"Zwei von vier, Baby!": Amy Hunt ist die schnellste Frau Europas und Cambridge-Absolventin
Leichtathletik "Zwei von vier, Baby!": Amy Hunt ist die schnellste Frau Europas und Cambridge-Absolventin Die Britin hat über 100 und 200 m EM-Gold gewonnen und will mehr: "Ich liebe es, eine Show zu b...
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Leichtathletik
"Zwei von vier, Baby!": Amy Hunt ist die schnellste Frau Europas und Cambridge-Absolventin
Die Britin hat über 100 und 200 m EM-Gold gewonnen und will mehr: "Ich liebe es, eine Show zu bieten, in der Arena wie eine Gladiatorin zu kämpfen und Applaus zu ernten"
Thomas Hirner
Birmingham – Bisher ist alles genau so verlaufen, wie es sich Amy Hunt vorgestellt hatte: Bei ihrem zweiten Antreten in einem Finale der aktuellen Leichtathletik-EM in Birmingham gewann die 24-jährige Britin am Donnerstag ihre zweite Goldene. Nach dem Triumph über 100 Meter am Montag hatte die Lokalmatadorin auch über 200 Meter die Nase vorne. Damit aber nicht genug. Verzückt teilte Hunt dem TV-Publikum prompt mit, dass sie mit dem Sprintdouble erst bei der Halbzeit ihres Traumes angelangt sei: "Zwei von vier, Baby!", posaunte sie in die BBC-Kamera.
In 22,19 Sekunden ließ die Vizeweltmeisterin Rhasidat Adeleke aus Irland (22,28) relativ deutlich hinter sich. Bronze ging an Hunts Landsfrau und Ex-Weltmeisterin Dina Asher-Smith (22,29). Hernach sprach Hunt von einer "magischen Woche", an die sie sich ihr "ganzes Leben lang erinnern werde."
Noch aber sei keine Zeit zum Feiern, der Champagner bleibe vorerst eingekühlt. Ihren Coup möchte Hunt mit Gold in der Frauen- und Mixed-Staffel (je 4x 100 m am Samstag bzw. Sonntag) komplettieren.
2024 bei den Olympischen Spielen in Paris hatte Hunt in der Staffel ebenso Silber geholt wie auch 2025 bei der WM in Tokio über 200 m und im vergangenen Juli bei den Commonwealth Games in Glasgow über 100 m. Wer ist die Frau, die sich schon nach WM-Silber in Japan selbstbewusst als "akademische Überfliegerin und Leichtathletikgöttin" bezeichnete und nach ihren Goldenen über 100 m und 200 m nun ein neues Euphorielevel erreichte?
Ein Teil ihrer Stärke sei darin begründet, dass sie während des Rennens Ruhe bewahren und auf ihre langen Beine vertrauen könne: "Das Wichtigste ist, nicht in Panik zu geraten, auf meine sehr, sehr langen Beine und Oberschenkel zu vertrauen, einfach ruhig zu bleiben und am Ende durchzuhalten", sagt sie.
Hunt ist in der 30.000 Einwohner-Stadt Newark in der Grafschaft Nottinghamshire im Osten Englands aufgewachsen. 2019 ließ sie ihr Lauftalent mit einem U-18-Weltrekord über 200 Meter aufblitzen, als sie nach 22,42 Sekunden die Ziellinie überquerte. Neben ihren sportlichen Fähigkeiten verstand es Hunt aber auch, in der Schulausbildung zu glänzen. Sie maturierte in Englischer Literatur, Chemie und Musik und bekam einen Studienplatz für Englische Literatur am Corpus Christi College in Cambridge.
Studium und Spitzensport
Sie nahm die Herausforderung "mit einer unbeschwerten Einstellung" an und hoffte, ihr Studium mit der Sportkarriere verbinden zu können. "Das wird fantastisch", sagte sie sich. Die Realität schaute freilich etwas anders aus. Ohnehin hin- und hergerissen zwischen dem akademischen Leben und jenem im Spitzensport, musste sie sich auch noch von beiden Seiten immer wieder sagen lassen, dass sie "das nicht schaffen würde", wie sie dem Telegraph in einem Interview sagte.
