Zivi-Rückkehr – Das würden Wetterauer davon halten
StartseiteRegionWetteraukreisBad NauheimStand: 08.09.2026, 14:01 UhrKommentareUns auf Google folgenDer Rettungsdienst ist nur ein Beispiel für Bereiche, in denen Zivildienstleistende künftig wieder gefragt sein...
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Stand: 08.09.2026, 14:01 Uhr
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Seit 15 Jahren gibt es in Deutschland keine Wehrpflicht und auch keinen Zivildienst mehr. Während das Verteidigungsministerium einige Hebel in Bewegung setzt, um das Personal der Bundeswehr aufzustocken, gibt es die ersten Gedankenspiele zur Wiedereinführung des Zivildienstes. Für so manche Akteure in der Wetterau wäre das ein Segen. Oder?
Wetteraukreis – „Wenn es wieder Zivildienstleistende gibt, nehmen wir sie gerne“, sagt Christoff Jung, Leiter der Regionalen Diakonie Oberhessen. Allerdings müsse die Bezahlung sinnvoll geregelt werden. Schließlich dürfe das Gehalt nicht so gering sein, dass nur junge Menschen infrage kämen, die noch bei ihren Eltern wohnten und keine Miete zahlen müssten. Andererseits müsse die Finanzierung so gestaltet sein, dass sie für die Diakonie ins Budget passe.
Aus unserer Sicht ergibt der Zivi nur Sinn, wenn er neun oder eher zwölf Monate dauert.
Gebrauchen könnte die Diakonie Oberhessen das Engagement von Zivis aber auf jeden Fall. „Man hat es immens gemerkt, dass viele Sachen weggebrochen sind, gerade in der Altenpflege“, sagt Jung mit Blick auf 2011, als Wehrpflicht und Zivi ausgesetzt worden sind. Zivis hätten wertvolle Dienste in Tagesstätten und in der Alltagsbegleitung geleistet, Fahrdienste übernommen oder auf andere Weise entlastet.
Bei der Diakonie Oberhessen seien insgesamt 180 Mitarbeiter beschäftigt, fünf bis sechs Zivildienstleistende könne er sich da schon vorstellen, sagt Jung, fügt aber hinzu: „Du brauchst auch Menschen, die sich um sie kümmern.“ Wenn alles gut laufe, dann könne der Zivi auch ein „Türöffner“ sein, der jungen Menschen Lust auf einen langfristigen Job bei der Diakonie mache.
„Aus unserer Sicht ergibt der Zivi nur Sinn, wenn er neun oder eher zwölf Monate dauert“, sagt Oliver Pitsch, Vorstand des Johanniter-Regionalverbandes Rhein-Main. Und der Bund müsse die Kosten übernehmen, mindestens aber einen Zuschuss leisten. Für junge Menschen im Zivildienst könnte sich Pitsch viele Tätigkeiten vorstellen. Rettungs- oder Sanitätsdienst zum Beispiel. Aber auch im Bevölkerungsschutz, bei Kinder- und Jugendthemen, im Hausnotruf und bei der Breitenausbildung sieht er Potenzial. Pitsch macht deutlich: „Der Zivildienst wird keine Jobs ersetzen.“ Freiwilliges Soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst dürften nicht abgeschafft werden, fordert er. Schließlich wollten die Johanniter diese möglichst vielen jungen Menschen unterschiedlichen Geschlechts anbieten.
Für die Wiedereinführung des Zivi sieht Pitsch die Johanniter gut aufgestellt, gerade weil sich dort bundesweit derzeit 1600 Menschen in einem Freiwilligendienst einbringen. „Wir könnten auf bestehende Strukturen und praktische Erfahrungen zurückgreifen.“
Von Botengang bis Vorlesen
Ein positives Echo kommt auch von der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik: Zivildienstleistende könnten die Beschäftigten dort „insbesondere bei unterstützenden, patientennahen und organisatorischen Tätigkeiten entlasten“, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung. Denkbar wären demnach „beispielsweise Begleit- und Transportdienste innerhalb der Klinik, Hilfestellungen bei der Orientierung, Botengänge sowie die Unterstützung bei der Aufnahme und Entlassung von Patientinnen und Patienten. Auch Besuchs-, Gesprächs- oder Vorleseangebote und kleinere Hilfestellungen im Klinikalltag könnten eine wertvolle Ergänzung darstellen.“
Wie groß die tatsächliche Entlastung wäre, hinge allerdings wesentlich von der Dauer des Dienstes, der Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Zivis sowie von deren Vorbereitung und Einarbeitung durch qualifiziertes Personal ab. Sie könnten das Stammpersonal unterstützen, „aber keine ausgebildeten Pflegekräfte, medizinischen Fachangestellten oder andere qualifizierte Beschäftigte ersetzen. Medizinische, pflegerische oder therapeutische Aufgaben dürfen nur entsprechend qualifiziertem Personal übertragen werden.“
Eine potenzielle Wiedereinführung des Zivi müsste sinnvoll ausgestaltet sein, gibt die Klinik zu bedenken. Schließlich falle zunächst ein zusätzlicher organisatorischer und personeller Aufwand an. „Zivildienstleistende müssten gewonnen beziehungsweise zugewiesen, eingearbeitet, angeleitet und kontinuierlich begleitet werden. Hinzu kämen Fragen des Datenschutzes, der Hygiene, des Arbeitsschutzes sowie der Abgrenzung zulässiger Aufgaben. Gerade bei einer kurzen Einsatzdauer könnte der Aufwand für Einarbeitung und Betreuung den unmittelbaren Entlastungseffekt teilweise relativieren.
Stimmen die Rahmenbedingungen, dann dürfte der Nutzen groß sein, schließlich spielten laut Klinik Zivildienstleistende früher eine wichtige Rolle im Arbeitsalltag. „Über viele Jahre hinweg waren in der Regel fünf bis sechs ‚Zivis‘ im Haus tätig“. Insbesondere bei Patiententransporten hätten sie eine wichtige Rolle gespielt.