Zahlen, bitte! Von nur noch 24.821 Sprechenden auf zum Wortschatz für Millionen
Sanskrit ist eine der ältesten Sprachen der indogermanischen Sprachfamilie. Die vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus verfasste Sanskrit-Grammatik von Panini gilt als die älteste erhaltene Sprachlehre der W...
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Sanskrit ist eine der ältesten Sprachen der indogermanischen Sprachfamilie. Die vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christus verfasste Sanskrit-Grammatik von Panini gilt als die älteste erhaltene Sprachlehre der Welt und spielt wegen einiger Ähnlichkeiten mit der Syntaxbeschreibungssprache der Backus-Naur-Form eine Rolle in der Computerlinguistik.
Dennoch haben während des bisher letzten Zensus Indiens im Jahr 2011 nur noch 24.821 Inderinnen und Inder angegeben, Sanskrit zu sprechen. Die Sprache ist also bei einer Bevölkerung von 1,426 Milliarden Einwohnern praktisch ausgestorben.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
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Sprach-Wiederbelebung durch Regierungspartei Indiens
Das versucht die Hindu-nationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party von Premierminister Narendra Modi seit 2014 zu ändern. Sie glaubt an den Mythos vom Sanskrit als indische Ursprache. Zum einen wurden dem altehrwürdigen Sanskrit neue Worte zugeführt, zum Beispiel „Sanganakah“ für Computer und „Duravani“ für das Smartphone. Zum anderen sollen quelloffene Internetangebote mit künstlicher Intelligenz die Verbreitung fördern.
Fragment 383 des Spitzer-Manuskripts, beidseitig beschrieben (recto/verso). Das 1906 entdeckte philosophische Manuskript entstand vermutlich zwischen 80 und 230 nach Christus und gilt als das älteste Schriftstück dieser Art in Sanskrit. Es hatte einen Umfang von über 1000 Palmenseiten, von denen nicht mehr alle erhalten sind. Teile davon befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin sowie in der British Library in London.
(Bild: Ms Sarah Welch, CC BY-SA 4.0)
Ähnlich wie Latein überlebte Sanskrit als Sprache einer religiösen Kultur, in diesem Fall in den verschiedenen Hindu-Religionen. In ihnen rezitiert und singt der Pandit beim Parayana in Sanskrit heilige hinduistische Texte. Obwohl Sanskrit in Indien ein Schulfach ist, ist das korrekte Versmaß und die richtige Aussprache wie der Singsang Sache der Pandits, die das Wissen um die Sanskrit-Shlokas seit Jahrtausenden mündlich weitergaben – dvon ihnen leitet sich as Pundit für (selbsternannte) Experten und Kommentatoren ab.
Sanskrit und Hindi nutzen die gleiche Schrift Devanagari, haben aber unterschiedliche Grammatiken, sodass Sanskrit für Hindi Sprechende gut zu lesen, aber schwer zu sprechen ist.
Internet-Dienste sorgen für vermehrte Sprachnutzung
Prathosh A.P, Assistant Professor für maschinelles Lernen am Indian Instute of Science in Bengaluru, hat mit Vāgdhenu einen leistungsfähigen Text-zu-Sprache-Generator geschaffen, mit dem Sanskrit wieder lebendig wird. Seine Seite wird millionenfach besucht, sein Sprachmodell tausendfach aus dem Repository abgerufen. Schnell machte er die Beobachtung, dass sein Tool nicht nur für den Singsang genutzt wird, sondern auch für Gespräche auf Sanskrit. Sogar Sanskrit-Raps sind so entstanden.
Mit seinen AI-Tools passt Prathosh bestens zu den diversen Regierungskampagnen, Sanskrit wieder lebendig zu machen. Das indische Parlament hat dafür eigens die Central Sanskrit University eingerichtet, die 13 Campusgelände und 260 Institutionen aufführt, in denen Sanskrit gelehrt wird.
Hinzu kommen 91 Lernzentren, die vom Erziehungsministerium betrieben werden. Schließlich sei das Joint Secretary for Sanskrit erwähnt, das beim Außenministerium angesiedelt ist und Sanskrit in die Welt tragen soll. Daneben gibt es Unterstützung für Übersetzungen aus anderen indischen Sprachen in Sanskrit.
Sanskrit-Ursprung in Gebieten des heutigen Syriens
Bei alldem bleibt die Rolle der Wissenschaft im Hintergrund. Denn in der archäologischen Forschung ist es Konsens, dass die ersten Sanskrit-Inschriften im Herrschaftsgebiet der Mitannis auftauchten, die zwischen 1500 und 1350 vor Christus zwischen Euphrat und Tigris regierten, was in etwa dem heutigen Syrien und der Osttürkei entspricht. Die Mitanni sprachen Hurritisch, aber alle Könige führten Herrschernamen, die auf die Kenntnis des Sanskrits verweisen.
Als ihre Herrschaft zerbrach, wanderte ein Teil des Volkes in den Punjab weiter und brachte so das Sanskrit nach Indien. Umstrittener ist indes die Frage, wo das Ur-Sanskrit herkommt. In seinem leider nicht übersetzten Buch „The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World" stellt der Archäologe David W. Anthony die These auf, dass Sanskrit bei den Reitervölkern der Jamnaja-Kultur entstand und aus der osteuropäischen Steppe nach Europa, Anatolien und eben Syrien wanderte.
Durch die vielen Bestrebungen, die Sprache den Menschen näherzubringen, dürfte die Zahl der Sanskrit Sprechenden damit inzwischen sicher über den im 15. indischen Zensus von 2011 aufgelisteten 24.821 Personen liegen. Wie viele das sind, das werden wir bald erfahren: nach 15 Jahren und einer Verschiebung durch die Corona-Pandemie und Wahlen ist die 16. Volkszählung bereits gestartet und soll 2027 vollendet werden.
(mawi)