Indiens Filmindustrie im Umbruch: Wie Bollywood um seine Zukunft kämpft

Bollywood steht vor einer Streaming-Krise. Die indische Filmindustrie kämpft gegen den Aufstieg von Netflix und Co. Satellitenaufnahmen zeigen, wie sich Bollywood anpasst. Wie wird die Zukunft aussehen?

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Indiens Filmindustrie im Umbruch: Wie Bollywood um seine Zukunft kämpft

Der Studiokomplex „Ramoji Film City“ vor den Toren von Hyderabad. Foto: LiveEO/Airbus

Filmindustrie: Die Netflix-Krise der Bollywood-Clans

Die indische Filmindustrie ist älter, als viele glauben. Satellitenaufnahmen zeigen, wie Bollywood im Wettstreit mit den Streaming-Anbietern um seine Zukunft kämpft. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.

  • Die indische Filmindustrie kämpft mit finanziellen Herausforderungen durch Streamingdienste wie Netflix und Amazon
  • Bollywood produziert über 1000 Filme jährlich und ist weniger abhängig von einem einzelnen nationalen Markt
  • Streamingdienste reduzieren Kinobesuche und stärken die wirtschaftliche Abhängigkeit von großen Blockbustern
Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.

Die Filmindustrie in der indischen Metropole Mumbai ist so alt wie ihr amerikanisches Pendant in Los Angeles. Mehr als 1000 Filme produziert sie pro Jahr. Die Traumfabrik Bollywood (abgeleitet vom früheren Namen der Stadt Bombay) ist damit eine über 100 Jahre alte wirtschaftliche Säule Indiens. Doch der Aufstieg westlicher Streamingdienste wie Netflix und Amazon wirbelt die Struktur auch auf dem südasiatischen Subkontinent zunehmend durcheinander.

Neben dem traditionellen Hindi-sprachigen Bollywood haben sich inzwischen auch in anderen Städten wie Noida, Chennai und Hyderabad große Studiokomplexe für Film- und Fernsehproduktionen entwickelt.

Dabei wird längst nicht mehr nur in Hindi, sondern auch in anderen weitverbreiteten indischen Sprachen wie Telugu, Tamil und Kannada gedreht. Das ist nicht nur eine landestypische Besonderheit, aus Sicht von Sayantan Ghosh Dastidar ist sie auch ein ökonomischer Faktor. Der Experte der britischen Universität Derby kennt sich aus, hat als einer von wenigen weltweit intensiv die Branche analysiert. „Diese sprachliche Vielfalt eröffnet Filmschaffenden mehrere Einnahmequellen und macht die Branche weniger abhängig von einem einzelnen nationalen Markt als viele ihrer internationalen Pendants“, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler.

Insbesondere der Vergleich mit dem US-amerikanischen Hollywood zeigt weitere Unterschiede. Einer der größten, der auch aktuell noch eine große Rolle spielt, ist die Finanzierung. Während der Aufstieg Hollywoods auch durch für Investoren sehr günstige Steuergesetze getrieben war, fehlte dieser Geldregen in Indien.

Nach Dastidars Analyse setzt sich dieses Problem bis heute fort. Zwar ist die Industrie quantitativ ungebrochen produktiv, doch sinkt die Zuschauerzahl in den Kinos dramatisch. Zugleich steigen die qualitativen Anforderungen an Filme auf internationalem Niveau – etwa bei 3D‑Technik oder IMAX.

Bollywood kann das nicht ignorieren, denn hochklassige und finanzstarke Produktionen sind vor allem in China populär – dem erfolgreichsten Exportmarkt für indische Filme außerhalb der eigenen Diaspora.

Höhere Investitionskosten treffen auf niedrigere Einnahmen im Heimatmarkt. Dastidar und seine Co-Forscherin Carline Elliot sehen daher den Bedarf für neue Finanzierungsmodelle – sowohl in Indien als auch international. Infrage kommen etwa große Hollywood-Studios. Statt viele kleine Produktionen zu fahren, müsse zudem das Kapital auf größere, aufwendigere Filme konzentriert werden.

Bilder: LiveEO/Google Earth

Satellitenaufnahmen des Studiokomplexes Mumbai Film City zeigen, dass sich die Studiokomplexe auch nach dem Pandemie-Tief weiterentwickeln. Die Bautätigkeit wird getrieben durch den ökonomischen Zwang zur Modernisierung.

