Macht uns unsere große Leidenschaft glücklich? Das hängt von der Art ab

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Macht uns unsere große Leidenschaft glücklich? Das hängt von der Art ab

Wir müssen unsere Leidenschaft nicht finden, wir können sie entwickeln

Stand: 13.08.2026, 18:01 Uhr

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Junge, hübsche Frau mit Surfboard steht am Strand und schaut traurig in die Ferne.

Leere statt Glücksgefühl: Wer seine Leidenschaft noch nicht gefunden hat, fragt sich oft, was nicht stimmt. © IMAGO / Pond5 Images

Wer glaubt, seine eine große Leidenschaft finden zu müssen, setzt sich unnötig unter Druck. Oft beginnt Begeisterung viel unspektakulärer: mit Neugier, Übung und dem Gefühl, langsam besser zu werden.

Der Satz „Finde deine Leidenschaft“ klingt, als müsse irgendwo in uns bereits die eine große Antwort verborgen liegen. Ein Beruf, ein Talent, ein Thema, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden – und uns anschließend glücklich macht.

Für viele Menschen wird daraus allerdings kein Ansporn, sondern Druck. Sie fragen sich, warum sie nicht für eine Sache brennen. Oder sie geben etwas vorschnell wieder auf, sobald die erste Begeisterung nachlässt. Dabei entsteht Leidenschaft oft nicht durch eine plötzliche Entdeckung, sondern ganz allmählich: aus Neugier, Übung und dem Gefühl, in etwas hineinzuwachsen.

Wann Leidenschaft guttut – und wann sie Druck macht

Der kanadische Psychologe Robert J. Vallerand und sein Forschungsteam unterscheiden zwischen zwei Formen von Leidenschaft: einer harmonischen und einer obsessiven.

Eine harmonische Leidenschaft entsteht, wenn wir eine Tätigkeit freiwillig wählen und sie als wichtigen, aber nicht als einzigen Teil unseres Lebens erleben. Wir können in ihr aufgehen und auch wieder aufhören. Sie darf uns fordern, ohne uns zu beherrschen. Wer harmonisch leidenschaftlich musiziert, Sport treibt, gärtnert oder an einem Projekt arbeitet, empfindet die Aktivität als sinnvoll und bereichernd. Gleichzeitig bleiben Freundschaften, Erholung und andere Interessen bestehen.

Eine obsessive Leidenschaft fühlt sich zunächst oft ähnlich intensiv an. Doch irgendwann kommt ein innerer Druck hinzu. Die Tätigkeit wird zum Beweis des eigenen Wertes: Wenn ich nicht trainiere, bin ich nicht diszipliniert. Wenn mein Projekt scheitert, bin ich gescheitert. Wenn ich eine Pause mache, verliere ich meinen Vorsprung. Nicht mehr wir entscheiden, wann und wie viel Raum etwas bekommt, die Leidenschaft entscheidet für uns.

Ich musste meine Leidenschaft fürs Skifahren und allgemein für Sport nicht suchen. Ich bin Schritt für Schritt hineingewachsen. Natürlich waren es meine Eltern, die mir die ersten Impulse lieferten und diese Hobbys ermöglichten. Dennoch war der Antrieb in mir, einen Großteil meiner Energie darauf zu verwenden, besser zu werden, um schließlich im Leistungssport zu bestehen. Trotzdem hätte es mich allein niemals ausgefüllt, nur Sport zu treiben. Hätte ich mich nur dieser einen Leidenschaft gewidmet, wäre daraus vermutlich ziemlich schnell eine ungesunde Beziehung geworden. Erst der mentale Ausgleich durch Schule und Studium während der Profizeit hat mich erfüllt und mir gleichzeitig gezeigt, dass mein Wert sich nicht nur durch eines von beiden definiert. Dieses Bewusstsein macht einen in Drucksituationen unabhängiger und gelassener.

Eine Metaanalyse von Curran und Kollegen aus dem Jahr 2015 wertete 94 Studien zur sogenannten dualen Leidenschaftstheorie aus. Dabei zeigte sich: Harmonische Leidenschaft – also die freie und ausgewogene Beschäftigung mit etwas, das einem wichtig ist – steht häufiger mit Wohlbefinden und positiven Erfahrungen in Zusammenhang. Obsessive Leidenschaft, bei der innerer Druck und die Angst vor dem Aufhören eine größere Rolle spielen, war dagegen häufiger mit negativen Gefühlen und inneren Konflikten verbunden. Die Studie weist allerdings auf Zusammenhänge hin, nicht auf eine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung. Leidenschaft allein macht also weder glücklich noch unglücklich.

