Seit 1937 nahe der Porta: Aus dem „Tal der Eismacher“ nach Trier: Die Erfolgsgeschichte der Calcheras

Sie sind in Trier bekannt für ihr Eis – aber nicht nur. Wie das deutsch-italienische Familienunternehmen Calchera seit fast 90 Jahren seine Tradition pflegt und was sie in Zukunft vorhaben.

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Seit 1937 nahe der Porta: Aus dem „Tal der Eismacher“ nach Trier: Die Erfolgsgeschichte der Calcheras

Seit 1937 nahe der Porta Aus dem „Tal der Eismacher“ nach Trier: Die Erfolgsgeschichte der Calcheras

Trier · Sie sind in Trier bekannt für ihr Eis – aber nicht nur. Wie das deutsch-italienische Familienunternehmen Calchera seit fast 90 Jahren seine Tradition pflegt und was sie in Zukunft vorhaben.

02.08.2026 , 13:15 Uhr

Opa und Enkel im Eislabor: Alessandro und Ubri Calchera an der Eismaschine.

Foto: Dirk Tenbrock

Um das einmal vorweg zu klären, soweit das möglich ist: Ubri Calchera ist da ganz klar, wie sein Nachname ausgesprochen wird. „Kalkera“, so wie phonetisch im Italienischen auch korrekt. Die Trierer sagen allerdings oft „Kalschera“, so hat es sich eingebürgert. Ubris Sohn Carlo übrigens, der benutzt selbst die trierische Aussprache: „Mir ist das recht, die Leute haben sich daran gewöhnt“, sagt er schmunzelnd.

Eiscafé Calchera Trier: Fast 90 Jahre Familientradition in der Simeonstraße

Wieso wir das fragen? Nun, die Familie Calchera betreibt eines der ältesten Geschäfte in Trier, das Eiscafé gleichen Namens an der Simeonstraße, inmitten der Fußgängerzone und nahe der Porta Nigra. Und zwar seit 1937, seit fast 90 Jahren. Fast 90 Jahre alt ist auch der Sohn des Gründers Giuseppe, der heutige Padrone Ubri. Der ist also, genau wie seine mit ihm in Trier arbeitenden Kinder Silvana und Carlo, ein waschechter Trierer Jung. „Ich habe zuerst Italienisch, dann Trierisch und dann erst Deutsch gelernt“, sagt er mit leicht trierisch angehauchtem Zungenschlag.

Das erste Treffen mit dem Volksfreund-Reporter findet in einer der Eisdielen der Familie statt und die Fitness dieses echten Zeitzeugen fällt ins Auge: Sein Geist ist wach, der Gang ist leicht, seine Augen leuchten, man merkt, dass der Mann sein ganzes Leben aktiv war und auch heute noch die Neugier und den Spaß am Leben feiert. Mit seinen Enkeln Alessandro und Brandon, den Söhnen von Carlo, steht auch schon die übernächste Generation in den Startlöchern; sie verantworten momentan die komplette Eis-Produktion. Dazu später mehr, hier sei aber schon gesagt, dass das den Opa, den Nonno, sehr stolz und glücklich macht.

Von den Dolomiten an die Simeonstraße: Wie Giuseppe Calchera 1937 die erste Eisdiele Triers eröffnete

Vor seinen Vater- und Muttersprachen aber lernt Ubri von seinem Vater und den Großeltern Zoldano, den Dialekt des Val di Zoldo in den italienischen Dolomiten, nahe des berühmten Skiortes Cortina d’Ampezzo. Aus dem heute „Tal der Eismacher“ genannten, damals aber bitterarmen Val di Zoldo wanderten gegen Ende des 19. Jahrhunderts viele ehemalige Holzfäller und Eisenschmiede aus und brachten die Kunst des Eismachens in die Welt.

Viele zog es zunächst in die Hauptstadt Wien, Norditalien gehörte damals noch zum habsburgischen Reich. Von da aus verbreitete sich die Kunst des Eismachens und damit eines wichtigen Teils der italienischen Esskultur in der ganzen Welt. Ubri Calcheras Vater Giuseppe, geboren 1903, ging zunächst nach Frankfurt und kam dann über Bad Godesberg 1937 nach Trier und eröffnete in der Simeonstraße die erste Eisdiele Triers. Er arbeitete in der Eis-Saison in Trier, im Winter kehrte die Familie – wie es heute noch bei vielen anderen Kollegen üblich ist – in die alte Heimat zurück. Von 1942 an blieb er aber bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Italien.

