16-Stunden-Tage und Schulden: Wie ein Landwirt den Preis fast mit dem Leben bezahlte

Bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag, finanzieller Druck, Familie und Beruf unter einem Dach: Ein Landwirt aus Nordhessen ignorierte die Warnsignale seines Körpers, bis er zwei Herzinfarkte erlitt. Er und seine Frau änderten danach vieles - den Beruf aber nicht.

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16-Stunden-Tage und Schulden: Wie ein Landwirt den Preis fast mit dem Leben bezahlte

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Herzinfarkt als Weckruf Wie ein Bauern-Ehepaar sein Leben veränderte

Bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag, finanzieller Druck, Familie und Beruf unter einem Dach: Ein Landwirt aus Nordhessen ignorierte die Warnsignale seines Körpers, bis er zwei Herzinfarkte erlitt. Er und seine Frau änderten danach vieles - den Beruf aber nicht.

Eine Frau und ein Mann stehen nebeneinander Arm in Arm auf einem Hof und lächeln in die Kamera. Im Hintergrund steht ein Traktor unter dem Vordach einer Halle, und einige Metallkörbe mit Holz und Bauteilen darin, dahinter sind Bäume zu sehen.

Die Platzdaschs haben sich jetzt mit ihrem Hof in Wildeck-Raßdorf neu arrangiert. Bild © Paul Mosbacher (hr)

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03:42 Min. |10.10.26, 19:30 Uhr|hr

Wenn die Arbeit Bauern psychisch belastet

Ein Landwirt füttert Hühner

Bild © hr

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130 Hektar Land, 300 Mastschweine und Getreideanbau: Rico und Astrid Platzdasch steckten auf ihrem Hof in Wildeck-Raßdorf (Hersfeld-Rotenburg) bis zum Hals in Arbeit - bis ihr Leben vor rund zehn Jahren schlagartig auf den Kopf gestellt wurde.

Mit gerade einmal Anfang 40 erlitt Rico Platzdasch gleich zwei Herzinfarkte. Für ihn ein Weckruf: "Ich habe mich total gewundert - ich hatte den Stress eher positiv und nicht als Belastung empfunden", erzählt der heute 52-Jährige der hessenschau. "Dass das so immense körperliche Auswirkungen hat, war ein echter Schreckmoment."

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Vor seinem Leben als Vollzeit-Landwirt arbeitete Rico Platzdasch hauptberuflich im Schichtbetrieb in der Industrie. Und nach Feierabend auf dem Hof seiner Schwiegereltern. Den wollte er mit seiner Frau Astrid übernehmen, dafür machte er noch eine landwirtschaftliche Ausbildung in der Abendschule. So war Rico Platzdasch bis zu 18 Stunden am Tag beschäftigt, und das über Jahre hinweg.

2013 stieg er voll in die Landwirtschaft ein - und arbeitete dann weiter bis zu 16 Stunden am Tag. Darüber habe er kaum gemerkt, dass etwas bei ihm im Argen lag.

Dann erlitt er einen Herzinfarkt. Er überlebte, machte aber zunächst weiter wie zuvor. Zwei Jahre später folgte ein zweiter Herzinfarkt, wieder kam er ins Krankenhaus.

Böses Erwachen nach den Herzinfarkten

"Nachts hatte ich auf der Station noch ein Gespräch mit einem Pfleger. Der sagte geradeheraus, ich hätte wirklich Glück gehabt. 50 Prozent der Menschen würden so einen Infarkt nicht überleben", erinnert sich Platzdasch.

Erst dann habe er angefangen, über seine Situation nachzudenken: "Mein Gott, was passiert hier gerade mit dir? Wo hast du dich hingebracht?"

Ein Mann und eine Frau sitzen an Schreibtischen in einem kleinen Raum, die wie ein "L" angeordnet sind. Beide benutzen die Computerbildschirme vor ihnen, der Mann blättert gerade in einem Ordner. Durch das Fenster im Hintergrund sind eine grüne Wiese und ein Wald zu sehen.

Oft erledigen Astrid und Rico ihren Papierkram gemeinsam: Inzwischen lassen sie ihn auch ab und zu gemeinsam liegen. Bild © hr

Schlaflose Nächte wegen Schulden

Dass es Stress war, der ihn beinahe getötet habe, hätten Ärztinnen und Ärzte dem Landwirt während seiner Reha klargemacht. "Ein Kardiologe hat mir dann den schönen Satz gesagt: 'Wenn man eine Kerze an beiden Enden anzündet, dann brennt sie zwar doppelt so hell - aber nur halb so lang'", erinnert er sich.

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So schwächt mentaler Stress das Herz

Emotionaler Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft: Das sympathische Nervensystem wird aktiviert und Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Dadurch steigt die Herzleistung an, was den Herzmuskel und die Gefäße stark belastet. Wenn dieser Zustand chronisch wird, begünstigt das Bluthochdruck, Gefäßverengungen und Rhythmusstörungen - und erhöht langfristig das Risiko für einen Herzinfarkt.

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Die Platzdaschs mussten kürzer treten. Einer ihrer größten Stressfaktoren damals: Schulden. "Man hat ja eine Übersicht, welche Einkünfte kommen müssen, damit die monatlichen Ausgaben ausgeglichen sind", so der Landwirt Platzdasch. Wenn dann Einnahmen ausblieben, führe das zu schlaflosen Nächten.

