. Dahinter steht letztlich das Scheitern der Strategie, welche die spanischen Behörden seit dem Ansturm vom 30. und 31. Juli verfolgt haben, wohl in enger Zusammenarbeit mit Marokko.
Sie bestand darin, den Migranten nichts anzubieten, nicht einmal Wasser. So wollte man sie zur Rückkehr drängen. Das gelang zwar in einer ersten Phase, als mehr als 60 000 Migranten das Gebiet von Ceuta verliessen. Doch gegen 10 000 junge Migranten und Minderjährige aus Marokko und aus Staaten südlich der Sahara sind geblieben. Sie haben sich in den Wäldern versteckt, an den Stränden installiert, Häuser besetzt oder bei marokkanischstämmigen Einwohnern von Ceuta Unterschlupf gefunden.
Nach wochenlangem Schweigen über das weitere Vorgehen, vor allem gegenüber nicht asylberechtigten jungen Männern, erfuhr die spanische Öffentlichkeit Anfang September etwas mehr. In den vergangenen Wochen sollen mehr als 3600 freiwillig ausgereist, 3300 umgesiedelt und einige hundert unter Zwang zurückgeführt worden sein. Doch die Zahl derer, die geblieben sind, ist immer noch gross. Lokale Beobachter vermuten, dass in der erwähnten Zeitspanne weitere Migranten schwimmend Ceuta erreicht hätten.
Die spanische Regierung hat ein Hilfsprogramm von mehr als 300 Millionen Euro für die Bewältigung der Migrationskrise zur Verfügung gestellt. Bereits wurden mehrere grosse Camps aus Militärzelten errichtet. Doch die Überforderung bleibt. Fast täglich kommt es zu Zusammenstössen zwischen der Polizei und Migranten. Schleppernetzwerke bieten bereits ihre Dienste an, am Hafen versuchen täglich Dutzende junger Männer, auf abenteuerliche Weise auf die Fähren nach Spanien zu gelangen.
«Harraga» kommen häufig aus Banlieues und armen Regionen
Unter den «Harraga», wie man die illegal eingewanderten Migranten im Maghreb nennt, ist die Frustration riesig. Viele sind zermürbt und erschöpft, wollen aber nicht aufgeben. Bei anderen wächst die Wut. Auch die Einwohner von Ceuta sind empört und am Rand ihrer Kräfte. Bereits ist es zur Bildung von Bürgerwehren gekommen, die zum Teil mit Gewalt gegen Migranten vorgehen.
Es zeigt sich immer deutlicher, dass Europa vom ersten grossen Ernstfall an der EU-Aussengrenze sowohl überrascht wie auch vollkommen überfordert war. Und das bloss sechs Wochen nach der Inkraftsetzung des neuen Asyl- und Migrationspakts. Weder war Spanien in der Lage, die EU-Aussengrenzen zu schützen, noch wurden bei den Tausenden jungen Migranten aus Marokko, die keine Chance auf Asyl haben, Schnellverfahren durchgeführt, um sie in ihre Heimat zurückzubringen.
Aus der Fachliteratur ist bekannt, dass es sich im Durchschnitt bei rund 90 Prozent der «Harraga» aus den Maghrebstaaten um volljährige, aber junge Männer handelt. Nur etwa 10 Prozent sind Minderjährige, allein reisende Frauen, Frauen mit Kindern oder ganze Familien. Die meisten «Harraga» stammen aus der Unterschicht oder aus der unteren Mittelschicht, häufig aus strukturschwachen Randregionen sowie aus den armen «Banlieues» der grossen Städte.
Alles weist darauf hin, dass die meist marokkanischen «Harraga» von Ceuta grösstenteils diesem Profil entsprechen. Falls die behördlichen Zahlen hinsichtlich der Minderjährigen stimmen, wären diese allerdings sehr viel zahlreicher als bei den bisherigen Ankünften marokkanischer Migranten in Spanien.
Nur ein kleiner, aber tendenziell ansteigender Teil der «Harraga» verfügt über eine Berufsausbildung, ein Diplom einer höheren Fachschule oder gar einer Universität. Viele der jungen Männer sind Schulabbrecher. Manche stammen aus zerrütteten Verhältnissen, sind auf der Strasse sozialisiert worden oder bereits mit der Justiz in Konflikt gekommen. Schliesslich versuchen immer wieder Personen, die unter Zwang in ihr Herkunftsland rückgeführt worden waren, erneut in die EU einzureisen.
