(+) Unter dem Chilehaus lag Hamburgs übelste Kaschemme
Hamburg Keine andere Hamburger Kneipe ist so berüchtigt: Die Geschichte des „Verbrecherkellers“ Der Verbrecherkeller existierte bis 1913/14 – dann wurde das Gebäude an der Ecke Niedernstraß...
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Hamburg
Keine andere Hamburger Kneipe ist so berüchtigt: Die Geschichte des „Verbrecherkellers“
Wo heute das Chilehaus steht, traf sich Hamburgs Unterwelt. Der Verbrecherkeller an der Ecke Niedernstraße und Depenau war um 1900 Treffpunkt von Ganoven, Nachtlager für Gestrandete und eine makabre Attraktion für Schaulustige.
Es riecht nach kaltem Rauch, billigem Schnaps, feuchtem Mauerwerk und ungewaschenen Körpern. Ein paar rußende Küchenlampen werfen trübes Licht in das Kellerlokal. An einem Tisch stecken Männer die Köpfe zusammen, planen wohl den nächsten Bruch. An anderen Tischen wird gewürfelt, geflucht und gesoffen bis zum Umfallen. Dazu quäkt aus dem Hinterraum eine Ziehharmonika.
Das ist keine Szene aus einem Groschenroman. Das Bild setzt sich aus zeitgenössischen Zeitungsberichten über den sogenannten Verbrecherkeller zusammen, der um 1900 als Hamburgs berüchtigtste Kaschemme galt. Die Schilderungen sind allerdings auch von Sensationslust und den Vorurteilen ihrer Zeit geprägt.
Wer sich in diese Kneipe wagt, ist Portemonnaie und Uhr schnell los
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Wer hier nicht hingehört, fällt sofort auf. Besonders gefährlich lebt, wer sein Geld offen zeigt. Manche Besucher verlassen den Keller ohne Uhr und Portemonnaie, dafür mit blauem Veilchen. Viele meiden den Ort. Andere steigen gerade wegen der Gefahr die Treppe hinab: Sie wollen die Unterwelt erleben, über die die ganze Stadt spricht.
Das Lokal liegt unterhalb des Straßenniveaus – genau dort, wo heute das Chilehaus steht. Offiziell heißt die Wirtschaft „Café Vorbeck“. Doch kaum jemand nennt sie so. In einer Umgebung, in der ein düsterer Winkel „Todtschlägerhof“ heißt, wirkt „Verbrecherkeller“ beinahe wie ein Gütesiegel.
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Ringsum erstreckt sich das Gängeviertel der Hamburger Altstadt: ein Labyrinth aus Höfen und stockfinsteren Twieten. In diesem dicht bebauten Quartier leben rund 20.000 Menschen auf engstem Raum. Manche Durchgänge sind so schmal, dass nicht mal ein Handkarren hindurchpasst. Bürgerliche Beobachter nennen die Gegend spöttisch die „Hamburger Abruzzen“ – nach jener italienischen Bergregion, die in ihrer Vorstellung für Armut, Abgeschiedenheit und Banditentum steht.
Die Niedernstraße, an der sich auch der Verbrecherkeller befindet, gilt als besonders verrufen. Sie wird Tag und Nacht von polizeilichen Doppelposten bewacht. Justizreferendare und internationale Kriminalisten werden unter Polizeischutz durch das Viertel geführt – Unterweltkunde am lebenden Objekt.
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Nachtlager für Gestrandete
Im Verbrecherkeller verkehren nicht nur Berufsverbrecher. Hier landen Obdachlose, Tagelöhner, Seeleute, Prostituierte, entlassene Gefangene, Taschendiebe und Hehler. Stammgäste haben Spitznamen wie aus einem Schauerroman: Todtenseppel, Schinderhannes, Indianer-Albert, Husarenberta und Weiße Taube. Für zehn Pfennig Schlafgeld darf jedermann in einem Hinterzimmer auf dem feuchten Fußboden übernachten. Als Kopfstütze dient ein Tau, das quer durch den Raum gespannt ist.
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Immer wieder taucht der Verbrecherkeller in den Meldungsspalten der Zeitungen auf. Anfang 1906 berichtet der „Hamburgische Correspondent“ von einem Landmann, dem eine Frau eine Taschenuhr samt Kette und ein Portemonnaie mit 20 Mark stiehlt. Die „Hamburger Neuesten Nachrichten“ erzählen zwei Jahre später von einem zugereisten Seemann, der in den Verbrecherkeller hinabsteigt und mit anderen Gästen zecht. Als er bezahlen will, ist seine Börse mit 45 Mark verschwunden.