Doch Hunt ließ sich nicht von ihrem Weg abbringen, strafte die vermeintlichen Besserwisser Lügen. Nachdem sie 2022 eine ihre Karriere bedrohende Verletzung (Riss der Quadrizepssehne über dem Knie) überstanden hatte, schloss sie ihr Studium in Cambridge mit einem Bachelor of Arts in Anglistik ab. Und jungen Sportlerinnen richtet sie aus: "Bildung ist so wichtig, besonders für junge Sportler, weil sie einem Disziplin beibringt, die man vorher so nicht kannte."
In sportlichen Angelegenheiten ist Hunt prädestiniert für Events wie eben in Birmingham. "Ich liebe es, eine Show zu bieten, in der Arena wie eine Gladiatorin zu kämpfen und Applaus zu ernten. Ich sehe zwar so aus, als könnte ich jemanden umbringen, aber ich habe auch die Zeit meines Lebens."
Mit Buben um die Wette laufen
Bei Wettkämpfen liebe sie es, sich reinzuhängen und zu sehen, wie viele sie schlagen könne. Schon zu Schulzeiten war sie von derartigem Ehrgeiz getrieben. Sie sei in jeder Pause mit den Buben um die Wette gelaufen. "Ich war wahrscheinlich manchmal ziemlich unerträglich, weil ich unbedingt gewinnen und die Jungs schlagen wollte."
Hunt hofft generell auf eine Vermehrung ihrer Medaillensammlung, damit sie nach ihrer Karriere einmal zufrieden auf Wikipedia nachsehen kann, was sie alles erreicht hat. Sie wolle in der freien Enzyklopädie Listen und Listen an Medaillen sehen, nicht nur ein paar wenige Medaillen. Und ihr größter Wunsch sei es, Olympiasiegerin zu werden. Denn eine Olympiamedaille sei weit mehr als nur eine Medaille.
Für künftige Erfolge müsse aber auch ihr Körper mitspielen. Nach ihrem Sprintdouble in Birmingham gestand sie, dass ihr im Vorfeld der Europameisterschaften gesundheitliche Probleme zu schaffen machten. Oftmals sei ihr Blutdruck nach den Rennen beängstigend gesunken: "Ich war dieses Jahr nach vielen meiner 200-Meter-Läufe fast ohnmächtig."
Pro respektvolle TV-Bilder
In der Diskussion um möglichst respektvolle TV-Bilder von Athletinnen würde Hunt es begrüßen, wenn es vermehrt Frauen in den TV-Übertragungswägen geben würde. Frauen in diesen Positionen könnten auch dazu beitragen, dass die Kommunikation mit den Athletinnen besser werde. Zudem könnten sie eher erkennen, dass Kameras in den Startblöcken möglicherweise keine gute Idee sind. Diesbezüglich hätten Kolleginnen von Hunt nach den Leichtathletik-Veranstaltungen in London und Doha auf dieses potenzielle Problem hingewiesen. Schließlich sollten sich die Athletinnen "nur auf den Sport fokussieren" können.
Den von der Europäischen Rundfunkunion EBU zuletzt veröffentlichten Leitfaden für respektvolle TV-Bilder von Athletinnen begrüßt Hunt als "definitiv positiven Schritt vorwärts": "Wir sollen nicht unser Sportgewand verändern müssen, um uns wohl zu fühlen. Ich will mich schnell und kräftig fühlen und nicht durch meine Kleidung einschränkt werden", sagte sie in einer Pressekonferenz.
Ihre Lebenseinstellung bezeichnet Hunt als "radikal optimistisch". Die Welt könne ihrer Meinung nach "mehr Optimismus und mehr Glück" brauchen. "Und ich denke, Sport ist ein hervorragendes Mittel, um genau das zu erreichen." (Thomas Hirner, 14.8.2026)
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