Ceuta ist für sie «besetztes marokkanisches Territorium»
Es ist wichtig, diesen Hintergrund zu kennen, um zu verstehen, weshalb diese «Harraga» unter keinen Umständen nach Marokko zurückkehren wollen. Manche von ihnen sind Desperados, die in ihrem Land keinerlei Chancen für sich sehen und nur noch abhauen wollen. Viele dieser jungen Männer sind extrem harte Lebensbedingungen gewohnt. Und sie kennen die Losung aller «Harraga»: Du musst durchhalten, du darfst nicht aufgeben, du musst warten können. Irgendwann wird sich eine Türe zu einem legalen Aufenthalt in Europa öffnen.
Das hat in der Vergangenheit häufig geklappt. Die spanische Regierung dürfte die Anreize verstärkt haben, indem sie im Frühjahr 2026 allen irregulär eingereisten, aber nicht straffällig gewordenen Migranten ermöglicht hat, bereits nach fünf Monaten ein Gesuch um einen legalen Aufenthalt zu stellen. In der Folge sind mehr als eine Million Gesuche eingegangen.
Im ganzen Elend der «Harraga» zeigt sich auch der Einfluss von neuen Medien. Marokkanische Influencer und Blogger betätigen sich als Anwälte der Gestrandeten, oder sie versuchen, den Ansturm mit politischen und religiösen Argumenten zu legitimieren.
Einige haben die «Harraga» in ihren Verstecken aufgespürt und sie befragt. Diese Quellen sind mit Vorsicht zu geniessen. Doch einige von ihnen arbeiten professionell und haben zudem eine enorm hohe Zahl von Followern. Zu ihnen gehört der «Content Creator» Abderrahim X. Sein Familienname ist nicht bekannt, er gibt ein digitales Medium namens «Kanat al-Ghorba» heraus und verfügt über einen eigenen Youtube-Kanal.
«Eine Nacht bei den ‹Harraga› von Ceuta: Junge Marokkaner schlafen inmitten von Ratten und Schlangen und betteln um Lebensmittel» heisst sein Video, das er Mitte August gedreht hat. Darin beschreiben einige junge Marokkaner eindringlich, wie hart ihr Leben sei, wie sie immer wieder von spanischen Soldaten geschlagen würden, wie übel die Gerüche seien, die von einer in der Nähe gelegenen Abfalldeponie zu ihnen drängten.

Wenn die Polizei kommt, sind sie am nächsten Tag wieder da: schlafende Migranten am Strand von El Trampolín, 7. September 2026.
Marcos Moreno / Imago
Die Bilder sind erschütternd. Der Influencer bittet um Unterstützung für die Gestrandeten, appelliert an die Solidarität der Muslime. Er weist aber auch darauf hin, dass die «Harraga» nach Ceuta in «ein besetztes marokkanisches Territorium» geflohen seien. In einer nächsten Sequenz stimmen die sechs jungen Männer die Nationalhymne an und lassen den marokkanischen König Mohammed VI. hochleben. Sie seien aufgrund schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse geflohen, hassten aber ihr Land keineswegs und seien «keine Verräter».
Religiöse Allmachtsphantasien junger Männer
Eine ähnliche Botschaft vermitteln die vielen Posts eines anderen Influencers namens Otman Hana. Er versteht sie als «Aufruf an junge Marokkaner, die Stadt Ceuta zu befreien und in einem ersten Schritt überall Zelte aufzustellen». Es sei besser, Hunger zu haben, als zurückzuweichen. In einem anderen der zahlreichen Kurzvideos, die Hana in Ceuta gedreht hat – stets gutgelaunt und umgeben von jungen Migranten, die ihm sehr zugetan sind –, sagt einer von ihnen enthusiastisch: «Viele Grüsse an die Städte Casablanca und Errachidia. Wir bleiben hier (in Ceuta) und werden nie mehr ausreisen!» Er umarmt Hana, auch die anderen Jungs scheinen begeistert. Hana strahlt.
Eine Facebook-Site nennt sich ohne Umschweife «Gemeinsam für die Befreiung Ceutas und Melillas von der spanischen Okkupation». Auf Tiktok lässt ein junger Mann die Zuschauer in einem Kurzvideo wissen: «Friede sei mit euch, Brüder. Wie ihr feststellen könnt, haben wir die Stadt Ceuta in Besitz genommen. Ceuta ist nun marokkanisch!» Auf Instagram postet schliesslich ein User namens Lkhayli aus Tetouan den folgenden Beitrag: «Die Spanier haben Angst. Wartet nur, schon bald werden grosse Menschenströme Ceuta befreien.»
Auf dem Bild ist ein Aufmarsch von Menschen mit marokkanischen Fahnen vor einer Stadt zu sehen, die an Ceuta erinnert. Kenner der Verhältnisse sehen darin eine Anspielung auf den «Grünen Marsch» vom November 1975: Damals organisierte Marokko während des Westsaharakonflikts einen Marsch von 350 000 grösstenteils unbewaffneten Menschen in die heute nicht mehr existierende Kolonie Spanisch-Sahara.
Andere Kurzvideos betonen zusätzlich einen explizit religiösen Bezug: Ceuta als islamische Stadt, die zurückerobert werden muss. In einem dieser «Reels» ist eine Gruppe von Dutzenden junger «Harraga» in Ceuta zu erkennen, die die Chahada, das muslimische Glaubensbekenntnis, vortragen: «Es gibt keinen Gott ausser Allah, und Mohammed ist sein Prophet.» Einer von ihnen trägt ein Schwert. In einem gewissen Abstand sind spanische Sicherheitskräfte zu sehen.
Die Chahada wurde in der islamischen Tradition regelmässig verwendet, um Kämpfer anzufeuern. In diesem Kontext bedeutet dies laut Experten, dass «diese Erde, dieses Stück Land muslimisch» und dass «Gott die einzige Autorität» ist. Die Chahada werde aber auch von Leuten gesprochen, die bereit zum Kampf seien und sich selber Mut zusprechen wollten.
Man kann solche Posts als Allmachtsphantasien junger Männer lesen, die sich in einer verzweifelten Lage befinden. Dass das Thema aber nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte, zeigt allein schon der Umstand, dass viele junge Bewohner Ceutas sich vor Jahren dem IS angeschlossen haben und dass vor wenigen Tagen ein libanesischer IS-Anhänger in Ceuta verhaftet worden ist.
Kaum Kompetenzen im Umgang mit Medien
Doch was für eine Bedeutung haben solche Videos auf Social Media? Wie viele der jungen «Harraga» lassen sich von diesen Inhalten beeinflussen? Dies ist schwer zu wissen. Unbestritten ist aber, dass die allermeisten «Harraga» keine andere Informationsquelle kennen als Social Media und kaum über Medienkompetenz verfügen.
Viele Indizien weisen darauf hin, dass marokkanische Behörden einen direkten oder indirekten Einfluss auf die erwähnten Influencer und Blogger ausgeübt haben. Die Strategie dahinter wäre eine Umdeutung des Konflikts um Ceuta und der Motive der jungen «Harraga»: Das massenhafte Eindringen nach Ceuta würde in einem gewissen Mass legitimiert. Und die irreguläre Migration hätte nichts mit Unzufriedenheit über die Verhältnisse in Marokko zu tun.
Der Streit um die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla schwelt bekanntlich seit Jahrzehnten. Er war bald stärker spürbar, bald beinahe ausgeblendet aufgrund einer engen Zusammenarbeit zwischen Spanien und Marokko. Nun, da er just zum Zeitpunkt der grössten Migrationskrise erneut aufgeflammt ist, ist diese nationalistische und religiöse Aufladung des Konflikts durch Influencer umso beunruhigender.
Die jungen Eindringlinge werden nun als eine Art Vorhut von Invasoren gesehen. Je mehr Migranten ostentativ im öffentlichen Raum beten, sich nicht als Schutzsuchende, sondern als kleine «Eroberer» benehmen, die sich weder an Gesetze und an behördliche Anweisungen noch an Anstandsregeln halten, desto schwieriger wird es, den Konflikt zu lösen. Dabei will kaum einer der jungen Migranten in Ceuta bleiben. Ihr Ziel ist Europa.

Fernziel Europa: Migranten machen sich auf den Weg nach Ceuta, 15. August 2026.
AP
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