Schon 1946 kehrte er allerdings nach Trier zurück, glücklicherweise war das Haus an der Sim von größerer Zerstörung verschont geblieben, sodass schon 1948 seine Frau Maddalena mit Sohn Ubri nachkommen konnte. In den 1950er-Jahren erweiterte Giuseppe Calchera das Lokal, indem er das benachbarte Geschäft dazu mietete. Zu jener Zeit trägt die Eisdiele, diesen etwas altmodischen Ausdruck mag Ubri sehr, den Namen „Eis-Salon Dolomiten“.

In den Jahren danach folgten mehrere Umbauten und 1976, nach dem plötzlichen Tod des Vaters, übernahm Sohn Ubri die alleinige Geschäftsführung. In all den Jahren beschäftigte man fast nur Personal aus der alten Heimat, Norditalien und dem Veneto, heute ist man ein wenig internationaler aufgestellt.

Über die Jahrzehnte hinweg sind aus vielen Verwandten, ehemaligen Mitarbeitern und Bekannten Freunde geworden, sowohl Giuseppe als auch Ubri haben etlichen Kollegen beim Schritt in die Selbstständigkeit geholfen. Ein ganzes Netz von mindestens einem Dutzend Eisdielen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen lässt sich auf die Familie Calchera zurückführen. Konkurrenz? Nein, die gebe es grundsätzlich nicht, man sei befreundet oder sogar verwandt und klar gebe es solche und solche, aber grundsätzlich arbeite man zusammen, helfe sich.

Italianità in Trier: Warum Familie Calchera die italienische Eistradition hochhält

Die italienische Seele des Geschäftes blieb (bis heute) erhalten, dennoch sehen sich Ubri und seine Kinder auch als Ur-Trierer. Ubri hatte eine Deutsche, Margit, geheiratet. Sie war seine erste Frau und Mutter von Silvana und Carlo. Deshalb entschied sich die Familie auch dafür, das ganze Jahr über in Deutschland zu bleiben und nicht die Winter in Italien zu verbringen. „Das ist auch eine wirtschaftliche Entscheidung gewesen, der Kostenapparat ist mittlerweile so groß, dass die Winteröffnung, natürlich mit einem angepassten Angebot wie Waffeln, Sinn macht“, sagt er.

Die Geschichte der Emigranten aus den Dolomiten ist in vielen Fällen eine des Erfolges. Idealerweise repräsentieren sie das Beste aus beiden Kulturen. Das „Dolce Vita“ und die „Italianità“, genauso wie die sogenannten deutschen Tugenden wie Gründlichkeit, Pflichtbewusstsein, Strukturiertheit und Fleiß.

Wie die meisten italienischen Eisverkäufer besteht Calchera darauf, dass die lange Tradition der italienischen Eishersteller „italienisch“ bleibt. Das Eis sei das Symbol eines hoch spezialisierten Berufs, der Zeugnis einer produktiven und positiven wirtschaftlichen italienischen Realität ist, die sich in der Welt durchgesetzt hat. So wie andere italienische Produkte und Sektoren, die den italienischen Stil in der Qualität der Produkte, wie auch in der Atmosphäre und dem Service zelebrieren. Gucci, Armani, Prada, Ferrari, Vespa, Lavazza, Barilla und viele andere, wer kennt sie nicht? Über den gleichzeitigen Siegeszug der italienischen Küche zu reden, hieße Eulen nach Athen tragen.

Der Zusammenhalt über Generationen: Wie Familie Calchera ihr Eisimperium ausgebaut hat

1974 eröffneten die Calcheras eine damals von seiner ersten Frau Margit geführte Eisdiele in der Luxemburger Grand Rue, in bester Lage. „Das war immer ein Traum von mir“, sagt Ubri. Sie zog später in die Rue des Capucins um und wurde dann von Tochter Silvana bis in die 1990er-Jahre geführt. Explodierende Mietpreise im Großherzogtum führten dann zur Schließung und Silvana übernahm die Geschäftsführung der Filiale in der Fleischstraße, die von ihrer Mutter bereits in den 1980er-Jahren eröffnet worden war.