Zuschauer bestimmen Bollywoods Reformtempo

Gleichzeitig wird klar: Bollywood hat schon einen weiten Weg hinter sich. Im Westen wird die indische Filmindustrie vor allem mit aufwendigen, von Tanz und Gesang begleiteten Liebesdramen in Verbindung gebracht. Dieses als „Masala“ bekannte Genre wurde jedoch erst in den 1970er-Jahren populär, sein Erfolg ist dabei eng mit der indischen Diaspora verbunden. Die Auswanderer – vor allem in den USA und Großbritannien – wünschten sich ein idealisiertes Bild Indiens. In einer Analyse heißt es: „Tatsächlich bestätigen sie, dass sie gut gemachte Filme mit beeindruckenden Liedern und Kostümen sehen möchten und dass es ihnen gleichgültig ist, ob diese Filme die Realität vollständig abbilden oder nicht.“

Es ist also nicht das erste Mal, dass eine Transformation durch die Nachfrage einer zahlungskräftigen Zuschauergruppe getrieben wird. Bollywood hat damit insbesondere seit den 1990er-Jahren gute Erfahrungen gemacht. Bis dahin litt der wirtschaftliche Erfolg Experten zufolge vor allem an einer mangelnden Integration im Filmvertrieb. So gab es eine Unmenge Agenten, die mit ihren beschränkten Möglichkeiten den wirtschaftlichen Erfolg limitierten. Auch galt das für das Marketing, weshalb ein Export von Filmen selten von Erfolg gekrönt war. In beiden Bereichen hat Bollywood sich inzwischen an internationale Standards angepasst.

Auch Forscher Dastidar unterstreicht die Diaspora und die neuen Exportmärkte wie China als Umsatztreiber. In den vergangenen Jahren wurde zudem versucht, die Zielgruppen in Indien und im Ausland gleichzeitig anzusprechen. Diese „pan-indischen“ Produktionen richteten sich an verschiedene Sprachgruppen zugleich und sollen die globale Reichweite der Branche weiter erhöhen.

An der Ramoji Film City nahe Hyderabad zeigt sich eine weitere Tendenz der Branche. Eine Integration in der Breite, das heißt, die Filmproduktionen sind auch außerhalb der Filmbranche an Verwertungskanälen wie Merchandise oder Vergnügungsparks beteiligt, die an Filmproduktionen anschließen. Im Falle von Hyderabad ist der Studiokomplex selbst zeitgleich ein Vergnügungspark. Auf den Satellitenaufnahmen ist das auch an den Parkanlagen und Gebäuden zu erkennen, die teils an ein indisches Disneyland erinnern.

Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pléiades

Trotzdem sehen Experten wie Mark Lorenzen von der Copenhagen Business School und Ram Mudambi von der Temple University in Philadelphia Nachholbedarf. Allerdings eher, was die vertikale Integration angeht – das heißt die enge Kooperation entlang der Produktionskette.

Große amerikanische Filmproduktionsunternehmen wie Warner Bros. oder Paramount Pictures begleiten Filme vom Drehbuch bis zur Kino-, Plattform- oder Fernseh-Auswertung. Genau davor schrecken ihre indischen Pendants bisher noch weitgehend zurück. Große Filmvertriebe stützen sich weiterhin hauptsächlich auf eine Vielzahl an kleinen, unabhängigen Filmstudios, von denen sie Filme beziehen. Einsparungen durch Synergien in der Produktion und die Kontrolle der Margen entlang der Verwertungskette – wie in Amerika – bleiben ihnen hierdurch verwehrt.

Diese Struktur ist aus Sicht des Derby-Ökonomen Dastidar auch eine Folge der mehrsprachigen Struktur Bollywoods. Es ist keine monolithische Filmindustrie, sondern ein Cluster aus mehreren regionalen Ökosystemen mit eigenen Stars, Zuschauergruppen, Geschmäckern und Produktionsketten. „Daher ist die indische Filmindustrie grundsätzlich mehrsprachig, regional geprägt und dezentralisiert.“

Streaming als Fluch und Segen

Mit dem Einstieg der Streamingdienstleister als Filmproduzenten gewinnt dieser Unterschied an Gewicht. Selbst in den USA hat der Versuch von Netflix, Warner Bros. zu kaufen, für Verunsicherung in der Branche gesorgt. In Indien könnten die Streaminggiganten mit ihrer Strategie erfolgreicher sein. Denn den Unternehmen stehen aufgrund ihrer geringen Größe nicht die gleichen finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung, um sich gegen Aufkäufe zu wehren.

Der Einfluss der Streamingdienstleister in Indien trifft laut Dastidar zudem vor allem kleinere Produktionen, für die der klassische Vertriebskanal zusehends austrocknet. „Kinobesuche konzentrieren sich zunehmend auf große Blockbuster, während viele Zuschauer Inhalte inzwischen lieber über Streamingdienste konsumieren“, analysiert er die Lage. In der Folge haben die Zuschauerzahlen der Kinos im Anschluss an die Pandemie nicht wieder an alte Niveaus anschließen können. Hierdurch steigt die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Erfolg der Großproduktionen.

