In Schweden sponsern reiche Familien die Spitzenforschung. Ein Vorbild für Österreich?

Philanthropie und Forschung Stiftungskapital spielt im führenden EU-Innovationsland eine wichtige Rolle bei der Förderung von Wissenschaft. Das Motiv der privaten Spender muss nicht nur die Moral sein ...

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In Schweden sponsern reiche Familien die Spitzenforschung. Ein Vorbild für Österreich?

Philanthropie und Forschung

Stiftungskapital spielt im führenden EU-Innovationsland eine wichtige Rolle bei der Förderung von Wissenschaft. Das Motiv der privaten Spender muss nicht nur die Moral sein

23. Juli 2026, 13:00

Ein collageartiges Bild, das Wissenschaft und Technologie darstellt: Ein Mikroskop, chemische Strukturen, Moleküle, eine mechanische Roboterhand und eine schwedische Flagge. Im Hintergrund eine sitzende Figur und ein Nobelpreis symbolisierende Elemente, daneben Bücher und Geldscheine.
Von Nobel bis Wallenberg: Wohlhabende Familien tragen in Schweden maßgeblich zur Förderung der Wissenschaft bei. In Österreich hofft die Regierung nun auch auf mehr Stiftungen – was lässt sich vom skandinavischen Land lernen?

Die weltweit bekannteste Stiftung, die auf das Engste mit Wissenschaft zu tun hat, ist jene von Alfred Nobel. Der schwedische Erfinder des Dynamits hat testamentarisch verfügt, dass sein Erbe dafür verwendet werden soll, jedes Jahr besondere Leistungen in den Bereichen Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden auszuzeichnen.

Die im Jahr 1900 erstmals verliehenen Preise gelten heute – jedenfalls in der Wissenschaft – als die wichtigsten der Welt. Und sie sicherten dem Namen Nobel, mehr noch als die Erfindung des Sprengstoffs, die letztlich die Stiftung finanzierte, ewigen Ruhm. Der Nobelpreis hat mit seiner enormen Wirkung wohl auch zum Ansehen der Forschung in Schweden beigetragen.

Der Blick auf die Wissenschaftsförderung in Schweden ist für Österreich aber nicht nur historisch interessant, sondern vor allem aktuell. Beide Länder sind Sozialstaaten mit einem öffentlich getragenen Uni-System, die Bevölkerungszahlen sind nahezu identisch. Doch Schweden belegt im EU-Innovationsranking konstant den ersten Platz. Österreich stagniert demgegenüber nur auf Rang acht der Rangliste, obwohl das Niveau der Forschungsausgaben fast an Schweden heranreicht.

Der Innovationsexperte Mikolaj Norek beschäftigt sich in Stockholm täglich mit dieser Diskrepanz: Als Head of Innovation and Technology Nordics der Außenwirtschaft Austria ist er dafür zuständig, die Spitzenleistungen des schwedischen Forschungssystems zu analysieren – und Lehren für Österreich daraus zu ziehen.

Nicht mit der Gießkanne

Norek hat in Schweden viele Jahre für die gemeinnützige Forschungsstiftung der Familie Bonnier gearbeitet und sieht das starke Stiftungswesen als einen wichtigen Erfolgsfaktor der dortigen Wissenschaft. Das liege jedoch nicht primär am – an sich schon beachtlichen – Gesamtanteil von 12 Prozent des schwedischen Hochschulbudgets, der von Stiftungen stammt. Die Stiftungsgelder werden nicht mit der Gießkanne auf alle Hochschulen verteilt, sondern "mit einer klaren Ausrichtung auf Spitzenforschung", erklärt Norek im STANDARD-Gespräch.

Mikolaj Norek war lange im schwedischen Stiftungssektor tätig. Heute arbeitet er in Stockholm als Innovationsexperte für die Außenwirtschaft Austria, die zur Wirtschaftskammer gehört.

An der Karolinska, einer weltweit führenden Medizin-Uni nahe Stockholm, und an einigen forschungsorientierten Uni-Instituten machen Stiftungsgelder daher zwischen einem Viertel und der Hälfte der jeweiligen Einnahmen aus, rechnet Norek vor. "Stiftungen sind in Schweden nicht einfach eine zusätzliche Geldquelle, sie übernehmen eine essenzielle Rolle für die Orientierung des Systems auf Exzellenz."