Deswegen reduzierten die Platzdaschs als erstes die Ausgaben auf ihrem Hof: Anstatt ihre Maschinen wie üblich nach ein paar Jahren gegen neue einzutauschen, fuhren sie sie länger und mussten so keine neuen Kredite aufnehmen. Außerdem liehen sie sich nun leistungsstarke Maschinen über einen Verband von Landwirten aus der Region, anstatt sie zu kaufen.

Die Mastschweine gaben sie weg. Stattdessen halten sie sich nun rund 60 Hühner.

Ein Mann und eine Frau knien in Arbeitskleidern auf einer eingezäunten Wiese inmitten einer Traube von Hühnern. Der Mann hält einen Eimer in der Hand. Im Hintergrund erstrecken sich sanft hügelige Wiesen und Wälder

Ihre Mastschweine haben die Platzdaschs weggegeben - stattdessen halten sie jetzt gut 60 Hühner auf einer kleinen Wiese außerhalb des Dorfs. Bild © Paul Mosbacher (hr)

Böse Überraschungen bei Weltmarkt und Wetter

Dass sie Schulden für teures Gerät oder millionenschwere Ställe aufnehmen, ist nur einer von vielen Stressfaktoren für Landwirtinnen und Landwirte. Wenigstens sei das halbwegs kontrollierbar. Die Preise des Weltmarkts dagegen kaum. Selbst gute Ernten garantierten keine ausreichenden Einnahmen, sagt Platzdasch.

Auch beim Wetter gebe es häufig böse Überraschungen: "Wenn wir Sonne wollen, dann regnet es. Wenn wir Regen brauchen, scheint die Sonne", weiß Astrid Platzdasch nur zu gut. Der Klimawandel mache das Ganze noch schlimmer.

"Die Vorgaben der Politik ändern sich laufend", ergänzt ihr Mann. Gleichzeitig mache die Bürokratie den Landwirten zu schaffen. Zum Beispiel bei der Dokumentation, wie er erläutert: "Wie viele Eier produzieren wir? Der Steuerberater will das wissen, die Lebensmittelbehörde will das wissen und die Kontrollstelle für die ökologische Zertifizierung auch" - doch all die Informationen müssten separat eingereicht werden. Heißt, nach den sowieso schon überdurchschnittlich langen Arbeitstagen warte oft noch ein Berg von Papierkram im Büro.

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Unterstützungsangebote für Landwirtinnen und Landwirte

Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen hat auf seiner Website Kontakte für Landwirtinnen und Landwirte in seelischen und wirtschaftlichen Krisen zusammengefasst.

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Mehr Suizide unter Bauern

Viele Landwirtinnen und Landwirte halten diesem Druck nicht stand. Eine Studie im Bundesgesundheitsblatt aus dem August dieses Jahres kam zu der Einschätzung, dass Menschen in so genannten "grünen Berufen", wie Land-, Forst-, Gartenbau- und Ernährungswirtschaft, sechsmal häufiger Suizid begehen als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Autorinnen und Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die Datenlage für Deutschland begrenzt ist. In einigen anderen Ländern gibt es diese jedoch: In Frankreich etwa sei das Suizidrisiko für Landwirte 28 Prozent höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) hat das Problem auf dem Schirm und versucht, zu helfen. Aktuell berät Martin Mees vom LLH die Platzdaschs bei der Hofübernahme von Astrid Platzdaschs Eltern - oft ein kritischer Punkt für Betriebe. Gerade die Verbindung von Familie und Betrieb sorge häufig für Konflikte und zusätzlichen Druck, sagt Mees.

Bei akuten mentalen Krisen helfe zudem das Krisentelefon der SVLFG. Dort arbeiten Psychologinnen und Psychologen, die sich auch in der Landwirtschaft auskennen.

Astrid Platzdasch und ihre Mutter stehen nebeneinander an einem Tisch in einem niedrigen Raum, der nur von Lampen erhellt wird. Astrid hält einen Zehnerpack Eier in der Hand, den ihre Mutter gerade prüfend beäugt. Auf dem Tisch stehen eine Menge Verpackungen, Gläser und Abfüll-Instrumente wie Schüsseln und Waagen. Im Hintergrund sind Kisten zu sehen und Stoffbeutel hängen an einer Stange an der Decke.

Astrid Platzdasch kümmert sie sich zusammen mit ihrer Mutter um den Hofladen. Hauptberuflich arbeitet sie als Verwaltungsfachangestellte. Bild © hr

Wunsch nach Anerkennung und mehr Ruhe

Rico Platzdasch hat es sehr geholfen, mit anderen Menschen über seine Situation zu sprechen - egal ob mit Kollegen, mit der Familie oder mit Psychologinnen und Psychologen. Sich Hilfe zu holen, sei keine Schwäche, sondern Stärke, so Platzdasch: "Wenn man sich selber eingestehen kann: Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich aus eigener Kraft nicht mehr weiterkomme."

Er und seine Frau wünschen sich vor allem, dass es für ihre Kolleginnen und Kollegen gar nicht erst so weit kommt. Für sie dabei ganz wichtig: Breites Verständnis und Anerkennung in der Gesellschaft für die Arbeit, die die Branche leistet. Um das zu fördern und mehr direkten Kontakt zu haben, verkaufen sie ihre Produkte jetzt auch vom Hof.

Außerdem haben sie schon vor vielen Jahren auf ökologischen Landbau umgestellt. "Da ist mehr Kooperation unter den Landwirten und weniger Konkurrenz", findet Platzdasch, der jetzt "nur noch" an die zwölf Stunden am Tag arbeitet.

Heute lassen die Platzdaschs auch mal Arbeit liegen. Der Sonntag gehört der Familie - und gelegentlich nehmen sie sogar Urlaub.