Gleichzeitig stellen die Streaminganbieter natürlich auch einen neuen Vertriebskanal dar. „Streamingdienste haben neue Einnahmequellen erschlossen, die Nachfrage nach originären Inhalten gesteigert und neben der traditionellen Kinoauswertung alternative Vertriebskanäle geschaffen“, sagt auch der Industriekenner.

Für das etablierte Bollywood sind also Chancen und Risiken gleichzeitig entstanden. Schlussendlich geht es also darum, sich auf den neuen Wettbewerb einzustellen. Dabei ist klar: Einfach nach dem alten Muster weiterarbeiten führt langfristig in eine wirtschaftliche Sackgasse.

Dass die Finanzierung von ambitionierten Projekten in Bollywood auch scheitern kann, zeigt die Prayag Film City vor den Toren von Kolkata (Kalkutta). Aktuelle Satellitenbilder zeigen: Der nach dem Vorbild der Ramoji Film City geplante und 2012 fertiggestellte Studiokomplex ist verwaist.

Prayag Film City, Chandrakona, Westbengalen, Indien

20.06.2025: Das gescheiterte Projekt Prayag Film City ist 13 Jahre nach seiner Eröffnung größtenteils verwildert. Da ohnehin nur der erste geplante Bauabschnitt fertiggestellt ist, fehlen dem Gelände die sonst typischen großen Filmproduktionshallen.

Bild: LiveEO/Google Earth

Selbst das prominente Werbegesicht des Projekts, der Schauspieler Shah Rukh Khan, konnte die Investition nicht zum Erfolg führen. 2019 brannte ein Teil des Geländes bei einem Feuer ab. Den Führungskräften des Entwicklers – der Prayag-Gruppe – wird inzwischen vorgeworfen, ein Schneeballsystem betrieben und Investorengelder veruntreut zu haben. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass ein großer Teil der Gelder unter anderem in die Finanzierung der Film City geflossen ist.

Branche unter Nepotismus-Verdacht

Die Unterschiede in der Unternehmensstruktur in Indien sind jedoch nur eine Seite der Medaille, die andere betrifft primär die Karrierechancen in der Branche. Bis heute spielen in Bollywood mächtige Familiennetzwerke eine entscheidende Rolle – ein Faktor, der vor allem aus ostasiatischen Tigerstaaten wie Südkorea – als Chaebol – oder Japan – als Keiretsu – bekannt ist. Dastidar zufolge gibt es hier jedoch wichtige Unterschiede.

Bilder: LiveEO/Google Earth

„Chaebols wie Samsung und LG sind diversifizierte, familienkontrollierte Konglomerate, die in Bereichen wie Technologie, Finanzwesen, Produktion und Bau tätig sind“, so der Ökonom. Sie hätten zudem auch großen Einfluss auf die nationalen Wirtschaftsstrategien. Im Gegensatz dazu operieren die Film-Dynastien Indiens weitgehend im Unterhaltungssektor. Ihr Einfluss beruht zudem „vor allem auf kulturellem Prestige und öffentlicher Sichtbarkeit und weniger auf gesamtwirtschaftlichem Gewicht“.

Anders ausgedrückt sind es Kontakte, die die Familien Kapoor, Chopra, Johar, Sivakumar oder Allu-Konidela so mächtig machen. Sie üben häufig erheblichen Einfluss über Produktionsfirmen, Netzwerke im Talentmanagement und Vertriebskanäle aus. In der Folge haben Familienmitglieder und Bekannte bessere Karrierechancen als Außenseiter.

Die öffentliche Diskussion darüber stellt aus Sicht von Dastidar eine große Gefahr für das Image Bollywoods dar. „Obwohl es immer wieder erfolgreiche Quereinsteiger gibt, haben die Bedenken hinsichtlich einer Abschottung der Branche den Druck erhöht“, sagt er. Gefordert werde mehr Offenheit und Transparenz. Karrieren sollten sich stärker an Leistung als an Kontakten orientieren.

Teil der Debatte ist auch eine gesellschaftliche Diskussion, die durch die in Amerika aufgekommene MeToo-Debatte ins Rollen gekommen ist. Sowohl in Bollywood als auch in anderen Teilen der indischen Gesellschaft ist das Problem sexueller Ausbeutung bekannt. In Bezug auf die Filmindustrie fällt hier regelmäßig der Begriff der „Casting Couch“: Gemeint ist damit, dass die Vergabe von Rollen – in Amerika und anderswo – oft an sexuelle Gefälligkeiten geknüpft wurde.

In Indien wurden ab 2018 gegen viele bekannte Persönlichkeiten in Medien und teils auch Politik Vorwürfe publik, die in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurden.

Der Veränderungsdruck endet damit nicht bei den wirtschaftlichen Grundlagen. Um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen, muss Bollywood auch kulturell und sozial seinen Reformwillen unter Beweis stellen.

Hier finden Sie alle Beiträge aus der Rubrik „Wirtschaft von oben“Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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