Zum Glück sind die Nullerjahre vorbei: Neue No-Angels-Doku lässt tief blicken

Es war das Jahr 2000, als ein Überangebot an Reality-Formaten über unsere Fernsehbildschirme flackerte und RTL zwei in einer Castingshow namens „Popstars“ nach einem deutschen Ableger der Spice Girls suchte und...

  • 4 min read
Zum Glück sind die Nullerjahre vorbei: Neue No-Angels-Doku lässt tief blicken

Es war das Jahr 2000, als ein Überangebot an Reality-Formaten über unsere Fernsehbildschirme flackerte und RTL zwei in einer Castingshow namens „Popstars“ nach einem deutschen Ableger der Spice Girls suchte und ihn dort auch fand: die No Angels. Ihr erster und bis heute größter Hit „Daylight in Your Eyes“ erreichte Platin-Status.

Was damals wie ein knalliges Pop-Märchen vom Aufstieg gewöhnlicher  Mädchen zu Superstars aussah, entpuppt sich ein Vierteljahrhundert später als Geschichte über Leistungsdruck, Ausbeutung und die Widersprüche der sogenannten Girl Power, die auf viele junge Leute inspirierend wirkte . Genau davon erzählt die neue ARD-Doku „No Angels – Das sind wir“.

Ein Porträt über die Crux des Popstar-Lebens

Ein Jahr lang begleitete ein Filmteam die übrigen No Angels Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling und Jessica Wahls auf dem Weg zu ihrem Bandjubiläum. Das fünfte Mitglied Vanessa Petruo stieg bereits kurz vor der ersten Trennung 2003 aus.

Die Dokumentation blickt in drei Teilen zurück auf die Anfänge in der Castingshow „Popstars“, den kometenhaften Aufstieg, den Fall und die gescheiterten Comeback-Versuche. Doch sie legt auch den Finger auf die öffentlichen Skandale und die Härte der Unterhaltungsindustrie. Auf Letztere leider zu knapp.

In der Pop-Collage kommen nicht nur die Sängerinnen vereint an einem Tisch zu Wort. Auch alte Wegbegleiter wie der „Popstars“-Choreograf Detlef Soost oder der ehemalige Bravo-Chefredakteur Alex Gernandt äußern sich zu einem der größten Pop-Phänomene im Deutschland der Nullerjahre. Und zum Glück sind sie vorbei!

„Popstars“ würde es heute nicht mehr geben

Ein Hoch auf die belächelte „Wokeness“ unserer Gesellschaft, denn Formate wie „Popstars“ würde es in dieser Form nicht mehr geben. Heute gäbe es einen Aufschrei, wenn ein Sender es zulassen würde, Mädchen dabei zuzusehen, wie sie sich für ein großes Ruhmversprechen verheizen und gezwungen werden, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Im Fall von Nadja Benaissa war es das eigene Kind: Es musste getrennt von der Mutter bei Verwandten aufwachsen.

Völlig unvorstellbar ist, dass damals Diakovskas Homosexualität ein Problemthema war und auch, dass die Teilnehmerinnen nicht psychologisch betreut wurden. „Es war eine komplett toxische Maschinerie“, blickt Benaissa zurück. Den Erfolg bezahlten die Sängerinnen mit Burnout, Depressionen, Drogen – und schließlich mit dem ersten Band-Aus.

Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie

Mehr

„Es war eine Hexenjagd“

Wenn man sieht, wie Soost eine Gruppe ausgelaugter Mädchen unter 20 Jahren dermaßen anbrüllt, dann wird man wütend. „Diese Strenge gehörte in meiner Tanzwelt einfach dazu“, rechtfertigt sich Soost in der Doku. Die Strenge sei ihm „verrutscht“.

Besonders deutlich wird der Widerspruch zwischen dem emanzipierten Girl-Power-Label und der eigentlichen Machtlosigkeit an Jessica Wahls. Als sie schwanger wurde, musste sie die Band 2002 auf Wunsch der anderen Mitglieder verlassen. Ausgerechnet in einer Gruppe, die jungen Mädchen Stärke und Unabhängigkeit vorlebte, gab es keinen Platz für eine werdende Mutter.

Dass sich die Sängerinnen mehr als zwei Jahrzehnte später mit dieser Entscheidung auseinandersetzen und Wahls um Verzeihung bitten, gehört dann auch zu den bewegendsten Momenten der Dokumentation.

Auch Benaissas Biografie findet in der Doku Raum: Mit zwölf drogenabhängig, mit 16 Mutter, mit 18 ein Popstar. Drei Jahre nach dem ersten Comeback der No Angels 2007 wurde ihre HIV-Infektion öffentlich. Der Fall löste eine mediale Hetzjagd aus, bei der die Grenzen zwischen berechtigter Berichterstattung und öffentlicher Demütigung verschwammen. „Eine richtige Hexenjagd“, kommentiert Sandy Mölling in der Doku. Die No Angels machten nach Benaissas Ausstieg nur noch kurz als Trio weiter.

Wer traf die Entscheidungen? Wer profitierte davon?

Gerade an diesen Stellen gewinnt die Dokumentation an Tiefe. Sie erzählt dann davon, wie schnell weibliche Selbstbestimmung dort endet, wo sie den Erwartungen einer Industrie widerspricht. Doch bleibt die echte Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten hinter den persönlichen Bekenntnissen zurück. Wer traf die Entscheidungen? Wer profitierte davon? Warum erkennen die Beteiligten die damaligen Zustände erst jetzt? Vieles wird nur angedeutet.

Schön ist das Band zwischen den Sängerinnen, inzwischen wirkliche Freundinnen. Man spürt, dass aus den einstigen Superheldinnen Frauen geworden sind, die ihre Grenzen kennen, die achtsam miteinander umgehen und selbstbestimmter Musik machen. Die Girl Power von damals war ein Werbeversprechen. Heute besteht sie darin, ihre eigene Version davon zu erzählen, was damals für sie hinter dem Versprechen steckte.

No Angels – Das sind wir. Dokuserie, drei Folgen à 45 Minuten, seit dem 14. Oktober in der ARD-Mediathek. Die erste Folge läuft am 17. Oktober um 23.55 Uhr im Ersten.

Lesen Sie mehr zum Thema