„Kottan ermittelt“ wird 50 – Wiener TV-Polizist brachte spießige Österreicher zum Toben
StartseiteWeltStand: 02.08.2026, 14:00 UhrKommentareUns auf Google folgenDie Macher von „Kottan ermittelt“ hatten keinerlei Furcht, beim spießigen ORF-Publikum anzuecken – und schufen den wenig einfühlsamen Zei...
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Stand: 02.08.2026, 14:00 Uhr

In Wien war schon wieder was passiert. Es war ein neuer Sheriff in der Stadt – so ganz anders als die, die man sonst auf der Mattscheibe präsentiert bekam. Vor 50 Jahren hieß es im ORF erstmals: „Kottan ermittelt“.
Wien (KNA) – Am 8. August 1976 gab es noch kein Internet, und auch nicht in den Tagen danach. Trotzdem darf man jene ganz unelektronische Post, die sich säckeweise über die Flure des Wiener ORF ergoss, getrost als einen der ersten Shitstorms der TV-Geschichte bezeichnen. An jenem Samstagabend vor 50 Jahren hatte in Österreichs Staatsfernsehen erstmals „Kottan ermittelt“.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
„Schweinerei“ und „Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes“ – so lauteten die damals noch recht gemessen formulierten Anwürfe. Was war denn da passiert? – Nun, ein Mord an einer Hauswirtin in der Hartlgasse 16a, im kleinbürgerlichen Hauptstadtmilieu. Allzu schnell geraten jugoslawische Gastarbeiter ins Visier der Ermittler der neuen Krimiserie.
Doch nicht das sorgte für den Furor nach Folge eins. Es waren die Ermittler selbst: Major Adolf (ausgerechnet!) Kottan, von seiner Frau (Bibiana Zeller) stets lieblich-mahnend „Dolferl“ genannt – ein grantelnder, wenig einfühlsamer Zeitgenosse; sein reichlich unterbelichteter Assistent Alfred Schrammel (Curth Anatol Tichy) und der ernste, einbeinig-behäbige Paul Schremser (Walter Davy), erfahrener Kriegsveteran und von allen wohl am ehesten beamtentauglich.
Anecken war Pflicht
Die Macher der Serie, Helmut Zenker und Peter Patzak, hatten keinerlei Furcht, beim spießigen ORF-Publikum anzuecken; ja sie genossen es offensichtlich, ihre Figuren durch die insgesamt 19 Fälle stolpern, beleidigen, dilettieren und fachlich oder menschlich scheitern zu lassen. Einen solchen Kommissar („Inschpekta gibt‘s kahn!“) hatte man bis dato noch nicht gesehen: undiszipliniert und aufsässig, allzu häufig singend, zwielichtig auf Freizeit hin orientiert, mit stets kriselndem Privatleben.
Immer wieder bauten Zenker und Patzak die beleidigten Reaktionen aus dem Publikum in die Serie ein. „Hier Major Adolf Kottan. Bitte geben Sie Ihren Namen, Adresse und Ihre Wünsche bekannt“, imitiert der unwillige Kottan zum Feierabend einen Anrufbeantworter. - „Sie haben uns gerade noch gefehlt“, schreit der Anrufer zurück, „ein widerlicher Polizist ohne Manieren. Pfui Teufel!“
Unflat und Slapstick
Zudem glitt die Serie, trotz aller Proteste und allen Unflats stets gut eingeschaltet, immer weiter in Richtung Slapstick. Auf den „ersten Kottan“, den düster-sarkastischen Peter Vogel (Folge 1 und 2), der sich später das Leben nahm, folgte ein bissiger Franz Buchrieser (Folge 3 bis 5) und schließlich der Luftikus Lukas Resetarits, der Kottan zum Popstar machte.
Legendär die absurden Live-Dialoge mit den Staatsmedien: Die Nachrichtensprecherin (Chris Lohner als sie selbst) kommentiert das Geschehen in Kottans Wohnzimmer; und als Kottan genervt abschaltet, klingelt sie Sekunden später an der Wohnungstür, um ihre Ansage persönlich zu beenden.
Ein anderes Mal fährt Kottan radiohörend durch die grau-schäbige Wiener Nachbarschaft. Und tatsächlich folgen sämtliche Anwohner den Anweisungen der Moderatorin auf ORF3 und machen am Bürgersteig und an den Hauswänden synchron die Trimm-dich-Übungen aus dem Radio mit.
Kottans Stammbaum
1985 wurde der TV-Serie sehr plötzlich der Saft abgedreht. Die Schuld an Kottans Ende wird bis heute zwischen Wien und Mainz hin- und hergeschoben; denn das ZDF war bereits früh und mächtig in die Produktion eingestiegen. Wer Kottans Ermittlungen mit heutigen Sehgewohnheiten beurteilt, kann die 60- bzw. 90-Minüter kaum anders als langsam und eher behäbig empfinden. Mit dem fernsehhistorischen Blick aber offenbaren sich bis heute der bahnbrechende Stil – und auch Kottans unübersehbarer Stammbaum.
Ohne die anarchisch-britischen Vorbilder von „Monty Pythons Flying Circus“ (1969–1974) gäbe es Kottans Wiener Absurditäten nicht. Und ohne „Kottans Kapelle“ wiederum gäbe es wohl auch nicht so schräge musikalische Typen wie Helge Schneider oder Rainald Grebe (unverkennbar mit Schremsers Indianer-Kopfschmuck!). Als höchst ungerecht haben Zenker und Patzak stets die Verzeichnung Kottans als „Wiener Schimanski“ empfunden – auch hier ist die Ahnenfrage schon rein chronologisch klar entschieden.
Kottan-Einsteigern seien die Zusammenschnitte von Running Gags auf YouTube empfohlen: der immer brühheiße Kaffee („Kochen muss ich ihn scho!“), die abgefahrenen Autotüren oder der ewige Kampf des irren Polizeipräsidenten Pilch (Kurt Weinzierl) mit den Fliegen und dem perfiden Kaffeeautomaten. Eben die Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes …