Zählt ein Hörbuch als Lesen? Was die Forschung sagt
Hörst du öfter mal ein Hörbuch beim Aufräumen, Kochen oder Pendeln? Vielleicht fragst du dich dann, ob das überhaupt als Lesen gilt oder etwas ganz anderes ist. Antwort gibt die Wissenschaft.
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Hörst du öfter mal ein Hörbuch beim Aufräumen, Kochen oder Pendeln? Vielleicht fragst du dich dann, ob das überhaupt als Lesen gilt oder etwas ganz anderes ist. Antwort gibt die Wissenschaft.
Mithilfe von Hörbüchern kannst du Romane, Sachbücher und Co. auch dann erleben, wenn du gerade keine Hand frei hast, um das Buch zu halten oder deine Augen auf etwas anderes fokussieren musst.
Während der Corona-Pandemie haben Hörbücher die Zeit ihrer größten Beliebtheit genossen. Doch auch heute noch bleibt der Hörbuchkonsum in Deutschland recht stabil. Schließlich kann man währenddessen gut auch noch andere Dinge erledigen, zum Beispiel Hausarbeit oder Sport.
Lesen macht kreativ und empathisch und hat noch weitere wissenschaftlich erwiesene Vorteile. Aber gilt das eigentlich auch für Hörbücher?
Verstehen wir Hörbücher genauso gut?
Ganz streng genommen sind Lesen und Hören natürlich nicht dasselbe. Denn beim Lesen entschlüsseln wir Schriftzeichen selbst, während uns beim Hörbuch der Text vorgelesen wird. Inhaltlich können beide Wege jedoch ähnlich viel vermitteln – vorausgesetzt, wir hören aufmerksam zu.
Lesen und Hören beginnen unterschiedlich: Das Gehirn verarbeitet entweder visuelle oder akustische Signale. Sobald es um die Bedeutung von Sprache geht, ähneln sich die Vorgänge jedoch stark. Eine Hirnstudie zeigte im Jahr 2019, dass gelesene und gehörte Geschichten weitgehend ähnliche Bedeutungsnetzwerke im Gehirn aktivieren.
Auch eine Studie von 2016 fand in Hinblick auf das Verständnis eines Sachtextes keine deutlichen Unterschiede zwischen Lesen, Hören und gleichzeitigem Lesen und Hören. Allerdings war die Untersuchung vergleichsweise klein. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jedes Hörbuch unter allen Bedingungen genauso gut aufgenommen wird wie ein gedruckter Text.
Entscheidend ist die Aufmerksamkeit. Wer nebenbei Auto fährt, Nachrichten schreibt oder anspruchsvolle Arbeiten erledigt, muss seine Konzentration auf mehrere Aufgaben verteilen. Bei einfachen Tätigkeiten wie Spazierengehen oder Aufräumen kann das Hören dagegen gut funktionieren.
Welche Vorteile haben Hörbücher?
Hörbücher machen Literatur leichter zugänglich. Das gilt besonders für Menschen mit Sehbehinderungen, körperlichen Einschränkungen oder Schwierigkeiten beim Lesen.
Auch Stimme, Betonung und Sprechtempo können einen Text bereichern. Romane, Biografien, Reportagen und erzählende Sachbücher eignen sich deshalb häufig besonders gut zum Hören. Das Gegenteil gilt natürlich, wenn du deine Fantasie anregen möchtest, indem du dir selbst Stimmen und Sprachmuster für die Figuren einer Geschichte ausdenkst.
Bei Kindern können Hörbücher außerdem das Lesenlernen unterstützen, wenn Text und Ton miteinander kombiniert werden. Das Bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung nennt diese sogenannten Lautlesetrainings mit Hörbüchern ausdrücklich als Möglichkeit, Kindern beim Lesenlernen zu helfen.
Das eigenständige Lesen ersetzen Hörbücher jedoch nicht. Nach der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021 erreichte in Deutschland etwa jedes vierte Kind am Ende der Grundschulzeit nicht den Mindeststandard im Lesen. Auch unter Erwachsenen ist mangelnde Lesekompetenz verbreitet: Laut der repräsentativen LEO-Studie der Universität Hamburg hatten 2018 rund 6,2 Millionen Erwachsene beziehungsweise 12,1 Prozent der 18- bis 64-Jährigen Schwierigkeiten, auch kürzere zusammenhängende Texte zu lesen und zu schreiben.
Hat Lesen klare Vorteile?
Besonders bei anspruchsvollen oder lernrelevanten Texten ist das gedruckte Wort oft nützlicher. Denn beim Lesen lässt sich das Tempo leichter anpassen. Schwierige Stellen können erneut gelesen, Begriffe markiert und Informationen gezielt nachgeschlagen werden. Tabellen, Abbildungen und Quellen bleiben sichtbar.
Nur durch eigenes Lesen trainieren wir außerdem die Fähigkeit, Buchstaben, Wörter und Satzstrukturen zu entschlüsseln. Forschende des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften zeigten, dass Lesenlernen selbst bei Erwachsenen deutliche Veränderungen im Gehirn auslöst.
Können Hörbücher beim Lernen von Fremdsprachen helfen?
Besonders in Hinblick auf Hörverständnis, Aussprache und Sprachgefühl können Hörbücher beim Erlernen einer Fremdsprache helfen. Lernende hören, wie Wörter tatsächlich klingen, wo Satzmelodie und Betonung liegen und welche Ausdrücke häufig zusammen verwendet werden.
Besonders wirksam ist es, Hörbuch und Text zu kombinieren. So lässt sich die gesprochene Form direkt mit der Schreibweise verbinden. Das Goethe-Institut empfiehlt außerdem, Hörtexte mehrfach anzuhören – zunächst mit, später ohne Transkript. Die Inhalte sollten etwas über dem eigenen Sprachniveau liegen, aber noch verständlich sein.
Hilfreich ist auch, das Tempo zu reduzieren (das ist bei allen gängigen Hörbuch-Anbietern problemlos möglich) oder einzelne Passagen laut nachzusprechen.
Wer eine Sprache sicher beherrschen möchte, sollte natürlich zusätzlich selbst lesen, schreiben und sprechen. Denn Hörbücher trainieren zwar das Verstehen gesprochener Sprache, aber nicht automatisch Rechtschreibung oder aktive Ausdrucksfähigkeit.
Was ist nachhaltiger?
Gedruckte Bücher erfordern Papier, Druckfarben, Energie und Transport. Digitale Hörbücher sparen in diesen Bereichen Ressourcen, wirken sich aber ebenfalls auf die Umwelt aus – etwa durch Problemrohstoffe im Handy, Rechenzentren und Datenübertragung.
Eine pauschale Ökobilanz speziell für Hörbücher gibt es bislang nicht. Meist hören wir sie auf dem ohnehin vorhandenen Smartphone. Vor allem ist also eine generell nachhaltige Handynutzung ausschlaggebend.
Vergleiche zwischen gedruckten Büchern und E-Readern zeigen auch, wie wichtig die Nutzungsdauer ist: Nach Berechnungen des Öko-Instituts verursacht die Herstellung und Nutzung eines E-Readers ungefähr acht Kilogramm CO₂. Ökologisch vorteilhaft wird er vor allem dann, wenn du den Reader lange nutzt wird und er viele gedruckte Bücher ersetzt.
Für Bücher und Hörbücher gilt deshalb: Besonders nachhaltig ist, was häufig oder gemeinschaftlich genutzt wird. Dazu gehören Bibliotheken, gebrauchte Bücher und lange verwendete Smartphones oder E-Reader.
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