Legitimation durch Qualität

Viele Stiftungen verdanken sich dem generationenübergreifenden Engagement von Unternehmerfamilien. Dabei stechen die 16 Stiftungen hervor, die aus der Sphäre der Industriellendynastie Wallenberg stammen, die an Firmen wie Ericsson, Saab und Astra Zeneca beteiligt sind. Die Wallenberg-Stiftungen haben allein in den vergangenen fünf Jahren umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro für schwedische Forschung und Ausbildung bereitgestellt.

Ein Erfolgsgeheimnis sieht Innovationsexperte Norek in den strengen Qualitätsmaßstäben, denen sich die Stiftungen verschrieben haben: "Die Förderungen werden anhand der Empfehlungen durch ein internationales Peer-Review vergeben. Diese Professionalität erzeugt eine Legitimationsbasis in der Öffentlichkeit." Dazu gehören auch lange Projektlaufzeiten von mindestens fünf Jahren und ein hohes Maß an thematischer Freiheit für die Forschenden: "Die Projektanträge umfassen nur wenige Seiten und es wird darin nicht jeder Schritt im Voraus festgeschrieben.

Das System lebt vom Vertrauen, das die Stiftungen in die Neugier der Forscherinnen und Forscher setzt, die sie sponsert." Dieses persönliche Vertrauen rührt auch daher, dass die Wallenberg-Stiftungen ein riesiges Talentförderprogramm für den wissenschaftlichen Nachwuchs betreiben – und viele Top-Forscher daher aus ihren früheren Karrierestufen bereits kennen.

Keine Zufälle

Die Motivation der Stifter sei nicht immer reine Philanthropie, meint Mikolaj Norek: "Es geht auch um den Aufbau von langfristigen Verbindungen in die Wissenschaft. Im Zuge der Forschung entstehen mitunter Möglichkeiten zur Kommerzialisierung, die dann bei einer Wallenberg-Firma verwirklicht werden." Es ist kein Zufall, dass die schwedischen Stiftungen vorwiegend in Fachbereiche investieren, in denen die Hervorbringung von Patenten naheliegend ist: etwa Life Sciences, Medizintechnologie, Materialwissenschaft oder Quantenforschung.

Dass eine Stiftung gemeinnützig ist, "bedeutet in Schweden eben nicht, dass es keinerlei Bezug zum unternehmerischen Portfolio gibt", sagt Norek. "Wenn wir in Österreich eine Kultur privater Wissenschaftsförderung etablieren wollen, sollten wir diesen Aspekt ehrlich ansprechen, anstatt nur an den moralischen Altruismus potenzieller Spender zu appellieren."

Trick mit ERC

Die Wallenberg-Sphäre und ihre althergebrachte volkswirtschaftliche Dominanz lassen sich freilich nicht so leicht nach Österreich kopieren. Doch auch mittelgroße und kleine Stiftungen mischen in der schwedischen Spitzenforschung mit, indem sie ihre Infrastruktur bündeln. Mikolaj Norek verweist auf die Swedish Foundations' Starting Grants – eine gemeinsame Initiative von sieben privaten Stiftungen. Ihr Trick: Sie fördern jene Projekte, die von Gutachtern des Europäischen Forschungsrates (ERC) zwar Bestnoten erhielten, aber mangels Budget nicht bewilligt wurden. Somit sparen sich die Stiftungen den Aufwand für ein eigenes Peer-Review, können aber trotzdem hochqualitative Vorhaben identifizieren und dann mit eigenem Geld in Schweden durchführen. Dadurch gelingt es auch, Forschernachwuchs im Land zu halten.

Ein solches nationales "ERC-Auffangprogramm" sollte in Österreich etabliert werden, rät Norek – etwa durch ein Konsortium von privaten Financiers und dem Fonds Zukunft Österreich. Ein weiterer Vorschlag: Zur anfänglichen Mobilisierung von Stiftungskapital könnte der staatlich dotierte Fonds zu jeder privaten Spende an eine Forschungseinrichtung einen bestimmten Prozentsatz drauflegen. Die schwedische Entwicklung zeige nämlich auch: "Es braucht zunächst einfach ein paar Vorreiter, die den anderen zeigen, dass es geht." (Theo Anders, 22.7.2026)