Der Wirt mit dem Gummischlauch
Spätestens seit 1890 führt Fritz Vorbeck das Lokal. Wenn es Ärger gibt, sorgt er mit einem bleibeschwerten Gummischlauch für Ruhe. Das Geschäft lohnt sich offenbar. 1903 eröffnet Vorbeck gleich um die Ecke eine Speisewirtschaft. Finanziert haben soll er die neue Wirtschaft, so ein zeitgenössischer Bericht, mit „lasterhaft verdienten“ 14.000 Mark.
Daneben betreibt Vorbeck den Verbrecherkeller weiter. Um 1905 lässt er die Kaschemme fotografieren und die Aufnahmen als Ansichtskarten drucken. Auf den Karten sitzen Männer und Frauen dicht gedrängt auf Holzbänken, liegen sich in den Armen oder blicken mit glasigen Augen in die Kamera. Zwei Männer beißen gemeinsam in eine Kartoffel. Mit den Karten verwandelt Vorbeck den schlechten Leumund des Hauses in Reklame. Er verkauft nicht nur Schnaps, sondern auch den Mythos der Hamburger Unterwelt.
Doch der Ruhm schützt das Lokal nicht vor der Polizei. Immer wieder durchsuchen Beamte die Kneipe an der Niedernstraße und führen Obdachlose, Ausgewiesene, gesuchte Diebe und sogenannte Messerhelden ab. Im Juli 1908 berichtet eine Zeitung bereits davon, der Verbrecherkeller sei eingegangen. Die häufigen Razzien hätten die Stammgäste vertrieben, der Betreiber habe die Wirtschaft nicht mehr halten können.
Ein todgesagter Wirt teilt mit: „Ich lebe noch!“
Doch Hamburgs anrüchigstes Etablissement besteht unter einem neuen Wirt fort. Hermann Homann eröffnet im selben Eckhaus die „Speisewirtschaft zum Historischen Keller“. Der bürgerlich klingende Name ändert wenig: Für viele Hamburger bleibt das Lokal der Verbrecherkeller.
In diese Zeit fällt auch ein besonders brutaler Fall, über den die „Bergedorfer Zeitung“ im März 1909 berichtet. Der mehrfach vorbestrafte Kellner Kruse lockt einen englischen Feuermann in das Lokal, um ihn dann auf dem Klosett gegen die Wand zu drücken, zu würgen und ihm Uhr und Portemonnaie zu rauben.
Eine Falschmeldung sorgt dann im Oktober 1913 für Aufsehen. Eine Zeitung berichtet, Gastwirt Homann habe sich erschossen. Doch der Totgesagte widerspricht persönlich. „Ich lebe noch“, schreibt er in einem Leserbrief, er sei gesund und munter. Mit schwarzem Humor kündigt er an, sich erst am 1. April 1914 zu erschießen – dann nämlich, wenn der Hamburger Staat das Grundstück an der Ecke Niedernstraße und Depenau übernommen habe. Für die unfreiwillige Reklame bedankt sich Homann sogar: Die Falschmeldung habe ihm „recht schöne Geschäfte“ eingebracht.
Wann die letzten Gäste den Keller verlassen und wann das Eckhaus tatsächlich abgerissen wird, ist nicht überliefert.
Eine Welt wird abgerissen
Die Stadt treibt die Sanierung des Gängeviertels voran. Die Bewohner müssen ihre Häuser verlassen, Höfe, Gassen und baufällige Wohnhäuser verschwinden. Die Sanierung beseitigt katastrophale Lebensverhältnisse. Zugleich löscht sie eine eigene Welt aus, von der fast nur Berichte der Polizei, der Gerichte und der bürgerlichen Presse geblieben sind.
In den 1920er-Jahren entsteht auf dem Gelände eine moderne Geschäftsstadt, das Kontorhausviertel. Wo zuvor enge Gassen, feuchte Kammern und der Verbrecherkeller lagen, erhebt sich seither das Chilehaus, dessen spitze Backsteinfassade wie ein Schiffsbug in die Stadt ragt.
Vom Verbrecherkeller geblieben sind nur eine Handvoll Ansichtskarten. Auf ihnen sitzen die Gäste noch immer dicht gedrängt auf den Bänken. Der Keller ist verschwunden, die Gesichter sind geblieben.