Anfang der 2000er-Jahre kam noch die Filiale Simeonstraße, Ecke Glockenstraße hinzu, die als reiner To-go-Betrieb geführt wird und auch im Winter schließt. Zum 80. Calchera-in-Trier-Jubiläum im Jahr 2017 übernahmen Silvana und Carlo gemeinsam die Geschäftsführung des Unternehmens und es erfolgte eine Rundum-Sanierung des Stammhauses an der Sim.

Die jüngsten Geschäftsfelder der Familie sind die gegenüber gelegene Weinbar, die sich schnell zum Treffpunkt der Trierer Weinliebhaber und Anlaufpunkt für Gäste, die hochwertige Moselweine probieren wollen, entwickelt hat. Und Ubri Calchera hat noch einmal ein neues Projekt übernommen: das Eiscafé Veneziano in der ersten Etage der Trier-Galerie. Kein Standort für Laufkundschaft, hier kommen die Leute gezielt hin, sagt er. Hier hängt auch ein großformatiges Bild seiner Mutter, aufgenommen auf ihrer Hochzeitsreise am Markusplatz in Venedig. Es zeigt eine schöne, selbstbewusste junge Frau und Ubri strahlt ebenfalls.

Ubri Calchera vor einem Porträt seiner Mutter in Venedig.

Foto: Dirk Tenbrock

Neue Eis-Manufaktur in Trier-Nord: So sichert Familie Calchera die Zukunft eines Traditionsbetriebs

Und die Zukunft des Unternehmens hat schon längst begonnen. Carlos Söhne Alessandro (41) und Brandon (31) haben längst die Weichen gestellt und Schlüsselpositionen, nämlich die der Gelatieri, der Eismacher, übernommen. Jüngst sind sie mit dem Labor der Eis-Manufaktur aus dem Keller der Simeonstraße ins Industriegebiet nach Trier-Nord umgezogen. Hier finden sich in klimatisierten und klinisch reinen Räumen die Ruhe und der Platz für die umfangreiche Produktion, die in der Saison sieben Tage in der Woche läuft.

So könne man die gleichbleibende, hohe Qualität auch bei der mittlerweile erreichten Kapazität von mehreren Tonnen Speiseeis halten. Mit Fleiß, Ehrgeiz und Innovationskraft gehen die beiden jungen Männer die Aufgabe an und auch hier lächelt der Nonno stolz, als es frisches Mokka-Eis direkt aus einer der riesigen Eismaschinen zu probieren gibt. Köstlich!

Die Zukunft am Werk: Alessandro dreht ein Mokka-Eis ab.

Foto: Dirk Tenbrock

Alle Eissorten sind standardisiert, eine spezielle EDV überwacht die Rezeptierung. Dennoch ist es immer noch Handarbeit, so ein Eis zu produzieren, und es erfordert Know-how. Beste Grundzutaten sind Voraussetzung. Frische Sahne und Vollmilch, frische Eier, nur Original-Früchte und keine künstlichen Aromen, so lautet überall das Grundrezept.

Damit sich das alles rechnet, expandiert man: Mit den sechs (demnächst acht) Rewe-Märkten von Tim Schirra hat man eine Kooperation für die Produktion von Becher-Eis gestartet, bei der Trierer Eintracht ist man als Lokalpatriot ebenfalls vertreten und zwei Eis-Automaten sind schon in Betrieb, weitere sollen folgen.

Brandon Calchera überwacht die EDV im Eislabor.

Foto: Dirk Tenbrock

Wenn Nonno Ubri die Seele des Unternehmens ist, dann sind Alessandro und Brandon das Herz, das frisches Blut durch die Organisation pumpt. Der Nonno hat sich ja schon lange aus der aktiven Unternehmensführung zurückgezogen, präsent bleibt er dennoch, auch mit fast 90 Lenzen auf dem (kerzengeraden) Buckel.

Seine tägliche Routine umfasst einen Espresso um 11 Uhr morgens, wenn er im Hauptgeschäft nach dem Rechten sieht, und eine Kugel Eis. Und um 14.30 Uhr steht dann ein Treffen mit seinen Freunden von der – von ihm so genannten – „Muppet-Show“ auf dem Tagesplan. Eine Runde Politik und Tratsch mit seinen jahrzehntelangen Freunden, einer Runde von Trierer Honoratioren, wiederum bei einem Espresso.