Begeisterung muss nicht am Anfang stehen

Der Satz „Folge deiner Leidenschaft“ enthält noch einen zweiten Denkfehler: Er tut so, als müsste Begeisterung am Anfang bereits vollständig vorhanden sein. In der Realität beginnt vieles unspektakulär – mit Neugier, einem kleinen Interesse oder dem Gefühl: „Das könnte ich einmal ausprobieren.“

Eine Tätigkeit kann erst durch Übung interessant werden. Wer anfängt, ein Instrument zu lernen, erlebt am Anfang vielleicht vor allem schiefe Töne. Wer zum ersten Mal zeichnet, sieht zunächst eher Fehler als Ausdruck. Wer eine neue Sportart ausprobiert, fühlt sich möglicherweise unbeholfen. Der Spaß kommt nicht immer vor der Anstrengung. Manchmal entsteht er, weil wir allmählich besser werden, Zusammenhänge verstehen und merken, dass wir etwas selbst in der Hand haben.

Hätte ich bei meinen ersten Surf-Versuchen bereits nach der ersten „Waschmaschine“ in den Wellen aufgegeben, wäre mir eine Menge Spaß entgangen. Gerade wenn der Weg manchmal hart ist zum Erfolg, ergibt sich die Chance, eine echte Leidenschaft zu entwickeln. Diejenigen, die nie versuchen, in etwas besser zu werden, das sie nicht von Anfang an können, werden es nie verstehen.

Leidenschaft ist deshalb weniger ein Schatz, den man irgendwo vergraben findet. Sie ähnelt eher einer Beziehung: Sie wächst durch Zeit, Aufmerksamkeit, gemeinsame Erfahrungen und die Freiheit, sie auch wieder zu verändern.

Ein gutes Leben braucht mehr als eine große Leidenschaft

Auch die Vorstellung von der „einen wahren Leidenschaft“ kann das Leben unnötig verengen. Menschen können sich für mehrere Dinge interessieren. Manchmal gleichzeitig, manchmal nacheinander. Nicht alles, was glücklich macht, muss zum Lebensprojekt werden.

Gerade die leisen Quellen des Wohlbefindens werden leicht übersehen: ein Körper, der sich nach Bewegung besser anfühlt; ein Gespräch, nach dem man sich verbunden fühlt; eine Aufgabe, die anderen nützt; ein freier Nachmittag ohne Leistungsnachweis. Ein gutes Leben besteht nicht nur aus Momenten, in denen wir vor Leidenschaft brennen. Es braucht auch Dinge, die uns zur Ruhe kommen lassen.

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Kopfsache“. Hier erhalten Sie Tipps rund um mentales Wohlbefinden, Motivation und Resilienz. Sie wollen nichts mehr verpassen? Dann registrieren Sie sich kostenlos für unseren Newsletter „Einfach fit“:

Hallo, ich bin Alexandra Grauvogl,
als ehemalige Ski-Rennfahrerin und ausgebildete Fitnesstrainerin beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit Fitness, Ernährung, Gesundheit sowie mentalem Wohlbefinden. In meinem Newsletter „Einfach fit!“ teile ich meine Erfahrungen und Empfehlungen mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Und keine Angst, im Newsletter geht es nicht um Spitzensport, sondern um einfache Tipps und Tricks für ein gesundes und fittes Leben, von denen auch Sie profitieren können. Ich freue mich auf Sie!

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Alexandra Grauvogl, Redakteurin und Ex-Leistungssportlerin

Alexandra Grauvogl, Redakteurin und Ex-Leistungssportlerin © McFit

Drei Fragen, die hilfreicher sind als „Was ist meine Leidenschaft?“

Wer sich nicht länger auf die Suche nach dem großen Lebensfunken machen möchte, kann mit kleineren Fragen beginnen:

  • Was macht mich neugierig, auch wenn ich darin (noch) nicht gut bin? Ein kleiner Impuls reicht als Startpunkt.
  • Wie fühle ich mich nach der Tätigkeit? Bin ich angenehm erschöpft, klarer und lebendiger? Oder dauerhaft angespannt, schuldig und getrieben?
  • Darf diese Sache in mein Leben passen, statt mein ganzes Leben zu verschlucken? Eine gesunde Leidenschaft lässt Raum für Pausen, Beziehungen und Richtungswechsel.

Das nimmt der Leidenschaft nichts von ihrer Kraft, sondern es schützt sie davor, zur Pflicht zu werden. Wer sich entwickeln darf, ohne ständig die eigene Identität beweisen zu müssen, bleibt eher offen für Freude. Und damit fürs Glücklichsein.